„Wieviel Farbe kannst Du noch ertragen? II”, Tina Haase

Tina Haase hat in der Villa Zanders immer wieder Glanzlichter gesetzt, ab Sonntag zeigt sie im Kunstmuseum in der großen Werkschau „unbedingt” Installationen, Skulpturen und Videos. Mit weiblich klugen Esprit verdichten sie viele Zeichen dieser Zeit amüsant und vielschichtig.  

Text: Antje Schlenker-Kortum / Foto: Helga Niekammer

Es gibt viele Wege, das Werk von Tina Haase zu betrachten, da sie mit ihrer großen, internationalen Ausstellungstätigkeit auf ein breites Schaffensspektrum zurückblicken kann. Im Folgenden stellen wir eine eigene Betrachtungsweise vor, die vom anregenden Pressegespräch mit Petra Oelschlägel und Sabine Müller vom Kunstmuseum sowie der Künstlerin inspiriert wurde. Und wir laden Sie ein, Ihre eigene Perspektive zu entdecken.

Sabine Müller, Petra Oelschlägel, Tina Haase, Nora Riedigue in der „Tütenplastik II”, Kunstmuseum Villa Zanders

Mit ihrer Verwurzelung in die Historie der Papierfabrik Zanders hat sich die Villa Zanders vornehmlich auf die Papierarbeiten von Tina Haase konzentriert. Der Kunstkenner kennt vielleicht Haases Meisterstück, den Kronleuchter, „der als Schlüsselwerk gilt”, erklärt Petra Oelschlägel, die Direktorin des Kunstmuseums Villa Zanders.

Oh, Maria Theresia, Salonstücke 3, 1995, Glühbirnen, Villa Zanders. Bild: Courtesy Galerie Ulrich Mueller

Den Leuchter hat sie 1995 von der mondän hohen Decke des barocken Hauses gewagt „heruntergelassen“, in ein fragiles Meer aus Glas. Ein märchenhafter Glanz des kostbaren Kristalls konkurriert mit dem reflektierenden Glas von haushaltsüblichen Glühbirnen.

Nach mehreren Beiträgen zu den immer wieder in der Villa Zanders stattfindenden „Salonstücken” wurde Tina Haase nun zu einer  Einzelausstellung eingeladen.

Daten und Fakten zur Ausstellung (bitte klicken)
Ausstellung „unbedingt”, Kunstmuseum Villa Zanders

Die Ausstellung läuft bis zum 5. Mai 2019. Die Vernissage findet am  27. Januar, 11:30 Uhr statt.

Begrüßung Lutz Urbach, Bürgermeister
Einführung: Petra Oelschlägel, Leiterin Kunstmuseum Villa Zanders

Barrierefreier Zugang
ÖPNV: S11 ab HBF Köln

Konrad-Adenauer-Platz 8
51465 Bergisch Gladbach

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Samstag 14:00 – 18:00 Uhr.
Donnerstag 14:00 – 20:00 Uhr.
Sonn- und Feiertag  11:00 – 18:00 Uhr

„Tütenplastik II” nennt Tina Haase den Raum, den sie um den Kronleuchter herum geschaffen hat

Kritik tragfähig verpackt?

Mit „Tütenplastik II“ hat Tina Haase ganz erzählerisch wieder den Kronleuchter, diesmal im Eingangsbereich, bespielt, indem sie mehr als 20 Jahre später künstlerisch daran angeknüpft. Mit handelsüblichen „biologisch“ braunen Papiertüten hat sie einen kleinen Raum unter und um den Kronleuchter abgegrenzt.

In dieser Eingangsarbeit verbindet sich der poetisch-konzeptuelle Ansatz mit dem raumgreifenden Charakter, den ihre architektonische Sicht- und Arbeitsweise sicherlich geprägt hat. Äußerlich wirkt dieser hohe, jedoch offene Raum wie eine massive Mauer.

Eine Mauer ist heute mehr den je gewichtiges Symbol. Analytisch klug in Papier gemacht ist sie zugleich eine Metapher für die Fragilität jedweder Ein- und Ausgrenzung. Gestapelte Papiertüten, welche vor ein paar Jahren noch als billige Tragehilfe herhielten, gelten derartige Einkaufstüten heute als Luxus-Öko-Symbol, beinahe ein Mode-Muss und dennoch sind sie schon wegen ihrer Einbödigkeit de facto Wegwerfartikel.

