Sie wohnen zu viert in 18-Quadratmeter-Kabinen aus dünnen Spanplatten. Die Abteile sind nach oben offen, laute Heizgebläse pusten warme Luft hinein. Der Speise- und Aufenthaltsraum ist mit nackten Bierzeltgarnituren ausgestattet – der Brandschutz bremst jeden Versuch aus, die Flüchtlingsunterkunft in den Hermann-Löns-Hallen wohnlicher zu gestalten. Und dennoch sind viele der Menschen froh, eine Zuflucht gefunden zu haben. Wie geht es ihnen dort?

Text: Laura Geyer. Mitarbeit: Georg Watzlawek. Fotos: Thomas Merkenich

Es ist Ende November, der Himmel ist wolkenverhangen, die Luft beißend kalt. Vor dem großen Rolltor einer ehemaligen Lagerhalle im Westen Bergisch Gladbachs steht eine Handvoll junger Männer und raucht. Ein paar von ihnen tragen Flipflops.

Ein Kind öffnet die Tür neben dem Rolltor und schließt sie schnell wieder, als es eine Gruppe von Menschen im Hof erblickt. Nur wenige Augenblicke später öffnet es die Tür wieder einen Spalt breit.

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Die Gruppe, die das Kind jetzt vorsichtig durch den Spalt beobachtet, ist groß: Vertreter:innen von Sozialamt, Stadtverwaltung und DRK, drei Journalist:innen vom Bürgerportal. Wir wollen uns ansehen, wie die Menschen in der Flüchtlingsunterkunft in der Hermann-Löns-Straße leben.

Die Hermann-Löns-Hallen

Foto: Thomas Merkenich

Im März 2022 hatte die Stadt in den ehemaligen Zählerhallen der Belkaw in Rekordzeit eine Erstaufnahme für Flüchtlinge aus der Ukraine eingerichtet. Zunächst für maximal 200 Plätze in spartanischen Vierer-Kabinen (jeweils 18 Quadratmeter groß), mit einer Ess- und Aufenthaltshalle sowie Sanitärcontainern im Hof.

Nachdem die Ukrainer:innen in die wiedereröffnete Container-Unterkunft auf dem Carpark-Gelände umgezogen waren, wurden die Hermann-Löns-Hallen mit Menschen aus anderen Ländern belegt: Syrien, Afghanistan, Pakistan, Eritrea, Nigeria, Iran, Russland, Burundi, Tadschikistan, Tschetschenien.

Schon zweimal stand die Unterkunft seither kurz vor der Schließung, wurde dann jedoch erneut gebraucht und jetzt sogar wieder von 100 auf 150 Plätze ausgebaut. Sie dient als erste Anlaufstelle für alle Personen, die in Bergisch Gladbach neu zugewiesen werden. Von der Stadtverwaltung wird sie nicht als Notunterkunft, sondern als reguläre Unterkunft eingestuft.

Der Wohntrakt

Das Kind hat sich schon wieder zurückgezogen, als wir die Hermann-Löns-Hallen betreten. Die Eingangstür führt direkt in den großen Wohntrakt. Hier gibt es rund 100 Plätze in 31 Kabinen. Von der hohen Hallendecke pusten klobige Gebläse warme Luft nach unten. Ein konstantes Dauerrauschen. Um miteinander zu sprechen, muss man die Stimme erheben.

Seit der Eröffnung 2022 hat sich vor Ort wenig verändert. Auf dem grauen Betonboden stehen links und rechts Abteile aus dünnem Pressspan, nach oben hin offen. Die Eingänge sind mit schweren, schwarzen Vorhängen verhängt. Daneben kleben DIN-A4-Blätter mit Zahlen darauf: links ungerade, rechts gerade. Wie die Hausnummern in einer deutschen Straße.

