Aus dem Wunsch einiger Bergisch Gladbacher Familien, für ihre behinderten Kinder eine dauerhafte Wohnmöglichkeit in Gemeinschaft zu schaffen, ist ein Neubauprojekt mit Leuchtturm-Wirkung geworden: Gemeinsam mit der RBS realisierten die Wohnfreu(n)de Refrath das erste Mehrgenerationenhaus der Stadt. Inklusion wird an diesem besonderen Ort tagtäglich gelebt.

Von Kathy Stolzenbach (Text) und Thomas Merkenich (Fotos)

Der Weg war lang, er war anstrengend, aber er hat sich gelohnt. Davon ist Michael Berzbach zutiefst überzeugt. Er sieht es daran, wie gut es seiner Tochter Sophie in ihrem neuen Zuhause geht. Oder daran, wie vertraut die Mitbewohner:innen miteinander umgehen. Und er hört es, wenn lautes Lachen durch den Gemeinschaftsraum der Wohngruppe schallt. 

Michael Berzbach ist Vorstandsvorsitzender und Gründungsmitglied des Wohnfreu(n)de Refrath e.V. Der gemeinnützige Verein hatte sich zum Ziel gesetzt, ein generationenübergreifendes, inklusives Konzept für bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Mit dem Mehrgenerationenhaus, das am Freitag offiziell Eröffnung feiert, ist diese Idee nun Wirklichkeit geworden. Und schreibt damit Geschichte: Es ist das erste Mehrgenerationenhaus in Bergisch Gladbach. Menschen aller Altersgruppen und Lebenssituationen leben hier unter einem Dach.

Beim Besuch einige Tage vor der Feier wird schnell klar: Hier ist ein besonderer Ort entstanden, auf den alle Beteiligten stolz sind und in dessen Umsetzung sehr viel Zeit und Herzblut geflossen ist. Michael Berzbach grüßt die Bewohner:innen und Betreuer:innen der Wohngruppe mit Namen, bleibt immer wieder stehen, um sich kurz zu unterhalten.

Alle Wohnungen sind vermietet

Im Dezember sind die ersten Bewohner:innen eingezogen. Inzwischen leben 37 Erwachsene und 17 Kinder im Mehrgenerationenhaus. Im Juli zieht eine Familie in die letzte noch leerstehende Wohnung ein. Die Liste an weiteren Interessenten ist lang.

Dazu kommt eine Wohngemeinschaft mit neun Appartments für Frauen und Männer mit Behinderung, die sich im Erdgeschoss des Gebäude-Komplexes befindet.

Das Neubauprojekt An der Wallburg in Refrath wurde in Kooperation mit der Rheinisch-Bergischen Siedlungsgesellschaft (RBS) gebaut, die auch Eigentümerin des Grundstücks ist und die Wohnungen vermietet. Das Belegungsrecht für die Wohnungen hat die RBS allerdings an den Verein abgetreten, der darüber entscheidet, wer einzieht. 

Foto: Thomas Merkenich

Es gibt es 30 barrierefreie Wohnungen, darunter auch mehrere speziell für Rollstuhlfahrer:innen, die über zwei Aufzüge erreichbar sind.Sie sind zwischen 45 und 100 Quadratmeter groß und werden von Alleinstehenden, Paaren oder Familien bewohnt. Neun Wohnungen sind Menschen mit Wohnberechtigungsschein vorbehalten. Alle haben eine Terrasse oder einen Balkon.

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Um den Mehrgenerationengedanken umzusetzen, werden die Wohnungen zu je einem Drittel einem Alterssegment zugeordnet: Zehn Wohnungen werden von Menschen unter 40 Jahren bewohnt, zehn von Personen zwischen 40 und 60 Jahren, und zehn von solchen, die älter als 60 sind. 

Von der Idee bis zur Eröffnung

Von der ersten Idee bis zum Einzug sind lange zwölf Jahre vergangen. Angefangen hatte alles mit einer Gruppe von Eltern, deren behinderte Kinder die Fröbelschule in Bergisch Gladbach besuchten. „Wir wollten für unsere Kinder eine dauerhafte Wohnmöglichkeit schaffen – auch für den Fall, wenn wir eines Tages nicht mehr da sind“, erinnert sich Michael Berzbach. 


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Auf einen der – raren – Plätze in einem Wohnheim wollten sich die Eltern nicht verlassen. „Wir wollten etwas Besonderes für unsere Kinder schaffen, einen Ort, den wir selbst mitgestalten“, so Berzbach. So entstand die Idee, ein eigenes Haus zu bauen, in dem die Kinder einmal gemeinsam leben können – mit entsprechendem Pflege- und Betreuungskonzept. 

Die Elterngruppe trat in Kontakt mit „mitein-anders“, dem Verein zur Förderung gemeinschaftlicher Wohnformen in Bergisch Gladbach; 2016 gründete sich der gemeinnützige Verein Wohnfreu(n)de Refrath. Für das gemeinschaftliche und inklusive Wohnprojekt entdeckte der Verein ein städtisches Grundstück mit guter Anbindung an den Ortskern von Refrath.

Foto: Thomas Merkenich

Mehrgenerationenhaus und Wohngruppe

„Durch die Idee eines Mehrgenerationenhauses wurde das Projekt auch für die Stadt und die RBS interessant. Nur eine Wohngruppe für neun behinderte Menschen umzusetzen wäre nicht wirtschaftlich gewesen“, sagt Berzbach. So wurde es zum Leuchtturmprojekt. 

