Werner Grosseschallau, Manager im Ruhestand, Mentor

„Für mich gab es gar keine Alternative: ich wollte helfen – und ich brauchte Strukturen.” So beschreibt Werner Grosseschallau, Manager im Ruhestand mit großer internationale Erfahrung, warum er sich beim Mentoren-Projekt beworben hat und seit einigen Monaten eine Familie aus dem Irak betreut.

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Das Mentorenprojekt Bergisch Gladbach war im Oktober 2015 an den Start gegangen, hatte unter der Führung von Szymon Bartoszewicz und dem Dach der Evangelischen Kirchengemeinde viele Partner an Bord geholt und sich von Anfang an das Ziel gesetzt, den ehrenamtlichen Helfern Stuktur und Unterstützung zu bieten, die sich um die in der ganzen Stadt verstreuten Flüchtlinge kümmern.

Kooperationspartner – ein Klick öffnet die Liste
Katholische Kirchengemeinde St. Laurentius. Nach dem Ausscheiden von Claudia Kruse übernimmt die neue Flüchtlingskoordinatorin für das Kreisdekanat, Gabriele Atug-Schmitz, auch die Aufgaben im Mentorenprojekt

Fachdienst für Integration und Migration der Caritas

Stadt Bergisch Gladbach

Integrationsrat

Bürgerstiftung Bergisch Gladbach.

Inzwischen hat das Projekt 90 Mentoren ausgebildet, die in Zweierteams derzeit 45 Familien betreuen. Nachdem Bartoszewicz in eine andere Aufgabe gewechselt ist hat Lucrecia López die Projektleitung übernommen. Sie stammt aus Costa Rica, hat den Integrationsprozess am eigenen Leib erlebt – und viele weitere Pläne: „Der Bedarf für Mentoren ist sehr groß und wir können noch viele weitere Helfer ausbilden und betreuen”, sagte sie jetzt bei einer Projektvorstellung in der Gnadenkirche: „Wir haben momentan etwas 20 Anfragen, dafür bräuchten wir weitere 40 Mentoren.”

Lucrecia López leitet das Mentorenprojekt im Auftrag der Evangelischen Kirchengemeinde

Dabei ist das Mentorenprojekt auch für Mitarbeiter anderer Flüchtlingsinitiativen offen, die sich zum Beispiel in den Unterkünften in den Stadtteilen oder als Paten engagieren, aber gerne mehr Austausch, Ausbildung und Rückendeckung haben. Eine Vernetzung mit allen diesen Gruppen wird angestrebt.

Kontakt: Lucrecia López, kontakt@mentorenprojekt-gl.de, Website, Facebook

Auch inhaltlich wächst das Projekt. Zu den thematischen Kernbereichen wie Bildung/Sprache, Gesundheit oder Dolmetscherpool sind inzwischen weitere Punkte wie Wohnung/Sachspenden/Transport oder auch  Glauben/Religion neu hinzu gekommen. Beim Aufbau dieser Strukturen arbeiten nun auch Flüchtlinge mit, sind im Dolmetscherpool aktiv oder kümmern sich um den Ausbau der Webseite.

Das Mentorenprojekt legt großen Wert darauf, dass sich Mentoren und Flüchtlinge auf Augenhöhe begegnen, dass die Hilfe an den persönlichen Bedürfnissen ausgerichtet ist und dass es eine Hilfe zur Selbsthilfe ist. „Mentoren sind keine Dienstmädchen”, stellt López klar.

Hier finden Sie alle Kontakte und Ansprechpartner in der Flüchtlingshilfe in GL

Damit die Mentoren nicht überfordert werden gibt es zu Beginn des Programms intensive Gespräche und eine Basisqualifizierung, in der Regel bei drei Abendterminen. Während der Mentorenschaft werden die Ehrenamtler auf allen Ebenen unterstützt, durch Sprechstunden, Reflexionstreffen und Supervision. Und eigentlich ist eine Mentorenschaft auf sechs Monate begrenzt.

