Eine Gruppe von Kindern aus der Flüchtlingsunterkunft in Lückerath hat den Kölner Weihnachtscirkus besucht – und dabei viele Eindrücke gesammelt.

Etwa 200 Flüchtlinge aus unterschiedlichen Ländern leben jetzt Ende 2018 im Containerdorf in Lückerath, darunter viele Familien mit Kindern. Ungewissheit über Aufenthaltsrecht und Zukunft der eigenen Lebensverhältnisse, sowie Sorgen um zurückgebliebene Familienangehörige prägen das Leben im Containerdorf. Ethnisch und religiös bedingte Spannungen verstärken die Probleme des Zusammenlebens auf engstem Raum. Den Druck verspüren selbstverständlich auch die Kinder.

Um diesen Kindern eine Freude zu machen und ein wenig Abwechslung zu bieten, entstand die Idee, sie zu einem Circus-Besuch einzuladen. Das Vorhaben wurde durch die großzügige Übernahme der Kosten durch die „Eine-Welt-Stiftung Rhein-Berg“ und die „Bethe-Stiftung“ sowie die Bereitschaft der Begleitpersonen, ihre Eintrittskarten selbst zu bezahlen, ermöglicht.

Welcher Circus soll es sein? Wann gastiert welches Unternehmen in unserer Nähe? Wer ist wann bereit, die Kinder zu begleiten? Wie viele Kinder können, wie viele wollen mitfahren? Welcher Wochentag ist für Kinder und Begleitpersonen geeignet? Sind die Kinder dann rechtzeitig aus der Schule zurück? Wie soll der Transfer erfolgen?

Versicherungsfragen und Kosten müssen geklärt, Termine abgestimmt und Polizeiliche Führungszeugnisse besorgt werden. Um nicht mit dem terre des hommes-Basar zu kollidieren, wurde schließlich ein Termin in der ersten Dezember-Hälfte anvisiert.

Am 6. Dezember ist es dann so weit. Alle Vorbereitungen sind getroffen und der „Kölner Weihnachtscircus“ gastiert in Köln-Deutz unter der Zoobrücke. Er bietet an diesem, seinem ersten Vorstellungstag, einen günstigen Partnertarif für Gruppen an. Schnell wurden Eintrittskarten gekauft, ein Busunternehmen gechartert und die verfügbaren Begleitpersonen zusammengetrommelt.

Zwölf Kinder und ein Elternpaar zweier Kinder wurden am Nikolaustag von fünf Begleitpersonen im Containerdorf abgeholt. Dort hatten die Mitarbeiterinnen der Flüchtlingshilfe des Roten Kreuz Lückerath vereinbarungsgemäß bereits eine Liste der angemeldeten Kinder vorbereitet. Allmählich tröpfelten die Hauptpersonen im Spielzimmer des Containerdorfes ein, erwartungsvoll die einen, andere Kinder skeptisch gespannt oder schüchtern abwartend.

Obwohl sich die meisten Kinder und Begleitpersonen vorher noch nie gesehen hatten, war das Eis nach der gegenseitigen Vorstellung schnell gebrochen.

Die Kinder nicht so genau zu kennen, aber stets auf Anhieb identifizieren zu müssen, war eine zusätzliche Herausforderung für die Begleiter/innen. So hieß es, besondere Vorsicht walten zu lassen, um absolut sicher zu gehen, dass kein Kind im Getümmel verloren geht.

Kinder und Begleiter/innen erhielten als Zeichen der Gruppenzugehörigkeit einen terre des hommes-Clown-Aufkleber auf die Kleidung geheftet. Armbänder aus Malerkrepp mit dem Namen des Kindes und der Telefonnummer des RK-Lückerath wurden weitgehend noch während der Fahrt geschrieben und den Kindern um einen Jackenärmel geklebt. Orientierung im Gewimmel der vielen Menschen sollte den Kindern unsere Gruppenfahne „mit terre des hommes für Ausländerfreundlichkeit“ geben. Die Botschaft: Wo die Fahne weht, da befindet sich die Gruppe.

Es wären keine Kinder, wenn sie nicht gerne auch einmal stolz die Fahne tragen wollten.

Schon aus dem Bus heraus wurde die imponierende Größe des „Palastzeltes“ bestaunt und von den Flüchtlingskindern in bestem Deutsch kommentiert: „Cool, echt geil, ein richtiger Circus!“

Vom Bus aus setzte sich die kleine Karawane in Richtung Weihnachtscircus in Bewegung.
Der empfängt seine Besucher in einem großen Vorzelt.