Man kann das Geräusch nicht ignorieren.Bewohner

Am Ende des Ganges lehnt ein junger Mann in Flipflops und Trainingshose und telefoniert. Kinder schauen neugierig hinter einem Vorhang hervor. An einer Kabine ist der schwarze Stoff durch einen gemusterten ersetzt worden. Er wird später wieder ausgetauscht werden: Der schwarze Vorhang ist aus schwer entflammbarem Stoff, der gemusterte ein Brandrisiko.

Ein junger Mann in Jeans, Kapuzenpulli und Crocs begleitet unsere Gruppe mit etwas Abstand. Er hat dunkle Schatten unter den Augen. Zu unserem Dolmetscher sagt er, es sei schwer unter dem Gebläse zu schlafen, vor allem in den oberen Betten: „Man kann das Geräusch nicht ignorieren.“

Es ist besser als eine Turnhalle.flüchtling von 2015

Das Gefühl als Außenstehende, die das Glück hat, nie geflüchtet sein zu müssen, ist bedrückend. „Wir wissen, dass das hier nicht optimal ist, insbesondere für Familien“, sagt Claudia Werker, die als Leiterin des Fachbereichs Jugend und Soziales für die Flüchtlingsunterkünfte verantwortlich ist.

Unser Dolmetscher, der selbst als Flüchtling aus Syrien nach Deutschland kam, sagt: „Es ist besser als eine Turnhalle.“ Damals, im Spätsommer 2015, schlief er wochenlang auf einer Pritsche, dicht an dicht mit anderen Geflüchteten.

Für ein paar Monate, findet er, sei das hier durchaus okay. Er sagt auch, dass Privatsphäre zumindest in der arabischen Kultur keine so große Rolle spiele wie bei uns.

Die Aufenthaltsdauer

Nur: Viele Menschen sind aktuell länger in der Unterkunft. Ein Bewohner berichtet in bestem Deutsch, dass er seit neun Monaten hier sei – und seit zehn Jahren in Deutschland. Er sei von Unterkunft zu Unterkunft gewandert, finde mit der Meldeadresse keinen Job und ohne Job keine Wohnung. Er zeigt auf die notdürftig mit Panzertape überklebten Löcher in einer Kabinenwand: „Man dreht irgendwann durch.“

Eigentlich sollen die Menschen höchstens drei Monate in Erstaufnahme-Einrichtungen bleiben; doch weil die Plätze in den regulären Unterkünften voll sind und sich keine Wohnungen auf dem freien Markt finden, müssen viele Menschen länger in den Hallen bleiben, bestätigt Annette Feistl, Projektleiterin Flüchtlingshilfe beim DRK Rhein-Berg.

„Am Ende geht es hier um die Vermeidung von Obdachlosigkeit“, sagt die städtische Fachbereichsleiterin Werker. Für eine längere Unterbringung in den Erstaufnahmestellen gibt es in Bergisch Gladbach keine Alternative.

Zahlen und Fakten: Im Moment versorgt die Stadt Bergisch Gladbach 1.394 Geflüchtete mit einem Dach über dem Kopf, darunter 460 Ukrainer:innen und 934 Menschen anderer Nationalitäten.

In den Hermann-Löns-Hallen sind aktuell 121 Personen untergebracht – 88 Männer, 33 Frauen, 17 Familien. 29 Personen sind nach Angaben der Stadt jünger als 18 Jahre, davon 13 unter sechs Jahren alt. Die Hauptherkunftsländer sind Syrien (67 Personen) und Afghanistan (15 Personen).

Die 50 neu geschaffenen Plätze füllten sich sehr schnell durch neue Zuweisungen auf, spätestens Weihnachten werden alle Betten belegt sein, schätzt Annette Feistl.

Der Speisesaal

Vom Wohntrakt öffnet sich eine weitere Tür in den großen Speise- und Aufenthaltsraum. Er ist ähnlich spartanisch eingerichtet wie die Kabinen, mit Biertischen und -bänken. Der Geruch alten Essens hängt in der Luft. Das Mittagsbuffet, das hier wie alle Mahlzeiten von der städtischen GL Service gGmbH geliefert wird, ist lange vorbei. Vermutlich steht deshalb die Tür nach draußen weit auf.

