Als Kind ist Eckard Alker aus Ratibor geflohen, nach Bergisch Gladbach. Er hat als Grafiker und Dozent gearbeitet, versteht sich als „Ackerer“ und hat immer der Kunst den Vorzug gegeben. Im Gespräch erzählt er von Flucht und Heimat, von Schattenfiguren und seiner Liebe zur surrealen Bildwelt. Der Besuch bei Eckard Alker in Lustheide wird dabei zu einer Reise durch ein fantastisches Universum.
Eckard Alker liebt das Gärtnern – das hätte er sich auch gut als Beruf vorstellen können, erzählt er lachend. Doch dann wurde er Künstler. Entspannt sitzt er mit seinem Sohn Daniel in der hellen Veranda, vor sich eine Tasse Kaffee und ein Stück Schokolade. Durch die großen Fenster blickt er versonnen in den Garten.
Dass er Künstler wurde, erklärt er mit seiner Biografie, die schon früh prägend war. 1945, mit neun Jahren, musste er seine Heimat Ratibor nahe der polnisch‑tschechischen Grenze verlassen. „Das ist etwas, das ich gern verdränge“, sagt er.

Er erinnert sich, wie seine Mutter nach einem Telefonat mit dem Vater sagte: „Die Front ist sehr nahe. Wir müssen zur Großmutter nach Bautzen.“ Als Bautzen zerbombt wurde, floh die Familie weiter nach Altenburg in Thüringen, wo der Vater im Tagebau Arbeit fand.
Schließlich holte ein Onkel sie nach Bergisch Gladbach. Sie mussten illegal über die Grenze. Alker erinnert sich noch an das Auffanglager auf dem Zanders-Gelände – Matratzen eng an eng in einer großen Halle. „Damals nannte man uns Rucksackdeutsche. Wir waren Fremde. Vielleicht ist das der Grund, warum ich zur Kunst kam – um etwas loszuwerden.“
Licht und Schatten
Darüber habe er oft nachgedacht, sagt Alker und zeigt auf die Bilder in seinem „blauen Salon“, wie er die kleine Küche mit den königsblauen Bodendielen nennt. Zwischen Gewürzen und Gläsern hängen dort Kunstwerke, bevölkert von geheimnisvollen Schattenfiguren, die aus ihrer zweidimensionalen Welt auf den Betrachter blicken – als wollten sie ihn in ihre Geschichte hineinziehen.
„Ich bin Kinogänger“, erzählt Alker, der am 21. Februar 1936 geboren wurde. „Diese Leidenschaft begann schon beim Stummfilm. Oft sah man zuerst den Schatten, dann die Figur. Die Sprache war noch nicht da – die Inszenierung ersetzte den Text.“
„Die Schlesier haben eine Beziehung zum Surrealen, zum Traumhaften – zum Spinnerten“, lacht er. Dinge, die banal erscheinen, könnten in eine andere Sphäre überführt werden – das sei Teil der Bildqualität. Der Laie, sagt er, beurteile oft nur das Handwerk, das was er Können nennt – nicht das Geheimnis dahinter.

Lehre von Kunst und Können
Diese Freude am Entdecken verschiedener Sichtweisen gab er auch an seine Studierenden weiter. 1979 bis 1991 lehrte er im Grundstudium der Malerei an den Kölner Werkschulen.
„Die meisten Studenten saßen immer an derselben Stelle und sahen dasselbe Stillleben aus derselben Perspektive“, erzählt er. „Ich habe sie aufgefordert, aufzustehen, herumzulaufen – die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln wahrzunehmen.“
Sie sollten außerdem persönliche Objekte mitbringen, die ihnen etwas bedeuteten, um sie zu studieren und in Beziehung zu setzen. So entdeckten viele, dass sich ein Motiv ständig verändert.
Jeder Studierende sollte seinen eigenen Strich behalten. „Man konnte beobachten, wie ein Dutzend Zeichnungen derselben Person ganz unterschiedlich aussah – nicht fotorealistisch, sondern interpretiert.“
An den Werkschulen trafen Kunst‑ und Grafikstudenten aufeinander – eine inspirierende Mischung, wie Alker sagt: „Da kamen Gespräche auf wie: ‚Warum zeichnest du das so groß? Das kriegt man doch nicht verkauft.‘ Und die Antwort war: ‚Weil es mich interessiert.‘“
Dieses Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Angewandtem sei verloren gegangen, als die Fachrichtung Kunst abgeschafft wurde.

