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Feine, kleine Kunstwerke aus Alltagsmaterialien – das macht die Kunst von Inge Schmidt aus. Unter dem Titel „An der Wand und vor und neben“ zeigt die Villa Zanders Werke der Kölner Künstlerin. Unbeschwert aber nie beiläufig inszeniert, wird das scheinbar Belanglose erobert und zu einem Tagebuch der menschlichen Existenz.

Text: Holger Crump. Fotos: Thomas Merkenich

„Über die rote Nase müssen wir nochmals reden.“ Ein Besucher der Villa Zanders erkennt die Künstlerin Inge Schmidt und ruft ihr einen – nicht ganz ernst gemeinten – Kommentar zu einer Arbeit zu. Die „Rotnase“ (2014) hängt am Eingang zur Artothek: Eine Reflexion auf den Karneval.

„Da sind sie nicht der Erste“, kommt es postwendend von Inge Schmidt zurück. „Ich wurde schon dreimal darauf angesprochen.“

Die Künstlerin steht an einer Vitrine ihrer Ausstellung im 2. Obergeschoss der Villa Zanders. Sie schmunzelt ob des kurzen Wortwechsels, verbreitet eine heitere Gelassenheit. Um dann gleich klarzustellen: „Ich bin eine ernsthafte, disziplinierte Arbeiterin. Ein Augenzwinkern, ja das darf sein. Es fügt sich oft mit den Titeln der Arbeiten.“ Wie bei der Rotnase, die prompt etwas bei dem Betrachter ausgelöst hatte.

Gleichwohl: Sie arbeitet konzentriert. „Fünf bis sechs Stunden bin ich täglich immer noch im Atelier.“ Es gebe Dinge zu verräumen, in die Hand zu nehmen. Ein Verweis auf den künstlerischen Prozess bei Inge Schmidt. Sie spricht nicht von Malen, Zeichnen oder der Entwicklung von Skulpturen.

Ihre Arbeiten entstehen anders, fast wie nebenbei, assoziativ.

„Ich habe versucht mein Atelier mitzubringen“ sagt Inge Schmidt.

„Ich bin keine Planerin meiner Arbeiten. Wenn ich Glück habe, beginnt mit einem Gegenstand, einem Material das ich in die Hand nehme etwas Neues.“ Davon hängt es ab, vom Material.

Inge Schmidt formt aus Alltagsmaterial wunderbare Petitessen: Sie sind in der aktuellen Ausstellung der Villa Zanders zu sehen, die noch bis Ende Juli zu sehen ist.

Inge Schmidt – an der Wand und vor und neben
27. März bis 24. Juli 2022
Kuratorin: Sabine Elsa Müller
Katalog: Zur Ausstellung erscheint eine Publikation mit zahlreichen Abbildungen, Text Sabine Elsa Müller, Vorwort Petra Oelschlägel (Dt./Engl. Hardcover, 88 Seiten, 18€)
Edition: T-Köpfe, 2017, Mixed Media, Höhe bis 25cm, 5 Originale, je 700€ inkl. Katalog

Lässige Inszenierung

„Ich hatte ungefähr die doppelte Zahl an Exponaten dabei, die Hälfte ist wieder zurück ins Atelier gewandert“, schildert sie den Aufbau der Schau in der Villa Zanders. Die Ausstellung habe sie nicht auf dem Reißbrett planen können. Sie sei vor Ort entstanden, in der Auseinandersetzung mit den Räumen.

Das ist eine weitere, zentrale Ebene dieser Ausstellung. Gemeinsam mit Kuratorin Sabine Elsa Müller ist eine Hängung und Platzierung der Objekte gelungen, die nur auf den ersten Blick ein wenig beiläufig wirkt: Mit Objekten, die gedankenversunken an der Wand lehnen. Mit Exponaten, die eben nicht in der Symmetrie des Raumes oder auf Blickhöhe präsentiert werden.

Das wirkt lässig, ist gleichwohl das Ergebnis einer langen Auseinandersetzung zwischen Objekten und Raum – siehe Titel der Ausstellung. Und es stellt im Ergebnis wunderbare inhaltliche Bezüge her, entwickelt spannende Blickachsen.

„Man muss auch in die Ecken gucken“, sagt Schmidt dazu.

Künstlerbücher

Zu sehen sind unter anderem Vitrinen mit zahlreichen Künstlerbüchern, die auf Anregung eines Sammlers entstanden sind. Ein kleiner Ausschnitt aus rund 400 Arbeiten dieser Werkgruppe. „Die Titel meiner Arbeiten sind elementar“, stellt die Künstlerin klar.

„33 Fliegen“ entpuppt sich als Miniatur-Enzyklopädie des lästigen Insekts. Das „pflegeleichte Buch“ entstand aus Resten eines PVC-Bodens, das mit seinen geheimnisvollen schwarzen Objekten einen unheimlichen Sog entwickelt.

Schnitte, Reißen, Übermalungen – die Künstlerin nutzt vielfältige Varianten der Bearbeitung ihres Materials. Jedes Exponat ist individuell, fordert den Betrachter aufs Neue heraus.

Dabei lässt Inge Schmidt gerne vieles offen. „Wichtig sind mir halbverdeckte Räume“, sagt sie. Der Betrachter müsse nicht alles sehen, er solle vielmehr eigene Assoziationen entwickeln.

Und so laden Exponate zur gedanklichen Erkundung ein: Gerollte Pappe auf einem Hocker, Rundelemente nach Art eines Starenkasten, umgedrehte Kästchen. All dies gibt sein Innenleben nur ungern preis, weckt die kindliche Neugier im Betrachter, lädt zur Inspektion ein, die nie ganz gelingen will.

