Immer mehr Kinder sind von Autismus betroffen, die Wartezeiten für Diagnose und Inklusionshilfe sind lang. Dennoch will die Stadt auf eine geplante Kita mit Autismus-Kompetenzzentrum verzichten – die Inklusion soll in allen Kitas geleistet werden. Dafür müssten diese aber ganz anders ausgestattet werden, fordern Fachleute, Träger und betroffene Familien. Denn die Realität sieht anders aus: Einzelne Kitas schließen Kinder mit (drohender) Behinderung von vornherein aus.
Das Aus für die geplante Kita mit angegliedertem Autismus-Kompetenzzentrum und die Begründung der Verwaltung für diese Entscheidung stößt bei einigen Expert:innen und Betroffenen auf Kritik. „Es macht mich fassungslos, dass ein solches Vorhaben aufgegeben wird“, sagt Lisa Stricker vom AutismusTherapieZentrum (ATZ) Refrath.
„Die Anzahl von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung steigt und der Bedarf an Unterstützungsmöglichkeiten für sie und ihre Familien ist riesig.“ Die Diplom-Pädagogin arbeitet seit vielen Jahren in der Autismus-Therapie und gibt Fortbildungen zu dem Thema, auch in Kitas.
„Viele Kitas sind nicht autismusfreundlich ausgestattet“, ist Strickers Erfahrung. Neben entsprechenden Räumen, die Rückzugsmöglichkeiten bieten, fehle es an Fachkräften, die im Umgang mit Autismus geschult sind. Genau deshalb hat Stricker kein Verständnis für die Einstellung des Projektes. Zumal es nur eine heilpädagogische Gruppe in Bergisch Gladbach gibt – nämlich die Kita Ferrenberg der Caritas.
Der Jugendhilfeausschuss hatte ohne Nachfrage und ohne Aussprache einem Vorschlag der Stadtverwaltung einstimmig zugestimmt, auf das 2021 beschlossene Autismus-Kompetenzentrum plus Kita an der Odenthaler Straße zu verzichten. Der Stadtrat entscheidet am Dienstag endgültig über das Thema.
Geplante Autismus-Kita steht vor dem Aus
Im Dezember 2021 hatte der Stadtrat die Pläne für eine neue Kita mit einem Kompetenzzentrum beschlossen. Neben Betreuungsplätzen für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung sollte an der Odenthaler Straße auch ein Ort für Schulungen und Weiterbildungen geschaffen werden. Nun will die Stadtverwaltung das Projekt kippen.
Kommunal, kurz & knapp: Stille Abkehr von geplanter Kita
Kita-Sanierungen, OGS-Aufnahmekriterien, Autismus-Kompetenzzentrum: Der Jugendhilfeausschuss stimmte am Mittwoch über eine Reihe von Beschlüssen ab, diskutierte über Elternbeiträge und Fachkräftemangel in Kitas. Wir fassen die Entscheidungen zusammen.
Bei Autismus handelt es sich Stricker zufolge um ein breites Störungsbild, das bei jedem Kind anders ausgeprägt ist. Daher spreche man heute von einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Sie umfasst die gesamte Palette von frühkindlichem Autismus bis zum Asperger-Syndrom.
Während die frühkindliche Variante meist schon in den ersten Lebensjahren diagnostiziert wird (wegen ausgeprägter Auffälligkeiten etwa im sprachlichen und sozialen Bereich), fielen Asperger-Autisten wegen ihrer normalen oder hohen Intelligenz manchmal nicht oder erst spät auf. „Gerade deshalb ist Aufklärungsarbeit schon in den Kitas so wichtig“, findet Stricker.
Die Expertin ärgert sich massiv über die Begründung der Stadtverwaltung zum Aus des Projekts. Die hatte argumentiert, die inklusive Arbeit der Kitas habe sich verändert, künftig sollten die neu geplanten Kitas die individuelle Unterstützung und Betreuung für Kinder mit ASS abdecken (Beschlussvorlage).
„Es gibt sicher Ausnahmen, wo Betreuung und Inklusion gelingt“, sagt Stricker. Die Familien, die sie begleitet, machten aber meistens andere Erfahrungen.
