Eine phantastische Geschichte, die rund um den Konrad-Adenauer-Platz spielt, erzählt von der Künstlerin und Autorin Barbara Stewen. Es geht um Roboter mit einer Seele. Und um einen unstillbaren Hunger nach Kunst. 

Text: Barbara Stewen. Fotos: Helga Niekammer

Immer wieder tauchte er in Bergisch Gladbach auf: Ein Mann, groß und sportlich, ein wenig kantig in der Aussprache und seinen Bewegungen. Typ Gentlemen, edel gekleidet und mit besten Umgangsformen und Referenzen.

„Robo Tec”, stellte er sich vor. Er sei ganz vernarrt in Kunst und möchte alles ankaufen, was nach Kunst riecht. Er, ein totaler Technik Freak, sei beruflich auf die Herstellung von Robotern spezialisiert.

Sein eigentliches Ziel, Roboter zu bauen, die eine Seele haben, gab er nicht preis.

Tag und Nacht experimentierte er, versenkte sich in seine Arbeit, brachte sein ganzes Wesen ein in diese Forschung  und experimentierte bis zur Erschöpfung. Doch ein menschliches Wesen, ein Roboter mit Gefühl und Seelenleben, kam dabei nicht heraus. Letzendlich, nach vielen Versuchen, nur ein Haufen Schrott.

Und dann, eines nachts passierte es doch! Robo, völlig erschöpft durch sein Experimetieren, erblickte ein wunderbares Bild, das im Büro der Sekretärin, Mariechen Meier, hing.

Sie hatte es selbst mit Hingabe gemalt. Er roch den Duft des frische Balsam-Terpentilöls, erschnüffelte aus dem Gemälde einen Hauch von Leinöl und bekam solch einen Appetit, dass er in das Bild biss.

Oh, es schmeckte nach mehr. Er bekam großen Hunger und verschlang das ganze Gemälde. Welch schönes Gefühl übermannte ihn nun. Er schwebte auf Wolken. Zufrieden wandte er sich um, schaute in einen Spiegel und merkte erstaunt, dass er sich verändert hatte. Es knackte und ruckte. Er wurde eckig und kantig, wie der seelenlosen Roboter, den er seit Jahren konstruierte.

„Ich sehe aus wie ein Roboter, aber ich habe die Gefühle eines Menschen, habe eine Seele”, jubilierte er laut und voller Freude.

Doch wie sollte er nach Hause kommen, in dieser Gestalt? Das war nun sein Problem. Doch als eine Zeit vergangen war, der Morgen graute, veränderte sich Robo Tecs Zustand, und er sah wieder aus wie zuvor.

Fein, dachte er, aber was soll ich machen, wenn ich erneut diesen Kunsthunger bekomme? Na klar, ganz viel Kunst kaufen, um erneut diesen Zustand zu erreichen.

Er tauchte nun oft in Galerien auf, schnüffelte und biss sogar nachts an bemalten Wänden eines Atelierhauses, bis dass die Fassade Schaden nahm, das Haus abgerissen werden musste, und eine Schar trauernder Künstler hinterließ.

Ich müsste ein ganzes Haus mit Kunst für mich kaufen und alle Künstler animieren, mir dahin ihre Werke zu bringen.

Gesagt, getan. Sein Plan war gefasst. Er hatte gehört, dass eventuell ein großes, geschichtsträchtiges Industriehaus zum Verkauf stand. Er würde es erwerben, die Künstler zu einer großen Vernissage im Park des Gebäudes einladen und sie bitten, in einem prächtigen, weißen Gartenzelt ihr Werke zu drapieren.

Und viele, viele kamen. Sie stellten ihre Werke aus und freuten sich auf die Vernissage am nächsten Tag. Spannung und Vorfreude waren groß, und es wurde Abend.

 Das Aufheulen eines Windstoßes, der vertrocknetes Laub durch die Straßen fegte, erschreckte in dieser Nacht vor dem großen Ereignis nur ein paar Mäuse und einige Kleinstlebewesen, die rasch im Gebüsch des Friedhofs verschwanden. Stille … minutenlang. Dann wieder ungewohnte Rascheln und … Schritte, ja es sind Schritte und ein Stöhnen, schauerlich, oben vom Quirlsberg kommend.

Unten am Berg, dunkel und geduckt, stehen die Kulissen der Stadthäuser. Scherenschnittartig werden sie sichtbar, als der Mond hinter einer Wolke hervorkommt. Da rieselt helles Licht in die ruhigen Gassen und Straßen, lässt so manches Fenster aufblitzen und wirft einen Strahl auf den Löwen mit der goldenen Kugel, der das Bürgerhaus krönt.