An einem Tisch weit weg von der offenen Tür sitzt eine Familie. Die drei Kinder malen, vielleicht lernen sie auch Deutsch. Ein Mann in roter DRK-Jacke sitzt bei ihnen. Mitarbeiter des DRK würden mit den Kindern in der Unterkunft Hausaufgaben machen, Deutsch üben, erzählt später Einrichtungsleiter Dlovan Abdelrazak.

Vorne, zwischen der Tür zum Wohntrakt und der nach draußen, stehen junge Männer in einer dicken Traube zusammen, ein paar in T-Shirts, die meisten in Jacken, manche tragen Mützen. Es ist kalt, auch hier drinnen. Sie beäugen unsere Gruppe mit einer Mischung aus Neugier und Argwohn.

Gesprächsanbahnungen in der Unterkunft sind nicht erwünscht, wir sollen erst im Anschluss an die Besichtigung mit einigen Bewohner:innen sprechen, die dafür in die Räume des DRK geholt werden. Das soll Unruhe unter den Menschen verhindern.

Mein Eindruck ist allerdings, dass viele gerne mit uns sprechen möchten, sich aber wegen der Größe der Gruppe nicht an uns herantrauen.

Foto: Thomas Merkenich

Die Familie mit den drei Kindern aus dem Speisesaal sprechen wir später in den Räumen des DRK. Die Kinder – fünf, sechs und sieben Jahre alt – sind sehr lebhaft. Das kleinste legt den Kopf in den Nacken und bedeckt sein Gesicht mit einem Feuchttuch. Als es den Kopf wieder anhebt, grinst es die fremden Menschen auf der anderen Seite des Tisches an.

Der Vater erzählt, dass die Familie seit fast zwei Monaten in den Hermann-Löns-Hallen sei. Als wir die Unterkunft drei Wochen später erneut besuchen, sind sie immer noch da.

Die Kinder sind im Kita-Plan und bei der Kommunalen Integrationsstelle angemeldet, die bei den Schulplätzen hilft, erzählt Dlovan Abdelrazak. Kita-Plätze seien, wie bei allen Kindern in Bergisch Gladbach, schwierig, mit den Schulen gehe es schneller.

Das mittlere Kind spielt mit einem orangen Luftballon, hält ihn der Mutter vors Gesicht, die nicht darauf reagiert, dann dem großen Bruder, der ihn ärgerlich beiseite schubst. Der Junge ist gelangweilt, wenig später bekommt er ein Handy, und die Tonspur eines Videos ist zu hören.

Ich frage nach dem Alltag in der Unterkunft, wie sie die Kinder beschäftigen. Der Vater erzählt von Ausflügen in die Stadt, auf den Spielplatz. Außerdem versuche die ganze Familie online, mithilfe von YouTube, Deutsch zu lernen. Wiederholt sagen sie, wie dankbar sie dafür seien, hier zu sein.

Ihre Heimat Deir ez-Zor in Ostsyrien hat die Familie vor fünf Jahren in die Türkei verlassen. Sie hat ihr Haus verloren, der Mann erzählt von zwei Brüdern, die im Krieg gefallen sind.

Zurück in den Speisesaal: An der Wand neben den Frauen-Toiletten, von denen ein strenger Geruch in den Saal getragen wird, steht ein Tisch mit einer langen Steckdosen-Leiste darauf. Ein paar Handys laden hier und zwei Power Banks, das gleiche Bild an der Wand gegenüber, auf der anderen Seite des Saals. In den Kabinen gibt es W-Lan, aber keinen Strom.

Auf der anderen Seite des Saals hängen auch einige bunte Kinderzeichnungen an der unteren, rot gestrichenen Wandhälfte, eine Blume, eine Art Mandala.

