Mit 40 Stundenkilometern flitzen die Waggons bergauf und bergab, 13 Runden pro Minute: Der Musikexpress gehört zu den Klassikern auf der Bergisch Gladbacher Pfingstkirmes, Betreiber Michael Krause ist ein Schausteller-Urgesteinen. Wir haben ihn und sein Team beim tagelangen Aufbau begleitet und hinter die Kulissen des Kirmes-Betriebs geschaut.

Vier Minuten dauert eine Fahrt mit dem Musikexpress – der Aufbau fast eine Woche. Bis die 20 Waggons in rasantem Tempo auf der Pfingstkirmes bergauf und bergab im Kreis herumsausen, mal vorwärts, mal rückwärts, leisten Schausteller Michael Krause und sein vierköpfiges Team tagelang Schwerstarbeit.

Der Musikexpress-Trupp ist bereits am Sonntagabend mit einem Fuhrpark aus Sattelschleppern, Anhängern, Wohncontainern, Lastwagen und Wohnmobil in Bergisch Gladbach angekommen. Eröffnet wird die Kirmes auf dem Konrad-Adenauer-Platz am Samstag. 

Krause gehört mit seinem Fahrgeschäft-Klassiker zu den Urgesteinen der Pfingstkirmes: Er ist seit 1994 in Bergisch Gladbach dabei. Zunächst mit dem „Roll-Over“, seit dem Jahr 2000 mit dem jetzigen Musikexpress, aus dem Baujahr 1979. Seine Familie hat früher eine Raupenbahn betrieben, 1967 den ersten Musikexpress angeschafft.

Michael Krause. Foto: Thomas Merkenich

Kirmes im Herzen der Stadt

„Als Schausteller in siebter Generation hatte ich von zu Hause keine andere Wahl“, sagt der 55-Jährige. „Ich freue mich jedes Mal auf Bergisch Gladbach. Ich bin Ostwestfale und mag die rheinländischen Menschen sehr.“ Außerdem habe die Kirmes hier genau den Standort, wo sie hingehöre: „Im Herzen der Stadt.“

Ob es sein Traumberuf sei? Krause überlegt eine Weile. „Sagen wir mal so: Ich passe da rein. Man wird älter, der Job ist anstrengend. Aber ich finde den Musikexpress klasse, weil er ein Allrounder ist für verschiedene Altersklassen.“ 

Als seine Tochter klein war, ist er mit ihr zusammen gefahren. Inzwischen ist sie „fast zwölf und fährt – wenn überhaupt – allein. Aber mittlerweile ist es nicht mehr so der Kick für sie“. Krauses Familie reist ihm am Wochenende hinterher. Unter der Woche geht seine Tochter zu Hause in Bielefeld zur Schule. Bei Krause selbst war das anders: Er besuchte ein Internat für Schaustellerkinder in Herford – zusammen mit vielen Freunden und Bekannten, Cousins und Cousinen. 

Zuhause im Wohnwagen

Krause und sein Team sind am Sonntag die Ersten auf dem Parkplatz an den Stadthäusern, der für die Schausteller:innen vor und während der Kirmes zum temporären Zuhause wird. Die Schausteller wohnen in kleinen Abteilen in zwei sogenannten Mannschaftwagen. Der Chef lebt (zeitweise mit seiner Familie) in einem geräumigen Wohnmobil, das gleich daneben parkt. 

In den folgenden Tagen wächst ein Dorf aus Wohnwagen heran, der Parkplatz ist irgendwann voll, nachfolgende Schausteller:innen reihen sich auf der gesperrten Zufahrtsstraße zum Markt aneinander. Der Busverkehr ruht in diesem Bereich zu Kirmeszeiten. 

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Busse, Parken, Markt: Das ändert sich vor und während der Kirmes

Die Pfingstkirmes findet von Samstag, 23. Mai, bis Dienstag, 26. Mai, in Bergisch Gladbach auf dem Konrad-Adenauer-Platz und rund um den Bergischen Löwen. Damit Fahrgeschäfte, Buden und Schaustellerfahrzeuge genügend Platz finden, gibt es einige Änderungen für Wochenmarkt, Parkflächen und Busverkehr.

Neun Monate im Jahr ist das Team mit dem Musikexpress auf Kirmessen und Jahrmärkten unterwegs. Und nach der letzten Kirmes im November steht der Weihnachtsmarkt in Bielefeld an. Dort betreibt Krause die größte Weihnachtspyramide in NRW.

