Mahyar Noorejahan ist Künstler. Doch das war nicht immer so. Sein Leben ist ein Herantasten an das, was von Anfang an unausweichlich war. Und doch dauerte es beinahe ein halbes Jahrhundert, bis er sich zugestand, seine Geschichte in Farbschichten auf Leinwand zu bannen. Das Ergebnis ist diese Woche in den Lux-Hallen zu sehen.
Leerräume spielen in Mahyar Noorejahans Kunst eine wichtige Rolle. Ein Leerraum ist auch der Ort, an dem er seine Werke jetzt zum ersten Mal solo ausstellt: die Lux-Hallen in Heidkamp, einst Sitz des Baustoffhandels Lux, seit einem knappen Jahr ein offener Ort für Kultur und Begegnung.
Was das mit Mahyars Geschichte zu tun hat, mit seiner Herkunft aus dem Iran, seinem Studium der Yoga-Philosophie und seiner Migration nach Deutschland, werden wir im Folgenden aufdecken. Schicht für Schicht.
Denn Mahyar sagt, „Lebenserfahrungen sind wie Farbschichten.“ Und genauso sind auch seine Bilder aufgebaut: mehrere Farbschichten übereinander, immer wieder aufgebrochen von Kratzspuren. Leerräumen.

Erste Schicht: Aufwachsen im Iran
„Das iranische Gehirn ist kompliziert, weil es sich immer selbst zensiert“, sagt Mahyar. Er kommt 1976 in Teheran zur Welt, wächst damit auf, stets zu überlegen, ob er etwas sagen kann oder es besser ungesagt lässt. Leer.
Er muss sogar doppelt aufpassen: Mahyar gehört der Bahai-Gemeinschaft an, der größten nicht-muslimischen Minderheit im Iran, die vom Regime systematisch verfolgt und unterdrückt wird.
Die Bahai glauben an die Einheit Gottes, der Menschen und der Religionen. Humanität und Bildung sind zentrale Säulen ihrer Lehren und Kern des menschlichen Lebenszwecks.
Mit diesen Prinzipien wird Mahyar groß. Und mit dem Geruch von Ölfarben. Sein Vater ist offiziell Ingenieur und inoffiziell Künstler. Letzteres lebt er zu Hause aus. Dass auch sein Sohn, der sich von klein auf für Kunst und Kultur interessiert, das so tun wird, steht für ihn außer Frage.
Im Iran, sagt Mahyar, geht es zuerst ums Überleben. Dafür muss man etwas „Vernünftiges“ studieren. Mahyar wählt Maschinenbau. Arbeitet nebenbei fürs iranische Energieministerium und schreibt fünf Bücher für Kinder, über Wasser und Energie.
Später veröffentlicht er auch einen Gedichtband für Erwachsene. Aber das erwähnt er nur am Rande.
Nach dem Studium muss er, wie alle Iraner, zwei Jahre Militärdienst absolvieren. Viel Zeit um nachzudenken, darüber, was er von seinem Leben will. Die Antwort, die Mahyar in sich findet, ist eindeutig: „Kunst und Kultur.“
Zweite Schicht: Im Dienst der Kunst
Zurück im zivilen Leben eröffnet Mahyar ein Atelier für Rahmen und Passepartouts. „Ich wollte mit Künstlern verbunden sein.“ Selbst Künstler zu werden – diesen Gedanken traut er sich zu dem Zeitpunkt noch nicht zu denken. Er bezeichnet sich als „Mitarbeiter der Kunst“, jemand, der Künstlern einen „Service“ erbringt.
Diese zurückgenommene Bescheidenheit strahlt er auch heute noch aus, inmitten seiner ersten Solo-Ausstellung als aktiver Künstler. Aber dazu später.
Mahyars Atelier wird zu einem der beliebtesten in Teheran – „vielleicht das zweit- oder dritt-besonderste“, sagt er vorsichtig – weil er jeden Rahmen und jedes Passepartout individuell anfertigt. „Ich habe immer nach der Idee, der Geschichte der Bilder gefragt, und versucht, den Rahmen in Harmonie damit zu erstellen.“
15 Jahre führt er das Atelier, hat am Ende zehn Mitarbeiter. Und sein Vater? „Er hat das nie akzeptiert“, sagt Mahyar und lacht. Nicht böse, nicht enttäuscht. Ein purer Fakt.
