Hochwertige Bio-Produkte, eine freundliche Atmosphäre, Fachberatung und Konsumkritik – das bietet der Naturkostladen in Refrath seit fast 30 Jahren. Einst waren die Inhaber Annette und Jürgen Becker Pioniere, inzwischen gibt es Bio in jedem Supermarkt. Das ist aber nur ein Grund, warum es für sie immer schwieriger wird, den Laden am Laufen zu halten.

Text: Tina Hammesfahr. Fotos: Thomas Merkenich

Als Jürgen Becker seinen Bioladen vor fast 30 Jahren in der Innenstadt von Refrath eröffnete, fand sich schnell eine „verschrobene und verschworene Gemeinschaft“ ein. Bei der Erinnerung an seine Anfangsjahre strahlt der asketisch wirkende Mann mit den langen weißen Haaren, die er lose zum Knoten zusammengebunden hat. Kundinnen und Kunden legten so wie er selbst Wert auf qualitative Lebensmittel, die Geschmack haben und gute Nährstoffe enthalten. 

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Annette und Jürgen Becker. Foto: Thomas Merkenich

Damals lag der Gesamtumsatz von Bio-Lebensmitteln in Deutschland bei unter einem Prozent. Mittlerweile sind es immerhin 6,3 Prozent. Von der Steigerung profitiert haben aber weniger die kleinen Geschäfte als vielmehr Supermärkte und Discounter, aber auch Wochen- und Drogeriemärkte.

Sie bieten nicht mehr nur Lebensmittel in Bioqualität, sondern mittlerweile auch Demeter-zertifizierte Produkte, also die höchste Qualitätsstufe der Palette. Auch weil sie teurer sind als andere Lebensmittel, verbinden manche mit Bio-Produkten heute eher Lifestyle als ökologisches Bewusstsein.

Wer hingegen bei Naturkost Refrath einkaufen geht und etwas Zeit mitbringt, landet im Gespräch mit Annette Becker schnell bei Themen wie Konsumkritik, Lieferwegen und Verpackungsmüll. Die Endvierzigerin ist nach der Geburt des ersten Kindes bei ihrem Mann ins Geschäft eingestiegen, vor rund 15 Jahren.

Geduldig erklärt die ausgebildete Sozialarbeiterin, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht, wenn ein Blumenkohl nur 75 Cent kostet oder Tomaten aus Spanien trotz weitem Transport günstiger sind als regionale Tomaten. 

Treue Stammkundschaft

An diesem Dienstag ist der erste große Schwung mittags schon vorbei. Bei angesagten 35 Grad haben viele die Runde über den Biomarkt am Peter-Bürling-Platz und zum Naturkost-Laden bereits am Morgen gedreht. Trotzdem geht die Tür immer wieder auf und trägt heiße Luft ins angenehm kühle Ladenlokal. 

Helena Telscher kommt mehrmals pro Woche, schon seit Jahren. Es sei wie ein Zuhause, sagt sie. Man werde immer freundlich begrüßt. „Das fühlt sich gut an.“ Außerdem schätzt sie die kompetente Beratung.

Auch Margaret Busbach ist schon lange Kundin. „Seit zehn Jahren, oder Herr Becker?“ ruft sie hinter die Theke. Seit sie ihr erstes Kind in einer anthroposophischen Klinik entbunden hat, ist sie auf dem Bio-Trip. Ihren Mann habe sie aber bis heute nicht für Vollwert-Kost begeistern können. Der ärgere sich stattdessen über die großen Löcher im Brot von Merzenich.

Herr Swillos wohnt erst seit anderthalb Jahren in Refrath, seither ist er Kunde. Wo auch immer er hinzieht, schaut er sich nach einem Reformhaus oder Naturkostladen um. Dass es etwas teurer ist, nimmt er in Kauf: „Wir unterstützen das gerne“. 

Nahversorger für Refrath

Die wenigsten erledigten hier ihren gesamten Einkauf, sondern kauften eher dazu. Nahversorger nennt man das, sagt Jürgen Becker. Die Konkurrenz durch einen Biosupermarkt wie Denn’s in Gladbach fällt für die Refrather deshalb weniger ins Gewicht als das Bio-Angebot der Supermärkte, in denen die Menschen ihren Wocheneinkauf machten. „Da packt man sich den leckeren Joghurt dann auch noch mit ein, den es vorher nur bei uns gab“, sagt Annette Becker. 

Sie setzen auf das Gesamtkonzept aus guten Produkten, freundlicher Atmosphäre und Fachberatung. „Manche Familien kennen wir schon seit drei Generationen“, sagt Jürgen Becker. „Am Anfang war die Frau schwanger, dann kam das Kind. Heute kommt das Kind wiederum mit seinen Kindern zu uns.“ 

Strom und Miete werden teurer

Doch seit ein paar Jahren wird es für die Beckers zunehmend schwieriger, mit dem Laden genug zu verdienen. Die Inflation spürten sie unmittelbar, sagt Jürgen Becker. Die Menschen geben weniger Geld aus. Gleichzeitig sind die Stromkosten deutlich gestiegen. Und wenn der Strom teurer wird, muss auch der Preis für den Käse, der in der Kühltheke liegt, angepasst werden.

