Jolanta Mirski ist seit 23 Jahren in der Stadtverwaltung Bergisch Gladbach angestellt, davon 18 Jahre lang im Jugendamt. Damit gehört die Sozialarbeiterin unter ihren 20 Kolleginnen und Kollegen zu denen mit der längsten Erfahrung im „Allgemeinen sozialen Dienst“, der Stelle, die über das Wohl der Kinder wacht, wenn die elterliche Fürsorge nicht mehr funktioniert oder unterstützt werden muss.

Dokumentarfilmer Wolfram Seeger hat sie und ihren jungen Kollegen Uwe Jendrach zwei Jahre lang bei der täglichen Arbeit mit der Kamera begleitet. Am Mittwoch, dem 8. Juni um 23.25 Uhr wird die 90-minütige Dokumentation „Im Jugendamt“ nun im WDR-Fernsehen ausgestrahlt, nachdem sie Anfang Mai bereits Premiere auf dem Filmfestival DOK.fest in München hatte.

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Seltener Blick hinter die Kulissen der Bezirkssozialarbeit

Wolfram Seeger ermöglicht mit einfühlsam beobachtender Kamera den Zutritt zu einer Welt, die normalerweise durch das hohe Gut des Jugendschutzes im Verborgenen bleibt und auch bleiben muss. Die Folge ist allerdings oft genug ein schlechtes Image der Bezirkssozialarbeit. Häufig wird den Jugendämtern vorgeworfen, entweder zu früh und zu viel einzugreifen – oder zu spät und zu wenig.

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Wolfram Seeger äußert sich im Interview zum Jugendamtsfilm

Es ist eine äußerst schmale Grenze zwischen Kindesrecht und Elternhoheit, zwischen notwendigen Schutzmaßnahmen und dem Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung. Der Film von Wolfram Seeger gestattet den seltenen Blick hinter die Kulissen und ermöglicht den Zuschauern, sich selbst ein Bild über die komplexe Arbeit im Jugendamt zu machen.

Wolfram Seeger: „Im Jugendamt“
Dokumentation, 90 Minuten
WDR Fernsehen
Mittwoch, 8. Juni 2016, 23.25 Uhr

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Auch Klienten kommen hier zu Wort: die junge Mutter zum Beispiel, die ihre Kindheit selbst im Heim verbracht hat; mit 24 Jahren bekam sie eine Tochter, und das war „kein Wunschkind“. Die Beziehung ging auseinander, heute ist sie alleinerziehend und lebt in Bergisch Gladbach. Das Jugendamt hat eine Familienhelferin mit der Betreuung beauftragt und begleitet sie auch vor das Familiengericht, als der leibliche Vater das alleinige Sorgerecht für sich beantragt.

„Wir können Impulse geben, verändern müssen sie sich selbst”

Jolanta Mirski gibt sich keinen Illusionen hin über die Begrenztheit ihrer Hilfemaßnahmen. „Man kann die Leute unterstützen, man kann Impulse geben, aber dass sie sich verändern, dass müssen sie schon selbst machen.“ Einen umfassenden Schutz der Kinder wird sie nie leisten können. Über allem schwebt immer die Angst, etwas falsch zu machen, etwas zu übersehen zu haben; dass einem Kind in ihrer Zuständigkeit etwas angetan werden könnte.

Nicht nur die Lebensgeschichte ihrer Klienten, auch die Lebensgeschichte von Jolanta Mirski ist Thema der Langzeitbeobachtung von Wolfram Seeger. Am Ende der Dreharbeiten räumt sie ihr Büro und wechselt innerhalb der Stadtverwaltung zur Betreuung von Flüchtlingen.

Dokumentation: So wird auf Wolfgang Seegers Website das Thema umrissen
„Das Jugendamt ist verpflichtet Hilfe anzubieten, wenn die Lebenssituation in einer Familie der Entwicklung eines Kindes schadet.

