MiKibU-Kinder bei einer Aufführung des „Mitmach-Theaters Mathom“

Seit bald 16 Jahren unterstützt der Verein MiKiBu Grundschulkinder mit Förderbedarf. Wir haben mit Vorstand Henry Stewen darüber gesprochen, wie die ehrenamtlichen Mentor:innen spielerisch mit den Kindern Deutsch üben, wie schnell sie die Sprache in dem Alter lernen und welche Vorteile Mehrsprachigkeit mit sich bringt.

MiKibU steht für „MigrantenKinder bekommen Unterstützung“. Als Initiative des Integrationsrates der Stadt Bergisch Gladbach unterstützt der Verein seit dem Schuljahr 2009/2010 Grundschulkinder mit Förderbedarf, vor allem beim Erlernen der deutschen Sprache.

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Aktuell betreuen 240 Mentor:innen in 15 Grundschulen rund 400 Kinder. Die Kinder werden von den Grundschulen vorgeschlagen. Erst nach schriftlicher Zustimmung der Eltern fördern die Mentor:innen die Kinder, vorwiegend nach dem Unterricht in den Schulräumen. Teilweise werden die Mentoren aber auch in den Unterricht im Klassenraum integriert.

Ein bis zwei Stunden wöchentlich lernen sie spielerisch mit „ihrem“ Kind, oft entsteht dabei eine freundschaftliche Verbindung.

Bürgerportal: Herr Stewen, was bedeutet „spielerisch lernen“?

Henry Stewen. Foto: privat

Henry Stewen: Wir haben in jeder unserer Schulen einen Materialschrank mit Lernmaterialen: Bücher, Bild- und Wortkarten, Spiele. Was davon eingesetzt wird, hängt vom Kind ab: Spricht es kaum ein deutsches Wort, helfen Bilderbücher oder Karten mit Abbildungen. Wenn die Aufmerksamkeit nachlässt, ist ein Memory-Spiel sehr beliebt, zumal die Kinder da meist gegen die Erwachsenen gewinnen.

Für Kinder, die schon etwas Lesen können, gibt es Spiele, in denen Kärtchen mit Reimworten oder zugehörigen Begriffen (z.B. Vogel – Nest) gefunden werden müssen.

Oft erhalten wir von den Lehrerinnen Hinweise, wo ein Kind noch Schwächen hat und was mit ihm geübt werden kann. Besonders ältere Kinder freuen sich sehr über die Hilfe bei den Hausaufgaben. Durch die 1:1-Beziehung können wir gezielter als eine OGS das Kind unterstützten.

Bei sehr vielen muss die Leselust erst geweckt haben.

Wichtig ist auch das Lesen. Bei sehr vielen muss aber die Leselust erst geweckt haben. Auch Kinder, mit denen man sich bereits recht gut verständigen kann, lesen oft ungern. Zum einen gilt es, Leseschwächen zu überwinden, zum anderen geht der Wortschatz der Buchsprache weit über den der Umgangssprache hinaus. Da gibt es viel Erklärungsbedarf.

Wir bemühen uns, die Kinder nicht überzustrapazieren. Nach fünf oder sogar sechs Stunden Unterricht ist die Aufnahmefähigkeit begrenzt. Dann animieren wir zum Sprechen, zum Beispiel bei einem Geschicklichkeitsspiel wie Mikado, einem Kartenspiel wie Uno oder einem Brettspiel.

Eine Mikibu-Mentorin mit ihrem Förderkind. Alle Fotos: Mikibu

Wie schnell oder gut lernen die Kinder die Sprache? In dem Alter spricht man ja schon von einem späten Zweitspracherwerb, der bereits Ähnlichkeiten mit dem erwachsenen Fremdspracherwerb aufweist. Wäre es nicht gut, (auch) schon im Kita-Bereich anzusetzen?
Schon nach wenigen Wochen kann man sich mit einem Kind gut verständigen. Allerdings mit sehr begrenztem Sprachschatz und Lücken in der Grammatik (Artikelzuordnung, Pluralbildung, unregelmäßige Verben…)

Sie haben recht, dass die Sprachförderung bereits in der Kita einsetzen muss, worum sich ja heute auch die Erzieher bemühen. Bei der MiKibU-Gründung vor 15 Jahren hat man sich für Grundschulen entschieden.

Hinweis der Redaktion: Sie können diesen Text auch in einer anderen Sprache lesen, oben rechts finden Sie dafür ein Auswahlmenü.

Damals besuchten noch nicht so viele Kinder mit Migrationshintergrund den Kindergarten, die Grundschulen konnten uns Räumlichkeiten für die Betreuung und unser Material anbieten (wird zunehmend knapper), das Schulkollegium konnte uns beraten und unterstützen.

Viele Kinder, gerade jetzt aus der Ukraine, kommen erst im Schulalter zu uns.

Mehrsprachigkeit erhöht die kognitiven Fähigkeiten

Wie sehen Sie die sprachliche „Situation“ der Kinder: Ist es ein Schatz, dass sie zu Hause mit einer anderen Sprache aufwachsen, oder ein Hindernis?
Auf jeden Fall ein Schatz. Man hört schon mal, dass mehrsprachige Kinder zwar mehrere Sprachen verwenden, aber keine davon korrekt beherrschen. Das kann sein, wenn es an ausreichendem Input fehlt, wenn die Familie den nicht leisten kann und er nicht durch andere Stellen ersetzt wird.

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Wie es wirklich ist, wenn Kinder mehrsprachig aufwachsen

In vielen Familien werden zwei oder sogar drei Sprachen gesprochen. Trotzdem herrschen zahllose Vorurteile gegenüber Mehrsprachigkeit, und Eltern wissen oft nicht, was richtig und was falsch ist. Hier lest ihr, wie drei Familien im Alltag mit ihren Sprachen jonglieren – unter anderem meine eigene. Eine Linguistin klärt darüber auf, welche Vorurteile (nicht) stimmen und gibt Tipps, wie Eltern am besten mit Mehrsprachigkeit umgehen.

Mehrsprachigkeit erhöht die kognitiven Fähigkeiten, erhöht die empathische und tolerante Haltung gegenüber anderen Kulturen und fremden Sichtweisen, kann in unserer globalisierten Welt sogar die Berufschancen erhöhen. Auf jeden Fall sollte der Bezug zur ursprünglichen Herkunft erhalten bleiben.

Einmal im Schuljahr macht der Verein einen Ausflug mit den Kindern, hier in den Bergischen Löwen.

Was würden Sie sich wünschen, wie mit mehrsprachigen Kindern umgegangen wird, vonseiten der Schulen, Kitas, der öffentlichen Hand?
Es ist wohl unumstritten, dass Ehrenamtler da nur unterstützen können. Die öffentliche Hand arbeitet ja auch daran, leider geht nicht alles so schnell, wie es wünschenswert wäre.

In der Kita verstehen sich die Mitarbeiter nicht mehr als Kinderbetreuer, sondern als Erzieher. In den Schulen wird das Personal erheblich aufgestockt, neben den Klassenlehrern um Sonderpädagogen, DAZ- und Fachlehrer. Die OGS-Plätze werden ausgebaut. Ich denke, das ist der richtige Weg, der weiter verfolgt werden muss.

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ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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