Sich vom Elch in die Hand beißen zu lassen und den ausgestopften Eisbären persönlich zu begrüßen, gehörte dort zu den ersten Höhepunkten des Tages.

Inzwischen stellten die Begleiter/innen erleichtert fest, dass sich die Kinder durchweg sehr brav und gesittet betrugen. So war selbst der Besuch des Toilettenwagens vor Beginn der Vorstellung eine bewältigbare Herausforderung.

Endlich ging es nun durch die Kartenkontrolle ins prächtige und imposant illuminierte Circuszelt. Unsere Plätze in 3 Reihen waren schnell gefunden und eingenommen und die jeweilige Kinder-Reihe beidseitig von je einem Erwachsenen flankiert. Allmählich legte sich die Aufregung und wich gespannter Erwartung. Die Vorführung begann mit dem Circus-Ballett.

Erwartungsgemäß war auch für unsere Kinder der Clown d i e Attraktion. Er brachte die Kinder nicht nur zum Lachen, indem er u. a. die Tischtennisplatte als Schläger benutzte und Seifenblasen mit der Wasserpistole zerschoss, sondern imponierte auch mit einer beeindruckenden Jonglage mit bis zu 7 Tischtennisbällen, die er mit beiden Händen und sogar mit dem Mund ständig hoch in der Luft halten konnte.

Wie man sich innerhalb von 2 Sekunden komplett umkleiden kann, eine ausgewachsene Ziege auf der linken Schulter tragen, sich wie eine Schlange bewegen, oder, von der Manege aus per Wippe in die Luft geschleudert, nach mehreren Salti sicher in einem von Artisten mit Stangen gehaltenen Sitz hoch oben unter der Circuskuppel landen kann, rief zu Recht Staunen und Begeisterung hervor. Auch Seilspringen mit 2 Personen auf der Schulter muss bestimmt lange geübt werden, bevor es schulhofreif ist.

Um auch während der Pause die Übersicht über alle Kinder zu behalten, entschieden die Begleitpersonen, dass die Gruppe auf den Plätzen bleiben soll. Der verständliche Bewegungsdrang nach einer Stunde still sitzen wäre im Circuszelt wohl nur schwer zu kontrollieren gewesen. Alle Kinder erhielten Trinktüten und Süßigkeiten, mit denen sie die Pause über reichlich zu tun hatten. Soweit erforderlich, wurden einzelne Kinder zum Toilettenwagen begleitet.

Nach dem großem Finale und nach Abebben des Beifalls traten alle gemeinsam und in gesitteter Formation friedlich den Rückmarsch zum bereits auf die Gruppe wartenden Omnibus an. Die größeren Kinder trugen die Fahne, die kleineren bevorzugten die Hand.

Während der Busfahrt wurde eifrig Schnick-Schnack-Schnuck geknobelt. Als diesem Spiel allmählich die Luft ausging, wusste Sybille mit „Tiere-raten nach Alphabet-Vorgabe“ einen sich ständig erweiternden Kreis von Kindern in ihren Bann zu ziehen, bis schließlich aus allen Ecken und von nahezu allen Sitzplätzen her die exotischsten Tiernamen gefunden und teilweise sogar erfunden wurden.

Erfreut vernahmen die Begleiter/innen aus Kindermund Sätze wie: „Ich will noch nicht nach Hause“ und „Ich möchte soo gerne wieder ins Circus“. Was kann man als bessere Bestätigung für einen für die Kinder gelungenen Nachmittag verlangen? Einen maßgeblichen Anteil daran hatten die Kinder selbst, die sich sehr diszipliniert und immer korrekt verhalten haben.

Nach der Busfahrt gab es für jedes Kind noch ein kleines Nikolaustütchen.

Dann sahen die Begleiter/innen „ihre“ Kinder am Ende eines ereignisreichen Tages glücklich und zufrieden ihren bescheidenen Unterkünften entgegeneilen.

Eine-Welt Bergisch Gladbach

„Hilfe, die sicher ankommt“ ist das Motto der Eine-Welt-Stiftung Rhein-Berg. Seit 2006 fördern wir mit den jährlichen Zinserträgen aus dem Stiftungskapital ausgewählte Projekte in Entwicklungsländern. Kontakt: Ernst J. Leffelaar, info@eine-welt-stiftung.de.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.