Franziska Dederichs mit ihrem Bio-Stand auf dem Markt in der Stadtmitte. Foto: Thomas Merkenich

Seit 2015 betreibt Franziska Dederichs den Marktstand „Morgenrot“. Sie verkauft Naturkost und Bio-Gemüse in Refrath und Stadtmitte sowie in ihrem kleinen Bioladen in Brück. Hinzu kommt ein Lieferservice. Die Pandemie überstand ihr Betrieb problemlos, doch nun machen ihr die Wirtschaftskrise und ein drastischer Umsatzrückgang zu schaffen – mit ersten Konsequenzen.

„Im Hauptberuf bin ich eigentlich Konditormeisterin“, erzählt Franziska Dederichs. Doch 2015 entscheidet sie sich, den gut eingeführten Marktstand „Morgenrot“ zu übernehmen.

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Hier verkauft sie seither Naturkost und Bio-Lebensmittel: Obst, Gemüse, Backwaren, frischen Käse, aber auch Linsen und Nudeln und Tee. Sie hat ihren Stammplatz auf den Märkten in Stadtmitte und Refrath. Sowie eine feste Stammkundschaft in ihrem kleinen Ladengeschäft in Köln-Brück.

Den Marktstand gibt es bereits seit 27 Jahren. Der Vorbesitzer betrieb ihn 19 Jahre lang.

Pandemie treibt den Umsatz an

Der Bio-Stand läuft zunächst gut, erst recht während der Pandemie. Die Leute hätten bei ihr auf dem Markt und an der frischen Luft einkaufen können – das sei sicherer gewesen, schildert Dederichs. Und sie hätten sich viel mit gesunder Ernährung beschäftigt, was die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln zusätzlich befeuert habe.

„In der Zeit der Pandemie habe ich mich kaum vor Arbeit retten können“, berichtet die Jungunternehmerin, sie habe Personal einstellen müssen. „Drei Aushilfen und drei Festangestellte, mich eingerechnet.“ Der Umsatz stieg, das habe für ein Plus auf dem Geschäftskonto gesorgt.

Foto: Thomas Merkenich

Energiekrise hält die Kund:innen fern

„Dieser Speck aus der Pandemie ist längst aufgebraucht!“ Dederichs Reserven sind futsch. Der Wind hat sich gedreht.

Plötzlich bleiben die Kundinnen und Kunden weg. Sie erinnert sich: „Es war kurz nach den Sommerferien: Wir stehen zu viert am Marktstand, haben gefrühstückt, trinken Kaffee – das machst Du nicht wenn viel Betrieb ist.“

Da sei ihr mit einem Schlag klar geworden: Es hat sich was geändert. Sie braucht eigentlich nicht mehr so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

„Zuerst habe ich einer Aushilfe freigegeben. An einem anderen Tag bin ich im Büro geblieben, damit wenigstens meine Angestellten etwas zu tun haben.“

Das sei aber auch keine Lösung gewesen – ihr Platz sei auf dem Markt, als Inhaberin brauche sie den Kontakt zu den Kunden. „Und Du verkaufst als Inhaberin auch einfach anders“, macht Franziska Dederichs deutlich. Und sie hat Konsequenzen gezogen.

Weniger Personal, längere Wartezeiten am Biostand. Foto: Thomas Merkenich

Entlassungen unvermeidlich

Vergangenes Wochenende war Schluss für die meisten im Team: „Am Samstag waren wir das letzte Mal gemeinsam auf dem Markt unterwegs“, konstatiert Hederichs. Bis auf einen fest angestellten Mitarbeiter habe sie allen anderen kündigen müssen.

Die Umsätze seien drastisch gesunken, so Dederichs. Hintergrund seien unter anderem die Preissteigerungen: „Es ging in kleinen Schritten hoch, aber kontinuierlich.“ Vor allem in der Warengruppe der Trockenprodukte hätten die Preise angezogen. Ein Brot koste nun 5,60 Euro statt vorher 4,90 Euro. Rohstoffmangel, schwierigere Lieferketten und Energiekosten nennt sie als Ursachen für die Sprünge.

Morgenrot Naturkost
Inhaberin Franziska Dederichs
Markt Stadtmitte: Mi 7-13 Uhr, Sa 8-13 Uhr
Markt Refrath: Fr 7-13 Uhr
Ladengeschäft Köln-Brück, Olpener Straße 829
Mo 12-19 Uhr, Di und Fr 8-13 und 15-19 Uhr
Bestellungen 0151-61 22 00 97

Da schlage ein Einkauf, der den Kunden früher 60 Euro gekostet habe, jetzt mit 75 Euro zu Buche, rechnet Dederichs vor. Klar, es gebe immer noch Kunden, die für Qualität mehr bezahlen würden. Aber diese würden weniger.

„Und auch die Gelegenheitseinkäufe mit kleinem Budget für rund zehn Euo haben abgenommen. Bei 30 Kundinnen und Kunden merkst Du das in der Kasse.“

REWE statt Morgenrot

Die Kunden würden auf die wirtschaftliche Situation reagieren. Sie seien geschockt von den enorm gestiegenen Abschlagszahlungen für Strom und Gas. „Hier am Marktstand hieß es, dass Energie plötzlich doppelt so viel koste.“

Da seien die Kunden vorsichtig geworden, kauften eher mal REWE Bio statt Bio von Frau Dederichs, seufzt die Händlerin. 