Zur Person: Tina Haase (bitte klicken)
 Die in Köln und München lebende Künstlerin Tina Haase (geb. 1957 in Köln) hat seit ihrem Studium bei Fritz Schwegler an der Düsseldorfer Kunstkademie zu einer sehr eigenständigen Bildform zwischen Skulptur, Malerei, Performance und Film gefunden.

Sie ist eine der vielseitigsten Bildhauerinnen ihrer Generation und blickt auf eine rege internationale Ausstellungstätigkeit zurück. Seit 2007 hat sie eine Professur für Bildende Kunst an der Fakultät für Architektur der Technischen Universität München inne. Mehr Informationen finden Sie auf der Website von Tina Haase.

Später erzählt Haase, dass sie den Kronleuchter „als Dach eines großbürgerlichen Hauses“ empfindet. Mit „Tütenplastik II“ hat sie nun einen Privatraum geschaffen, vielleicht um ganz für sich hineinzugehen und sich zurückzuziehen.

Vielleicht, um sich hinter der Mauer zu verstecken oder um von innen in die leeren Einkaufstüten zu sehen.

Vielleicht, um ganz für sich zum „Dach“ aus Kristall zu blicken und im künstlichen Licht von oben zu schwelgen.

Schnupfenstuck: Tina Haase erklärt, wie sie das Replik vom Deckenstuck gearbeitet hat

Inspirierende Tabubrüche

Wie treffend ist der Satz von Tina Haase, als es nur um den Fortgang der Führung ging: „Wo anfangen und wo aufhören, Ich gehe davon aus, dass jeder Betrachter einen anderen Weg geht.”

In meinem nachträglichen Gedankengang durch ihr Werk ging ich auf die Suche nach Kunst- und Konsumkritik, die in jeder ihrer Werke irgendwie mitschwingt, schon weil Haase mit Alltagsgegenständen arbeitet, „die nicht zum Kanon der Bildenden Kunst gehören“. Sie stehe für eine Arbeitsweise „die keine Scheu hat, Tabus zu brechen”, wie Petra Oelschlägel ganz hingerissen betont.

Ganz im Gegenteil, sie „schöpfe aus dem, was stört”. „Schnupfenstuck” ist ein weiteres Kapitel, das sie der Villa auf den Leib geschneidert hat. In der Rauminstalation hat sie mit schnöden Taschentüchern, dem vermeintlich minderwertigen aber herrlich strukturierten Papier gearbeitet. Sie hat die floralen Elemente des pompösen Deckenstuck nachgeahmt, ähnlich grafisch wie sie zeichnet.

Begleitprogramm und Termine (bitte klicken)
Künstlergespräch und Kurzfilmabend
Do, 14. 03. 2019, 18:00 Uhr
Kurzfilme der Paranoseproduction, Tina Haase und Karin Hochstatter
Moderation: Dr. Petra Oelschlägel

Finissage So, 05. 05. 2018, 17:00 Uhr
Ausklang der Ausstellung mit Performance

Öffentliche Führungen
Do 07. 02. 2019, 18:00 Uhr
So 24. 02. 2019, 11:00 Uhr
Do 07. 03. 2019, 18:00 Uhr
So 24. 03. 2019, 11:00 Uhr
So 14. 04. 2019, 11:00 Uhr
Do 02. 05. 2019, 11:00 Uhr

Weitere Führungen auf Anfrage

An dieser Stelle seien die technisch und inhaltlich weitgefächerten Zeichnungen und Grafiken empfohlen, Skizzen in denen sich viele ihrer Elemente wiederfinden. Dem aufmerksamen Betrachter fällt auf, das sich das künstlerische Replik des Deckenstuck vom historischen Original unterscheidet, als wäre sie vom anfangs sachlich reproduzierenden in einen zunehmend freischaffenden Modus gewechselt. Sie hat das Vorbild mit einer Art „matschig, fetzigen Arbeitsweise“ zu einer ornamentalen Erweiterung getrieben.

Überhaupt ist ihre Sprache sehr erfinderisch, was sich auch in den geistreich dichterischen Titeln wiederspiegelt. Mit „Schnupfenstuck“ hat sie die historisch symbolträchtige Stuckdecke ebenso auf den Boden „runtergeholt“, wie sie das beim Kronleuchter damals getan hat.

Jede ihrer künstlerischen Entscheidungen ist immer auch eine Geste, ein subtiler, strategischer Kommentar, eine künstlerisch tragfähige, weil doppelbödige Aussage.

