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Mit gleich zwei Konzerten mit Musik vom Früh- bis Spätbarock sorgten Dozent:innen der Max Bruch Musikschule im Innenhof des Bensberger Rathauses für ein weiteres Highlight im Kultursommer der Stadt. Die beiden Aufführungen ergänzten sich zu einem feinen Minifestival, das mit einem spannenden Programm aufwartete.

Holger Faust-Peters und Ruth Lehmann mit ihren Gamben, Foto: Holger Crump

Holger Faust-Peters ist Initiator der beiden Konzerte. Er lehrt Gamba und Cello an der Städtischen Max Bruch Musikschule, leitet den Bereich Streicher und ist Spezialist für Barockmusik sowie Neue Musik.

„Für das erste Konzert wollte ich den Klang von fünf Gamben so vielfältig wie möglich präsentieren“, erklärt er die Programmgestaltung. Gamben, das sind historische Streichinstrumente, die im Gegensatz zur Geige auf den Knien gespielt werden. Der Korpus ist dünner ausgeführt. Das macht den Klang zarter, feiner.

Zu hören war im Konzert unter anderem Consortmusik: Consort wurde seinerzeit ein Ensemble von Musikinstrumenten genannt. Die sechsköfpige Gruppe unter der Leitung von Holger Faust-Peters spielte u.a. Werke von Clemens Thieme, Johann Hermann Schein und William Lawes.

„Musik dieser Zeit, gespielt auf Gamben verschiedener Größen, das ist selten zu hören“, ordnete Faust-Peters das Konzert ein.

Intime Musik

Die Werke hatten durchgängig einen sehr intimen, vielleicht sogar leicht melancholischen Charakter, durchzogen von Stolz, Würde, Anmut. Und in der Tat: „Die Gamben galten zunächst als das Instrument schlechthin bei Hofe“, schildert der künstlerische Leiter. Erst später nahmen die Geigen diesen vornehmen Rang ein – die Säle wurden größer, da brauchte es einen lauteren,volleren Klang.

Viele der Werke erinnerten an höfische Tänze, die zur Zeit ihrer Komposition im 16. und 17. Jahrhundert in Mode waren: Wie die Courante, die Allemande, die Sarabande. Das Ensemble überzeugte durch eine austarierte Orchestrierung, eine vollendete Agogik, formte einen harmonische Klangkörper, der in John Dowlands „Pavan Lacrimae“ seinen Höhepunkt fand.

„Wir nutzen ausschließlich historische Instrumentennachbauten inklusive Darmbesaitung und Darmbünde“, erklärte der Barock-Experte die Entstehung des Klangs. Ergänzt wurde das Ensemble durch eine E-Orgel, „denn eine echte Orgel hätte die Stimmung nicht gehalten.“

„Die Melancholie, in die sich die Engländer des 16. Jahrhunderts gerne begaben, spricht sicher ein bisschen für die Atmosphäre, die viele Stücke mit Gambenbeteiligung haben“, erklärt Holger Faust-Peters. Passende Worte für den ersten Konzertteil.

Foto: Thomas Merkenich

Barocker Frohsinn

Weniger Melancholie, das versprach der folgende Teil des Minifestivals. Holger Faust-Peters: „Das zweite Konzert sollte ein möglichst bunter Mix barocken Frohsinns sein, ein bisschen virtuosen Spaß bringen, und auch die wunderbare Welt der Doppelchörigkeit einmal vorstellen.“

Foto: Thomas Merkenich

Die zwei Konzertblöcke boten zudem eine schöne Gelegenheit, die Unterschiede zwischen der Gambenmusik und der festlichen Streichermusik des Barock zu erfahren. Die Consortmusik der Gamben weist eine strenge Polyphonie auf, sprich Mehrstimmigkeit. Die einzelnen Stimmen treten nahezu gleichberechtigt nebeneinander auf.

Die Barockmusik hingegen ist stark vom Kontrapunkt geprägt, der Führung gegensätzlicher Stimmen innerhalb der Harmonie, der Arbeit mit einem zentralen Thema oder Motiv.

