Illustration: Charlotte Hintzmann

Das Recherchebüro Correctiv hat in Dortmund eine aufwendige Erhebung zum Schulausfall durchgeführt und mit einer Stichprobe der Landesregierung verglichen. Das Ergebnis bestätigt die gefühlte Wahrheit von Eltern, Lehrern und Schülern: Die Kinder in NRW werden viel öfter nach Hause geschickt, Vertretungsunterricht ist in Wirklichkeit gar keiner. Ein Thema, das jetzt auch in RheinBerg auf die Tagesordnung kommt. 

Text: Simon Wörpel Bastian Schlange / Correctiv

Von allen Unterrichtsstunden, die in Dortmund nicht nach Plan erteilt werden, fallen vier von zehn ersatzlos aus. Das sind doppelt so viele, wie eine Stichprobe des NRW-Schulministeriums zum vergangenen Schuljahr ergab.

Zu diesem Ergebnis kommt das Rechercheprojekt „Unterrichtsausfall – der Check“, das wir vom gemeinnützigen Recherchezentrum correctiv.org zusammen mit den Dortmunder Ruhr Nachrichten im März diesen Jahres initiiert haben.

Datenerhebung mit der Crowd

Vom ersten bis zum 31. März haben über 520 Eltern, Schüler und Lehrer aus Dortmund ausgefallene oder vertretene Stunden an ihren Schulen in eine Online-Datenbank, dem „CrowdNewsroom”, eingetragen. Dabei wurde unter anderem auch angegeben, was anstelle des eigentlichen Unterrichts stattfand – von Vertretung über eigenverantwortliches Arbeiten (EVA) bis hin zu ersatzlosem Ausfall. Insgesamt haben Mithelfer die Daten zu 4575 Stunden zusammengetragen, mit denen wir jetzt die Aussagen des Schulministeriums überprüfen können.

Zwei Stichproben im Vergleich

Ausgangspunkt unserer Recherche war die Stichprobe des NRW-Schulministeriums zum Unterrichtsausfall im vergangenen Schuljahr. Im Mai 2016 erfasste das Land für zwei Wochen lang den Unterrichtsausfall und Vertretungsunterricht an 770 ausgewählten Schulen. Diese Stichproben wurden dann für ganz NRW hochgerechnet. Die Schulen selbst wussten nach Angaben des Ministeriums während des Zeitraums nicht, dass sie überprüft wurden.

Nach dieser Untersuchung des Schulministeriums fällt nur 1,8 Prozent des Unterrichts ersatzlos aus. Ersatzlos heißt, dass die Schüler nach Hause geschickt werden oder sich irgendwie die Zeit vertreiben müssen bis zur nächsten Stunde.

Darüber hinaus ergab die Untersuchung, dass fast jede zehnte Unterrichtsstunde in NRW nicht planmäßig stattfindet. Es kommt zum Beispiel ein Vertretungslehrer, oder die Schüler sollen selbstständig arbeiten.

Diese Zahlen klingen sehr gering im Vergleich zur gefühlten Wahrheit vieler Schüler und Eltern in NRW. Deshalb haben wir zusammen mit den Ruhr Nachrichten für die Stadt Dortmund eine eigene Stichprobe erhoben. Im Unterschied zur Erhebung des Schulministeriums sammelten wir vier statt zwei Wochen lang die Daten. Außerdem informierten wir die Schulen und das Land über unser Vorhaben – die Schulen wussten also vorher Bescheid.

______________________________________

Und was hat das mit Bergisch Gladbach zu tun? Holger Müller (CDU), der um seinen Wiedereinzug in den Landtag kämpft, hatte die Recherche schon am 20. März in einer „kleinen Anfrage” an die Landesregierung aufgegriffen. Damit wolle er „das wahre Ausmaß des Unterrichtsausfalls auch an den Schulen im Rheinisch-Bergischen Kreis ans Tageslicht bringen”. Zudem fordere die CDU eine „digitale, schulscharfe flächendeckende Erfassung des Unterrichtsausfalls”. Die Antwort muss bis zum 18.4. erfolgen, also noch vor der Landtagswahl am 14. Mai. (Redaktion Bürgerportal)
______________________________________

Valide Aussagen für Gymnasien

Insgesamt haben wir 4575 Stunden von 57 verschiedenen Schulen erfasst. Hierbei sind doppelte oder fehlerhafte Einträge bereits herausgerechnet. Für die Gymnasien wurden mit über 3000 eingetragenen Stunden am meisten Daten erfasst, sodass wir vor allem über diese Schulform valide Aussagen treffen können.

Diese beiden Stichproben, die des Landes und unsere, sind nur mit Vorsicht zu vergleichen, da die Ausgangslagen unterschiedlich sind. Außerdem beziehen sich unsere Ergebnisse auf eine einzelne Stadt, auf Dortmund. Das kann man nicht so einfach auf das Land hochrechnen. Wir können auch nicht sagen, wie viel Unterricht insgesamt nicht nach Plan stattgefunden hat.

Trotzdem haben wir genug Daten zusammen, um einzelne Aussagen des Schulministeriums dem Dortmunder Beispiel gegenüberzustellen. Dafür setzen wir die nicht planmäßig unterrichteten Schulstunden als Bezugsgröße und vergleichen die Anteile der ausgefallenen oder vertretenen Stunden.