Dritte Schicht: Geistige Medizin

Parallel zu seiner Annäherung an die Kunst studiert Mahyar ein zweites Mal – am „Vedic Science Institute“. Zwölf Jahre lang beschäftigt er sich dort mit Yoga-Philosophie, der traditionellen indischen Heilkunde Ayurveda, dem alten indischen Wissen Veda und der vedischen Astrologie Jyotisha.
Was ihn ursprünglich ans Institut geführt hat, war das Interesse an Ayurveda. „Mein Uropa war traditioneller Arzt, er praktizierte die alte iranische Medizin“, erzählt Mahyar. „Ich glaube, dieses Blut ist in meinem System.“ Er lacht.
Was Ayurveda und traditionelle iranische Medizin gemeinsam haben: Sie suchen nach der Wurzel eines Problems, um es zu lösen. Kein Schema F, sondern individuelle Fragen nach der Idee, der Geschichte einer Person. Wie Mahyars Service im Rahmenatelier.
Das war eine wunderbare Welt für mich
Am Institut findet er aber noch viel mehr. Nämlich „die geistige Medizin“, wie er sagt. Eine tiefe Philosophie. Ein logisches Denksystem. Einen Mechanismus, um das eigene Leben zu betrachten und das Innere zu verstehen.
„Das war eine wunderbare Welt für mich“, sagt Mahyar und lächelt.

Als sein Meister nach zwölf Jahren sagt, er könne nun seine eigene Schule eröffnen, lehnt er ab: Er will im Schatten seines geistigen Vaters bleiben. So arbeitet er ihm drei Jahre als Lehrer zu. Im Hintergrund – im Service.
Vierte Schicht: Migration
2015 wird die Situation im Iran schlimmer, der Druck auf die Bahai nimmt zu. Mahyar flieht in die Türkei. Arbeitet für das persische TV-Unternehmen GEM TV, das dort produziert.
2017 wird dessen Gründer Saeed Karimian in Istanbul erschossen. Mahyar arbeitet drei Monate lang weiter von zu Hause aus, telefoniert nur noch über eine sichere Telefonleitung.
2018 flüchtet er weiter nach Deutschland. Durchläuft den ganzen Prozess des Asylverfahrens, parallel die Corona-Pandemie. Als er danach endlich arbeiten darf, öffnet er Google Maps und sucht nach „Kunst-“ und „Designateliers“ in der Nähe. Er wird fündig, schreibt eine E-Mail – „übersetzt mit Google Translate, mit wahrscheinlich dem schlechtesten Lebenslauf aller Zeiten“, sagt Mahyar und lacht.
Zehn Minuten später klingelt sein Telefon, am nächsten Tag beginnt er zu arbeiten, als Tischler im „Designatelier Schmalenbach“ in Gummersbach.
Mit Respekt, Toleranz und Humanität können wir gut anfangen
Er hatte schon in seinem Rahmenatelier mit Holz gearbeitet, aber in Deutschland, sagt er, seien die Qualität und die Sensibilität der Arbeit höher.
Wenn man migriert, wechselt man nicht einfach nur ein Land, erzählt Mahyar: Man wechselt in eine Umgebung, in der ganz andere kulturelle Codes gelten, andere Werkzeuge benutzt werden – im buchstäblichen Sinne, aber auch im übertragenen. Auch in sozialen Beziehungen.
Das sei schwer, aber nicht unmöglich: „Mit Respekt, Toleranz und Humanität können wir gut anfangen.“
Die Arbeit hilft ihm, anzukommen. Freundschaften zu schließen. Sich zu integrieren. Er fühlt sich wohl und möchte hierbleiben, denn „diese Ordnung in Deutschland kann all meinen Stress wegmachen.“ Lächeln.
