James Ensor war ein belgischer Schriftsteller, Komponist, Musiker, Maler und Grafiker – ein radikaler Erneuerer. Er gilt heute als Wegbereiter der Moderne, und entzieht sich einer eindeutigen Stilzuordnung. Die Ausstellung im Kunstmuseum Villa Zanders bietet die Entdeckung der altmeisterlichen und zugleich karikaturesken Welt eines Nonkonformisten.
In der aktuellen Ausstellung „James Ensors fantastische Welten“ der Villa Zanders ist nur eine kurze Schaffensphase des belgischen Künstlers zu sehen: die Jahre zwischen 1886–1889 und 1891–1895, die jedoch mehrere hundert Arbeiten umfasst. Die gezeigten 120 Grafiken stammen aus der Sammlung Quinensor, einer Privatsammlung in Ostende, die sich auf Ensors Druckgrafik spezialisiert hat.
Museumsdirektorin Ina Dinter sah darin die Gelegenheit, den bereits zu Lebzeiten renommierten Künstler – Träger der Stephan-Lochner-Medaille der Stadt Köln und weltweit in bedeutenden Sammlungen vertreten – nach Bergisch Gladbach zu holen.
Die Geschichte beginnt unspektakulär: James Ensor wird 1860 in Ostende geboren. Seine Eltern betreiben einen Souvenirladen, den er zeitlebens mitführt und der sein künstlerisches Schaffen prägt.
Mit 17 schreibt er sich an der Brüsseler Académie royale des Beaux-Arts ein, verlässt sie jedoch bereits drei Jahre später – „Er kam mit den akademischen Weisen nicht zurecht“, erzählt Museumsdirektorin Ina Dinter, die über Ensors Spätwerk promoviert hat.
1880 kehrt Ensor in sein Elternhaus zurück und malt klassische Motive: Szenen aus Bibel und Mythologie, Selbstporträts, Stillleben. Wie viele seiner Kollegen lässt er sich von der Landschaft seiner Heimat inspirieren, malt pittoreske Seestücke, Hafen- und Stadtansichten mit Windmühlen und Kirchen.
Zugleich engagiert er sich leidenschaftlich für seine Heimat, initiiert Petitionen und hält flammende Reden, etwa für den Erhalt der Kirche von Mariakerke – ein Detail, das sich in einem der Wandtexte findet.
Ensor ist eine ortsbekannte Persönlichkeit: auffällig, mit Zylinder, mit einer eigenwilligen Sprache voller Neuschöpfungen; er komponiert sogar eigene Musikstücke, so Dinter.
Gesellschaftskritik zum Mitspielen

Die ausgestellten Grafiken zeigen ein stilistisch breites Spektrum mit virtuos eingesetzter, erzählerischer Symbolik und Technik. Ein besonderer Fokus liegt auf den Kolorationen: Neben klassischen Schwarz-Weiß-Drucken sind Varianten zu sehen, die Ensor von Hand koloriert hat – mit Farbstiften, Aquarell oder Gouache.