Rahmenprogramm
Künstlergespräch: Inge Schmidt im Gespräch mit Sabine Elsa Müller, So 12.6., 12 Uhr
Führungen: Do 7.4., 18 Uhr; So 24.4., 11 Uhr; So 15.5. 12 – 17 Uhr (Kurzführungen bei freiem Eintritt, Internationaler Museumstag); Do 7.7., 18 Uhr
Weitere Führungen auf Anfrage.

Ich bin eine Plastikerin

Fuß, Hand, Kopf – immer wiederkehrende Elemente verweisen auf den Ursprung der Künstlerin Inge Schmidt. Sie hat Bildhauerei an der Städel-Schule in Frankfurt/Main studiert. Ich bin eine Plastikerin“, sagt sie selbst von sich. Das mache deutlich, dass bei ihren Arbeit der Prozess des Aufbaus im Vordergrund stehe.

„Die plastischen Arbeiten sind potentiell immer in Bewegung: Sie können, müssen, dürfen oder sollen schreiten, laufen oder springen. Oder sie stehen – mit einem einfachen Faden gebogen – unter Spannung und versprühen geradezu konservierte Energie.

„Die Plastiken behaupten sich, sie sind ganz bei sich“, sagt Inge Schmidt, wenn sie vor dem Werk „Aufrechte auf Konsole“ (2006) steht. Aus Pappe gefertigt, mit wenigen Handgriffen in eine Mini-Stele verwandelt, stellt sich flugs eine arrogante Haltung ein. Fast schnippisch wie das Werk dem Betrachter den vermeintlichen Rücken zukehrt.

Viele Exponate fügen sich – man muss es immer wieder betonen – wie beiläufig in den Raum. Hier ein Tischchen, dort der „Hocker, intim“ (2005). Oder der Glockenschlitten (o.J.). Die Werke erobern sich zuweilen erst nach einiger Zeit die Aufmerksamkeit des Betrachters. Und sei es wenn die Fensterbänke selbst zum Ausstellungsraum werden, mit halb heruntergelassen Rollos, einen eigenen Raum bildend.

So beiläufig wie sich manche Werke ins Blickfeld des Besuchers schieben, so beiläufig scheinen sie entstanden zu sein. Und dennoch schlägt „der Funke der Belebung aus dem toten Material“, wie es die Kuratorin Sabine Elsa Müller formuliert.

Klein gegen groß

„Ich will die Arbeiten so klein haben“, sagt Inge Schmidt vor dem Werk „Bestellter Tisch“ (27-teilig, versch. Jahrg.). Unter der Platte, auf dem Boden, finden sich „Rollkörper, Hocker, Flachstück“, (alle o.J.).

Das kleine Format der Exponate ergebe sich aus dem Material, der Arbeitsweise. Sie würden nichts gewinnen, würde man sie auf großes Format aufblasen. „Als Miniatur gewinnen sie an Reiz und Charme, die Patina trägt mit zum Werk bei, das geht nur im Kleinen – sie scheinen miteinander zu plaudern“, erklärt Inge Schmidt mit einem fast liebevollen Blick auf die Objekte:

Fächer die sich majestätisch zu Palmen-ähnlichen Gebilden aufrichten. Ein Kreuz das scheinbar der Schwerkraft trotzt und sich kühn über den Standfuß reckt. Vasen-ähnliche Gebilde, die sich wie Wesen aus einem Korallenriff gegen Mitbewerber des kleinen Kunst-Ökosystem auf dem Tisch behaupten.

Inge Schmidt – lebt und arbeitet in Köln
1944 – geboren in Bonn
1975-81 – Studium der Bildhauerei an der Hochschule für bildende Künste – Städel – Frankfurt am Main bei Prof. Michael Croissant (Meisterschülerin) – Studienförderung durch die Hans-Böckler-Stiftung
1987 – Villa Romana, Florenz, Gaststipendium
2018 – August-Macke-Medaille der Stadt Bonn
Vielfache Ausstellungen seit 1982, Arbeiten in öffentlichen und privaten Sammlungen. Inge Schmidt im Internet

Auch die Zeichnungen, von denen eine große Auswahl in der Ausstellung zu sehen sind, atmen den Geist der Bildhauerin, pardon: der Plastikerin. Die „März-Bilder“, eine Folge von in einem Frühjahr erstellten Strichzeichnungen, offenbaren sich hier als eigenständige Wesen im Raum.

„Zwischen den Inseln“ (2016) lässt eine lyrische Facette der Künstlerin aufblitzen. „Das war eine Phase, in der ich mit Kindermalstiften gearbeitet habe“, gewährt Inge Schmidt einen Einblick. Oder es geht in die Ornamentik: Wie die „schlafende Eule auf Podest“ (2018) oder die „falsche Giraffe 1-4″ (2014).

Oft bleibt es bei den Zeichnungen aber auch im Gegenstandslosen. Vielleicht ein Resonanzboden, der das Oeuvre insgesamt umspannt.

Atelier im Museum

Beim Besuch der Ausstellung „An der Wand und vor und neben“ sollten Besucher:innen den Blick schärfen: Für die kleinen Details der Exponate und deren Titel, aber auch für die großen Zusammenhänge, den Aufbau, den Raum den die Objekte aufspannen. Das ist alles andere als willkürlich.

„Ich habe versucht, mein Atelier zu übertragen.“

Mithin eine Retrospektive? „Nein, das wollte ich nicht. Mir ist egal wann die Arbeiten entstanden sind, ich habe auch nicht extra etwas für die Ausstellung entwickelt“, macht Schmidt deutlich. Das muss nicht sein, das geht nicht, das darf nicht. Sonst wäre es nicht Inge Schmidt.

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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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