„Sold” heißt die filligrane Installation, die von der Glashaube geschützt und gestützt wird

Konstruktive Zerstörung

Für ein bestimmtes Kunstwerk hat sie ein anderes zerstört. Die „Lager sind voll“, also wird das ein oder andere Kunstwerk recycelt. Das klingt radikal und das ist es auch.

Die Künstlerin betonte, dass es ihr in Ihrem Werk um die Idee geht, das eigentliche Kunstwerk ist also nicht zerstört. Diese destruktive Geste sei aber eine „pragmatische Entscheidung”. Eigentlich ist eine künstlerische Konsequenz, mit dem typisch künstlerischen Lagerproblem umzugehen. Für Ausstellungen müssen die Künstler gezwungenermaßen auf Halde produzieren. Wohin mit den Materialien, wohin mit den Werken? Ein massives Problem, mit dem viele Künstler konfrontiert sind. Hinzu kommt, dass es selten passiert, dass etwas verkauft wird.

So könnte man auch „Sold“ lesen – bewußt benannt nach der Manier eines sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Ganz selbstbezüglich wähtle sie den Titel für das Werk, „einfach um es zu verkaufen“, dennoch klingt es nach einer Kritik am Kunstmarkt. Was immer eine strategische Gradwanderung ist, da es auch Kunsthäuser wie die Villa Zanders schwer haben, auf dem Markt zu bestehen, das weiß auch ein Künstler mit Namen Haase.

Die Installation „Sold” ist pragmatisch und sinnstiftend zugleich. Normalerweise fixiert die Künstlerin sonst nicht oder nur wenig. „Sold” wurde rückwärts konstruiert, denn die Haube hat sie geschenkt bekommen und daraufhin die fragile virenähnliche Installation aus Papierschirmchen und Strohalmen gebaut. Die Funktion der Vitrine ist „eine stützende“, sonst würden „die Igel“, wie sie sie nennt auseinanderfallen.

Diese Hinter-Glas-Präsentation ist für Haase eher ungewöhnlich, wie es Ölschlägel in einem anderen Zusammenhang fachmännisch einwirft. Bewundernswert sei, „dass sie sich nicht um konservative Belange schert, ob Lebensdauer, Klebekraft, daß sie ihr Kunst – wollen durchsetzt.“ Sie hat sich sicher ganz bewusst in keinem Moment kritisch geäußert. Dennoch ist es sehr bemerkenswert, wie sie die existentielle Situation der Kunst unterschwellig thematisiert. Kunst und Wirtschaft gehören auch heute noch zusammen.

In „Bildgründe” wurden Ausstellungskataloge zur Kunstlandschaft recycelt

Auch „Bildgründe“ kann man in diesem Zusammenhang lesen. Eine bildhauerische Landschaft aus Kunstkatalogen und „fetten Namen“, wie sie sagt, eigentlich Fehldrucke, die „zu schade waren, um sie wegzuwerfen.“ In diesen Andeutungen spielt sie möglicherweise auf die Geduld von Papier und zugleich auf die Profilierung von großen Namen an.

Detailfoto von „Stratigrafie”

Mehrdeutige Überlagerungen

Umso bemerkenswerter, dass die Villa Zanders bereits zwei Stücke für ihre Sammlung angekauft hat. Zum einen leistete sich das Haus ein Werk aus der Serie  „Stratigrafie 1-3“. Jedes für sich ein beinahe organisch anmutendes Objekt aus Puzzleteilen, also bedrucktem Karton dem Medium Papier. Der Titel ist ein Begriff aus der Archäologie, Kunstgeschichte oder Geologie und meint ganz allgemein Schichten, die übereinandergelagert sind.

Ein wahnsinnig aufwändiges, sicherlich handwerklich anspruchsvolles Verfahren, um aus Puzzleteilen Objekte zu bauen, da Form und Material ein Eigenleben haben und Schicht für Schicht wachsen müssen um schon aus statischen Gründen tragfähig zu sein. Umso poetischer, wenn man sich die Aufdrucke der zerstückelten Puzzelbilder vorstellt, welche zum Teil aus dem Museumsshop entstammen.

Helga Niekammer hat noch sehr viel mehr Eindrücke mit gebracht. Die Diashow startet automatisch, das Handy halten Sie am besten quer.

Eine kluge Kaufwahl für die Sammlung Zander. Denn „Schichten“ ist tatsächlich auch ein Schlüsselbegriff bei Haase. Am eindrücklichsten schichtet sie Farben übereinander in der Rauminstallation „Wieviel Farbe kannst Du noch ertragen” (Foto ganz oben). Eine Wandinstallation mit gefühlt tausenden von farbigen Ordnern, die übereinanderliegend Farben erzeugen, „für die sie noch keine Begriffe hat“. Eine Installation, die sie für jede Aufführung neu konzipiert.