Wir sind fast täglich mit fehlenden Strukturen konfrontiert, müssen immer wieder um die Teilhabe unserer Kinder kämpfen.mutter eines autistischen Kindes
Für die Mutter eines autistischen Kindes (die sich an die Redaktion gewandt hat und anonym bleiben möchte) fühlt sich die Begründung nach eigenen Worten „wie ein Schlag ins Gesicht an“. Es werde so dargestellt, als sei die Versorgungssituation für Kinder mit Behinderung in Kitas fast flächendeckend gesichert, „was fernab der Realität von betroffenen Familien“ liege.
„Statt einer guten Versorgung sind wir fast täglich mit fehlenden Strukturen konfrontiert, müssen immer und immer wieder um die Teilhabe unserer Kinder kämpfen, auch in den Kitas“, berichtet die Mutter. Vielen Erzieher:innen fehlten die Qualifikation für die Betreuung autistischer Kinder, der Bedarf an Fachberater:innen und Unterstützungsangeboten für Familien sei groß. Vor diesem Hintergrund hätte die Mutter ein Kompetenzzentrum sehr begrüßt.
2021 hatte der Rat die Kita mit 66 Plätzen geplant, davon sollten 15 für Kinder mit (Verdacht auf) ASS vorbehalten sein. Im Kompetenzzentrum sollten zudem Schulungen für pädagogisches Personal aus anderen Einrichtungen stattfinden, außerdem sollte es als Ort des Austauschs und der Beratung für Kita-Mitarbeiter:innen dienen.
Im Jahr 2021 war es für Familien mit Kindern, die den Verdacht oder die Diagnose ASS haben, sehr schwer einen Betreuungsplatz zu finden. Die Kita mit integriertem Kompetenzzentrum sollte diese Kinder individuell betreuen und die Familien entlasten sowie intensiv beraten und begleiten.
Darüber hinaus sollten im Kompetenzzentrum Weiterbildungen und Schulungen rund um das Thema Autismus für Erzieher:innen, Kindertagespflegepersonen und OGS-Mitarbeiter:innen angeboten werden. Andere Kitas sollten so besser in die Lage versetzt werden, Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung aufzunehmen.
Das Kompetenzzentrum sollte bei Fragen rund um die Themen Inklusion und Fördermöglichkeiten Anlaufstelle für Mitarbeitende aus Tagespflege, Kita oder OGS sein. Geplant war auch, ein Netzwerk aufzubauen mit anderen Institutionen (Schulen, Frühförderstellen, Therapiezentren) und Unterstützungsangeboten.
Die Idee von Kita und Autismus-Kompetenzzentrum
Die Ausgangslage
Fortbildungen und Schulungen
Austausch und Vernetzung
Mehr Kinder mit Autismus-Diagnose
„Wir sehen eine deutliche Zunahme an Kindern mit ASS-Diagnosen. Zugleich beobachten wir, dass vor allem diese Kinder nur schwer einen Kitaplatz erhalten“, sagt Angelika Huber, Fachdienstleiterin vom Frühförderzentrum der Caritas. ASS-Kinder benötigen demnach während des Tages eine Einzelfallhilfe zur Begleitung. Weil diese Fachkräfte fehlten, sei die Teilhabe für diese Kinder oft nicht umsetzbar.
Statt eines Kompetenzzentrums mit einem Schwerpunkt auf ASS befürwortet Huber, gute Rahmenbedingungen für alle inklusiven Kitas zu schaffen: Dazu gehöre, behinderte und nichtbehinderte Kinder in kleinen Gruppen von einem Team aus Erzieher:innen, Heilpädagog:innen und Therapeut:innen zu betreuen.
Individuelle Betreuung nötig
Ähnlich sieht das Martina Niehöfer, die das Geschäftsfeld Kita und OGS der Caritas RheinBerg leitet. Statt eine spezialisierte Einrichtung nur für Kinder mit ASS zu schaffen, sollten diese vermehrt in reguläre Kitas aufgenommen werden, „damit Inklusion wirklich stattfindet“.
Um den individuellen Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden, sei eine individuelle Zuwendung nötig – dazu gehörten etwa feste Ansprechpersonen, verlässliche Abläufe, eine reizarme Umgebung sowie Förderung und Unterstützung. Das gestalte sich in der aktuellen Realität auch angesichts des Fachkräftemangels „herausfordernd“.