Foto: Thomas Merkenich

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Staatliche Hilfen für kleine Einzelhändler zeichnen sich aber nicht ab. Weil die Miete eine Indexmiete ist, fallen immer wieder Nachzahlungen an. Ein Problem, das die Beckers mit den Inhabern der anderen Geschäfte in dem Gebäudeblock an der Dolmanstraße teilen. Nicht zuletzt liefert der Großhändler seine Produkte in immer größeren Verpackungseinheiten, die kleine Läden kaum rechtzeitig vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums loskriegen. 

Foto: Thomas Merkenich

Und dann schwebt da noch eine Schätzung des Finanzamts im Rahmen einer Betriebsprüfung wie ein Damoklesschwert über den Beckers. Für das Finanzamt sei es nicht denkbar, dass eine fünfköpfige Familie von weniger als 45.000 Euro im Jahr leben könne, sagt Becker. Doch genau das tun sie, versichern die beiden. Ihre Lebenshaltungskosten sind gering, weil sie abgelaufene Waren aus dem Laden mit nach Hause nehmen, als Familie beim Foodsharing in Kita und Schule mitmachen und seit Jahren nur noch Second Hand-Kleidung tragen.

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Zu dieser Lebensweise, die auf Prinzipien der sogenannten Sharing Economy beruht, stehen sie auch. „Allerdings lässt sich der 15-jährige die gebrauchten Klamotten jetzt nicht mehr aufschwatzen“, sagt Annette Becker und seufzt. 

Solange das Verfahren noch läuft, erscheint es ihnen wenig sinnvoll, über neue Geschäftsmodelle nachzudenken. Annette Becker begeistert sich für die Idee eines Genossenschaftsladens. Es gibt da verschiedene Modelle, sagt sie. Doch im Kern geht es darum, das Risiko auf mehrere Schultern verteilen und so den Laden am Laufen zu halten.

Eines wollen sie auf keinen Fall: als Lieferservice den ganzen Tag am Computer sitzen und Päckchen packen. Dafür ist ihnen der persönliche Kontakt mit Kundinnen und Kunden viel zu wichtig.

„Es kann sogar mal Tage geben, wo so viel los ist, dass man abends keine Lust mehr hat, mit seiner Familie zu sprechen, weil man so viel geredet hat“, sagt Jürgen Becker und schmunzelt.

ist freie Journalistin, Autorin und Regisseurin.

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  1. Ich möchte eine Anmerkung zum Laden selbst machen.
    Ich wollte dort gerne regelmäßig einkaufen als ich vor 1,5 Jahren nach Refrath zog. Ich kenne den Bioladen Hüsgen in Hennef. An diese Qualität kommt der Refrather Bioladen leider nicht im entferntesten heran. Da das Wochenmarkt – Angebot in Refrath hervorragend ist kaufe ich nicht mehr im Laden ein.
    Leider ein Teufelskreis für das Geschäft. Doch wenn ich schon soweit mir möglich viel Geld bereit bin zu zahlen, muss die Ware top sein.

  2. Ein sehr guter und zugleich auch informativer Artikel. :) Ich wünsche dem Laden viel Erfolg auch weiterhin zu bestehen. Es sollte immer auch alternativen des Konsums geben und umweltverträglichere Wirtschaftsweisen.

    Ja die Konkurrenz ist natürlich gegeben durch die Supermärkte. Als Beispiel ist Aldi so ziemlich der Größte Verkäufer von Biolebensmitteln in Deutschland. Masse macht eben Kasse.
    Allerdings liegt es auch oft an den Kunden die nun mal weniger Geld in der Tasche haben. Und auch teilweise ist es so das die Menschen wenig informiert sind.

    Viele denken das Bio gleich Bio wäre. Und kennen den Unterschied zwischen den Anbauverbänden nicht. Und dann können Sie sich den hohen Preis nicht erklären.
    Warum die eine Bio-Banane nun 2,39 kostet und die andere 1,79 Euro. Oder die eine Bio-Milch 1,25 im Supermarkt und die andere 1,80.

    Vielleicht wäre es gut den Menschen von früh auf auch Nachhaltigkeit und Umweltschutz ein bisschen beizubringen. Dann würden sie auch verstehen was so eine Milch für fast zwei Euro so kostbar macht. Und warum die eine Milch nur wenige Tage hält und die andere Wochen.

    Ich halte den Weg den wir heute gehen für falsch. Wir kaufen Kleidung vom anderen Ende der Welt. Produziert von Menschen die vielleicht 10 Euro am Tag verdienen oder weniger. Die Menschen arbeiten oft 12 Stunden oder mehr. Und bekommen giftigste Chemikalien an die Haut. Danach kleben wir ein kleines Logo drauf und verkaufen das als Made in Europe für 50 Euro.
    Und schmeißen sie dann weg sobald ein Loch drin ist.
    Das gleiche auch bei Lebensmitteln. Insbesondere bei hoch verarbeiteten Lebensmitteln.
    Wir nehmen so viel Chemikalien in uns auf und verursachen so viel Tierleid und menschliches Leid. Und nebenbei schaden wir uns auch selbst wenn wir diese hochverarbeiteten Lebensmittel aus dem Supermarkt essen. Dann müssen wir uns nicht wundern wenn wir Böden kaputt machen und uns selber krank machen.