Der Brandschutz

Foto: Thomas Merkenich

Die einzigen anderen „Bilder“ im Raum: ein Schild mit einem rot durchgestrichenen Kochtopf und der Aufschrift „Kochen ist im gesamten Gebäude verboten“. Daneben eine durchgestrichene qualmende Zigarette und der Satz „Rauchen im gesamten Gebäude verboten“.

Die strenge Umsetzung der Brandschutz-Vorschriften bremst jeden Versuch aus, die Kabinen, Hallen oder den Aufenthaltsbereich wohnlicher zu gestalten. Keine Sofas, keine Teppiche, keine Dekoration. Alles Brandrisiko.

Tatsächlich sei in einer anderen Unterkunft bereits ein Sofa in Flammen aufgegangen, vermutlich wegen einer noch brennenden Zigarette, erzählen eine Mitarbeiterin des Sozialamts und später auch DRK-Kreisgeschäftsführer Reinhold Feistl.

Foto: Thomas Merkenich

Mohammad aus Syrien ist seit fast fünf Monaten in den Hermann-Löns-Hallen. Der 28-Jährige besucht einen Sprachkurs in Bergisch Gladbach. Er bedankt sich wiederholt beim DRK für die tolle Unterstützung, sagt, dass er sehr zufrieden sei. Wenn es möglich sei, würde er gerne bald in eine sichere Bleibe, eine Wohnung wechseln.

Auf meine Frage, ob es auch etwas gebe, was schwierig für ihn sei, antwortet er zunächst, was ihm am besten gefalle, nämlich, dass seine Anliegen sehr schnell bearbeitet worden seien. Etwas Schlimmes habe er bisher nicht feststellen können. Seine Mitbewohner in der Viererkabine seien in Ordnung, alles sei gut.

Ich erlaube mir an dieser Stelle vorsichtig zu mutmaßen, dass er in der Gesprächssituation – in den DRK-Räumen, in Anwesenheit mehrerer Mitarbeiter:innen des Sozialamts – möglicherweise das Gefühl hatte, nichts Negatives sagen zu dürfen.

Der zweite Besuch

Drei Wochen später sind wir noch einmal in den Hermann-Löns-Hallen. Diesmal sind wir nur zwei Journalist:innen, außerdem Reinhold und Annette Feistl sowie der Einrichtungsleiter Dlovan Abdelrazak vom DRK.

Diesmal bietet der Speisesaal ein anderes Bild. Die Außentür ist geschlossen, die Temperatur angenehm. Vor der halb-roten Wand steht ein geschmückter Weihnachtsbaum. Es riecht wieder nach Essen, aber diesmal frisch, gerade gibt es Mittagessen, heute auf dem Menü: Fisch.

Ein Kind läuft Richtung Mülleimer, auf dem Weg schleckt es den Joghurtbecher in seiner Hand aus und grinst mich an, als es meinen Blick auffängt. Ansonsten schaut uns, anders als letztes Mal, niemand an.

Die Menschen

Die Bierzeltgarnituren sind gut gefüllt. Am kurzen Ende eines Tischs stehen zwei Hochstühle nebeneinander, zwei kleine Kinder lassen darin die Beine baumeln. An einem anderen Tisch sitzt ein einzelner Mann, er schaut auf sein Handy, Kopfhörer im Ohr.

Vielleicht liest er, was gerade in Syrien los ist, vor wenigen Tagen wurde der Diktator Bashar al-Assad gestürzt. Unter den Syrern in der Unterkunft herrsche Aufregung, sagt DRK-Geschäftsführer Feistl.

Am Tisch in der hintersten Ecke des Speisesaals sitzt Perwin Alo aus Afrin, Syrien. Nach zwölf Jahren in der Türkei ist sie erst vor zwei Monaten nach Deutschland gekommen und vor einer Woche nach Bergisch Gladbach, zusammen mit ihrer Tochter.

Die Fünfjährige striegelt gerade den Schweif eines großen Plastikpferds, ein weiteres liegt daneben.