Die Bürger schlafen in der Nacht vor der Vernissage, zumindest scheint es so. Die Rollläden und Gardinen der Wohnungen sind verschlossen in dieser kalten Oktobernacht.

Aus einem Gasthaus torkelt ein grölender Zecher, der vor dem Rathaus auf einer Bank landet, in der Nähe des Brunnens. Vom Murmeln des Wassers eingelullt, sackt er schnarchend im Vollrausch zusammen. Klack, klack, klack, seine Bierdose  kollert ins Wasser des Brunnens.

Plötzlich ein Zischen und Brausen, Knarzen und Ächzen. Der Lärm kommt näher und näher. Schon fällt ein dunkler Schatten auf den schlafenden Trinker. Ein Schatten, groß und eckig, mit abgehackten Bewegungen.

Im Licht einer Laterne leuchtet das Rubinrot seines Umhangs auf, der im Windspiel die Statur des großen Mannes umschmeichelt. Ja, es ist Robo Tec, eingekleidet ganz in Schwarz und Rot mit edlen Stoffen vom besten Schneider der Stadt. Er setzt sich neben den Zecher.

Schon kommt es wieder über ihn, das Knacken und Versteifen der Gelenke und dieser unbändige Hunger auf Kunst. Ein Rülpsen.

„Oh“, der Betrunkene schreckt auf.

Das Geräusch  scheint aus dem Körper des furchterregenden Mannes  zu kommen, der neben mir sitzt, denkt er.

Entsetzt macht er sich schwankend von dannen.

„Mir ist wohl die zarte Engelsstatue vom Friedhof nicht bekommen, sie liegt mir noch schwer im Magen“, stöhnt Robo Tec. „Ich bin so furchtbar hungrig auf richtige Kunst, sonst stirbt meine Seele“.

Er schielt zum edlen Kunstmuseum, sein Magen knurrt lauter. Doch die Aura dieses Kunstpalastes kann selbst er nicht durchbrechen, so sehr er sich bemüht.

Er wankt verdrossen, mit schmerzend knackenden Gliedern weiter zu seinem Ziel, dem Industriegebäude. Ein Radfahrer, der zufällig vorbeikommt  fällt vor Schreck fast vom Rad: „Das gibt es doch nicht, ein Roboter, mitten in der Nacht auf dem Konrad Adenauer Platz!“

Robo Tec schleppt sich mit letzter Kraft weiter. „Endlich, das mächtige, geschichtsträchtige Gebäude und auf dem Parkplatz das große weiße Zelt! Höchste Zeit, dass ich meine Seele wieder zurückbekomme“, seufzt Robo und betritt hungrig das weiße Galeriezelt.

Er stürzt sich auf das erstbeste Bild. Schon geht es ihm ein wenig besser. Doch er kann nicht aufhören, stopft alles in sich hinein, kaut die Kunst zu einem Brei aus blutrotem Krapplack und venezianischen Grün, mit Kobaldblau versehen, und mit dem Taste von Balsamterpentinöl und kalt geschlagenem Leinöl. „Köstlich!“, ruft er.

Er spürt erleichtert, dass seine Seele wieder zurückkehrt, doch oh weh! Ein verhängnisvoller Biss, ein rostiger Nagel, ein furchtbarer Schrei: „Wer hat denn diesen dicken Nagel in die Kunst geschlagen?“

Dann bricht er zusammen. Die Metalle purzeln. Beklemmende Stille. Das Knarzen und Ächzen hat ein Ende. Robo Tec ist tot. Nur noch ein Roboterarm zeigt aus einem Berg von Farben, Leinwand und Holz mit erhobenem Zeigefinger gen Himmel.

Am nächsten Tag stehen die Menschen Schlange, um dieses seltsame Kunstwerk zu betrachten. Die Künstler postieren sich abwechselnd am Eingang, erhalten Eintrittsgelder, und eine zarte Künstlerin aus dem Bergischen baut um das Kunstwerk einen glitzernden Glas-Sarkophag, aus dem mahnend Robo Tecs metallener Arm ragt.

Und wenn sie nicht gestorben sind, leben die Bergisch Gladbacher Künstler noch eine Zeitlang lustig und fidel von den Erträgen der Eintrittsgelder.

Barbara Stewen

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26 Fragen an Barbara Stewen

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Barbara Stewen

ist Künstlerin im AdK Arbeitskreis der Künstler Bergisch Gladbach e.V. und Autorin. Zuvor war sie Krankenschwester und Kriminalbeamtin.

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