Warten auf den Strom

In Bergisch Gladbach beginnt der Aufbau am Montag für Krause und sein Team mit stundenlangem Warten, dass der Regen nachlässt – und auf Strom. „Vorher können wir nix machen“, sagt Krause. Die auf Kirmes und andere Veranstaltungen spezialisierte Elektrofirma sei personell unterbesetzt. Und so ruht das noch eingefahrene Fahrgeschäft auf dem Tieflader gleich neben dem Brunnen auf dem Marktplatz.

„Wir haben täglich ein Minimum, das wir beim Aufbau schaffen müssen und ein Maximum, was wir schaffen können“, sagt Krause. Er wirkt angespannt, das Warten kostet wertvolle Zeit. 

Einige Stunden später ist er zuversichtlicher: Die Stromversorgung steht, das Fahrgestell ist ausgefahren, die Sonne scheint. Die Mitarbeiter klettern auf dem Gerüst herum, Krause steht unten und gibt Anweisungen. Gegen 19.30 Uhr ist schließlich das Minimum geschafft, das Dach mit der bunten Plane darüber ist fertig. Feierabend für heute.

Das Leid mit der Bürokratie

Was sich im Laufe der Jahrzehnte verändert hat? „Die endlose Bürokratie. Alles muss dokumentiert werden. Das hat extrem zugenommen und nervt“, findet Krause. Sicherheitsvorschriften, Arbeitsabläufe, Kassenberichte, ein Leiterbuch, das über die regelmäßigen Kontrollen der Leiter Auskunft gibt.

Am Dienstag hat sich der Marktplatz bereits mit weiteren Fahrgeschäften und Buden gefüllt. Das – von einer blauen Plane verdeckte – Kinderkarussell und die kleine Achterbahn „Ring Renner“ stehen schon. Es lässt sich mehr und mehr erahnen, was die Kirmes-Besucher:innen in ein paar Tagen hier erwartet.  

Laser statt Wasserwaage

Heute wird die Sohle des Musikexpress ausgelegt, die aus unterschiedlich langen und hohen Metallstangen besteht, die das Gewicht tragen. Ein Laser ersetzt die klassische Wasserwaage und signalisiert akustisch, ob die Stangen richtig liegen. Auch beim Autoscooter nebenan und dem Frisbee gegenüber wird gehämmert und konzentriert gewerkelt. 

Mittagspause. Krause verschwindet in seinem Wohnmobil. Auf dem Parkplatz herrscht Camping-Feeling. Einige Schausteller:innen haben Tische und Stühle vor ihre Wohnwagen gestellt, vor anderen stehen Blumentöpfe, Getränkekisten und Wäscheständer. 

Kai Koslowski macht in seiner Wohnkammer Chili con Carne auf einer Kochplatte warm. „Selbst gekocht, nach dem Rezept meiner Oma“, sagt der 42-Jährige stolz. Er koche fast immer selbst, „das geht sonst ins Geld. Und immer Döner oder Essen von der Kirmes kann man irgendwann nicht mehr sehen“. 

Spartanische Einrichtung

In seiner Kammer steht ein Stockbett, Koslowski schläft unten, die obere Etage dient als Ablage. „Ich hab hier alles, was ich brauche: Schränke, einen Kühlschrank, eine Heizung“, sagt der gebürtige Hamburger. Neben seiner Kabine befindet sich das Bad, mit Toilette und Dusche. Die Schausteller:innen kennen sich untereinander fast alle. Manchmal sitzen sie abends zusammen, grillen oder trinken Bier. 

An der Bergisch Gladbacher Kirmes schätzt Koslowski die Lage der Unterkünfte, in Sichtweite der Kirmes. Nicht nur bei seiner Lieblingskirmes, der Allerheiligen-Kirmes in Soest sei das anders: „Da wohnen die Schausteller auf einem Campingplatz mehrere Kilometer von der Kirmes entfernt. Hier ist das sehr komfortabel.“ 

Was viele nicht wissen: Das ist schwere, körperliche Handarbeit.Kai Koslowski

Koslowski ist gelernter Tischler und Lagerist und inzwischen seit 20 Jahren in der Schaustellerbranche. Seine drei Kinder sind inzwischen erwachsen. Wenn er in der Nähe ist, kommen sie zu Besuch. „Die Familie muss zurückstecken“, das sei ein Nachteil des Jobs. „Und was viele nicht wissen: Das ist schwere, körperliche Handarbeit.“ 

Beim Musikexpress werde alles von Hand gemacht: Sogar die Waggons werden alle einzeln zusammengebaut, ebenso das sogenannte Reko-Häuschen, die Schaltzentrale des Fahrgeschäfts. Von hier aus startet der Rekommandeur die Waggons des Musikexpress, steuert Licht und Musik. Und – nicht zu vergessen – unterhält Fahrgäste und Zuschauer:innen mit Ansagen und Sprüchen.

