Die Ausstellungsreihe „druckfrisch“ eröffnet ihre 16. Ausstellung in der Volkshochschule (VHS). Renommierte Künstlerinnen und Künstler aus der Region, aus ganz Deutschland und darüber hinaus zeigen aktuelle Werke der Radierung, Holzschnitt und Lithografie. Ein Gespräch mit Kunstschaffenden beleuchtet den Reiz, Druckgrafik zu praktizieren, und die Botschaft hinter ihren Werken.

Text: Antje Schlenker-Kortum. Foto: Thomas Merkenich

Bereits vor der offiziellen Eröffnung fällt mehreren Lehrenden und Lernenden auf: „Es hängen neue Bilder!“ Die Volkshochschule in der Buchmühle ist nicht nur ein Ort für kreative Kurse und Vorträge, sondern auch ein beliebter Treffpunkt in der Innenstadt von Bergisch Gladbach – und ein gut besuchter Ausstellungsraum.

Die aktuelle Ausstellung „druckfrisch 2025“ folgt keinem übergeordneten Thema; wie immer gibt es keine Vorgaben an die Kunstschaffenden außer einer: Die Druckwerke müssen „druckfrisch“ sein, also maximal zwei Jahre alt. Das Konzept zielt darauf ab, zu zeigen, was die Mitglieder der jahrelang gewachsenen Künstlergruppe aktuell beschäftigt.

Ein sinnlich-versus-konzeptionell-Erlebnis sind beispielsweise die malerischen “Magnolien” Andrea Bryans (rechts) neben den Digitalprints von Eckard Alker (links um die Ecke). Rechts im Hintergrund Janko Arzensek. Foto: Thomas Merkenich

„Wo stehen sie gerade?“, erklärt Lothar Sütterlin, einer der Konzept-Initiatoren, hervorgegangen aus der Gruppe Zweifellos mit Klaus Hansen und Gisela Schwarz, später Kurator von „druckfrisch“ und selbst teilnehmender Künstler. Dagmar vom Grafen-Connolly, die aktuelle Kuratorin der Ausstellungsreihe, ergänzt: Besonders die Vielfalt der künstlerischen Drucktechniken mache die Gruppe aus.

Die Auswahl der Werke orientiere sich nicht an der Komplexität der Drucktechnik, sondern vielmehr an Eigenwilligkeit und künstlerischer Stimmigkeit: „Es muss eine Auseinandersetzung stattfinden und zum Ausdruck kommen“, betont die Belgierin, die eigens angereist ist, um die Ausstellung zu organisieren.

Ausdruck im Druck

Die Ausstellung bietet ein breites Spektrum an Arbeiten: temperamentvoll übermalte Holzdrucke wie die von Andrea Bryan und die „Magnolien“ oder Collagrafien – eine minimalistisch wirkende Technik –, mit denen Astrid Meiners-Heithausen ihre „Seestücke“ aus einem gedruckten Netz herausarbeitet. Jeweils ganz eigene Farb- und Strichdynamiken bieten Claudia Geuss, Birgit Schneider, Sabine Helsper-Müller und Walli Bauer.

Nicht nur das: „Druckfrisch“ war stets auf Aktualität im weitesten Sinne ausgelegt. Politische Themen spielen dabei oft eine zentrale Rolle: Janko Arzenšek zeigt karikatureske Grafiken wie seine Collage „Fragiles Gleichgewicht“, die sich mit der EU auseinandersetzt. Irmgard Esch beschäftigt sich in ihrer Arbeit „Border“ grafisch mit Grenzen und Helmut Kesberg präsentiert große Holzschnittezum Thema „Sisyphus“.

Helmut Kesberg zeigt Holzschnitte zum Thema „Sisyphos“. Daneben Irmgard Esch. Dazwischen ihre Gemeinschaftsarbeit. Und der Text auf dem Schild erzählt sehr unterhaltsam davon, wie es ist, als Paar zusammenzuarbeiten… Foto: Thomas Merkenich

Claudia Binder berichtet, dass sie bis vor zwei Jahren keine politischen Werke geschaffen habe. „Doch seit zwei Jahren kann ich das kaum vermeiden.“ Sie reist eigens aus Göttingen nach Bergisch Gladbach – auf eigene Kosten, denn die Ausstellung wird weder finanziell gefördert noch verlangt sie Eintrittsgelder.

„Alles ein bisschen tricky“Claudia binder

Binder zeigt eine Radierung in Schwarz und Glutrot mit dem Titel „Gaza“. Dafür hat sie komplexe Verfahren angewendet, darunter Sprühätzung mit Reservage und Aquatinta – Techniken, die weltweit nur wenige beherrschen. Bei anderen Radierungen reizt sie andere kreative Verfahren aus. „Alles ein bisschen tricky“, sagt Binder scherzend.

Für Laien bleibt oft unverständlich, wie Werke der Drucktechnik entstehen – ein Eindruck, der sich bei nahezu allen Grafiken in der Ausstellung bestätigt – der aber die eingehende Vieldeutigkeit hinter der Drucktechnik nur verstärkt.

Hinzu kommt der Fakt, dass die traditionelle Druckkunst in das immaterielle UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurde – sie ist die gewissermaßen die Wiege der aktuellen Medienproduktion.

Manipulation und Störung als kreativer Prozess

Viele Künstlerinnen und Künstler von „druckfrisch“ kennen sich aus Workshops an der Europäischen Kunstakademie in Trier. Dort treffen sie sich regelmäßig zum Austausch und zur gemeinsamen Arbeit: „Um sich gegenseitig zu bereichern“, sagt Binder. Solche Gelegenheiten seien selten, da Radierung anspruchsvoll sei und spezielle Druckpressen sowie toxische Substanzen erfordere.