Der Kita-Alltag von Kindern mit Autismus
Wenn in einer Kita Notbetreuung herrscht, würden Eltern von Kindern mit Förderbedarf als erste gebeten, ihr Kind zu Hause zu betreuen, „weil sie für die Mitarbeitenden am anstrengendsten sind“, ist die Erfahrung von Autismus-Therapeutin Stricker. Das solle nicht als Vorwurf gegenüber Einrichtungen den Erzieher:innen verstanden werden. „Alle sind überfordert. Die Belastung ist immens und die Kitas werden damit allein gelassen.“
Stricker berichtet von einem autistischen Kind, das regelmäßig bei der Kita-Leitung im Büro unter dem Schreibtisch sitzt, weil es sonst keine Rückzugsmöglichkeit gibt. Oder von Fällen, in denen ein Kind mit ASS die Kita nur dann besuchen darf, wenn der oder die Integrationshelfer:in dabei ist.
Der lange Weg zur Diagnose
Das Problem dabei: Die schier endlosen Wartezeiten. Beim ATZ müssten Familien aktuell eineinhalb bis zwei Jahre warten, bis die Diagnose gestellt, Therapie und Integrationshelfer bewilligt werden. Und dann gelte es, jemanden zu finden. Denn auch der Mangel an Integrationskräften sei groß.
Die Bewilligung von Integrationshelfern könne sich auf wenige Zeitfenster beschränken – etwa an drei Tagen für jeweils zwei Stunden. „Das betrifft Kinder, die nicht oder kaum sprechen, Windeln tragen, motorisch unruhig sind, zu selbst- oder fremdverletzendem Verhalten und Wutausbrüchen neigen“, erläutert Stricker.
Einzelne Kitas schließen von vornherein Kinder mit (drohender) Behinderung aus.Stadt bergisch gladbach
Ohne Integrationskraft könnten Kitas die Betreuung solcher Kinder nicht bewältigen. Und so komme es, dass diese nie oder nur selten eine Kita besuchen – mit entsprechenden Folgen für die Schullaufbahn.
Grundschulen müssen nachholen, was Kitas nicht leisten können
Schere und Stift halten, sich selbst anziehen, zuhören: Viele Erstklässler tun sich heutzutage mit Dingen schwer, die sie früher in der Kita (oder zu Hause) gelernt haben. Weil deswegen viele Kinder ein Jahr länger in der Grundschule bleiben, werden die Klassen größer. Bergisch Gladbacher Schulleitungen geben einen intensiven Einblick in ihren Alltag.
Das ist auch der Stadtverwaltung bewusst: Aufgrund des Kurswechsels bei der Bewilligung von individuellen heilpädagogischen Leistungen „schließen einzelne Kitas von vornherein Kinder mit (drohender) Behinderung aus, da befürchtet wird, den Herausforderungen in einem ohnehin bereits stark belasteten System professionell nicht begegnen zu können und Mitarbeitende zu verlieren“, heißt es in der aktuellen Vorlage der Stadt zum Sachstand Kindertagesbetreuung.
Wünsche und Forderungen der Expert:innen
„Die Rahmenbedingungen für Inklusion müssen sich ändern“, fordert Martina Niehöfer von der Caritas. Das Antragsverfahren für eine Inklusionshilfe sei für die Eltern sehr aufwendig, bis zur Bewilligung vergehe viel Zeit, häufig würde die Hilfe nicht in dem beantragten Umfang genehmigt. Auch für die Kitas sei der bürokratische Aufwand enorm, das Abrechnungsverfahren kompliziert.
„Solange sich an dieser Stelle nichts verändert, bleibt Inklusion für viele Einrichtungen weiterhin beschwerlich bis unattraktiv – auch für die, die aktuell geplant sind und gebaut werden“, so Niehöfer.
Ohne „Inklusionskinder“ könnten Kitas Gruppen mit mehr Kindern belegen oder sogar überbelegen – und sich finanziell somit besserstellen. „Leidtragende in der Gesamtsituation sind die Familien, die für ihre Kinder mit erhöhtem Förderbedarf weiterhin keinen Kitaplatz finden,“ bilanziert die Caritas-Fachfrau.
Ich wünsche mir einen Autismus-Beauftragten für Kitas.Lisa Stricker, ATZ
Angelika Huber vom Frühförderzentrum spricht sich angesichts der langen Wartezeiten für eine Diagnose für eine weitere Zweigstelle des ATZ aus. Um eine gute Begleitung und Förderung von Kindern mit ASS zu ermöglichen, müssten auch Fachkräfte wie Ergo- und Sprachtherapeut:innen sowie Kita-Personal stärker auf ASS spezialisiert sein.