Das Leben in der Türkei war schwer, übersetzt Dlovan Abdelrazak. Die gelernte Radiologie-Assistentin habe sich in vielen Praxen und Krankenhäusern beworben, doch ohne Erfolg. „Weil ich Kurdin bin“, sagt sie.

Also habe sie in anderen Jobs gearbeitet, Essen gekocht, den Haushalt gemacht, ihr geschiedener Mann sei der Familie keinerlei Hilfe gewesen.

Als Kurdin habe ich in Syrien Probleme, ich habe in der Türkei Probleme. Hier ist es gut.

In Deutschland, habe sie gehört, sei es sicherer als Alleinerziehende. Bisher sei sie zufrieden. Sie habe mehr Zeit für ihre Tochter, könne mit ihr spielen, in die Stadt gehen. Sobald diese in die Kita oder später zur Schule gehe, wolle sie versuchen, wieder in ihrem Beruf zu arbeiten.

Sie spricht schon ein bisschen Deutsch, sie zeigt auf ihr Handy: „Google“.

Auch die Tochter sei glücklich, sie habe hier andere Kinder zum Spielen. Die Fünfjährige ist jetzt fertig mit Striegeln und klemmt sich beide Pferde unter die Arme.

Wie sie mit ihrer Tochter hierher gekommen ist, will Perwin Alo nicht erzählen. Nur so viel übersetzt Abdelrazak: „Wie alle, illegal.“

Auf die Frage, wie sie zur Situation in Syrien stehe, sagt sie: „Ich bin seit zwölf Jahren weg. Als Kurdin habe ich in Syrien Probleme, ich habe in der Türkei Probleme. Hier ist es gut.“

Der neue Wohntrakt

Zwischen unserem ersten und zweiten Besuch hat ein neuer Wohntrakt mit 50 Plätzen eröffnet. Wir hatten ihn noch leer besichtigt: Die schwarzen Brandschutzvorhänge waren zusammengebunden und gaben den Blick frei auf das trostlose Innere der Kabinen, jeweils ausgestattet mit zwei einzelnen Betten und einem Etagenbett, noch ohne Matratzen.

Die ohnehin dünnen Spanplatten, die die Abteile untereinander und nach außen hin abschirmen sollen, sahen mitgenommen aus und hatten an vielen Stellen Lücken.

Bei unserem zweiten Besuch Mitte Dezember ist der Trakt von vier Familien belegt, darunter Perwin Alo und ihre Tochter, eine weitere Familie wird am Nachmittag erwartet.

Ich stehe im Speisesaal und schaue mich um, als ein Paar auf mich zu kommt und mich in sehr gutem Deutsch anspricht. Mohammad und Samira halten mich für eine DRK-Mitarbeiterin.

Als ich das Missverständnis aufgeklärt habe, erzählen sie mir, dass sie vor einem Jahr aus Afghanistan nach Deutschland gekommen sind. Mohamad ist Apotheker, Samira Kinderärztin. In ihrer Heimat, erzählt Samira, konnte sie nicht mehr arbeiten, nicht mehr lernen, musste Hijab tragen.

In Bergisch Gladbach sind sie erst seit einer Woche, davor war das Paar in der Zentralen Unterbringungseinrichtung in Schleiden-Vogelsang. Dort habe es kaum Transportmöglichkeiten in die nächste Stadt gegeben.

Wir wollen hier nicht nur schlafen, essen, trinken, wir wollen anderen helfen.Samira

Sie hätten angefangen, in einem Online-Kurs Deutsch zu lernen – „ich kann nicht ein Jahr nichts machen“, sagt Samira. Sie habe auch in der Unterkunft als freiwillige Übersetzerin für Dari und Farsi gearbeitet habe.

