Eine verbotene Liebe, Enteignungen durch die Nazis, die Vertreibung der Villenbesitzer in den eigenen Hühnerstall – das Buch der Frankenforsterin Rosine De Dijn „In bevorzugter Lage“ ist eine Anatomie der Erinnerung: In der „Waldhaus-Villenkolonie Frankenforst“ zeigt sich die Tragödie der zwei Weltkriege wie unter einem Brennglas, verdichtet auf wenige Fassaden und Familiengeschichten.
„Erinnerungen sind aus wunderschönem Stoff gemacht – trügerisch und dennoch zwingend, mächtig und schattenhaft. Es ist kein Verlass auf die Erinnerung. Und dennoch gibt es keine Wirklichkeit außer der, die wir im Gedächtnis tragen.“ Die Worte des Schriftstellers Golo Mann zitiert die Autorin Rosine De Dijn am Anfang des Buches. Sie wolle über jene erzählen, deren Nachkommen nicht mehr ihre Nachbarn in der Waldsiedlung Frankenfort wurden. Manchmal sind die Gründe freiwillig, manchmal grausam.
De Dijns im Sommer erschienenes, aufwendig gestaltetes Buch – 358 Seiten voller Grundbucheinträge, privater Fotos, Tagebuchauszüge, Zeitungsberichte und Bauzeichnungen – hat bereits viele Menschen angezogen. 100 Besucher kamen zur ersten Präsentation. „Ich bekomme jetzt Anfragen aus Bensberg, Bergisch Gladbach, Köln, sogar München“, sagt die elegante Dame bei einer Tasse grünem Tee mit Kirschblütenaroma. „Jeder trägt seine eigene Wahrheit in sich.“

Rosine De Dijn: In bevorzugter Lage
Die Waldhaus-Villenkolonie Frankenforst bei Köln, 1908-1958
J.P.Bachem Verlag, 2024
Signierstunde der Autorin am 6. Dezember um 12 Uhr, Buchhandlung Funk in der Schlossstraße 73 in Bensberg.
Die vielen Aufzeichnungen von Zeitzeugen zeigen, wie schon Anfang des 20. Jahrhunderts der böse Geist der menschenverachtenden Rechtsradikalismus durch die Schulen, Wirtshäuser und Familienhäuser des Stadtteils wehte. Das Buch birgt aber auch einen Schatz von historischen Fotos aus dem Viertel.

Propaganda und Parallelen zu heute

Rosine de Dijn ist vor kurzem 84 Jahre alt geworden. Die Journalistin will unbequeme Wahrheiten erzählen, sie sagt „Erinnerungen brauchen Salz“. Wahrheiten, die Parallelen zu heute haben. Da seien zum Beispiel die Geschichten von einem „in den Krieg vernarrten“ Volksschullehrer und Direktor Conrad Grommes, der 1899 bis 1930 die katholische Grundschule in Bensberg leitete: Der Presse warf der „Lügenhetze“ vor und seine jungen Schüler trieb er an die Front „fürs Vaterland – was für eine Ehre“.
Dass nicht das Vaterland, sondern brutale Machtinteressen im Mittelpunkt standen, zeigt die Schriftstellerin am Beispiel eines weiteres Bewohners der Villensiedlung. Sie spielt im 2. Weltkrieg: Richard Jahr, Verlagsleiter und SS-Hauptsturmführer, zum Führungsstab des Reichsführer SS Heinrich Himmler gehörend. Er riss sich 1937 die Jugendstilvilla an der Ecke Buchenallee/Parkstraße unter den Nagel. „Ein Schmuckstück“, so De Dijn.
Im antisemitischen Propagandablatt des Verlegers, dem „Westdeutschen Beobachter“ fand sich folgende Aussage: Er habe sich gegen die Großmacht der jüdisch-marxistische Großstadtpresse durchgesetzt. In der Realität hieß das Enteignungen, zum Beispiel des SPD Druckhauses in Deutz 1933. Die Auflage des Hetzblattes wuchs bis 1937 schon auf 208.000. Das größte Blatt Kölns.
Eigene Erfahrungen als Belgierin
Die Autorin hat den 2. Weltkrieg 1940 wortwörtlich im Mutterleib erlebt. Ihre Mutter floh mit ihr hochschwanger aus Belgien vor den Deutschen nach Frankreich. Die Eltern hatten erlebt, wie die Deutschen 1914 im 1. Weltkrieg ihre Heimatstadt Dendermonde in Flandern systematisch verwüsteten und innerhalb von wenigen Tagen 1200 Wohnhäuser abbrannten. 10.000 Menschen wurden über Nacht obdachlos. Die historische Identität der Stadt war für immer verschwunden.
1907 war Köln bereits ein lauter, versmogter Industriestandort. Die Stadt platzte aus allen Nähten. Das Bedürfnis nach frischer Luft trieb Viele an den Stadtrand. Die „Baubude“, die Baugesellschaft des Kölner Architekten Jean Klein, kaufte 3.100 Morgen Hochwald im Frankenforst, um eine Villenkolonie zu schaffen – so eine Art Kölner Grunewald.
Die Anzeigen versprachen viel: Natur, Ruhe, Landidylle. Die Idee der „Gartenstadt“ machte damals Furore: Gärten für Gemüse, Kleintierhaltung, Erholung – eigentlich auch Wohnraum für sozial Schwächere. In Frankenforst blieb nur der Garten verwirklicht; die sozialen Reformen verschwanden aus dem Blick.
Binnen weniger Monate waren 36 Grundstücke verkauft. 1908 wurde die erste Villa bezogen. Die Erschließung wirkte wie ein Goldrausch. Lange ein Problem blieb die Anbindung an Köln via Straßenbahn. Auch waren die Einkaufsmöglichkeiten in Bensberg sehr begrenzt. Präzise Planung und Chauffeure waren gefragt.
Die anfängliche Idylle im Frankenforst dauerte nur wenige Jahre, bis zum ersten Weltkrieg. Der Patriotismus und das „Verheizen“ der Männer auf den Schlachtfeldern führte auch die Familien des Villenviertels in die Armut. So die Recherche von Rosine De Dijn. Eine Hinterbliebenenversorgung bekam nur, wer einen hohen Dienstgrad in der Armee hatte. Auch die Witwe eines Fabrikbesitzers bekam nichts.
Die „Waldhaus Villengegend Frankforst“