    Ich denke wir sollten andere Wege gehen. Und solche Läden auch ab und an unterstützen. :) Demeter ist eben nicht Gemüse was von tanzenden Frauen zu Vollmond geerntet wurde. Oder so ein Kram. Informiert euch wirklich über die heutigen Lebensmittelindustrie und Anbauverbände :)
    Nette Grüße
    Fabian Flosbach

    1. Viele Allgemeinplätze um dann am Ende einfach so zu postulieren: “Demeter ist eben nicht Gemüse was von tanzenden Frauen zu Vollmond geerntet wurde. Oder so ein Kram. Informiert euch wirklich über die heutigen Lebensmittelindustrie und Anbauverbände.”

      Über Anthroposophie lässt sich ja nun wirklich mehr als genug substanzielle Kritik finden. Die biodynamische Landwirtschaft ist am Ende etwas, dass sich jemand aus den Fingern gesogen hat, der keinerlei Expertise außer seiner ausgedachten Weltanschauung hat. Die natürlich hermetisch abgeschlossen und so jeder Kritik entzogen ist, da die Erkenntnisse über diese geistige Welt nur jenen zugänglich sind, die wie Steiner hellseherische Fähigkeiten haben. Wobei natürlich niemand einen derartigen hohen Geisteszustand erreicht hat wie Steiner selbst.

    2. „Demeter ist eben nicht Gemüse was von tanzenden Frauen zu Vollmond geerntet wurde.“ – Die anthroposophischen Vorstellungen vom Landbau sind aber stellenweise schon ziemlich nah dran.

  3. Übrigens gibt es oben am Nordrand von Refrath noch einen Bioladen: Böhnke. Superfreundlich sind sie dort auch, und wenn ich Obst oder Gemüse brauche, finde ich es dort genauso frisch wie auf dem Wochenmarkt. Eindeutige Kaufempfehlung meinerseits!

  4. So so, ich bin also verschroben und darf mich einer eingeschworenen Gemeinschaft zugehörig fühlen. So ein beschämendes und bescheuertes Kompliment habe ich ja noch nie bekommen. Ich kaufe seit 35 Jahren in Bioläden ein. Während meines Studiums in Bonn, nach meinem Umzug 1996 nach Refrath war ich lange Stammkundin bei Jürgen Becker. Nach meinem Unzug nach Lückerath kaufe ich vieles auf dem Wochenmarkt.
    Ich selbst habe mich halt immer eher als naturverbunden und umweltbewusst angesehen.

    1. Nun, das steht ja in Anführungszeichen.
      Aber wenn Sie es so empfinden….:)

    2. Um als verschroben zu gelten braucht es mehr, als in Bioläden einkaufen zu gehen. Um gemeinhin als verschroben zu gelten, müsste man vielleicht an gewisse Demeter-Lehren glauben.

      Übrigens gibt es Demeter-Produkte auch im stinknormalen Supermarkt zu kaufen. Ob das die höchste Qualitätsstufe ist, hängt von der angesetzten Metrik ab. Bei Preis/Brennwert wird es kaum höhere Sachen geben.

  5. Es ist zwar nur ein Nebenaspekt, aber das sollte so trotzdem nicht stehen bleiben:

    “Sie bieten nicht mehr nur Lebensmittel in Bioqualität, sondern mittlerweile auch Demeter-zertifizierte Produkte, also die höchste Qualitätsstufe der Palette.”

    Demeter steht nicht für die höchste Qualitätsstufe von Bio, sondern für ein esoterisches Weltbild, dass in Teilen sogar dem Tierwohl abträglich ist. Etwa dann, wenn kranken Tieren Scheinbehandlungen statt wirksamer Behandlungen unterzogen werden.

    Es ist ärgerlich, wenn hier Schwurbel völlig unkritisch reproduziert wird, ebenso im Nebensatz mit der anthroposophischen Klinik. Nachhaltigkeit geht auch ohne Esoterik.

    1. Wundert Sie das? Refrath ist der Stadtteil, in dem Mütter auf dem Spielplatz „Notfalltropfen“ dabei haben, falls ihr Kind durch einen Streit mit anderen überfordert werden sollte. Hier grassiert Sozialwettbewerb ab der Geburt durch Frühförderung auf Teufel komm raus, Helikoptern bis zum Abitur, es ist ein dankbarer Absatzmarkt für Bachblüten und Globuli, ganze Straßenzüge sind schon gentrifiziert entstanden.

      Klar, ich übertreibe damit etwas und ich wohne auch gerne hier, aber hier treffen Sie genau das Mittelstandsmilieu an, das für Schwurbel aller Art am empfänglichsten ist.

      1. angesichts der Boden -und Mietpreise zunehmend GEHOBENER Mittelstand (und etliche Millionäre) mit der ätzenden Folge einer zunehmenden Armada von SUV Panzern …also sehr geräumiger Helikopter