An den Hermann-Löns-Hallen gefalle ihnen, dass es einen Supermarkt in der Nähe gebe, dass die Stadt nicht weit weg sei. Auch das Essen schmeckt ihnen. Allerdings seien sie etwas überrascht gewesen, dass sie von einer großen Unterkunft in eine andere gebracht worden seien. Sie hatten gehofft, dass sie hier eine Wohnung erwarten würde.

Nun wollen sie weiter Deutsch lernen, die medizinische Fachsprache erwerben, ihre Dokumente anerkennen lassen und schnell wieder in ihren Berufen arbeiten, gerne auch schon davor in irgendeiner Form. „Wir wollen hier nicht nur schlafen, essen, trinken“, sagt Samira. „Wir wollen anderen helfen.“

Die Verwaltung sei bemüht, Familien gemeinsam in nebeneinander liegenden Kabinen unterzubringen und so einen möglichst geschützten Bereich zu schaffen, betont die Stadt. Da die Belegung davon abhängig sei, welche Personen zugewiesen werden, könne aber keine Aussage dazu erfolgen, ob der neue Trakt weiterhin nur für Familien genutzt wird.

Reinhold Feistl erzählt, dass das DRK immerhin mit der Stadtverwaltung vereinbaren konnte, dass im Besprechungsraum der DRK-Mitarbeiter:innen ein Spielzimmer für Familien eingerichtet wurde. Zudem soll es bald einen ruhigen Gebetsraum sowie einen Arbeitsraum für die Schulkinder geben.

In einer leeren Halle stehen den Geflüchteten ein Kicker und eine Tischtennisplatte zur Verfügung. Foto: Thomas Merkenich

Yahya, 33, aus der Elfenbeinküste sitzt ganz vorne im Speisesaal und trinkt einen Kaffee. Er ist seit einer Woche hier. Gemeldet war er schon länger in den Hermann-Löns-Hallen, davor in anderen Unterkünften. Eine eigene Wohnung zu finden ist nicht einfach.

Gewohnt hat er allerdings dennoch nicht in den Unterkünften, sondern bei seiner deutschen Freundin. Mit der habe er nun Probleme gehabt.

Er lebt seit mehreren Jahren in Deutschland, sagt in fließendem Deutsch: „Ich arbeite, ich zahle Steuern.“

Seine Heimat hat er 2012 verlassen und war viele Jahre unterwegs: Mali, Senegal, Mauretanien, Marokko, Algerien, Lybien. Mit dem Boot gelangte er nach Italien und von dort nach Deutschland. Seinen Aufenthalt hier muss er alle sechs Monate verlängern. Er möchte gerne hier bleiben.

Hier in Deutschland, nicht in der Unterkunft: „Hier ist es scheiße, ich kann nicht schlafen“, sagt er und lacht. Auch er beklagt die Lautstärke der Heizgebläse. Das Essen findet er okay, seine Mitbewohner seien nett.

Die Zukunft

Grundsätzlich bieten die ehemaligen Belkaw-Hallen noch mehr Platz. Derzeit verhandelt die Stadt über eine Verlängerung des Mietvertrags um ein weiteres Jahr. Die Stadt könnte sich sogar einen weiteren Ausbau vorstellen, auf 250 Personen. Dagegen plädiert DRK-Geschäftsführer Feistl – der eine Unterkunft mit bis zu 150 Bewohner:innen als ingesamt noch gut zu handhaben beurteilt, aber nicht darüber hinaus gehen möchte.

Hintergrund: Kommunen müssen Flüchtlinge „zusammenpferchen“

In einem Protestbrief haben sich die Bürgermeister:innen des Rheinisch-Bergischen Kreises unter Federführung von Bergisch Gladbachs Stadtoberhaupt Frank Stein nach zwei Jahren ein weiteres Mal an Ministerpräsident Wuest gewandt. Seither habe sich die Not der Kommunen weiter verschärft, die Kapazitäten seien mittlerweile „maximal überlastet“.