Lisa Stricker vom ATZ bietet zwar Fortbildungen in Kitas an. „Die dauern aber nur einen Tag. In der Kita-Praxis tauchen danach oft noch Fragen auf. Ich kann es aber nicht leisten, die Erzieher:innen über die Fortbildung hinaus zu beraten“, sagt Stricker. „Ich wünsche mir einen Autismus-Beauftragten für Kitas in Bergisch Gladbach.“ Dieser könne neben Schulungen in Kitas auch eine regelmäßige Sprechstunde für Erzieher:innen anbieten und eine Möglichkeit des Austauschs.
Träger sieht hohen Bedarf an Förderung
Die Awo Sommerberg GmbH, die als Träger des Autismus-Kompetenzzentrums vorgesehen war, teilt auf Anfrage mit, dass sie die „aktuellen Entwicklungen“ sehr bedauere. Sie verweist wie die Stadtverwaltung auf die veränderten Rahmenbedingungen.
Gleichzeitig betont sie: „Der Bedarf an gezielter, teilhabeorientierter Förderung für Kinder mit Beeinträchtigungen – insbesondere mit Autismusspektrumsstörungen – ist weiterhin hoch, gerade weil Diagnosen im frühen Kindesalter oft schwierig und unsicher sind und viele Familien zunächst mit Verdachtsdiagnosen leben müssen.“ Die Awo Sommerberg kündigt an, mit der Stadt weiterhin in konstruktivem Austausch zu bleiben.
Die Grünen hatten eine weitere Begründung für die Kehrwende der Stadt geliefert: Das konkrete Konzept sei „weder pädagogisch schlüssig noch wirtschaftlich vertretbar. Die geplanten Kosten standen in keinem Verhältnis zum Nutzen, und eine solche separate Struktur hätte eher zur Ausgrenzung geführt als zu echter Inklusion“, erklärte Walter Paduch, Jugendpolitischer Sprecher der Grünen, in einem Kommentar.
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Das Aus für die Kita mit Autismus-Kompetenzzentrum beschäftigt die Menschen in unserer Stadt. Das ist die gute Nachricht, denn zu oft bleiben Kinder mit Behinderung und deren Familien unbeachtet.
Ich vertrete seit vielen Jahren den Inklusionsbeirat im Jugendhilfeausschuss und habe mein Rederecht (nach Rücksprache mit betroffenen Familien und anderen Mitgliedern des Inklusionsbeirates) auch bei der Präsentation des Konzeptes in der September-Sitzung (!) genutzt, hier nachzulesen
https://mandatsinfo.bergischgladbach.de/bi/getfile.asp?id=590342&type=do
Dass der JHA nun in der Dezember Sitzung „ohne Nachfrage und ohne Aussprache einem Vorschlag der Stadtverwaltung einstimmig zugestimmt, auf das 2021 beschlossene Autismus-Kompetenzzentrum plus Kita an der Odenthaler Straße zu verzichten“, liegt daran, dass die Diskussion dazu bereits im September geführt wurde.
In der damaligen Sitzung des JHA ergaben sich viele Fragen, nicht nur von Seiten des Inklusionsbeirates, u.a. wurde von erfahrenen Trägervertretern ein „Letter of Intent“, also eine Empfehlung für das Vorhaben von Aufsichtsbehörden wie z.B. dem LVR gefordert.
Ich möchte die Diskussion hier gar nicht wiederholen, sondern vielmehr feststellen: Es gab eine angeregte, neugierig fragende und ja – auch kritische Diskussion im Vorfeld. Die Mitglieder des JHA blieben danach etwas ratlos und nachdenklich zurück, niemand war von dem vorgestellten Konzept und der Finanzierung überzeugt.
Allen war bewusst, dass es deutlich mehr Unterstützung für Familien mit Kindern mit Behinderung geben muss. Das Konzept der AWO Sommerberg von einer „besonderen Einrichtung“ ist jedoch mit Skepsis aufgenommen worden. Entsprechend formulierte die Verwaltung die Beschlussvorlage für den JHA letzte Woche und schlug vor, das Projekt zu stoppen.
Im weiteren Verlauf der Dezember-Sitzung ergaben sich zu dem Punkt „Kinder mit Behinderung in Kitas“ an anderer Stelle Fragen. Diese will die Stadt bis zum kommenden JHA beantworten.