Kai Koslowski, Foto: Thomas Merkenich

Sprüche und Ansagen des Rekommandeurs

„Der Job des Rekommandeurs ist heißbegehrt“, weiß Marco Spill. „Man braucht Spaß und gute Laune. Dann kommen die Sprüche von allein.“ Er ist in dieser Saison neu dabei, probeweise. „Ich kenne den Musikexpress schon seit meiner Kindheit.“ Genau wie Krause kommt der 46-Jährige aus Bielefeld, hat schon bei anderen Schaustellern und Fahrgeschäften gearbeitet, unter anderem beim Breakdance.

Er sei im Laufe der Jahre in das Geschäft reingerutscht. „Für mich ist das ein Traumjob,“ sagt Spill. Gern würde er fest für Krause als Rekommandeur arbeiten. „Mal schauen, wie es läuft.“ Seinen Unterarm zieren große Musiknoten, sie ähneln denen aus Metall am Geländer des Fahrgeschäfts. 

Marco Spill, Foto: Thomas Merkenich

Musik, Nebel und Lichteffekte

Foto: Thomas Merkenich

Die Auswahl der jeweiligen Musik – und ihrer Lautstärke – richte sich nach dem Publikum und der Tageszeit. Ebenso die Ansagen. „Abends ist es deutlich lauter, es gibt andere Lichteffekte und mehr Nebel. Und die Sprüche sind nachmittags familientauglicher“, erklärt Spill.

Die meisten würden live eingesprochen, manche vorab aufgenommen und dann bei Bedarf abgespielt. 

Als Neuling schläft Spill in einer der kleinsten Kabine, in der neben einem Stockbett nur wenig Stauraum für persönliche Dinge und einen winzigen Kühlschrank bleibt. „Mir reicht das“, sagt der 46-Jährige. 

Ein Herz für Schausteller

Im Hintergrund rangiert ein Lkw-Fahrer. Kirmes-Organisator Burkhardt Unrau weist ihn ein. Er ist an den Tagen des Aufbaus fast permanent auf oder um das Kirmes-Gelände herum anzutreffen. Alle grüßen den Ehren-Schausteller, er winkt, bleibt immer wieder stehen, wechselt hier ein paar Worte, beantwortet Fragen, packt mit an, richtet die Schlaufe in einem Schlauch, der eine Stolper-Falle ist.

„Es ist so schön, wenn die Schausteller in der Stadt sind. Die bringen Freude mit.“ Unrau gerät ins Schwärmen. Auch wenn er den Job schon seit 1980 mache, „ehrenamtlich, ich habe noch nie einen einzigen Cent dafür bekommen“, sei jede Kirmes ein Abenteuer. „Man weiß nie, was passiert, welche Probleme auftreten. Aber es gibt nichts, was man nicht lösen kann“, so Unrau. 

Aus dem Archiv

Burkhardt Unrau: Dieser Mann ist Kirmes

Wenn man Burkhardt Unrau lässt, dann redet er 30 Minuten Nonstop über sich. Pardon, nicht über sich, sondern über die Kirmes: Er schwärmt vom Volksfest Kirmes, kämpft für das Brauchtum Kirmes, sorgt sich um das Geschäftsmodell Kirmes.

„Wir hatten kein Facebook, wir hatten die Beatles”

Dieser Mann ist Kirmes, und sehr viel mehr. In der Sprechstunde blickt Burkhardt Unrau auf seine Jugend, Arbeit und Engagement in der Stadt – als Chef des JUC und als Kirmesmacher. Er legt ein Bekenntnis für seine Heimatstadt ab und nimmt sich heiße politische Themen vor. Höhere Steuern? Na klar.

Viele der Schausteller kennt der 73-Jährige seit seiner Kindheit. „Ich wurde an einem Kirmessonntag geboren und bin auf der Kirmes aufgewachsen“, berichtet er. Sein Vater war 40 Jahre beim Ordnungsamt für die Organisation der Kirmes zuständig. Viele Menschen wüssten gar nicht, was die Schausteller:innen leisten, dass Kirmes Schwerstarbeit bedeute.