Ersatzloser Ausfall

Die Landesregierung wirbt mit ihren guten Zahlen: Lediglich 1,8 Prozent des Unterrichts fällt ersatzlos aus. Der Anteil dieses Ausfalls an allen nicht planmäßig stattgefundenen Stunden, die die Studie des Schulministeriums erfasst hat, beträgt demnach gut 19 Prozent. Das heißt, jede fünfte Stunde, die nicht nach Stundenplan erteilt wurde, fällt aus.

Von allen Schulstunden in Dortmund, für die uns gemeldet wurde, dass sie nicht planmäßig stattfanden, fallen über 41 Prozent ersatzlos aus. Das ist doppelt so viel wie die Daten des Schulministeriums hergeben.

Für die Gymnasien zeigt sich in unserer Stichprobe ein noch drastischeres Bild: In der Oberstufe fiel in unserer Erhebung über die Hälfte (54 Prozent) aller nicht planmäßig erteilten Stunden ersatzlos aus. Die Stichprobe des Schulministeriums kommt hier nur auf rund 20 Prozent.

Auch in der Unterstufe ist der Anteil bei der Erhebung in Dortmund mehr als doppelt so hoch (Unterrichtsausfall-Check: 37 Prozent, Ministeriums-Stichprobe: 16 Prozent).

Vertretung ist nicht gleich Vertretung

Der Idealfall: Die Vertretungsstunde findet mit einem fachkundigen Lehrer im selben Fach statt. Heißt: Wenn der Mathelehrer nicht da ist, kommt ein anderer Mathelehrer und arbeitet mit den Schülern am Unterrichtsstoff weiter.

Laut der Stichprobe des Schulministeriums kommt das in vier von zehn Vertretungsstunden vor. Nicht so in Dortmund: Laut unserer Erhebung kommt nur halb so oft vor, also in zwei von zehn Stunden.

Problem: Eigenverantwortliches Arbeiten

Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Stichproben: Uns wurde gemeldet, dass jede dritte Stunde auf eigenverantwortliches Arbeiten (EVA) entfällt. Das ist viel. Zumal das eigenverantwortliche Arbeiten von vielen Schülern sehr kritisch bewertet wird. In der NRW-Stichprobe ist es nur jede sechste Stunde.

Das heißt, laut unserer Erhebung stehen deutlich mehr EVA-Stunden als fachgetreue Vertretung auf dem Plan – die Schüler sind viel öfter unbetreut. Wie eigenverantwortlich die Schüler diese Zeit nutzen, bleibt ihnen selbst überlassen. Das ist ein Problem. Die Schüler sagen selbst: Eigenverantwortliches Lernen hat nie die Qualität von angeleitetem Unterricht.

Welche Schlüsse lassen die Ergebnisse zu?

Wir konnten nicht die vom Schulministerium veröffentlichten 1,8 Prozent ersatzlosen Unterrichtsausfall be- oder widerlegen. Dafür fehlten Datensätze, die uns bisher noch nicht vorgelegt wurden, allerdings über Landespresse- wie Informationsfreiheitsgesetz bei der Bezirksregierung angefragt sind.

Auch den strukturellen Unterrichtsausfall konnten wir nicht ermitteln – also die Pflichtstunden, die bereits im Vornherein wegen Lehrermangels aus dem Unterrichtsplan gestrichen werden.

Jedoch hat unser Check zum Unterrichtsausfall bewiesen, dass die erlebte Wirklichkeit von Schülern, Lehrern und Eltern nicht ohne Grund mit der statistischen des Ministeriums auseinander klafft. Die veröffentlichte Stichprobe aus Düsseldorf ist mit Vorsicht zu genießen, ihre Ergebnisse sind in Frage zu stellen.

Unsere Erhebung für Dortmund hat gezeigt, dass deutlich mehr Stunden ausfallen und der Vertretungsunterricht nicht die Qualität hat, von der das Schulministerium ausgeht.

NRW braucht mehr Lehrer

Die Lehrergewerkschaft GEW fordert: „Viel zu oft kann nur zusätzlich belastende und häufig unbezahlte Mehrarbeit von Lehrkräften Unterrichtsausfall bei Krankheit vermeiden.” Wären genügend zusätzliche Kräfte da, um bei Krankheit einzuspringen, müsse das nicht passieren.

Unterrichtsausfall ist ein Problem, dass die Menschen bewegt und dem man nur mit Transparenz begegnen kann. NRW braucht Lehrer für eine bessere Bildung und chancengleicher Zukunft unserer Kinder. Doch Stellenplanungen können nur anhand exakter Erhebungen und transparenter Daten aufgesetzt werden. Der Wille dazu scheint von Seiten der Regierung nicht immer gegeben zu sein.

_________________________________

Jetzt sind Sie dran: Wie läuft es in Bergisch Gladbachs Schulen? Bewegt sich der Unterrichtsausfall im Bereich der Zahlen, die das Ministerium nennt – oder ist die Lage hier ähnlich wie in Dortmund? Wie ist die Qualität des Vertretungsunterrichts? Teilen Sie Ihre Erfahrungen, als Schüler, Eltern, Lehrer – und nutzen Sie das Kommentarfeld oder Facebook. Oder schreiben Sie uns eine Mail.

Correctiv.ruhr

Correctiv.ruhr ist ein Produkt des unabhängigen Recherchebüros Correctiv und begleitet die NRW-Wahl. Wir wollen nachsehen, was hinter den Behauptungen der Regierung und der Opposition steckt. Wir liefern Hinter­­­gründiges und spüren Skandalen nach. Das Bürgerportal ist Kooperationspartner von...

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.