Notunterkünfte, die 2015 rasch errichtet worden waren, würden immer noch gebraucht, Sanierungen seien nicht möglich – daher werde den Kommunen abverlangt, Menschen in „unzumutbaren und stark sanierungsdürftigen „Baracken“ unterzubringen. Nein, sogar im wahrsten Sinne „zusammenzupferchen“.

Während die Landeseinrichtungen nur zum Teil gefüllt seien, so die Bürgermeister:innen, müssten sie in den Kommunen zum Teil vier bis sechs Personen auf 18 Quadratmetern unterbringen. Kinder bekämen oft keinen Kitaplatz und müssten bis zu acht Monate auf einen Schulplatz warten.

Wir dokumentieren den Brief weiter unten im Wortlaut.

Aber die Flüchtlinge kommen. In diesem Jahr sind der Stadt 349 Menschen von der Bezirksregierung zugewiesen worden, das sind rund 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Für Anfang Januar sind die nächsten elf Personen angekündigt.

Für die Kommune wird die Unterbringung immer mehr zum Rennen gegen die Zeit. Turnhallen will sie nicht wieder belegen. Für die kurzfristige Überbrückung hat die Stadt 20 Mobilheime gekauft, die auf dem Wohnmobilparkplatz am Kombibad aufgestellt werden sollen, für bis zu 100 Personen. Allerdings seien diese nach aktuellem Stand aber erst im Frühjahr bezugsfertig.

Mittelfristig will die Stadt auf dem Ascheplatz an der Paffrather Straße eine weitere große Unterkunft für 250 Flüchtlinge bauen – doch gegen die Nutzung einer weiteren Sportfläche gibt es Widerstand, Bürgermeister Stein sah sich gezwungen, diesen Plan erst einmal zurückzuziehen.

Dokumentation

Der Brandbrief der Bürgermeister:innen an Ministerpräsident Hendrik Wuest

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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  1. Ich finde es richtig und wichtig, über die Umstände solcher und anderer Unterkünfte zu berichten.
    Viel zu wenig Leute haben einen Einblick in die tatsächlichen Verhältnisse.
    Die Problematik in den Unterkünften ist ziemlich vielschichtig, dass kommt zum Teil in dem Bericht gut rüber.
    Eventuell kann man eine Berichtsreihe daraus machen, in der die verschiedenen Akteure und Beteiligten ihre jeweiligen Sichtweisen schildern können.
    Die Belastung der Hauptamtlichen ist sehr hoch, die der Ehrenamtler aber auch.
    Es bräuchte viel mehr Menschen, die sich für die humanitäre Unterbringung inklusive Betreuung zu engagieren.
    Jede(r) Interessierte kann sich in seinem Ort- oder Ortsteil informieren, wie, wo und in welchem Umfang er/sie helfen könnte.
    Weihnachten ist auch ein Fest, dass die Menschlichkeit und Mitgefühl in den Fokus stellt, Nächstenliebe ist nicht nur ein Aspekt des Christentums, sondern auch Bestandteil so ziemlich aller Religionen.
    Leider ist die Wahrnehmung des Gesamtthemas getrübt durch plumpe Parolen und bewusste Fakenews.
    Zur Wahrheit gehört auch, dass nicht betreute und alleingelassene Menschen unverständliche Irrwege gehen.
    Es ist unentschuldbar, dass einzelne Extremisten durch grausame Gewalttaten die humanitären Ideen unserer Gesellschaft untergraben. Diese Täter müssen mit allen rechtstaatlichen Mitteln sanktioniert werden.
    Das gilt genauso für jeden deutschen Täter.
    Das ist keine Frage der Herkunft oder des Anteils an der Bevölkerung.
    Leider sehen das nicht alle in gleichem objektivem Licht.

