Kinderärztin Uta Römer. Foto: privat

Kaum haben wir Eltern geblinzelt, ist der Nachwuchs schon vom Klettergerüst gesaust… Eine Verletzung entsteht oft schneller, als wir „Pflaster“ sagen können, sei es eine blutige Platzwunde, ein dicker, blauer Fleck, schmerzhafte Quetschungen, Verbrennungen oder Bisswunden. In dieser Sprechstunde erklärt Dr. med Uta Römer, wie Eltern 90 Prozent aller Alltagsverletzungen selbst unter Kontrolle bekommen – und wann sie zum Arzt gehen sollten.

1. Muss mein Kind zum Arzt?

Trifft einer (oder mehrere) der folgenden Punkte zu, sollte es zur Versorgung in die Kinderarzt‑Praxis oder Notaufnahme gehen:

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  • Tiefe oder klaffende Wunde (> 2 mm Randabstand oder > 1 cm Länge)
  • Blutung stoppt trotz 10 min Druck nicht
  • Gesicht, Augenlid, Hand, Gelenk oder Genital verletzt
  • Tier‑/Menschenbiss, Stich‑ oder Fremdkörperwunde (häufig Antibiotika nötig)
  • Stark verschmutzte Wunde (> 6 h unbehandelt)
  • Verbrennung größer als die eigene Handfläche oder ab Grad II (Rötung + Blasen)
  • Großer Bluterguss oder Quetschung (> 5 cm, rasch wachsend, starke Schmerzen, Gelenkbewegung eingeschränkt) oder Hämatom am Kopf/Bauch
  • Verdacht auf Knochenbruch: Fehlstellung, hör‑/spürbares Knacken, Kind weigert sich, Gewicht aufzunehmen
  • Letzte Tetanus‑Impfung > 5 Jahre (mittlere/tiefe Wunde) oder völlig unklar
  • Rötung, Schwellung, Eiter, Fieber > 38 °C nach 1-2 Tagen

Merke: Im Gesicht darf bis zu 12 h, an Armen/Beinen nur bis 6 h nach der Verletzung genäht oder geklebt werden. Danach steigt das Infektionsrisiko rasant.


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2. Erste Hilfe in fünf Schritten

  1. Hände waschen oder Einmalhandschuhe anziehen – so bleibt die Wunde frei von Keimen.
  2. Blutung stillen: sterile Kompresse fest andrücken, Kind dabei ablenken (lieber über Eiscreme reden als aufs Blut starren).
  3. Reinigen: lauwarmes Leitungswasser oder Kochsalzlösung sanft über die Wunde laufen lassen. Farbloses Desinfektionsspray (z. B. Octenidin) brauchen Sie nur bei tiefen oder stark verschmutzten Wunden.
  4. Verbinden: sterile Kompresse und Pflaster oder leichten Verband – stramm genug, dass nichts verrutscht, aber auch nichts abgeschnürt wird.
  5. Schmerz lindern & trösten: wenn nötig, hilft ein altersgerechter Ibuprofen‑ oder Paracetamol‑Saft schnell. Und ein großer Eltern‑Kuschelfaktor wirkt gleich doppelt.

Was tun bei blauen Flecken und Quetschungen?

  • Kühlen: 10-15 min mit einem Coolpack in dünnem Tuch, mehrmals täglich.
  • Hochlagern und sanft bewegen, sofern keine starke Schmerzreaktion.
  • Beobachten: Ein normales Hämatom wechselt die Farbe (blau → grün → gelb) und wird kleiner – meist binnen 1-2 Wochen.
  • Zum Arzt, wenn:
    • schnelle Größenzunahme oder sehr starke Schmerzen
    • Bewegung kaum möglich oder Verdacht auf Bruch
    • Bluterguss über Gelenk, Bauch, Brust oder am Kopf
    • Taubheitsgefühl, Kribbeln, Blässe distal der Quetschung (Durchblutungsstörung)

Extra: Verbrennungen richtig kühlen

Spülen Sie die verbrannte Stelle sofort 10-20 min lang mit lauwarmem Wasser (15-20 °C). Das Wasser dämpft Hitze und Schmerz, ohne das Gewebe zu schocken.

