Foto: Thomas Merkenich

Lieselotte Beckel wird bald 90 und ist viel unterwegs. Ihren Alltag bestreitet die Bergisch Gladbacherin größtenteils selbstständig, wohnt in einer eigenen Wohnung. Allerdings ist sie nicht mehr so schnell zu Fuß und auf einen Rollator angewiesen. Es ärgert sie, dass Busse und Arztpraxen für sie nur mühevoll zu erreichen sind.

Es ist schwer, Lieselotte Beckel ans Telefon zu bekommen. Die 89-Jährige ist viel beschäftigt und häufig unterwegs. Dreimal in der Woche geht sie zur Gymnastik, einmal zum Gedächtnistraining, dazu kommen Bingo-Nachmittage und Spieleabende. Das findet alles im nahe gelegenen Anna Haus, einer Begegnungsstätte der Caritas, statt.

„Donnerstags und freitags habe ich keine festen Termine“, sagt Beckel. Wobei – so ganz stimmt das nicht. Denn die Seniorin geht fast jeden Tag mit einer Freundin spazieren. Mindestens eine Stunde. „Und ich fahre bestimmt zweimal pro Woche mit dem Bus. Entweder in die Innenstadt oder nach Dellbrück, um ein paar Einkäufe zu erledigen oder zum Arzt.“

Die Tücken des Busfahrens

Und damit beginnen die Schwierigkeiten im Alltag, den die Seniorin größtenteils allein stemmt. Busfahren und Arztbesuche – was nach Banalitäten klingt, stellt in der Realität schwer zu überwindende Hindernisse dar. Denn Lieselotte Beckel ist auf einen Rollator angewiesen. Wie gut Ein- und Aussteigen in den Bus gelingen, „hängt sehr vom Fahrstil der Busfahrer ab“, erklärt Beckel. Und längst nicht alle Arztpraxen sind barrierefrei zu erreichen.

Lieselotte Beckel wartet auf den Bus. Foto: Thomas Merkenich

„Busfahrer haben es fast immer eilig. Das verstehe ich“, sagt Beckel. Doch das führe dazu, dass diese den Bus nicht nah genug an den Fahrbahnrand fahren und eine Lücke zwischen Bus und Haltestelle entstehe. Oder dass die Fahrer den Bus nicht absenken. „Zum Glück helfen mir dann Leute beim Einsteigen.“ Dabei wolle sie gar nicht auf Hilfe angewiesen sein. 

„Ich komme eigentlich ganz gut zurecht. Ich brauche nur genügend Zeit, um einzusteigen und mich hinzusetzen“, erklärt Beckel. Weil sie weiß, dass die Fahrer unter Zeitdruck stehen, fühle sie sich gestresst. „Oft haben sie eh schon Verspätung – und dann sind wir Alten auch noch im Weg. Aber ich bin nun mal auf den Bus angewiesen.“ 

Wupsi: Busfahrer sind geschult

Das Verkehrsunternehmen Wupsi teilt dazu auf Anfrage mit, dass die Mitarbeiter:innen dazu angehalten seien, „den Abstand zwischen Bus und Bordsteinkante möglichst gering zu halten“. Ein genauer Abstand sei dabei nicht definiert. Die Wupsi räumt ein: „Das abstandslose Anfahren ist jedoch aufgrund der baulichen Gegebenheiten mancher Haltestellen“ und oder wegen Autos, die in den Haltestellen parkten, nicht immer möglich.

Alle Busse sind dem Unternehmen zufolge mit einer Absenk-Funktion auf Bordsteinhöhe sowie ausklappbaren Rampen für Rollstuhlfahrer ausgerüstet. In den Linienbussen gebe es eigens ausgewiesene Sitzplätze für „mobilitätseingeschränkte Fahrgäste“ sowie speziell für Rollstuhlfahrer und Rollator-Nutzer eingerichtete Haltebereiche. 

Zudem würden die Fahrer:innen regelmäßig „intensiv“ darin geschult, diese Fahrzeugtechnik anzuwenden und hilfsbedürftigen Fahrgästen zu helfen. Denn sie hätten die Aufgabe, Fahrgästen mit Mobilitätseinschränkungen zu helfen und Rücksicht auf deren Bedürfnisse zu nehmen. Dazu gehörten etwa den Bus abzusenken und darauf zu warten, bis diese Fahrgäste einen Sitzplatz erreicht hätten. 

