Die Seniorenbegegnungsstätte „Mittendrin“ ist ein Ort, an dem sich Menschen treffen, anfreunden und einander im Alter unterstützen. Die Kosten für den Betrieb sind stark gestiegen, mehr Geld gibt es von der Stadt aber nicht. Daher ist der Fortbestand – ebenso beim „Treffpunkt im Anna-Haus“ – gefährdet. In einem ersten Schritt kürzt die Caritas nun den Einsatz der hauptamtlichen Kräfte massiv. Kathy Stolzenbach und Thomas Merkenich haben sich vor Ort umgeschaut.
Die Woche von Friedrich Ultsch folgt einem festen Plan. Montags, mittwochs und freitags spielt er Doppelkopf, donnerstags steht Gedächtnistraining auf dem Programm, an jedem dritten Samstag besucht er den Frühstückstreff. „Dienstags habe ich frei“, sagt der 86-Jährige, den hier alle nur Fritz nennen.
Fest auf dem Plan ist auch der Mittwochs-Mittagstisch nach der Doppelkopf-Runde. An diesem Mittwoch ist Ultsch einer von 20 Gästen, die zum Mittagessen in die Begegnungsstätte „Mittendrin“ des Caritasverbands gekommen sind. „Ich bin seit sechs Jahren Witwer“, sagt Ultsch. „Ich wollte nicht den ganzen Tag in der Kneipe rumhängen und Alkoholiker werden.“ Davor habe ihn „Mittendrin“ bewahrt.
Woche für Woche kochen zwei Senior:innen deftige Hausmannskost. Heute gibt es Kassler mit Kartoffelpüree und Sauerkraut – zubereitet von Rudolf Fiedler. Kochen bezeichnet der 67-Jährige als Hobby. Einmal im Monat steht er in der Küche von „Mittendrin“.
Unterstützt wird er dieses Mal von Gisela Biesenbach (77), die sich schon seit 15 Jahren in der Begegnungsstätte engagiert, Ausflüge organisiert, die Buchhaltung führt oder eben als Küchenaushilfe einspringt.
Gisela Biesenbach (oben links) und Rudolf Fiedler kochen gemeinsam. Hans-Georg Marx (unten links) kommt einmal in der Woche extra aus Forsbach. Fotos: Thomas Merkenich
„Letzte Woche gab es Kohlrouladen – die waren ein Gedicht“, sagt Elisabeth Höller, Stammgast beim Mittagstisch. „Es schmeckt aber immer köstlich, besonders die Nachtische. Stimmt’s Fritz?“, fragt Höller ihr Gegenüber. Beide kennen sich aus dem Gedächtnistraining-Kurs.
Freiwillige zum Kochen gesucht: Das „Mittendrin“ sucht Ehrenamtliche, die einmal im Monat für den Mittwochs-Mittagstisch kochen möchten. Weitere Informationen gibt es bei „Mittendrin“: Hauptstraße 249, 51465 Bergisch Gladbach, 02202/ 189060, mittendrin@caritas-rheinberg.de
„Wenn das wegfällt, wo sollen wir dann hin?“
Elisabeth Höller ist vor einem Jahr nach Bergisch Gladbach gezogen und war auf der Suche nach sozialen Kontakten. „Das Angebot hier ist sensationell. Das Kartenspielen macht viel Freude und die Begegnung mit den Menschen, die hier arbeiten und sich treffen, sind so herzlich.“ Die 69-Jährige gerät ins Schwärmen.
Doch gleich darauf weicht das Lachen aus ihrem Gesicht, ihr Ausdruck wird sorgenvoll: „Wenn das wegfällt, wo sollen wir dann hin?“

Die Sorge ist durchaus berechtigt. Denn laut Stadtverwaltung ist der Erhalt der Begegnungsstätte „gefährdet“, „eine Schließung sollte im Sinne der Versorgung der Bevölkerung unbedingt vermieden werden“.
So steht es in einer Mitteilungsvorlage der Stadt, die Ende November im Sozialausschuss vorgestellt worden war (siehe Dokumentation unten). Schon im Februar hatten Stadt und Caritas darauf aufmerksam gemacht, dass die Seniorenbegegnungsstätten „Mittendrin“ und „Treffpunkt im Anna-Haus“ wegen allgemein gestiegener Kosten sowie erhöhten Personalausgaben in eine finanzielle Schieflage geraten sind.