Mehr Kunst und Leben
Alker weiß, wovon er spricht. Er arbeitete als Zeichner im Römisch‑Germanischen Museum und später als Grafiker in einer Werbeagentur. Heute hilft ihm sein Sohn Daniel, seine surrealen Ideen digital umzusetzen – eine Zusammenarbeit, die mit der ersten Digitalkamera begann, die der Sohn ihm schenkte. „Digital konnte ich direkter arbeiten – ohne zeit‑ und kostenaufwendige Abzüge.“
Schließlich gab er den Lehrauftrag auf, um sich ganz der eigenen Kunst zu widmen. „Das habe ich immer priorisiert, egal, womit ich mein Geld verdient habe“, sagt er. Das habe zu Spannungen in der Familie geführt – aber auch zu einem Werk, das über Jahrzehnte gewachsen ist.
Künstlerische Vita
1936 Geboren in Ratibor
1954 Abschluss der Malerlehre mit Gesellenbrief
1955–1960 Studium der Malerei und Grafik bei den Professoren A. Wolff, H. Schaffmeister, H. Hußmann und O. H. Gerster
1960 Beginn der Ausstellungstätigkeit
1961 Zeichner am Römisch-Germanischen Museum Köln bei Prof. Dr. Doppelfeld
1963–1966 Szenenbild-Assistent beim WDR Fernsehen Köln
1964 Heirat mit Krista Dehmel – Kinder: Daniel, Felix, Moritz
1966–1970 Grafikdesigner, Layouter und Art Director in der Agentur Dr. Lorenz und Bogo, Bergisch Gladbach
Seit 1970 Freischaffender Maler und Grafiker
1979–1991 Lehrauftrag an der Fachhochschule für Kunst und Design Köln
1979–1992 Atelier im Malerwinkel, Bensberg
1981 Förderpreis Schlesien des Landes Niedersachsen Kunstpreis der Kaufhof AG
Künstlerseite: www.eckard-alker.de
„Das meiste ist Ackerei“, meint er. „Man kann nicht sagen: Du hast jetzt ein Bild gemacht, das wird verkauft. Es häuft sich an – und das kann auch zur Belastung werden.“ Da er ein „Ackerer“ sei, entstehe viel; deshalb bemühe er sich, Werke in Sammlungen unterzubringen, schon um die Nachkommen zu entlasten. Einige Werke konnte er bereits als Schenkung in namhafte Sammlungen übergeben.
Die erste und auch die letzte Ausstellung 2024 der Galerie Schröder & Dörr in Refrath hatte Eckard Alker gestaltet. Die Galerie zeigt einige Szenen der Vernissage der Ausstellung „WAS ABER SCHÖNHEIT SEI; DASS WEISS ICH NIT“.
Forschung im Wunderland
Alkers Werke gelten als surreal, weil sie Symbolismus, Traumwelten und das Unbewusste miteinander verbinden. Seine Bilder sind Rätsel, reich an grafischen und erzählerischen Ebenen, die Betrachter dazu einladen, Symbole zu deuten und in eigene Gedankenräume einzutreten.
Wer dabei an Lewis Carrolls Alice im Wunderland denkt, liegt richtig. Überall im Haus begegnet man Hasen und einer blauen Alice – Relikte der Ausstellung und des Kunstbuchs „Alice – Schattenspuren” (1997), das Alker seinen Enkeln widmete.
Das ganze Haus ist bevölkert von zauberhaften Wesen – Objekten aus zerbrochenen Teetassen, Kissen, Blumentöpfen –, die im wechselnden Tageslicht zum Leben erwachen.
Unzählige Varianten von Hasen, Schatten, Landschaften: erforscht im häuslichen Habitat.
Leichtfüßig steigt Alker die schmale Treppe hinauf in sein Atelier, vorbei an gestapelten Kunstbüchern und geschichteten Bildern. Es riecht nach Terpentin; auf der Staffelei steht ein angefangenes Gemälde in Gelbtönen.
Seine nächsten Ausstellungen sind bereits geplant: am 8. Mai 2026 in Ratibor, parallel in Bensberg im Basement 16 und im Martin‑Luther‑Haus in Altenberg.
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