Dennoch sollten bis zum Baubeginn noch viele Jahre vergehen. Unter anderem Corona und die durch den Ukraine-Krieg massiv gestiegenen Kosten hätten zu Verzögerungen geführt. „Zwischenzeitlich war es sehr anstrengend, alle zusammen zu halten. Die Stimmung kippte“, erinnert sich Berzbach. Das änderte sich, als die Bauarbeiten 2023 endlich begannen.

Foto: Thomas Merkenich

„Das Warten hat sich gelohnt“, findet Jens Claaßen, Vorstandsmitglied der Wohnfreu(n)de, der mit seiner Frau und seinen beiden vier und sechs Jahre alten Kindern im Mehrgenerationenhaus wohnt. „Wir fühlen uns hier pudelwohl. Die Kinder haben sich super eingelebt.“ Als sie vor kurzem aus dem Urlaub zurückgekommen sind, seien die Kinder durchs ganze Haus gelaufen und hätten gerufen: „Hallo, wir sind wieder da!“

Natürlich sind sie auch gleich rüber zu „Mucki“ gelaufen, dem Hund von Nachbarin Gabriele Dein. „Ich mag es lebendig. Hier kann ich so viel Nähe zu Anderen haben wie ich möchte, habe aber gleichzeitig die Möglichkeit mich zurückzuziehen“, sagt Dein.

Vorher hat sie mit ihrer behinderten, erwachsenen Tochter in Köln gewohnt. „Wir wollten beide in eigene Wohnungen ziehen.“ Der räumliche Abstand zwischen Refrath und Köln sei genau richtig für die nötige Ablösung. 

Wir wollten miteinander und nicht nebeneinander wohnen.Jens claassen

Für Familie Claaßen bedeutet das Leben in Gemeinschaft eine große Erleichterung: „Wir wollten miteinander und nicht nebeneinander wohnen“, berichtet Claaßen. Gemeinsam mit Menschen, die sich gegenseitig unterstützen – und beispielsweise spontan auf die Kinder aufpassen.

Einen Zwang zu gemeinsamen Aktivitäten gibt es im Mehrgenerationenhaus nicht. „Jeder bringt sich nach seinen Möglichkeiten in die Gemeinschaft ein“, erklärt Michael Berzbach. Einmal im Monat findet ein Treffen der Bewohner:innen im Gemeinschaftsraum statt, bei dem Probleme, anstehende Termine oder Organisatorisches besprochen wird. Und einmal im Monat helfen alle, die können und mögen beim Aufräumen und Putzen mit.

Vertraute Wohngemeinschaft

Auch in der Wohngruppe haben die Bewohner:innen bestimmte Aufgaben, die in einem Dienstplan im Gemeinschaftsraum festgehalten werden – Müll rausbringen, Tisch abwischen oder den Kühlschrank säubern zum Beispiel. Nicht alle können alles. „Die fitteren helfen denen, die nicht so fit sind“, berichtet Michael Berzbach. Helene etwa wasche die Wäsche für seine Tochter Sophie mit. 

Foto: Thomas Merkenich

„Es ist toll zu sehen, wie hier eine richtige Wohngemeinschaft entstanden ist. So haben wir uns das immer gewünscht“, sagt Berzbach. Die neun Frauen und Männer sind zwischen 27 und 30 Jahre alt und kennen sich schon seit ihrer Schulzeit. „Im Umgang miteinander spürt man diese Vertrautheit.“ 

Alle Bewohner:innen haben ihr eigenes Appartement mit Küchenzeile, Bad und Terrasse. Rund um die Uhr sind Betreuer:innen vor Ort, die sie im Alltag unterstützen; ein ambulanter Pflegedienst übernimmt die Pflege.

Foto: Thomas Merkenich

Ablösung von den Eltern

Zentrum der Wohngemeinschaft ist ein großer Wohn-Ess-Raum mit Küche, gemütlichen Sesseln Sofa und Fernseher und angrenzender Terrasse. Hier treffen sich die Frauen und Männer zu den Mahlzeiten und verbringen gemeinsame Zeit, wenn sie aus ihren Werkstätten kommen. 

Bis auf eine Ausnahme haben alle WG-Mitglieder bislang zu Hause bei ihren Eltern gewohnt, auch Berzbachs Tochter Sophie. Für einige Eltern ist der Schritt in die Selbstständigkeit schwieriger als für deren Kinder selbst. „27 Jahre lang haben wir Sophie zu Hause betreut und gepflegt. Meine Frau hat dafür ihre Arbeit aufgegeben. Das ist für sie und für uns nun eine Umstellung, dass Sophie nicht mehr bei uns ist“, gibt Berzbach zu.

Bewusst hat die Wohngruppe zwei elternfreie Tage in der Woche eingeführt. An denen ist der Besuch tabu – das musste auch Berzbach schon erleben, als er freundlich, aber bestimmt von den Betreuer:innen „rausgeworfen“ wurde, wie er lachend berichtet. „Aber wir merken, wie gut es ihr und auch den anderen Bewohner:innen geht. Das macht es einfacher.“

Weitere Informationen zum Mehrgenerationenhaus, zum Verein und seiner Historie finden sich auf der Internetseite der Wohnfreu(n)de Refrath.


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ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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  1. Wie schön, dass dieses tolle integrative Projekt ein Erfolg geworden ist – Respekt an alle, die mitgeholfen und beigetragen haben!

    Umso bedauerlicher, dass andere Projekte dieser Art vor Gericht gestoppt werden, weil Anwohnende und ansässige Unternehmer “Sorgen” haben um ihre “idyllische Dorfgemeinschaft” – siehe GL-Sand und das Vorhaben an der früheren Sackfabrik.