In ihrer aktuellen Vorlage betont die Verwaltung die Bedeutung der Begegnungsstätten und ihrer Angebote, auch im Hinblick auf den demografischen Wandel. Rund ein Drittel der Gladbacher Bevölkerung ist 60 Jahre und älter. Die Begegnungsstätten wirken demnach mit ihren kostengünstigen oder sogar kostenlosen Veranstaltungen und Kursen der Vereinsamung entgegen.
Auch die Stadt muss sparen
Mehr Geld wird es aufgrund der angespannten städtischen Haushaltslage aber trotz der gestiegenen Kosten nicht für die Begegnungsstätten geben, erklärt die Verwaltung. Eine Mitteilung, die von den Parteivertreter:innen im Sozialausschuss bedauernd, aber ohne weitere Debatte zur Kenntnis genommen wurde.
Um einen Kollaps der beiden Begegnungsstätten zu verhindern, hatte die Stadtverwaltung mit der Caritas (als Trägerin) in einem ersten Konsolidierungsschritt eine Zusatzvereinbarung verabredet, die bis zum Ende 2027 gilt: Demnach kann die Caritas als Träger die Öffnungszeiten einschränken und das eigene Personal flexibler einsetzen.
In Bergisch Gladbach gibt es fünf Seniorenbegegnungsstätten. Die Caritas betreibt im Auftrag der Stadt zwei davon:
Die Begegnungsstätte „Mittendrin“ liegt zentral und verkehrsgünstig an der Hauptstraße in der Innenstadt. Das direkte Einzugsgebiet umfasst neben der Stadtmitte Hebborn, Gronau, Romaney, Herrenstrunden, Herkenrath, Sand und Heidkamp, wird aber auch von Senior:innen umliegender Gemeinden und Stadtteile besucht. Knapp 10.000 Besuche wurden 2023 gezählt.
Der „Treffpunkt Anna-Haus“ in Paffrath befindet sich in einem Wohngebäude der Rheinisch-Bergischen Siedlungsgesellschaft (RBS). Nach Angaben der Stadt besteht ein enger Kontakt zu den „überwiegend älteren Bewohnern“ der Wohnanlage. Darüber hinaus kommen Menschen aus dem Einzugsgebiet von Hebborn, über Paffrath, Hand, Nußbaum und Katterbach bis Schildgen. Doch auch Senior:innen aus Herkenrath oder Kürten nutzen die Angebote. Im Jahr 2023 wurden laut Jahresbericht 6400 Besuche gezählt.
Hintergrund: Seniorenbegegnungsstätten
Denn schon jetzt seien die Mitarbeitenden „in besonderem Maße“ gefordert, zusätzlich nötige Aufgaben wie die Beantragung von Fördermitteln oder die Organisation von Spendenaktionen seien nicht möglich. Eine personelle Aufstockung wiederum ist der Caritas aus finanziellen Gründen „zurzeit nicht denkbar“. Das Programm der Begegnungsstätten werde zwar eingeschränkt, „jedoch wird erstmal keine der Begegnungsstätten geschlossen“, lautet das Fazit der städtischen Mitteilungsvorlage.
Der Smartphone-Kurs unter der Leitung von Manfred Falb gehört zu den regelmäßigen Angeboten. Fotos: Thomas Merkenich
Nur noch 15 statt bisher 34 Stunden pro Woche
Konkret heißt das: Ab dem 1. Januar werden die Zeiten, in denen Hauptamtliche vor Ort sind, in beiden Begegnungsstätten von bisher jeweils 34 auf 15 Stunden pro Woche reduziert. Künftig werden Caritas-Fachkräfte wie Alice Keppel nur noch an drei statt an fünf Tagen als Ansprechperson vor Ort sein.
„Im Schnitt kommen täglich zwei bis drei Menschen, die Hilfe für einen Pflege-Antrag oder andere Behördenangelegenheiten brauchen“, sagt Keppel. Montags und freitags werden diese Menschen diese spontane Hilfestellung nicht mehr erhalten.
Bisher war Keppel ausschließlich für „Mittendrin“ zuständig. Ab dem neuen Jahr teilt sie sich auf beide Standorte auf. „Die Menschen hier sind mir ans Herz gewachsen. Künftig ist man Ansprechpartner für viel mehr Menschen in zwei Begegnungsstätten“, sagt Keppel.

