Das Gladbacher Publikum tobt bei der Vasenjonglage

Mit dem Best-of-Programm „The Great” Wall zum dreißigjährigen Jubiläum gastierte der chinesische Nationalzirkus im Bergischen Löwen.  Eine Symbiose aus Akrobatik, Tanz, Schauspiel, Musik und Humor.

30 Künstler, 30 preisgekrönte Acts versprach die Vorankündigung. Der Vorhang lüftete sich und offenbarte ein märchenhaft-traditionelles Bühnenbild von der großen chinesischen Mauer. Eine düstere Stimme führte ein in die Sagen und Mythen, die sich um dieses gigantische Bauwerk spinnen.

Dabei erinnerten die Erzählungen von Drachenkämpfen sicher zufällig an zeitgenössische Nachrichten. Eine gewisse moralisierende Grundhaltung war aber vermutlich beabsichtigt. „Die Entbehrung wird nur dann deutlich, wenn der Drache sein wahres Gesicht zeigt und die Pforten sich verschließen.“

Pflicht und Kür

Die Showdrachen selbst waren gigantisch, jedoch mehr kuschlig als angsteinflößend. Wie die Kostüme der Artisten waren auch sie kunstvoll ausgearbeitet. Dafür waren die clownesken Acts waschechter Old School Slapstick. Humor, der an alte Jackie Chan-Filme erinnert. Erwachsene Männer, ganz offensichtlich Kampfsportler, die sich in endlosen Anläufen gegenseitig Backpfeifen gaben.

Dazwischen immer wieder Tücher-, Glas-, Teller- und Schirmjongleurinnen zu Vivaldis vier Jahreszeiten. Männer springen durch Reifen, zaubern und jonglieren auch, nur meist größer, archaischer.

Schlangenfrauen, die sich gewandt verbiegen und übereinanderstapeln. Klar geht es dem chinesischen Nationalzirkus mit The Great Wall um die Feier seiner Tradition und nicht um moderne Geschlechterrollen.

Oder vielleicht doch? Die Artistin im Pelz ist ein erfrischend mehrdeutiger, weniger plakativer Act. Mit ihrem selbstbewussten Auftreten war sie ein interessantes Pendant zu den mädchenhaften Artistinnen. Eine dominante Direktorin? Eine emanzipierte Kaiserin?

Eine Frau mit Macht. Sehr bildgewaltig balanciert, sie leichtfüßig erst einen massiven Tisch, später eine bemalte, chinesische Bodenvase auf ihren Füßen. Ein Kraftakt schon beim Zuschauen.

Vielleicht ist die Vase ja aus Kunststoff? Später wuppen drei Artisten besagte Bodenvasen auf ihren Kopf um sie dort rotieren zu lassen. In der gespannten Stille ertönen dumpfe Geräusche, ein wiederkehrender Ton, den ein Gegenstand macht, der mindestens 15 Kilo wiegt und klingt, als wäre er aus schwerem Porzellan.

Slapstick mit Kampfeinalgen. Eine Hommage an Jackie Chan?

Wer weiß, wie oft sie das praktiziert haben. Man merkt diesen Künstlern ihre Inspiration an, den gemeinschaftlich erlebten Thrill, den ein Moment inne hat, in dem niemand weiss, ob ein live vorgeführtes Kunststück glückt. Gerade im zweiten Teil tobt das Publikum deutlich mehr. Plötzlich Totenstille.

Nur einer der drei Vasenjongleure hieft das massive Objekt auf den Kopf, um es dann aus circa vier Metern Höhe auf seinem Rücken aufzufangen. Fehlgeschlagen. Er muss die fallende Vase rücklings händisch sichern. Er holt aus zum zweiten Versuch. „Machet net“ brüllt jemand aus dem Publikum. Wieder Totenstille. Es hat geklappt, hörbar an einem noch etwas dumpferen Geräusch. Tosender Applaus.

Fehlschläge passieren auch den Profis im chinesischen Nationalzirkus. Komischerweise erwartet man sowas nicht. Aber das ungewisse Gefühl eines drohenden Scheiterns, Profis, die immer mehr wagen und nicht aufgeben, das erst macht die Live Show aufregend. Disziplin und Spannung, die Youtube und seine Instant-Filmchen eben nicht ins traute Heim zaubern kann.

Auch die Schlangenmenschen scheinen alles bisher Gesehene noch ein bisschen mehr zu toppen.

Spontane Showeinlagen im Publikum

30 jähriges Jubiläum. Vor 30 Jahren war Zirkus nicht nur hierzulande noch etwas anderes, etwas besonderes. Die Zeiten als die Sendung „Wetten das?“ mit ihren Superlativen noch ein Millionenpublikum vor den Fernseher bannten.

Heute konkurrieren Akrobaten und Extreme auf Youtube um Likes: höher, größer, krasser, weiter. Eine etwaige Sehnsucht nach diesem damaligen, Top die Wette gilt-Gefühl deckt sich mit dem gefühlten Durchschnittsalter des bergischen Publikums an diesem Zirkusabend. Es waren auch einige junge Menschen da und auch ein paar Kinder. Der Saal war beinahe komplett ausverkauft.

Nach der Show balancierte eine ältere Dame mit kindlicher Begeisterung einen hölzernen Kochlöffel auf dem Zeigefinger, vermutlich hat sie ihn auf dem Weihnachtsmarkt erstanden. Ein kleiner Junge zeigt seiner Mama Zaubertricks mit einem Gummiband und junge Frauen amüsieren sich über den Atemlos- Moment „Machet net“.

Es gibt einen feinen Unterschied beim Live-Sehen und selbst Erleben. Hinzu kommt die Gruppenerfahrung mit Anderen, die nicht zur vertrauten Community gehören. Perfektionistische Choreografien, schöne Menschen in schönen Kostümen, das wissen die Gladbacher zu wertschätzen, das liebt und kennt man auch vom Karneval.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.