Ich bleibe dran, zusammen mit dem Inklusionsbeirat werde ich mich weiter dafür einsetzen, dass alle Kinder eine Kita in der Nähe des Wohnortes besuchen können und dort gut gefördert werden können – inklusiv eben.
Inklusion wird in unserer Gesellschaft oft als selbstverständliches Ziel dargestellt, besonders in der frühkindlichen Bildung und Grundschule. Auf dem Papier sind die Rahmenbedingungen und gesetzlichen Vorgaben klar: Alle Kinder sollen gemeinsam lernen, unabhängig von ihren individuellen Fähigkeiten oder Bedürfnissen. Doch die Realität sieht häufig anders aus.
In vielen Einrichtungen fehlt es an ausreichend qualifiziertem Personal, an passenden Materialien und an einer inklusiven Haltung, die wirklich alle Kinder mit ihren Stärken und Schwächen akzeptiert. Statt echter Teilhabe erleben viele Kinder mit Förderbedarf Ausgrenzung oder werden in separaten Gruppen isoliert.
Lehrkräfte sind oft überfordert, weil sie keine ausreichende Unterstützung erhalten und die Klassen viel zu heterogen sind, um allen gerecht zu werden.
So bleibt Inklusion in der Praxis oft ein herber Einschnitt, der weit von der idealen Vorstellung entfernt ist. Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zeigt, dass es noch viel zu tun gibt, um Inklusion nicht nur auf dem Papier, sondern im Alltag tatsächlich zu verwirklichen.
Wer Erfahrung hat in der Arbeit mit Kindern mit einer Behinderung aus dem Bereich der sog. Autismus-Spektrum-Störung und den betroffenen Familien, wird den Argumenten von Frau Lisa Stricker Recht geben. Ich auch! Danke für Ihre ausführlichen Erläuterungen und den Einsatz für eine inklusive Kita mit angeschlossenem Autismus-Kompetenzzentrum.
Dass Kinder und ihre Familien ein Recht auf inklusive Erziehung und Teilhabe an der Gesellschaft haben, ist unbestritten. Diese gelingt mal mehr, mal weniger gut. Das erfahren die Familien tagtäglich. Es gibt aber auch Kinder, die ein Recht auf eine Förderung in einem besonderen Rahmen haben, die aufgrund ihrer massiven Wahrnehmungsstörung und fehlender Kommunikation auf ein förderliches und Schutz bietendes Umfeld angewiesen sind.
Für diese Kinder kann ein Alltag in einer Kita und die Umwelt mit tausend Eindrücken, die sie nicht für sich einordnen können, der reinste Horror sein. Sie brauchen ganz verlässliche Strukturen, ein spezielles Kommunikationssystem, bzw. die Möglichkeit, dieses zu erlernen. Sie brauchen Rückzugsmöglichkeiten, eine geräuscharme Umgebung, einheitliche Visualisierungen und, und, und. Sie benötigen erst einmal die Verlässlichkeit und das Vertrauen in die Strukturen, um sich gemeinschaftlichen Erlebnissen öffnen zu können, um nicht in Panik zu geraten, wenn etwas nicht so ist, wie sie es gewohnt sind.
Sicherlich sind Kitas bemüht, diese Bedingungen zu schaffen und sich ein Autismus-Wissen anzueignen. Aber warum erschwert man Kindern, Eltern und dem Kita-Personal die Entwicklungsmöglichkeiten? Kleinste irritierende Begebenheiten können bei diesen Kindern mühsam erworbene Fähigkeiten zunichte machen. Und wieder sind es dann die Familien, die damit leben müssen.
Das macht mich echt ärgerlich. Inklusion ist eben nicht alles! Separate gute Förderung hat dort ihre Berechtigung, wo sie Menschen hilft und sie befähigt, an der Gesellschaft teilhaben zu können. Ich habe großen Respekt vor den Familien, die mit einem Kind mit Frühkindlichen Autismus leben.
Lieber Rat der Stadt Bergisch Gladbach, sehr geehrter Herr Bürgermeister: Nehmen Sie diese Familien mit in unsere Gesellschaft, indem Sie sie anhören und individuell gestaltete Hilfen in einer Autismus-Kita installieren.
Fachleute für diese Kinder sind die Eltern, die Therapeuten des AutismusTherapieZentrums (ATZ), die Heilpädagogen und Fach-Integrationshelfer. Lassen Sie diese im Jugendhilfeausschuss zu Wort kommen und revidieren Sie die Zurücknahme des Vorhabens, für diese Kinder einen Ort in Bergisch Gladbach zu schaffen.