Womöglich ließ sich das Farbenfrohe besser verkaufen; vor allem aber treten die filigranen Motive dadurch deutlicher hervor. Wer genau hinschaut, entdeckt winzige Details, aus denen sich überraschend aktuelle Bezüge ergeben.
In den „Todsünden“, einem klassischen Motiv, steckt der Teufel sprichwörtlich im Detail: Kleinste Szenen rufen Assoziationen an heutige Moralvorstellungen hervor – über Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit.
Um den Blick zu schärfen, sollen den Besucherinnen und Besuchern Lupen zur Verfügung gestellt werden, verrät Museumssprecherin Judith Glaser.
Die wimmelbildähnlichen Darstellungen mit realen Zeitgenossen des Künstlers laden zudem zu einem reizvollen Such- und Vergleichsspiel ein – nicht nur bei Kindern.
Vielleicht ist es gerade das Kleinbürgerliche des touristischen Hafenorts, der Nippes und die Karnevalsmasken aus dem Souvenirladen, die den belesenen Ensor zu seinen feinsinnigen Gesellschaftsstudien inspirieren – etwa im „Strandbad in Ostende“, in das man sich lange vertiefen kann, um das Gewimmel zu beobachten.
In anderen, nach Sujets geordneten Räumen steigert sich diese Beobachtung bis ins Groteske: Stadt, Menschenmasse, Bordell, Glücksspiel, Monster, Hexen – Ensor entfaltet eine karikatureske Obrigkeits- und Sozialkritik, die sich kaskadenhaft an der Doppelmoral abarbeitet – ein Humor, wie man ihn heute eher aus der Comedyszene kennt.
Erneuerer und Nonkonformist
Ensor verkehrt mit Wissenschaftlern wie Albert Einstein, umgibt sich mit Schriftstellern und lädt das Who’s Who seiner Zeit in sein Atelier.
Vor diesem Hintergrund lesen sich die zahlreichen Jesusdarstellungen als bissige Kommentare: Ensor ist nicht religiös, vielmehr kritisiert er religiöse Institutionen. Mehrfach verleiht er dem Heilsbringer seine eigenen Gesichtszüge – ein provokanter Beitrag zum damaligen Diskurs über Religion und Geniebegriff.

Ein Beispiel ist „Der Einzug Christi in Brüssel“: eine Fiktion, die sich zugleich als selbstbewusste Inszenierung des Künstlers lesen lässt – als gefeierter Erneuerer im Zentrum einer frenetisch jubelnden Menge.
Wie in seinen Gemälden arbeitet Ensor in flämischer Tradition mit genauer Naturbeobachtung und klassischer Licht- und Schattendarstellung, angelehnt an Vorbilder wie Pieter Bruegel d. Ä. oder Hieronymus Bosch.
James Ensors fantastische Welten
Druckgraphik aus der Sammlung Quinensor
31.5.–15.11.2026
Kuratorin Dr. Ina Dinter
Kuratorische Assistenz Maike Sturm
Kunstmuseum Villa Zanders
Konrad-Adenauer-Platz 8, Bergisch Gladbach
Geöffnet: Di und Fr 14 bis 18 Uhr, Mi und Sa 10 bis 18 Uhr, Do 14 bis 20 Uhr, Sonn- und Feiertage 11 bis 18 Uhr
Barrierefreier Zugang
Weitere Infos zur Ausstellung
Zugleich experimentiert er mit Zufallstechniken, etwa in „Friedhof unterm Sternenhimmel“, und malt Selbstporträts als Skelett oder comichaft als Käfer – eigenwillige, bisweilen grotesk-fantastische Bildwelten.
Ein Widerspruch? Für Ensor nicht: Der 1949 verstorbene Künstler hatte zu Lebzeiten durchaus Kritiker – und reagierte darauf mit „der Pisser“.



Ensor sei ein Künstler, der viele weitere Kunstschaffende geprägt habe, ein „Künstler-Künstler“, sagt Dinter. Die kunsthistorischen Hintergründe und biografischen Details beschreibt sie ausführlich im eigens publizierten Katalog zur Ausstellung. „Ensor entzieht sich jeder Stilzuordnung“, so Dinter.
Ein modernes Weltbild mit vielfältigen Einflüssen spiegelt sich in seinen gattungsübergreifenden Techniken und Sujets. Die Ausstellung zeigt, wie reflektiert und selbstbewusst sich der Künstler auch als Mensch in seiner Welt positioniert hat – und warum seine Arbeiten bis heute nichts von ihrer Faszination und Aktualität verloren haben. Entsprechend breit können Besucherinnen und Besucher Ensor entdecken: etwa im Sonntagsatelier oder bei „Nachts im Museum: Ensors Spukgestalten“.




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