Die Stimmung sei zudem durch die Medien befeuert worden, das habe für zusätzliche Unsicherheit gesorgt. In der Konsequenz würden die Kunden nun ihr Geld zusammenhalten. 

Foto: Thomas Merkenich

Umsatzrückgang rund ein Drittel

Branchenweit sei der Umgang bei den Bio-Händlern um 35 Prozent zurückgegangen. „Wir machen mittlerweile 28 Prozent weniger Umsatz. Das ist genau das Geld, das ich benötige, um meine Mitarbeiter zu bezahlen.“

Noch geht es mit „Morgenrot“ weiter, allerdings mit deutlich weniger Personal. Das bedeute auch weniger Service – wenn viele Kunden am Stand seien müssten sie gegebenenfalls etwas länger warten. 

Und Dederichs achtet beim Einkauf stärker auf Produkte und Mengen: Es gebe nur noch eine Sorte Salz statt drei. Das Angebot der Käsetheke und das Brotsortiment seien kleiner geworden. „Ich muss sehen ob ich alles noch abverkauft bekomme und nicht auf Ware sitzen bleibe.“ Weniger Auswahl gleich weniger Kunden – die Rechnung schwingt indes auch mit.

Das Foodsharing – also die Weitergabe von Lebensmitteln die nicht mehr verkauft werden können – habe sie eingestellt. Auch „2 good 2 go“ – ein Service, der übrig gebliebene Ware zum kleinen Preis abgibt – habe sie radikal runtergefahren.

Abwarten und Alternativen suchen

Ob Entlassungen und eine Verkleinerung des Angebotes die Zukunft von „Morgenrot“ sichern, sei noch nicht absehbar. „Das kann ich eventuell in zwei Monaten sagen“, sagt Dederichs. Sie will weitermachen, aber drauflegen wolle sie auch nicht. Und denke natürlich über Alternativszenarien nach. 

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Auf Unverständnis stößt bei Dederichs eine Regelung der Finanzbehörden, die demnächst zum Tragen kommt: Ab 1. Januar 2023 muss auch ihr der Betrieb sogenannte TSE-fähige Kassen einsetzen. Damit kann das Finanzamt jederzeit vor Ort aktuelle Zahlen aus den Kassen auslesen.

„Die kosten mich unter dem Strich 18.000 Euro“, schüttelt Dederichs den Kopf – Geld dass sie in der momentanen Situation nicht habe.

Handschriftliche Quittungen wären die Alternative. Aber das ginge zulasten der Bedienung und der Schnelligkeit am Stand. Wiederum ein Faktor, der Kunden vertreiben könnte. 

Franziska Dederichs muss mitten in der Krise in spezielle Kassen investieren. Foto: Thomas Merkenich

Kritik an praxisfernen Vorgaben

„Die Vorgaben in der Politik sollten von jenen gemacht werden, die Ahnung von der Praxis haben“, schimpft Dederichs. Das betreffe auch die Energiepauschale, die sie ihren Mitarbeitern ausgezahlt habe. Zunächst aus eigener Tasche. Die Rückerstattung erfolge erst Anfang 2023: „Das frisst Reserven auf, und keiner fragt ob das bei einem kleinen Betrieb gerade geht! Ich stehe gerne um 3 Uhr morgens auf, liebe den Job mit Bio-Lebensmitteln. Aber die Situation ist für mich derzeit demotivierend.“

Und ihr Bauchgefühl sage ihr, dass die Krise noch mindestens ein Jahr dauern werde.

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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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3 Kommentare

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  1. Es ist immer eine freude bei morgenrot einzukaufen . Nicht nur wegen bio, sondern auch der guten bedienung wegen : immer gut gelaunt , ein schwätzchen ist ebenfalls während des einkaufs möglich. Tipps zum verwenden der lebensmittel gibts kostelos. Wo gibt es das denn noch ? Jedenfalls nicht bei aldi und co ! Das ist doch auch den euro wert, oder ?

  2. Man kann jeden sauer verdienten Euro nur einmal ausgeben. Sparen fängt dann bei den vermeintlichen Luxusgütern an und im Lebensmittelbereich sind das die Biowaren und mittlerweile Backwaren vom Bäcker um die Ecke. In den Supermärkten und Discountern kann man beobachten das „unnütztes Zeug“ wie ich Dekoware nenne eher liegen bleibt und total überteuerte Produkte keinen Absatz mehr finden. Das merkt der große Handelskonzern auch, kann das aber über die Masse abfangen. Der Bäcker aus dem Ort mit evtl. ein, zwei Filialen merkt den Umsatzrückgang sofort, wenn er nicht bereit ist, seinen Gewinn zu schmälern und seine prozentuale Gewinnkalkulation fortführt und die Preise immer mehr nach oben anpasst. Da hält sich mein Mitleid aber in Grenzen, da ich genug Bäcker kenne, die 3 Oberklassewagen fahren – inkl. Sportwagen- und in einer „Villa“ residieren. Warum soll nur der Kunde den Kaufkraftverfall spüren. Zumal die Preise – wenn sie einmal angepasst sind – selten wieder den Weg nach unten finden, weil der Kunde die Preiserhöhung ja bisher auch so weggesteckt hat. Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht.

  3. Die Auszahlung der Energiepreispauschale muss nicht vom Unternehmer vorgestreckt werden. Entweder wurde sie vor Auszahlung durch das Finanzamt erstattet oder musste nicht ausgezahlt werden.