An einem solchen Ort kann Professionalität gebündelt werden, die Erfahrungen können in die Kitas weitergegeben werden, es entstünde ein Netzwerk, das in alle Kitas wirkt.
Ich habe in einer Kita gearbeitet und bin seit über 15 Jahren auf die Arbeit mit Menschen im Autismus-Spektrum spezialisiert. Diese Kombination reicht aus, um zu wissen: Die Entscheidung des Jugendhilfeausschusses, die geplante ASS-Kita mit Kompetenzzentrum in Hebborn aufzugeben, geht an der pädagogischen Realität vorbei.
Begründet wird der Schritt mit fehlendem Bedarf und hohen Kosten. Wer so argumentiert, verlässt sich auf Zahlen – und blendet den Alltag aus. Kinder mit Autismus, ADHS oder anderen Entwicklungsbesonderheiten sind keine statistische Ausnahme. Sie sind Teil des Kita-Alltags, oft in Gruppen, die personell und fachlich am Limit arbeiten.
Inklusion wird politisch eingefordert, aber strukturell nicht abgesichert. Fachkräfte sollen leisten, was unter den gegebenen Bedingungen kaum möglich ist: individuelle Förderung, frühe Wahrnehmung von Entwicklungsauffälligkeiten und gleichzeitig verlässliche Betreuung für alle Kinder. Ohne ausreichendes Personal, ohne verbindliche Qualifizierung und ohne echte Entlastung.
Das geplante Autismus-Kompetenzzentrum hätte hier ansetzen können – mit fachlich aktuellen Fortbildungen, Beratung für Teams und Unterstützung für Familien. Dass ein solches Projekt mit dem Verweis auf Bedarfszahlen gestrichen wird, zeigt, wie wenig pädagogische Praxis in politische Entscheidungen einfließt.
Der Jugendhilfeausschuss trägt Verantwortung – nicht nur für Haushaltszahlen, sondern für die Qualität frühkindlicher Bildung. Inklusion nach Kassenlage ist keine Inklusion. Sie bleibt ein politisches Versprechen, das im Alltag nicht eingelöst wird.
In mir entsteht der Eindruck, dass das Pferd am falschen Ende aufgezäumt wurde.
Die Not der Betroffenen zum Druckmittel zu erheben, schadet nicht nur der Sache an und für sich, sondern wirkt u.U. auch in die Familien zurück. Aus meiner Sicht haben allein die ursächlich Verantwortlichen und Betroffenen das Recht, Entscheidungsprozesse zu diskutieren und deren Ergebnisse zu bewerten.
Es ist fürwahr eine Gradwanderung… Mit oberflächlichem Anspruchsdenken kommt man in Fragen zur Integration behinderter Menschen jedenfalls nicht weiter.
Lastenverteilung auf viele Schultern wird hier nicht funktionieren. Wir haben es nicht mit einem Pauschalphänomen zu tun, welche sich mit einem breit aufgestelltem Lösungsschema behandeln ließe. Es geht um gezieltes und sehr spezielles Problemlösungsverhalten bis hin zur Abklärung von unzähligen Einzelsituationen. Eine überaus große Herausforderung an die politisch Verantwortlichen? Durchaus und bei hoher Kompetenz auch machbar… Andere haben es bereits bewiesen.
Was wird nun aus Kindern mit Behinderungen, welcher Art auch immer? Ja, sie sollten Startbedingungen zu erhalten, welche ihnen im späteren Leben helfen, den Alltag möglichst selbstbestimmt und eigenständig zu bewältigen. Die Eltern sind sich bewusst, dass sie es sind, welche zu allererst die Verantwortung dem Kind gegenüber zu tragen haben. Diese Last kann ihnen niemand abnehmen, nicht die Kitas, nicht die Schulen. Ihnen gehört daher die volle Unterstützung und diese gilt es umzusetzen.
Der gesamtgesellschaftliche Anspruch zur Inklusion zeigt jedoch vor allem die Mängel der Kinderbetreuung auf ihrer nichtinklusiven Seite auf. Wie läuft es denn in der “normalen” Kita? Wenn hier die Antwort bereits lautet: “Insgesamt ‘auf Kante genäht'”, muss die Politik sich ehrlich machen und erst einmal diese „Baustellen“ vollständig zum Abschluss bringen. Not- und Zwischenlösungen verschärfen und übertragen Probleme in bislang funktionierende Bereiche nur, s. Inklusion an Grundschulen.