„Es geht ja nicht um eine Aufgabe auf Lebenszeit”, sagt López. Eigentlich sollten die Mentoren, die immer in Tandems arbeiten, mit zusammen zwei Terminen pro Woche auskommen. Dabei entwickelten sich immer wieder Freundschaften, aber das dürfe man nicht immer erwarten. Soweit die Theorie.

Wie das in der Praxis aussieht, können die aktiven Mentoren berichten:

Werner Grosseschallau
„Ich hatte mich im letzten Jahr nur in den Medien über Flüchtlinge informiert. Da bildet man sich dann sein Urteil – oder eben auch Vorurteil. Irgendwann habe ich dann gespürt, dass es für mich einfach notwendig ist, mich zu engagieren.

Ich wollte etwas tun, den Menschen Begegnen und so meine eigenen Erfahrungen sammeln. Ich habe mich dann für das Mentorenprojekt entschieden, weil mir eine gute Struktur und gute Organisation wichtig ist.

Und tatsächlich habe ich hier erlebt, dass man auf alle Fragen sehr schnell Antworten bekommt. Es kann ja nicht sein, dass alle Ehrenamtler zum Beispiel beim Jobcenter anrufen und sich kundig machen.

Ich betreue jetzt eine irakische Familie mit Vater, Mutter, erwachsener Tochter und einem 15-jährigen Sohn. Die Familie ist bereits anerkannt und hat eine ordentliche Wohnung erhalten. Anfangs schien die Situation sehr positiv. Die Familie spricht zwar nur arabisch, nur der Vater ein wenig englisch, aber wir konnten uns dann doch um einige formale Dinge kümmern. Bei unserer Bürokratie ist es ja für Flüchtlinge praktisch gar nicht möglich, damit alleine klar zu kommen.

Vor zwei Wochen ergab sich dann aber ein ganz anderes, schockierendes Bild. Der Vater erzählte uns plötzlich, er wolle zurück in den Irak, ohne seine Familie. Er halte es hier einfach nicht aus, die isolierte Situation mache ihn krank, er denke sogar an einen Suizid.

Was muss wohl in einem solchen Mann vorgehen, wenn er eine solche Sehnsucht hat, dass er sogar in eine so gefährliche Situation zurück will, wie er sie im Irak erlebt hat. Wir haben mit Rückendeckung des Mentorenprojektes lange mit dem Mann geredet. Vielleicht können wir ihn überzeugen, doch hier zu bleiben. Aber am Ende ist es seine Entscheidung.”

Heike Kochan
„Man muss sein einfach nur mal in die Situation dieser Menschen hinein versetzen, die hier völlig allein ohne Hilfe in einer völlig fremden Umgebung sind.

Ich habe acht Monate lang eine sechsköpfige Familie begleitet. Die hatte eine Wohnung bekommen – und hatten und wussten rein gar nichts. Vier Kinder zwischen sechs und 15, die Eltern sind Mitte 30. Sie kommen aus dem Irak, sprachen nur Arabisch. Das kann ich nicht, aber das hat nichts gemacht, man kann auch mit Händen und Füßen anfangen, irgendwann versteht man sich dann auch.

Mit meiner Mentoren-Partnerin habe ich mich um alles gekümmert: Kindergarten, Schule, Ämter, … bis hin zu gegenseitigen Besuchen. Inzwischen sind die ziemlich eigenständig, wir schreiben uns hin und wieder über Whatsapp und bleiben locker in Kontakt.

Ich habe aber jetzt wieder eine neue Mentorenschaft übernommen, für einen alleinstehende Schwangere und deren Schwester. Das Thema lässt mich nicht los.”

„Es geht auch ohne Arabisch oder Englisch”: Heike Kochan

Sebastian Lippert
„Ich bin Student und kümmere mich mit meiner Partnerin um eine albanische Familie, die im Lübbehaus wohnt. Denen ist inzwischen klar, dass sie keine gute Bleibeperspektive haben und wahrscheinlich nicht hier bleiben können.

Sie hatten sich vor ihrer Flucht ein völlig falsches Bild von Deutschland gemacht, hatten die Willkommenskultur und das Asylverfahren überhaupt nicht verstanden.