Ich mache fast alles selbstLieselotte Beckel

Lieselotte Beckel macht regelmäßig andere Erfahrungen. Am liebsten steigt sie an der Haltestelle direkt vor dem Anna Haus ein. Denn dort warten manchmal auch Fahrgäste im Rollstuhl. „Dann weiß ich, dass der Busfahrer eine Rampe ausklappen muss. Das erleichtert mir den Einstieg.“ Beckel hat sogar ein Training für das Busfahren mit dem Rollator absolviert. „Da gab es nützliche Tipps. In der Realität sieht es aber oft anders aus.“

Foto: Thomas Merkenich

Im Juni feiert die unternehmungsfreudige Seniorin ihren 90. Geburtstag. „Ich wohne seit 54 Jahren in diesem Viertel. Inzwischen bin ich die Älteste hier“, sagt Beckel. Viele seien verstorben oder lebten im Altenheim. „Da will ich gar nicht erst hin.“ 

Vor sechs Jahren ist sie in ihre jetzige barrierefreie Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Paffrath gezogen. Einmal in der Woche kommt eine Putzhilfe, ihre Tochter kauft die meisten Sachen für sie ein. „Ansonsten mache ich fast alles selbst“, betont Beckel. Sie ist kein Mensch, der Anderen zur Last fallen möchte oder sich beklagt.

Deshalb ist es ihr auch unangenehm, wenn sie in ihrer Hausarzt- oder Zahnarztpraxis darauf angewiesen ist, dass eine Arzthelferin ihren Rollator die Treppen hoch- oder runtertragen. „Die haben da doch eigentlich keine Zeit für“, sagt Beckel. Daher gehe sie nur im Notfall selbst in die Praxis. Ihre Tochter holt die Rezepte für ihre Dauermedikamente. „Eigentlich müsste ich mal wieder zur Ärztin, aber ich scheue mich davor.“

Keine Pflicht für barrierefreie Arztpraxen

Tatsächlich gibt es keine gesetzliche Pflicht zur Barrierefreiheit für alle Arztpraxen, wie die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNo) auf Anfrage mitteilt. Neubauten von Praxen sollen demnach aufgrund der Landesbauordnung NRW „möglichst barrierefrei gestaltet sein“.

Für Bestandspraxen – gerade in Altbauten – gebe es hingegen keine Vorgaben. Entsprechende Umbauten ließen sich „etwa mit Blick auf den Brand- oder Denkmalschutz“ häufig nicht realisieren oder wären mit „immensen Kosten und baulichen Aufwänden“ verbunden. 

Über ihre barrierefreie oder barrierearme Ausstattung entscheiden die Praxen laut KVNo selbst. Die Kassenärztlichen Vereinigungen seien per Gesetz nur verpflichtet, die gesetzlich Versicherten im Internet über die Zugangsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen zu informieren, etwa mit einer entsprechenden Online-Arztsuche, die sich regionalisieren und nach Fachbereich filtern lässt. „Nach unseren Beobachtungen ist der Anteil barrierefreier bzw. -armer Praxen aber in den letzten Jahren kontinuierlich angewachsen“, so die KVNo.

Wunsch nach mehr Rücksicht

Ein Arztwechsel kommt für Lieselotte Beckel nicht mehr in Frage: „Ich bin schon ewig bei meinen Ärzten. In meinem Alter würde mich vermutlich eh kein anderer mehr aufnehmen.“ 

Die 89-Jährige macht einen bewundernswert fitten Eindruck. „Ich gehe viel raus, bewege mich jeden Tag“, sagt Beckel. „Ich bin nur nicht mehr so schnell.“ Manchmal springt der Anrufbeantworter an, bevor Beckel selbst das Telefon erreicht erreicht. Menschen, die sie kennen, wissen das und rufen direkt noch einmal an. 

„Ich bin zufrieden, dass ich noch so viel unterwegs sein kann“, sagt Beckel. „Ich würde mir nur wünschen, dass die Busfahrer etwas mehr Rücksicht nehmen. Und dass die Politiker sich stärker für uns Senioren einsetzen.“ Der Zustand vieler Gehwege oder zu hohe Bordsteine erschwere Menschen wie ihr den Alltag. „Und ich habe Sorge, dass bei den Begegnungsstätten noch mehr gespart wird.“ Auf Bingo, Gymnastik und die anderen Aktivitäten will Lieselotte nicht verzichten müssen.


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ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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  1. Die Situation der Seniorin ist der klassische Fall, das Menschen im hohen Alter selbstständig sein wollen und “anderen nicht zur Last fallen”.
    Eine eigene kleine Wohnung für sich allein ist selbstverständlich.

    Im grunde ist es diese Situation, die unsere Pflegekosten gerade unbezahlbar macht. Auch wenn in diesem Fall die Frau keine Pflegehilfe braucht, will Sie alleine wohnen und unabhängig sein.

    Doch ohne gegenseitige Hilfe geht es nicht und das Leben wird in dieser Allein-Zurechtkommen-Situation auch nicht mehr lange bezahlbar sein.
    die vielen Alleinstehenden Menschen brauchen Hilfe und die Gesellschaft muß die Kosten tragen.