Michael Krause und Burkhardt Unrau, Foto: Thomas Merkenich

Lichtkontrolle von unzähligen Glühbirnen

Inzwischen führen Krauses Mitarbeiter eine Lichtkontrolle durch, bevor später das Fahrgeschäft hochgefahren wird. „Dann kommt man nicht mehr an die Lampen ran“, erklärt Spill. Rund 40.000 Glühbirnen brachten den Musikexpress früher zum Strahlen. Durch moderne LED-Technik sind es inzwischen deutlich weniger. Die genaue Zahl kennt der Chef nicht. 

Bis Dienstagabend werden die grünen und pinkfarbenen Bodenplatten und die metallischen Riffelbleche verlegt, Lichtgitter an die Decke gehängt, das Reko-Häuschen zusammengebaut und aufgestellt, ein Kran platziert das Kassenhäuschen vor dem Fahrgeschäft. 

Einbau der Waggons

Am Mittwoch bauen die Männer die Waggons ein, zuerst die Achsen, dann schrauben sie die Einzelteile zusammen – Außenwände, Boden, Sitzbank, Bügel. „Sicherheit ist das A und O bei uns“, sagt Koslowski. Alle Bügel der Waggons werden von Hand geschlossen und wieder geöffnet. 

40 km/h schnell fährt der Musikexpress, „wegen der Kreis-Wellen-Bewegung kommt einem das aber schneller vor“, sagt Spill. Auch wenn zwischendurch immer mal wieder Leute „Stop! Anhalten!“ schreien: „Das können wir nur bei einem wirklichen Notfall mit einer Notbremsung machen. Da steckt zu viel Kraft hinter“, erklärt Koslowski. Jeder Waggon komme auf 13 Umdrehungen pro Minute. „Die Geschwindigkeit unterschätzen viele. Ab und zu haben wir ein paar Kotzis.“ 

Foto: Thomas Merkenich

Die Sache mit der Sicherheit

Alle zwei Jahre macht der TÜV einen großen Sicherheitscheck, kurz vor jeder Eröffnung gibt es eine Abnahme, in Bergisch Gladbach macht das am Donnerstagmittag das städtische Bauamt. Danach putzen die Schausteller-Kollegen Schienen und Waggons, polieren die Scheiben des Kassenhäuschens und die Musiknoten, damit alles glänzt. 

Der ganze Aufbau in Bildern

Entspannung vor der Eröffnung

Dann ist es geschafft. Die Stimmung ist gelöst, „heute machen wir mal was früher Feierabend“, sagt Koslowski und lacht. Freitag ist der entspannteste Tag für die Schausteller, es bleibt ihnen etwas Freizeit, bevor dann am Samstag die Kirmes eröffnet wird.

„Mit dem Musikexpress baut man sich ein Publikum auf“, berichtet Krause. Manche Stammgäste, die er etwa vom Pützchens Markt aus Bonn kenne, kämen nach Bergisch Gladbach und umgekehrt. Vier Tage lang – von Samstag bis Dienstag – wird der Musikexpress seine Runden drehen, wird es unzählige Male heißen: „Die nächste Fahrt geht rückwärts.“ 

Dienstagnacht, nach dem großen Abschluss-Feuerwerk, fangen Krause und sein Team sofort damit an, wieder abzubauen. Sieben bis zehn Stunden dauere das im Normalfall. Mittwochmorgen holen die Schausteller dann noch ein paar Stunden Schlaf nach, bevor es mit dem Fuhrpark zur nächsten Kirmes geht. 

Wenn alles aufgebaut ist, alle Wartungsarbeiten erledigt, Kabel und Glühbirnen überprüft und gegebenenfalls ausgetauscht und repariert sind, steht am Nachmittag die Probefahrt an – ohne Fahrgäste. „Da checken wir, ob alles funktioniert und rund läuft“, erklärt Koslowski. Gegebenenfalls wird nachjustiert, wird ein Bock unter dem Fahrgeschäft höher oder niedriger gestellt.


In eigener Sache: Das Bürgerportal setzt die Reihe „GL spricht“ auf der Kirmes fort. Bei Freifahrten im Riesenrad bringen wir am Dienstagnachmittag interessante Gesprächspartner zusammen. Wenn Sie mitmachen wollen können Sie sich hier eintragen – dann halten wir Sie auf dem Laufenden.


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ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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