„Das ist ein massiver Einschnitt und ein erheblicher Qualitätsverlust“, kritisiert Martina Schültingkemper, Fachdienstleiterin offene Seniorenarbeit bei der Caritas. „Es ist gerade das, was unsere Arbeit ausmacht: Wir hören den Menschen zu, wenn sie Sorgen haben oder einfach mit jemandem reden möchten.“ So werde Einsamkeit vorgebeugt.
Kurse sollen weiter stattfinden
„Wir versuchen, unsere Kurse und anderen Veranstaltungen trotzdem größtenteils weiter anzubieten,“ sagt Schültingkemper. Möglich sei das nur dank des Engagements der Ehrenamtlichen, die den Großteil des Programms stemmen.
Auch für den Mittagstisch, der bei „Mittendrin“ einmal und im „Treffpunkt Anna-Haus“ sogar zweimal pro Woche angeboten wird, kochen Ehrenamtliche. „Der Mittagstisch wird in beiden Häusern extrem gut angenommen“, berichtet Schültingkemper. „Viele genießen es, in Gesellschaft zu essen und kochen nicht gern für sich allein.“
Begegnungsstätte Mittendrin
Hauptstraße 249
51465 Bergisch Gladbach
02202/ 189060
Öffnungszeiten Büro:
Di 9-14 Uhr, Mi 10-15 Uhr, Do. 9-14 Uhr
Das aktuelle Programm der Begegnungsstätten finden Sie immer im Bürgerportal sowie auf der Website der Caritas (download, ganz unten).
Auch Hans-Georg Marx genießt die Gemeinschaft: „Ich spiele Doppelkopf. Meine alte Gruppe hat sich wegen Tod aufgelöst“, sagt der 79-Jährige. Er spiele auch im Internet Karten, „aber einmal in der Woche gönne ich mir hier echte soziale Kontakte“. Dafür kommt er extra aus Forsbach. „Mittendrin“ vermittele ihm ein „Heimatgefühl“.
Wo sonst soll ich Leute in meinem Alter kennenlernen?Barbara Meurer
Barbara Meurer bezeichnet die Begegnungsstätte sogar als „mein zweites Zuhause“. Sie kommt gerade aus dem Englisch-Kurs. Sie nimmt aber auch anderen Aktivitäten teil – Wandern, Boule spielen oder beim Smartphone-Kurs. „Wo sonst soll ich Leute in meinem Alter kennenlernen?“, fragt die 71-Jährige. „Die Menschen sind gern an diesem Ort. Die Kürzungen vermitteln den Eindruck, dass wir zu Hause bleiben sollen.“









Zum Nachdenken: Wie eigentlich immer, sollte sich eine Verwaltung/Rat die Frage stellen: Was hat Priorität?
Besonders sollte diese Frage gestellt werden in einer Stadt, deren Finanzen auf Kante genäht sind. Ein Beispiel zur Verdeutlichung:
Wenn in Bensberg ein Bereich sehr aufwendig gepflastert wird, mag das Sinn machen, um nicht ein schlechtes Ergebnis wie in der Fußgängerzone in „Alt-Gladbach“ zu erleben.
Wenn aber darüber hinaus viel Geld ausgegeben wird für einen „Sprudelbrunnen“ (Erstellung und Folgekosten), auf der anderen Seite kein Geld für Senioren-Begegnungsstätten da ist, sei die Frage erlaubt: Was ist wichtiger, worauf kann man am Ehesten verzichten.
Die Frage ist hier eine rhetorische, da das Geld bereits verbuddelt wird. Aber das nächste Mal kommt bestimmt, wo abwägen und priorisieren hilft.
Mein Empfehlung: Begegnungsstätten vor z.B Sprudelbrunnen.
Thema Kürzungen beim Seniorentreff: es werden, wie schon vor vielen Jahren auch, so viele Strukturen zerstört.. Heute schreien alle nach mehr Erzieher, Pfleger, Lehrern, Polizisten ect.
Halt alle systemrelevante Berufe werden kaputt gespart.. einmal zerstört lässt sich das nicht so einfach wieder aufbauen.. seit Jahrzehnten werden die selben Fehler immer und immer wieder gemacht.. ich verstehe es nicht.. wo bleibt die Teilhabe am Leben? Warum klagen wir nicht gegen diese Maßnahmen? Ganz schlimm..