„Worpswede” ist eine Analogie in Papier, denn dieses Werk ist Skulptur und Gemälde zugleich

Zum anderen kann die Villa Zanders Zanders nun „Worpswede“ sein eigen nennen. Man muß wissen, dass Worpswede für ein Stipendium entstanden ist und nicht zufällig an Landschaftsmalerei oder -stickerei erinnert. Aber eigentlich sieht man nur übereinandergestapelte Servietten, deren Rücken ein Muster ergeben, welches Tina Haase landschaftsähnlich aneinander geordnet und übereinander geschichtet hat. Unwillkürlich denkt man an Birken, Wiesen, Himmel und Erde.

Vor Ihrer Videoinstallation „Schattenfuge” zeichnet Tina Haase die übereinander gelegten Filmebenen nach

Haase scheint immerwieder auszugleichen, entgegenzusetzen, Positiv und Negativ. In diesem Sinne erschließen sich auch die „röntgenähnlichen Objekte“, eine flirrende Sinnestäuschung, die sich ergibt, wenn sie beispielsweise Heftordner aneinanderreiht und die sich ergebenen Zwischenräume ebenso präsent im Bild werden.

In „Schattenfuge“ hat sie diese konträre Sichtweise aus Positiv und Negativ und die resultierende Verwirrung filmisch umgesetzt. Zwei Zeichenpozesse, übereinander gelegt, zwei Aufnahmen simultan ablaufend, hat sie einerseits die Schattenzeichnung eines Baumes im Winde nachgezeichnet und andererseits die Zwischenräume nachgemalt. Durch den Stand der Sonne und Wind verschiebt sich jeweils das Licht- und das Schattenbild, während eine immer breiter wachsende Schattenfuge deutlich wird.

Gehen Sie Ihren eigenen Weg

Filme und Installationen, ja Kunst im Allgemeinen, läßt sich nicht konkret in Worte fassen. Die Kunst von Tina Haase ist nicht nur durch ihre Materialvielfalt, im weitesten Sinne sinnlich und erkenntnisreich zugleich. Gehen sie unbedingt in diese Ausstellung und gehen Sie unbedingt Ihren eigenen Weg durch die Kunst, es lohnt sich.

Zur Ausstellung erscheint bei Könemann.com GmbH in der „Kleinen Reihe Künstlermonographien“ eine umfangreiche Monographie zum Preis von 9,95 € sowie eine dazugehörige Edition.

Unterstützt wird die Ausstellung von Galerie + Schloß e.V., WDR3, LAB.Bode, Initiative zur Stärkung von Vermittlungsarbeit in Museen und die Kreissparkasse.

Die Ausstellung läuft bis zum 5. Mai 2019. Die Vernissage findet am  27. Januar um 11:30 Uhr statt.

Ausstellung „unbedingt”, Kunstmuseum Villa Zanders

Begrüßung Lutz Urbach, Bürgermeister
Einführung: Petra Oelschlägel, Leiterin Kunstmuseum Villa Zanders

Barrierefreier Zugang
ÖPNV: S11 ab HBF Köln

Konrad-Adenauer-Platz 8
51465 Bergisch Gladbach

Begleitprogramm & Termine

Künstlergespräch und Kurzfilmabend Do, 14. 03. 2019, 18:00 Uhr
Kurzfilme der Paranoseproduction, Tina Haase und Karin Hochstatter
Moderation: Dr. Petra Oelschlägel

Finissage So, 05. 05. 2018, 17:00 Uhr
Ausklang der Ausstellung mit Performance

Öffentliche Führungen
Do 07. 02. 2019, 18:00 Uhr
So 24. 02. 2019, 11:00 Uhr
Do 07. 03. 2019, 18:00 Uhr
So 24. 03. 2019, 11:00 Uhr
So 14. 04. 2019, 11:00 Uhr
Do 02. 05. 2019, 11:00 Uhr

Weitere Führungen auf Anfrage

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3 Kommentare

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  1. Herzlichen Dank für Ihren Kommentar auch von mir! Es war ein ganz bezauberndes Gespräch in der Villa Zanders und eine großartige Teamarbeit mit Helga Niekammer und mit dem Bürgerportal. Herzlichen Dank auch dafür.