    Es geht nicht um das Busfahren oder barrierfreie Leben, es geht darum gegenseitig achtsam zu sein, den Blick vom Handy loszueisen, und “das zur Last fallen”-Gefühl nicht aufkommen zu lassen.

    1. Ich selbst zähle mich noch nicht zu den Senioren, ich bin seit 4 Monate auf Bus und Bahn angewiesen und auf meinen Rollator. Ich bin immer über Hilfe beim ein und aussteigen. Jedoch muss ich oft selbst fragen. Die meisten Menschen bekommen gar nicht mehr mit was um sie herum passiert, jeder denkt an sich. Es gibt sehr selten Jemanden, der Hilfe anbietet. Ich freue mich dann sehr und mache auch klar wie dankbar ich über diese Mitmenschen bin. Besonders extrem ist es wenn Schüler in den Bus einsteigen. Ich wohne in Heidkamp zwischen lautet Schulen. Sie sind oft rücksichtslos. Da müssten die Eltern und Schulen aktiv werden.

  2. Danke für diesen Artikel! “In der Realität sieht es aber oft anders aus.” – diesen Satz kann ich unterstreichen, denn das, was die Wupsi behauptet, ist nur schöne Theorie. Mit Rollator Busfahren geht gar nicht. Die meisten Busfahrer halten nicht dicht genug am Bordstein. Sie senken den Bus weder ab, noch fahren sie die Einstiegshilfe für einen Menschen (nur) mit Rollator aus. Kostet zu viel Zeit. Selbst am Busbahnhof wird ein halber Meter vom Bordstein gehalten. Wie soll es ein mobiltitätseingeschränkter Mensch schaffen, den Rollator über diese Lücke in den Bus zu heben? Dass die Busfahrer warten, bis sich Fahrgäste gesetzt haben, ist ein Witz. Ich bin fast gemeinsam mit meiner Mutter gefallen, weil der Bufahrer anfuhr, als wir gerade den Rollator abstellen wollten.

    Ich habe damals mit meiner fast 80-jährigen Mutter das Busfahren geübt, nachdem sie von Köln nach Bergisch Gladbach umgezogen war. Es war eine Zumutzung. Mein Fazit: Ich fahre meine Mutter mit dem Auto in die Stadt. Das schont unsere Nerven und unsere Gesundheit.

    Leider behindert die Gesellschaft – hier die Wupsi – Menschen, die mobilitätseingeschränkt sind. Sie verhindert so die selbstbestimmte Teilnahme einzelner Menschen. Das nennt man Ausgrenzung. Mit Verkehrsgesellschaften dieses Problem zu besprechen, nutzt nichts, es wird freundlich geleugnet und auf die Rollator-Schulung verwiesen. Schade!

    1. Das ist schade, dass Sie diese Erfahrungen gemacht haben. Ich fahre fast täglich mit dem Bus in alle Richtungen und mache überwiegend die Erfahrung, dass die meisten Busfahrer (nicht nur vonWupsi, auch von Subunternehmern und RVK) sehr freundlich und hilfsbereit sind, aber auch oft die Menschen auffordern müssen, sich zu setzen und nicht stehenzubleiben. Natürlich ist der starke Verkehr auf den Strassen ein Problem, das viel Zeit kostet und die Busse in Zeitnot bringt. Aber gut, dass durch den Artikel dies in den Blick genommen wird

      1. Tja, da macht man auch häufig andere Erfahrungen. Bin häufig mit dem Bus von Odenthal nach Schildgen nachmittags gefahren. Der fuhr schon los, da hat man noch gar nicht gesessen. Kreisverkehr mit Schwung und dann mit ordentlich Gas bis zur nächsten Haltestelle. Dort wurde dann mächtig gebremst. Und wieder von vorn bis zur nächsten Haltestelle.
        Nachmittags mit vollem Bus aufgrund der Schulkinder eine spannende Sache.

      2. Liebe Frau Apicella,
        sind Sie schon einmal mit dem Rollator Bus gefahren? Es kommt auf die Perspektive an.

    2. Würde es nicht Sinn machen, in Zeiten, in denen immer mehr ältere Menschen unterwegs sein werden, und die den Bus auch nutzen würden, wenn im Bus mitfahrende “Helfer” anwesend wären? Zumindest tagsüber, wenn viele Schulkinder unterwegs sind oder eben Eltern mit Kinderwagen oder ältere Menschen mit Gehhilfen?
      Das würde nicht nur die Nerven der immer mehr unter Zeitdruck stehenden Busfahrer schonen, sondern auch das Busfahren für die “Passagiere” im allgemeinen angenehmer/freundlicher machen.

      Diese “Helfer” könnten evtl. von der Stadt z. B. über geringe Erhöhungen von Parkplatzgebühren im Stadtgebiet gegenfinanziert werden.