Was wir als Gesamtgesellschaft vor allem brauchen, ist ein gemeinsames Bekenntnis: „Wir schaffen das!“. Hatte dieser Satz bei den Menschen, die guten Willens sind (die bundesdeutsche Mehrheit!), nicht schon einmal Wunder bewirkt…?
Es geht jedenfalls um weit mehr, als um eine gut funktionierende Rüstungsindustrie!
Dieter Richter, Bergisch Gladbach
Vielen Dank für diesen wichtigen Artikel! Ich hoffe, möglichst viele Mitglieder des Stadtrats lesen ihn auch, vor der morgigen Sitzung!
Danke für diesen Aufschrei, da habe ich drauf gewartet. Kinder aus dem AS S brauchen individuelle Förderung. D.h. bei jedem muss man ganz genau hinschauen, was bei dem Kind geht und was nicht. Da gibt es keine allgemein gültige Handlungsweise.
Es gibt auch Kinder aus dem ASS, die in einer Kindertagesstätte generell überfordert sind. Da brauchen dann Eltern eine Betreuung von 45 Stunden aber das Kind hält maximal 15 Stunden unter so vielen anderen Menschen aus. Und dann gibt es die, die an fast allem teilhaben können.
Aber wir als Gesellschaft wollen Inklusion, und wir wollen dafür nichts zahlen. Ich versteh das hoffentlich richtig, dass die Schuld hier nicht bei den Kitas gesucht wird. Auch wenn die Kindertagesstätte, in der ich arbeite, bisher jedes Kind genommen hat, auch wenn zusätzliche Belastung durch die (drohende) Behinderung sehr offensichtlich war, kann ich jede Einrichtung verstehen, die das heutzutage ablehnt.
Man bekommt eben so gut wie keine Unterstützung. Nicht von Seiten des Landes, nicht von Seiten der Stadt, nicht von Seiten der Gesellschaft. Nein, wenn feststeht, dass Eltern ihrer Pflicht der Förderung auch nicht nachkommen. Dann finden erst zehn Gespräche statt mit sehr viel Aufwand, die im Endeeffekt dazu führen, dass das Kind dann doch (tw) ausgeschlossen werden muss.
Meist zählt nur eins: Hauptsache, die Kinder sind irgendwo. In meinem Team gab es schon Erzieherinnen, die gekündigt haben, mit der Begründung, dass sie das nicht mittragen können, wie Inklusion in diesem Land gelebt wird (wohl gemerkt, nicht in unserer Kita). Die sind ganz aus dem Beruf raus. Und in Zeiten von Fachkräftemangel finden die Stellen wie Sand am Meer auch in anderen Bereichen.
Die spezialisierte Kindertagesstätte hätten wir gut gebrauchen können. Meines Wissens nach wären dort nicht ausschließlich Plätze für Kinder aus dem ASS gewesen, sondern weniger als ein Viertel und kompetente Ansprechpartner direkt vor Ort. Ich hätte das unterstützt. Ich stimme zwar Frau Huber zu, dass wir mehr Unterstützung in den Kitas brauchen aber davon träumen wir schon sehr langem und in absehbarer Zeit wird sich, wenn man sich so anschaut, wo die Prioritäten in der Politik liegen, nichts daran ändern dass es Träume bleiben werden.
Da ist er mal wieder. der Interessenkonflikt, der auch mit Geld zu tun hat. Man sollte lieber dem 1. Beigeordneten sein Hobby beschneiden und ihm Gelder nicht bewilligen und für solche Einrichtungen, wie hier beschrieben, einsetzen als Gott weiß wie viele Straßen rot anzumalen und Fahrradstraßen einzurichten. Die Kinder, um die es hier geht und viele andere mehr können nicht für sich selbst kämpfen, die Radfahrer aber sollten im Verhältnis zu den Kindern auf Fahrradstraßen verzichten.
Können Sie, lieber Herr Havermann, bitte noch ergänzen, welche Rolle der ADFC in dieser Angelegenheit spielt? Dass Sie darauf nicht eingegangen sind, enttäuscht mich denn doch.
Na, immerhin war das doch schon eine beachtliche Volte, mit der er seine Lieblingsfeinde in ein x-beliebiges Thema involvieren konnte. Der Adfc kommt sicher auch noch dran – erst Übung macht den Meister.