Eis, Kühlpacks direkt auf der Haut oder eiskaltes Wasser sollten nicht verwendet werden! Sie können das Absterben von Gewebe durch Kälte verursachen und die Durchblutung verschlechtern.

3. Was steckt hinter den verschiedenen Verletzungen?

TypWie sieht das aus?Worauf achten?
SchürfwundeOberste Hautschicht abgeschürft, oft verschmutztGründlich spülen, dünn verbinden – heilt meist narbenfrei
Schnitt‑/PlatzwundeGlatte (Messer) oder ausgefranste (Sturz) Ränder< 6 h nähen/kleben; saubere Kanten → kleinere Narbe
Stich‑/BisswundeKleine Öffnung, oft erstaunlich tiefHohes Infektions‑ & Tetanus‑Risiko → Arzt, evtl. Antibiotikum
Quetschwunde (offen)Gequetschtes Gewebe, evtl. HautdefektHäufig Gewebeverlust, Naht/Drainage nötig → Arzt
Quetschung/Hämatom (geschlossen)Blau‑violett, druckschmerzhaft, keine offene HautKühlen; wenn groß, schmerzhaft oder Gelenkbeteiligung vorhanden → Arzt
Verbrennung Grad I–III(I) Rötung → (II) Blasen → (III) weiß/verkohltAb Grad II Arzt; Flüssigkeits‑ & Narbengefahr

4. Infektionsschutz – kleine Spritze, großer Effekt

  • Tetanus auffrischen, wenn die Impfung länger als 5 Jahre her ist (bei tiefer Wunde) bzw. 10 Jahre (oberflächlich).
  • Bisswunden decken Ärzt*innen oft mit Breitband‑Antibiotika ab, weil Mundkeime blitzschnell Entzündungen hervorrufen können.

5. Hautschichten – warum Tiefe zählt

Damit Sie besser einschätzen können, wie tief eine Verletzung ist und welche Bestandteile der Haut verletzt sein könnten, hier ein Mini‑Crashkurs:

  1. Epidermis (Oberhaut) – hauchdünn; Schürfwunden bleiben meist hier und heilen ohne Narbe.
  2. Dermis (Lederhaut) – kräftig, elastisch, gut durchblutet. Wird sie verletzt, bildet sich Ersatzgewebe → Narbe.
  3. Subkutis (Unterhaut/Fettgewebe) – Polster aus Fettzellen + Bindegewebe. Tiefe Schnitte/Stiche mit gelblichem Fett gehören sofort in ärztliche Hände.

6. Narben – wann sie entstehen und was Sie beeinflussen können

Eine Narbe bildet sich, sobald die Dermis verletzt ist. Ganz verhindern geht dann nicht, aber Sie können sie deutlich verbessern:

  • Schneller Wundverschluss (Nähen, Kleben, Steri‑Strips) innerhalb der ersten Stunden
  • Keime reduzieren → weniger Entzündung, glatteres Heilungsgewebe
  • Feucht halten (hydroaktive Pflaster) statt austrocknen lassen
  • Ab Tag 14: Silikon‑Gel/-Pflaster 2-3 Monate nutzen
  • LSF 50 für min. 6 Monate – UV‑Licht kann Narben verdunkeln

7. Kleine Patienten, große Gefühle

Kinder spüren vor allem Ihre Stimmung. Bleiben Sie ruhig, erklären Sie Schritt für Schritt in einfachen Worten, was passiert, lassen Sie Ihr Kind Aufgaben übernehmen (z. B. „Halte mal das Pflaster fest“) und kuscheln Sie viel. Studien zeigen: Positive Ablenkung senkt Schmerzempfinden und Stresshormone messbar.

Herzliche Grüße
Ihre Dr. med. Uta Römer und das ganze Praxisteam

Weiterführende Informationen finden Sie unter: Kinderärzte im Netz: Wundversorgung bei Kindern, RKI Ratgeber Tetanus 2025, WHO Pocket Book of Hospital Care for Children (2024). Hier geht es zur Webseite meiner Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendmedizin in Refrath.


Haben Sie selbst eine Frage an unsere Expertinnen im Familienrat? Dann schreiben Sie uns bitte: redaktion@in-gl.de

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Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Sie hat eine Praxis in Refrath.

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