Daher versuchen wir es jetzt mit einem Arbeitsvisum; der Mann ist Lastwagenfahrer, also muss der Führerschein umgeschrieben und eine Stelle gefunden werden; die Frau macht ein Praktikum.

Für mich spielt es keine große Rolle, ob sie Wirtschaftsflüchtlinge sind oder nicht. Auch wenn sie nur sechs Monate hier sind, sie brauchen Hilfe – und das ist für uns alle keine vertane Zeit. Die machen wahnsinnig viel, um sich zu integrieren und die Sprache zu lernen.

Daher glaube ich, dass auch Deutschland davon profitieren würden, wenn sie bleiben dürften: sie sind jung und würden arbeiten. Für mich hat diese Arbeit sehr viele schöne Momente gebracht, wir sind gute Freunde geworden.”

„Wirtschaftsflüchtlinge? Das sind Menschen, die Zeit ist nicht vertan”: Sebastian Lippert

Hannah Thomé
„Ich bin Studentin und bin im vergangenen Jahr bei einem Theaterprojekt im Theas mit dem Thema Flüchtlinge intensiv in Berührung gekommen. Danach hatte ich Lust, mich zu engagieren – und habe dabei auch meine Mutter, Schwester und Vater mit rein gezogen.

Wir betreuen zwei Syrer im Alter von 19 und 20 Jahren, zwei Freunde aus dem gleichen Dorf, die aber sehr unterschiedlich sind. Beide sind mit ihren jüngeren Brüdern hierher gekommen, von den Familien mit der Erwartung los geschickt, dass sie sie hinterher holen. Die beiden Jüngeren sind in einer Einrichtung untergebracht, haben aber viel Kontakt.

Die beiden Freunde haben vor sechs Monate eine Wohnung gefunden, seither betreuen wir sie – und inzwischen sind wir Freunde geworden, das ist nach sechs Monaten nicht einfach vorbei. Aber wie gesagt, die Jungs sind sehr unterschiedlich. Der eine hatte schon in Syrien Abitur gemacht, ist sehr bemüht und kann auch schon ziemlich gut Deutsch. Der andere ist mehr oder weniger von seinen Eltern zur Flucht gezwungen worden, will eigentlich gar nicht hier sein – und kann bis jetzt höchstens 20 Wörter deutsch.

Das zeigt, wie wichtig die Motivation zur Integration ist – denn beide haben ja die gleichen Bedingungen hier. Inzwischen gibt es auch Konflikte, weil die Wohngemeinschaft der beiden einfach nicht funktioniert, der eine will jetzt sogar zurück nach Katterbach. Das finde ich echt krass, aber man muss es akzeptieren.

Allerdings ist es auch mit den Integrationsangeboten nicht so einfach. Beide hatten einen Sprachkurs, der ist vor Ostern ausgelaufen. Jetzt sitzen sie fast nur rum und warten auf ihre Anhörung beim BAMF.

Für mich war es besonders frustierend, irgendwann die eigenen Grenzen zu erkennen: es gibt einen Punkt, da kann man nicht mehr helfen, da kann man einfach nichts mehr tun.”

„Irgendwann muss mann akzeptieren, dass man nichts mehr tun kann”: Hannah Thomé

Wie zielgerichtet die Arbeit des Mentorenprojektes ist bestätigt Emile Kas. Auch er stammt aus Syrien, hat eine gute Ausbildung und viel Berufserfahrung – und dennoch sei es für ihn sehr schwer gewesen, sein Leben in Deutschland wieder völlig neu zu starten. Er habe allerdings das Glück gehabt, dass Lucrecia López seine Mentorin geworden war.

Er habe, berichtet Kas, in den verschiedenen Unterkünften mit vielen Hilfsorganisationen zu tun gehabt, bei einigen als Dolmetscher geholen – aber das Mentorenprojekt sei die erste Initiative, bei der er sich wie in einer Familie oder unten Freunden fühle und nicht wie ein Nummer. Darum engagiere auch er sich in dem Projekt – weil es „jetzt für mich an der Zeit ist, zu helfen”.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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