Das zehnköpfige Streicherensemble bot zu Beginn einen noblen Henry Purcell: Die Suite kam in einem herrschaftlichen, höfischen Duktus daher. Sie sprühte nur so vor Lebensfreude, exzellent dargeboten in ihrer Dyamik. Da wurde der Kontrast zur gleichmäßigen Gambenmusik enorm deutlich.

Auch „Canzon Primae“ von Giovanni Priuli verbreite Würde und Noblesse, wunderbar herausgearbeitet durch ein Ensemble, das sich hörbar in Spiellaune befand.

Die wurde auch bei Bachs Violin-Doppelkonzert sowie der abschließenden Tafelmusik von Georg Muffat hörbar: Sehr festlich, eine wohldosierte, maßvolle Opulenz. Die wunderbare, so nicht zu erwartende Akustik im Innenhof des Rathauses unterstützte zusätzlich beim Musikgenuss.

Barockfestival war überfällig

Das Minifestival barocker Streichermusik wurde nicht nur von einem Dozenten der Max Bruch Musikschule konzipiert, sondern überwiegend auch von den Lehrer:innen aus dem Haus der Musik bestritten: „Von den 15 Interpret:innen sind elf aus dem Kollegium der Musikschule, wir haben nur wenige weitere Musiker:innen aus Bergisch Gladbach und Köln dazu geholt“, berichtet Faust-Peters.

Alte Musik an der Max Bruch Musikschule

Die Städtische Musikschule bietet die Instrumente Cembalo und Gambe explizit als Instrumente der Alten Musik an und hat es mit entsprechenden Ensembles zweimal bis zum Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ geschafft. Inzwischen gibt es spezielle Kurse für Jugendliche im Bereich Alte Musik, die den Fokus auf historische Aufführungspraxis legen.

Holger Faust-Peters: „Wir versuchen die Alte Musik genauso wie andere spezielle Musikbereiche zu fördern. So wird demnächst ein Ensemble für Neue und selbstkomponierte Musik an den Start gehen. Hinzu kommt eine Klezmer-Band sowie einige Aktivitäten im Jazzbereich u.a. Diese Bandbreite von Angeboten macht die großartige Leistung der Städtischen Musikschule aus.“

In der Konstellation habe man noch nie zusammengespielt, kenne sich aber als Kolleg:innen sowie aus dem Konzertbetrieb. Faust-Peters verweist auf das enorme Potential, das die Max Bruch Musikschule bietet: „Wir haben an der Städtischen Musikschule 13 Streicherkolleg:innen, davon sind neun ausgesprochene Expert:innen für Alte Musik (von Mittelalter bis Klassik auf Originalinstrumenten).“ Dieses ungewöhnliche Potential sei bisher nie gebündelt worden.

„Ich fand die Idee, ein kleines ‚Barockfestival‘ innerhalb des Kultursommers zu präsentieren nicht nur besonders schön, sondern eigentlich überfällig,“ bilanziert Faust-Peters. Der Erfolg gibt ihm recht.

Kulturort Bergisch Gladbach

Das Konzert verdeutlicht eine weitere Leistung des Kultursommers: Veranstaltungen wie im Innenhof des von Gottfried Böhm gestalteten Bensberger Rathauses zeigen, welche besonderen Orte die Stadt zur Inszenierung von Kultur überhaupt bietet.

Foto: Thomas Merkenich

Wenn wie bei diesem barocken Minifestival Tauben über den Hof flattern, der Wind durch die Bäume weht, und dazu ganz nahe und ohne theatralische Inszenierung Live-Musik im intimen, kleinen Rahmen geboten wird: Dann verbindet sich Altes und Neues, Barockmusik mit Böhmscher Architektur, barocke Lebensfreude mit der Kulturlust und Kultursehnsucht von Musiker:innen und Zuschauer:innen.

Und dies ist, neben den vielen wunderbaren Veranstaltungen des Kultursommers, eine weitere Leistung des Festivals: Zu zeigen, dass die ganze Stadt ein Kulturort sein kann.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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