Die Belgierin Rosine De Dijn wusste also, dass der Volksschullehrer in Bensberg gelogen hatte, als er von „feindseliger Propaganda“ in den unabhängigen Zeitungen sprach.
Trotzdem kam sie mit ihrem Mann 1966 aus Belgien nach Deutschland. Ihr Sohn ging 1970 in die belgische Schule in die Taubenstraße – heute die Grundschule im Frankenforst. Ihre journalistische Neugier war geweckt. Wie war das, als die Belgier damals „Besatzer“ waren? Und als Journalistin für Architektur hatte sie auch ein Blick auf die historischen Gebäude im Villenviertel.
Sie fand bisher weitgehend unbekannte Details und eine Liebesgeschichte mit Happy End.
Hoffnung, die sich durchsetzt
1945 reklamierten die Belgier für ihre Offiziersfamilien die feinen Adressen in der Villenkolonie, schreibt Rosine De Dijn, und setzen die Bewohner kurzerhand vor die Tür. Das Ehepaar Houben zog in den Hühnerstall. Das war eigentlich den Besatzern nicht recht. Denn sie wollten den Kontakt mit der Bevölkerung unterbinden.
Es gab eigene Läden, eigene Schulen, eigene Ärzte – eine Parallelwelt mit dem Luxus von Pralinen, Schokolade, Kaffee und Bier – alles aus Belgien. Selbst das Personal für die Schulen und die Tierärzte kam aus Belgien.
Warum De Dijn das erzählt? Um Hoffnung zu machen, denn die Leute entspannten sich mit der Zeit: „Die Menschen trafen sich wieder beim Sport und auf Straßenfesten. Schon 1958 war die Beschlagnahmung weitgehend Geschichte.

Die verbotenen Liebe
Die Lieblingsgeschichte der 84-Jährigen, deren Wohnzimmer voller Zeichnungen des verstorbenen Bergisch Gladbacher Ehrenbürgers und Karikaturisten Walter Hanel hängt – ironisch, politisch -, ist die Geschichte der „Frankenforster verbotenen Liebe“: Mutter und Tochter Katharina und Anneliese Scheidtweiler hätten ihre Villa eigentlich schon zwei Tage, direkt nach dem Waffenstillstand am 8. Mai, für die Besatzer räumen müssen.

Aber sie hätten Glück im Unglück gehabt. Der Commander brauchte eine Köchin und eine Haushaltshilfe. So waren sie verantwortlich für die Instandhaltung „ihres“ Hauses und lebten in der Dachkammer. Ein junger, belgischer Offizier verliebte sich in Anneliese. „Ich nahm jede Gelegenheit wahr, Anneliese zu sehen … mal brauchte ich Wasser, mal mussten die Damen die Schränke putzen.“
„Wo die Liebe hinfällt, wächst kein Gras mehr“, sagt De Dijn, lächelnd. Anneliese wurde schwanger. Dann begann der Kampf: Kontaktverbot, Eherecht, Behörden.
Wie sie ihn gewannen, das steht im Buch. Nur so viel: Es endet gut. Die Enkelin fand vor einigen Jahren die Dokumente ihrer Großmutter – „des deutschen Fräuleins“ – und vertraute sie De Dijn an. Darauf sei sie stolz, sagt die Autorin in ihrer gelassenen Art. Erinnerung an Verbundenheit.
Am Samstag können Sie die Journalistin und Schriftstellerin Rosine De Dijn persönlich kennenlernen: bei einer Signierstunde in der Buchhandlung Funk, Bensberg, Schlosstraße 73, 6.12. 12 Uhr.
Sie finden diesen Artikel gut? Sie sind mit unserer Arbeit zufrieden? Dann können Sie uns gerne mit einem Einmalbeitrag unterstützen. Das Geld geht direkt in die journalistische Arbeit.
Oder Sie werden Mitglied im Freundeskreis, erhalten exklusive Vorteile und sichern das Bürgerportal nachhaltig.
Die Geschichte des Frankenwalds, der keiner ist
Gewerbegebiet und Feuerwache, Frankenforst und Frankenwald – unser Autor hat sich die Geschichte dieser aktuell viel besprochenen Region angesehen und festgestellt: Einen Frankenwald gibt es hier nicht, und der Frankenforst war ursprünglich deutlich größer.
Wie das Hotel Frankenforst zur Arzneifabrik wurde
An der Frankenforster Straße steht ein auffälliger Gebäudekomplex mit dem Schriftzug „Rowa-Wagner”. Das steht für eine Arzneimittelfabrik, doch eigentlich handelt es sich um das „Hotel Frankenforst” – mit einer sehr bewegten Geschichte.