  2. Ihren Artikel finde ich interessant und informativ.
    Am 2. Februar 25 feiern wir 10 Jahre Herwi (Herzlich willkommen), Sprachkurse, soziale Betreuung und bei Bedarf Kinderbetreuung, drei mal in der Woche, Montag, Mittwoch, Freitag von 10 Uhr bis 12,30 Uhr.
    Trotz einiger Besuche in Flüchtlingsunterkünften und Werbung in der Presse habe ich immer noch das Gefühl, dass nicht alle Flüchtlinge über unser kostenloses Angebot informiert sind.
    Informationen über mich: 02204-65266

  3. Warum Schnuuuzu lässt ein Kinderarzt oder Apotheker dieses Ehepaar nicht ein paar Tage bei sich hospitieren und wenn es auch nur ist, um in den Beruf zu schnuppern, es wäre eine große weihnachtsfreude für sie und vielleicht auch eine Hilfe für Arzt und Apotheker.

  4. Die Versorgung und Unterbringung von Flüchtlingen ist und bleibt in Bergisch Gladbach ein Problem. Es gibt nicht genügend Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter in den Unterkünften. Ich hatte mich auch als kompenter Mitarbeiter oder ehrenamtlicher Mitarbeiter zur Verfüngung gestellt. Mein Angebot an die Stadt und auch an das Rote Kreuz wurde dankend abgelehnt, ich habe damals auf der Feldstrassr gearbeitet.ich habe Materialien für Kinderarbeit gesammelt und eingesetzt. Zu gleich hatte ich für die Bewohner eine Fahrradwerkstatt aufgebaut und über spenden betrieben. Ich sehe die Arbeitin den Unterkünften als wichtig und gut an, doch die Erfahrung von älteren Mitarbeitern wird nicht angenommen. Dabei wäre diese Unterstützung bestimmt hilfreich, doch ich dränge mich nicht auf!

  5. Wie schön es doch wäre wenn man endlich die Voraussetzungen schaffen würde dass Flüchtlinge schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Überall wird händeringend nach Personal gesucht. Für mich ist es weiterhin unverständlich, dass sich bezüglich dieser Thematik nichts zu bewegen scheint.

  6. Vielen Dank für diesen sehr ausführlichen Bericht zu der Sammelunterkunft in der Herman-Löns Halle.
    Ob Senefelderstrasse, Herman Löns Halle, Lückerath.

    Für die dort lebenden Menschen gibt es zu wenig Betreuungspersonal, um auf die sehr unterschiedlichen Bedürfnisse/ kulturellen Herausforderungen /Schicksale /Traumatas einzugehen. Es sind geflüchtete Menschen mit teils sehr traurigen Biografien.

    Auch gibt es in allen drei Einrichtungen kaum ehrenamtliche Aktivitäten, die ein Ankommen und die Integration in unsere Gesellschaft schneller geschehen lassen würden.

    Ich vermisse hier in Bergisch Gladbach ein verlässliches Konzept, wie wir Einwanderung gestalten wollen. Spätestens seit 2015 wäre es sinnvoll gewesen ein solches zu entwickeln.

    Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie wir durch steigende Zuweisungen den Menschen mit Fluchthintergrund und unserer Zivilgesellschaft gerecht werden können. Es fehlt an bezahlbaren Wohnraum, Kitaplätzen, Integrationshilfen, Ehrenamt etc…

    Hier braucht es kluge Ideen, Zusammenarbeit aller Akteure, Ehrlichkeit und Mut zur Problemlösung.

    Aktuell ist aus meiner Sicht die * Lage * sehr unbefriedigend und dringend verbesserungsbedürftig. Wobei alle Akteure- ob Sozialamt, DRK, Stadt bestimmt ihr Möglichstes tun.

    Brigitta Opiela
    seit 2015 in der Flüchtlingshilfe tätig

  7. Sehr interessanter Artikel! Schade, dass diejenigen die arbeiten wollen und könnten es nicht dürfen oder mangels Sprachkenntnissen keinen Arbeitsplatz finden.

  8. Ich empfehle den Flüchtlingen um ihren Alltag etwas unter zu gestalten die Angebote hier in den Kirchen – Begegnungsstätten- Musik – Mittagessen wahr zunehmen.