Es kommen Menschen, die Rat suchen oder Hilfe brauchen: Paare, die die Trennung auf dem Rücken der Kinder austragen; Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen; Mütter, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind. Rund 100 Fälle bearbeitet ein Mitarbeiter im Schnitt pro Jahr. In den Akten findet man Reiche und Arme, Junge und Alte, Einheimische und Migranten.

A. Lorenz z.B. hat ihre Kindheit selbst im Heim verbracht – und fand es dort schöner als zu Hause, bei acht Geschwistern, Mutter, aber keinem Vater. Mit 24 Jahren bekam sie eine Tochter und das war „kein Wunschkind“. Die Beziehung ging auseinander, heute ist sie alleinerziehend und lebt in Bergisch Gladbach.

Das Jugendamt hat eine Familienhelferin mit der Betreuung beauftragt, da Frau Lorenz mit der Erziehung und den einfachen Dingen des täglichen Lebens überfordert ist. Das Jugendamt begleitet sie auch vor das Familiengericht, als der leibliche Vater das alleinige Sorgerecht für sich beantragt. Junge Leute wollen eine eigene Familie und Kinder, an denen sie gutmachen wollen, was bei ihnen schlecht lief.

Aber sie wiederholen nur das, was ihnen selbst geschah und landen so zweimal beim Jugendamt. Erst als Kind, das es zu schützen gilt, und später als Elternteil, vor dem zu schützen ist.

Jolanta Mirski gibt sich keinen Illusionen hin über die Begrenztheit ihrer Hilfemaßnahmen. „Man kann die Leute unterstützen, man kann Impulse geben, aber dass sie sich verändern, dass müssen sie schon selbst machen.“ Einen umfassenden Schutz der Kinder wird sie nie leisten können. Über allem schwebt immer die Angst, etwas falsch zu machen, etwas zu übersehen zu haben; dass einem Kind in ihrer Zuständigkeit etwas angetan werden könnte.

In vielen Jugendämtern haben die Mitarbeiter kaum noch Kontakt zu ihren Klienten. Stattdessen beauftragen sie freie Träger, kirchliche Organisationen, Firmen oder Vereine. Das Jugendamt trifft lediglich die Entscheidungen und bezahlt.

Laut Gesetz ist in Deutschland die Kinder- und Jugendhilfe privatisiert. 600 Jugendämter gibt es in Deutschland und jedes einzelne ist anders organisiert. Kinder- und Jugendhilfe ist Aufgabe der Kommunen, ihre Selbstverwaltung hat Verfassungsrang.

Bundesweit sind die Ausgaben für die „Hilfen zur Erziehung“ auf ein Rekordhoch gestiegen, aber in den Jugendämtern muss gespart werden. In NRW wurden 2014 mehr als 13 000 Jugendliche in Obhut genommen und in einer anderen Familie oder in einer Einrichtung untergebracht. Das ist eine Zunahme von 7,7 Prozent gegenüber 2013.

Die Mitarbeiter der Jugendämter kämpfen gegen das schlechte Image an. Ihnen wird vorgeworfen, entweder zu früh und zu viel einzugreifen – oder zu spät und zu wenig. Es ist eine äußerst schmale Grenze zwischen Kindesrecht und Elternhoheit, an der sie da tätig sind.

Nicht nur die Lebensgeschichte ihrer Klienten, auch die Lebensgeschichte von Jolanta Mirski ist Thema der Langzeitbeobachtung von Wolfram Seeger. Am Ende der Dreharbeiten – 18 Jahre ist sie jetzt beim Jugendamt – räumt sie entnervt ihr Büro und wechselt innerhalb der Stadtverwaltung zur Betreuung von Asylbewerbern.”

Hier werden offizielle Pressemitteilungen der Stadtverwaltung veröffentlicht. Sie geben nicht die Meinung des unabhängigen Bürgerportals iGL wieder.

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  1. Ein wirklich sehr sensibler offener Film.
    Wie Frau Mirski sagt, die meisten Menschen, mich eingeschlossen, leben auf einer Wolke und machen sich keine Begriffe, was hinter manchen Türen so los ist.
    Meine größte Hochachtung vor allen Jugendamtsmitarbeitern!!!