Fünfte Schicht: Eine neue Gefühlssprache
Die Arbeit hilft Mahyar auch, sich zu öffnen. Mut zu fassen – und endlich selbst Kunst zu machen. „Erst war ich ein bisschen schüchtern. Ich habe gedacht: Ich muss doch anderen einen Service geben. Mich selbst auf einer Leinwand zu erklären ist unhöflich.“
Er lacht leise, seine Augen leuchten. „Aber dann habe ich mit mir selbst geredet und habe mir gesagt: Ich habe auch meine Geschichte.“
Das kleine Zimmer in dem er zu dem Zeitpunkt wohnt, die eineinhalb Quadratmeter große Küche – alles ist bald voller Farben. Mahyar malt und malt. „Das war nicht gut, das war mehr als gut“, sagt er und strahlt. „Weißt du, ich habe mich gefühlt wie neugeboren.“
Gerade einmal drei Jahre ist das jetzt her, über 200 Gemälde sind seither entstanden. Er habe wohl alle Erfahrungen seines Lebens in diesen Bildern verarbeitet, sagt Mahyar: „Wahrscheinlich ist das meine Gefühlssprache.“
Farbschichten
Schicht für Schicht bringt er seine Erlebnisse aus fünf Jahrzehnten auf die Leinwand, und er ist noch lange nicht fertig. Inzwischen hat er von einer befreundeten deutschen Familie eine 40-Quadratmeter-Wohnung gemietet plus zwei Räume, die er als Atelier nutzen kann. Dort stehen drei große Stative und ein Tisch, „und ich tanze dazwischen.“ Jeden Tag. Manchmal auch mitten in der Nacht.
Im ersten Jahr seines Schaffens nimmt er bereits an einer Gruppenausstellung teil. Im zweiten nimmt eine Galerie drei seiner Werke mit auf die Paris Art Fair – und verkauft zwei davon.
Er träumt davon, irgendwann nicht nur an einem Ort zu leben und zu malen, sondern dort auch noch eine Galerie zu haben. Und von seiner Kunst leben zu können.
Nun aber erst einmal die erste Solo-Ausstellung. „Hier kann ich meine eigene Geschichte erzählen“, sagt Mahyar, nun ein bisschen selbstbewusster.

Leerräume
19 Bilder hat er für die Lux-Hallen ausgewählt, alle aus 2026, alle abstrakt und mit einer ähnlichen Thematik: das „Nichtsein“, die „unsichtbaren Dimensionen menschlicher Erfahrung“. Die Leerräume. Da sind wir wieder.
Mahyar erklärt: In der östlichen Philosophie, die er am Vedic Science Institute studierte, gibt es drei große Bücher der Selbsterkenntnis. Eines davon ist „Daodejing“ von Lao Tse. Darin heißt es, wir Menschen bauen unsere Häuser aus Holz und Stein. Doch der Ort, an dem wir wohnen, ist der Leerraum dazwischen.
„Wirkung des Nichtseins“
Lux-Hallen
Oehmchenstraße 18
51469 Bergisch Gladbach
Website
Die Ausstellung kann bis Freitag, 5. Juni, nach Terminabsprache mit Mahyar Noorejahan (mnoorejahan@gmail.com) besucht werden.
Ein unsichtbarer Raum, der erst durch den Rahmen vom Nichtsein ins Sein wechselt. Eine Bedeutung bekommt, eine Repräsentation.
So wie Mahyars Geschichten erst durch die Farbschichten auf der Leinwand eine Bedeutung bekommen, eine Repräsentation. Obwohl sie selbst unsichtbar bleiben.
Und dann ist da noch eine weitere Schicht, die irgendwie in alle Schichten gehört – oder vielleicht in die Leerräume dazwischen:
Die Musik
Seit er zehn Jahre alt ist, macht Mahyar Musik. Erst spielt er Santur, ein traditionelles iranisches Hackbrett-Instrument, Vorfahre unter anderem des Cembalo und der Harfe. „Aber das geht nach außen“ – Mahyar hält die Hände weit vor sich –, „man muss daran sitzen.“
Er wechselt zum Tambur, einer über 2000 Jahre alten Langhalslaute mit drei Saiten und 14 Bünden. Mahyar deutet an, etwas in die Arme zu schließen, und sagt lächelnd: „Den Tambur müssen wir umarmen.“
Das tut er dann auch, zusammen mit seiner Freundin Raheleh Foyuzi – einer studierten Musikerin und Psychologin, die ihm vor acht Monaten endlich nach Deutschland folgen konnte.
Der zurückgenommene, metallische Klang der zwei Tamburs und Mahyars und Raheles melodischer, fast meditativer Gesang erfüllen den Leerraum zwischen den Gemälden mit ihren Schichten und Geschichten, den Leerraum des ehemaligen Baustoffhandels Lux, und plötzlich ergibt alles Sinn.
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