Dagmar vom Grafen-Connolly betont die Bedeutung kritischer Bildbesprechungen unter erfahrenen Kollegen. Sie arbeitet aktuell mit Fotoradierungen – einer Technik aus der Leiterplattentechnik, bei der sie bewusst das Original zerstört: „Um zu sehen, was bleibt.“ Dabei manipuliert sie chemische und physikalische Prozesse wie Ätzung oder Belichtung kreativ.

Bei der Malerei sieht man sofort das Ergebnis; aber bei der Radierung verfälscht das Material alles.”Eva Roloffs

Diese Herangehensweise wird auch experimentell unter den Kolleginnen praktiziert: Eva Roloffs übergab Binder eine Druckplatte zur Überarbeitung. In ihrer Radierung „Gothik“ verwandelte Binder den Wald Rolofffs in ein surreal-architektonisches Bild.

Manchmal lege sie ihre Arbeit bewusst in Säure, um neue Inspiration zu gewinnen: „Bei der Malerei sieht man sofort das Ergebnis; aber bei der Radierung verfälscht das Material alles“, erklärt Binder ihre Faszination am Experiment.

Druckfrisch 2025
Volkshochschule, Buchmühlenstr. 12, Bergisch Gladbach

Ausstellende Künstlerinnen und Künstler “druckfrisch” 2025:
Eckard Alker, Janko Arzenšek, Walli Bauer, Claudia Binder, Andréa Bryan, Irmgard Esch, Friedrich Förder, Claudia Geuss, Dagmar vom Grafen-Connolly, Sabine Helsper-Müller, Peter Kapitza, Helmut Kesberg, Astrid Meiners-Heithausen, Jürgen Middelman, Guusje van Noorden, Hilda Overfeld-Priew, Birgit Schneider, Lothar Sütterlin, Esch / Kesberg.
Der digitale Katalog zum Download.

Dauer der Ausstellung:
Die Ausstellung kann von Freitag, den 4. April bis Freitag, den 2. Mai 2025 zu den Öffnungszeiten der VHS in Haus Buchmühle besichtigt werden. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Öffnungszeiten: Mo – Fr von 8 bis 21 Uhr, außer an Feiertagen

Peter Kapitza ist bekannt für seine aufwändigen mehrfarbigen Radierungen. Ebenso beeindrucken Friedrich Förder und Jürgen Middelmann mit technisch anspruchsvollen Holzdrucken.

Dagmar vom Grafen-Connolly verweist aus den individuellen Stil dieser Künstler – gerade im Vergleich zu modernen Techniken wie denen von Guusje van Noorden oder Hilda van Overveld-Priew sowie Digitalprints von Eckart Alker.

Denken ohne Geländer

„Die Komposition im Kopf muss stimmen, und das, wo man auch mal loslässt“, erklärt Dagmar vom Grafen-Connolly. Sie vergleicht dies mit Hannah Arendts Konzept des freien Denkens ohne Geländer.

Anmerkung der Redaktion: Hannah Arendt, eine jüdische deutsch-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin, analysierte tiefgehend die Ursprünge und Mechanismen des Nationalsozialismus. Ihr Werk prägt bis heute das Verständnis totalitärer Systeme und politischer Verantwortung.

„Auch heute würde man gern wieder jemanden haben, der sagt, wo es lang geht“, sagt Dagmar vom Grafen Connolly und ergänzt: „Freies Denken muss erlernt werden“ – und spricht von einer Balance zwischen Freiheit und Orientierung durch Disziplin und Ordnung. Diese grundlegenden Prinzipien sind für sie essenziell und sollten Kindern unbedingt vermittelt werden, gerade um ihre freie Entwicklung zu fördern.

In diesem Sinne frei gedacht, schuf Lothar Sütterlin 2007 ein Werk, bei dem er zerborstene Holzlatten nutzte, um ein in seinen Augen gescheitertes Bild zu überdrucken. Das experimentelle Holzdruckverfahren hatte ursprünglich den Titel „Explosion“.

Lothar Sütterlin erklärt sein Bild vom “Umbruch zu einer neuen Weltordnung” – mit Witz und Geist  – also mit seinem ganz eigenem Künstler-Humor. Foto: Antje Schlenker-Kortum

Für „druckfrisch 2025“ hat der ehemalige Atomphysiker „Explosion“ gewissermaßen umgewidmet – unter dem neuen Titel „Umbruch zu einer neuen Weltordnung“. Mit diesem Update hat er im wahrsten Sinne des Wortes seine eigenen Grenzen gesprengt – ein künstlerisch-konzeptioneller Akt – ein Statement. Gleichzeitig presste er damit die kollektiv empfundenen Erschütterungen der aktuellen Weltpolitik insbesondere durch Donald Trump mit massivem Nachdruck auf die Leinwand.

Für weitere Informationen sind Schilder angebracht: mit Biografien, persönlichen Intentionen und Hintergründen. Wer nicht in die VHS kommen kann, dem sei der digitale Katalog ans Herz gelegt.

Kurz um: Ganz unabhängig davon, welches Expertenwissen man hat, „druckfrisch“ ist potenziell impulsgebend für Lehrende, Lernende und Akteure aller Couleur. Sie ist auf zwei Etagen verteilt und kann während der regulären Öffnungszeiten der Volkshochschule besucht werden.


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