Wenn Sie Ihren Hass auf Radfahrer wenigstens als “Ceterum censeo” klar erkennbar absetzen würden… Aber dass Sie hier versuchen, behinderte Kinder gegen Radfahrer ausspielen wollen, ist doch arg schäbig, gerade in dieser ansonsten von allen anderen, die sich beteiligen, sehr sachlich und ernsthaft geführten Diskussion.
Danke für den ausführlichen Bericht. Es ist sehr erschreckend, dass ein solch wichtiges Projekt aus dem Sozialbereich einfach geschludert und dann fallen gelassen wird. Kostengründe? Für andere Anliegen ist doch Geld da, warum wieder im Sozialen kürzen?
Danke an die Redaktion, dass ihr dieses Thema weiterhin aktuell haltet. Die Stadtverwaltung wollte es offenbar geräuschlos verschwinden lassen. Schon heute hätte vielen Kindern der auf Autismus spezialisierte Kindergarten gut getan – und die Fallzahlen steigen weiter. Wie man hier einen „Nichtbedarf“ feststellen kann (Stadtverwaltung) ist mir absolut unerklärlich.
Es betrifft nicht nur Kinder mit Autismus. Mein Sohn, jetzt 10 Jahre Adhs, Gendefekt , wurde als nicht tragbar in der Kita eingestuft. Damals war er 3 Jahre und sie konnten mit ihm nicht umgehen und er wurde mehr oder weniger alleine gelassen. Nach einem Kita wechsel, zufällig Caritas, ist er aufgeblüht. Wir haben als Eltern und Kita zusammen gearbeitet, Lösungen gesucht und gefunden. Aber dazu muss eine Kita bereit sein, räumlich und mit Fortbildungen. Egal ob Schule oder Kita, Inklusion schreiben sie sich alle auf die Fahne, nur die Umsetzung ist in den aller meisten Fällen unterirdisch
Vielen Dank für diesen ausführlichen Artikel! Gut, dass das Thema publik gemacht wird.
Zwei Anmerkungen: die ursprünglich geplante Kita an der Odenthaler Straße als separierend zu bezeichnen, ist für mich nicht nachvollziehbar: von 66 Plätzen sollten 15 von Kindern mit Autismus belegt werden. Dies wäre ein inklusives Konzept mit einer Spezialisierung und fachlich sicher sehr sinnvoll!
2. Die Beantragung einer Inklusionshilfe für die Kita ist nach meiner eigenen Erfahrung nicht besonders aufwendig: dies geschieht mittlerweile per Online-Antrag beim Landschaftsverband, Unterlagen müssen natürlich mit eingereicht werden (digital möglich). In unserem Fall konnte die Hilfe ca. 4 – 5 Monate nach Beantragung beginnen, das halte ich für vertretbar.
Nachfragen beim LVR ist zu empfehlen, wenn zunächst keine Reaktion kommt ; )
Jedoch kann ich bestätigen, dass die bewilligten Stunden unter der erhofften Zahl bleibt und die Kita dadurch nur eine leichte Entlastung erfährt.
Da muss ich Ihnen leider widersprechen. Es ist sehr aufwändig und oft werden viel weniger Stunden bewilligt als notwendig. Wir hatten teilweise eine Dauer von elf Monaten, bis eine Bewilligung kam.
Der bürokratische Aufwand wird der Sache nicht gerecht und man darf nicht vergessen, dass auch dort mittlerweile gespart wird, denn man hat festgestellt, dass gerade beim LVR sehr viele Inklusionassistenten bewilligt wurden (weil notwendig!).
Es sitzen dort oft Leute, die am Schreibtisch entscheiden, ob ein Kind eine Assistenz bekommt. Die Stunden, die bewilligt werden, sind extrem zurückgegangen. Ein Kind, dass 45 Stunden da ist, hat nur 25 Stunden Bewilligung. Und den Rest der Zeit? Egal? Vielleicht haben sie Glück gehabt, dass sie “nur“ 4 oder 5 Monate warten mussten – wobei, begleiten Sie mal ein Kind ohne Assistenz aus dem AS S. Diese Kinder sind sehr oft überfordert und brauchen Ruhe und reizarme Räume und nicht massenhaft Kinder um sich rum.
Keine Kita Leitung würde sagen, dass das wenig aufwändig ist. Ich brauche mittlerweile einen Tag pro Woche nur um mich um Anträge und alles was damit Zusammenhängen zu kümmern.