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Die Artothek in der Villa Zanders bietet Art-to-take: Hier kann jeder Originalwerke berühmter Künstler:innen ausleihen und sie an die eigenen vier Wände hängen. Das ganze funktioniert wie eine Bibliothek für Kunst, und wird von Privatleuten wie Unternehmen oder Arztpraxen genutzt. Die Auswahl an Kunstwerken gehört zu den umfassendsten Angeboten in deutschen Artotheken überhaupt.

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Georg Baselitz, Mary Bauermeister, Marc Chagall, Friedensreich Huntertwasser, Niki de Saint Phalle, Penk, Polke, Spoerri. Das ist nur eine kleine Auswahl der prominenten Künstler:innen, deren Werke in der Artothek lagern und darauf warten, dass man sie an die heimischen Wände hängt.

„Über 1.700 Fotografien, Zeichnungen, Druckgrafiken und ein paar Skulpturen gehören mittlerweile zum Bestand“, erklärt Winfried Köchling. Er leitet seit kurzem die Artothek. Köchling hat die Nachfolge von Klaus Altmann angetreten, dem Gründer der Artothek, der im Januar verstorben ist.

Die Bibliothek für Kunstwerke befindet sich im 2. Obergeschoss der Villa Zanders. Träger ist der Galerie+Schloss e.V.

Werke ab 1945

„Seit 1993 gibt es das Angebot“, sagt Köchling. Er ist fast von Anfang an dabei. „Man suchte damals einen Ehrenamtler, der gut mit dem Skalpell umgehen kann“, schildert er. „Als ehemaliger Chirurg des Marien-Krankenhaus war ich wohl prädestiniert.“

„Der Schwerpunkt der Artothek liegt auf der Zeit ab 1945, mit eher ungegenständlichen Arbeiten internationaler aber auch regionaler Künstler:innen“, erklärt Petra Oelschlägel, die Direktorin des Kunsmuseums Villa Zanders. Man biete ein breites Spektrum, um möglichst viele Interessenten anzusprechen, dies aber auf einem außerordentlich hohen Niveau.

Autor Holger Crump im Gespräch mit Petra Oelschlägel und Winfried Köchling. Foto: Thomas Merkenich

Das hat sich rumgesprochen. Selbst aus Dortmund kommen Interessenten nach Bergisch Gladbach, um sich Kunst auf Zeit für ihre heimischen Wände zu leihen. Die Qualität des Angebotes sei einfach überragend, heißt es als Begründung.

Die Drucke, Radierungen, Gemälde sind allesamt Originale. Ist das nicht ein wenig gefährlich? „Nein, bislang ist noch nie etwas passiert“, schmunzelt Köchling. Die Arbeiten seien zudem versichert, fügt Oelschlägel hinzu.

Viele Nutzer der Artothek sind seit Jahren dabei, von den 200 registrierten Kunden sei derzeit gut die Hälfte aktiv. „Rund 300 Werke sind ständig unterwegs“, schätzt Birgit Gerstenberg. Sie verwaltet, wie 17 andere ehrenamtliche Mitarbeiter:innen der Artothek, die Nutzer und unterstützt diese bei der Ausleihe.

Kleines Geld für große Kunst

Solch prominene Künstler auszuleihen, ist das nicht teuer? „Keineswegs“, meint Köchling. Für eine Leihdauer von drei Monaten zahle man gerade einmal 10,- Euro pro Bild. Da wird große Kunst für kleines Geld erlebbar. Finanzielle Mittel, so hat es der Galerie+Schloss-Verein formuliert, sollen Menschen nicht von der kulturellen Teilhabe und der Auseinanderstzung mit Kunst abhalten.

Foto: Thomas Merkenich

„Die Bilder werden mit Rahmen, Scheibe und Passepartout verliehen. Von 30 mal 40 bis 100 mal 80 Zentimetern reichen die Maße der Werke“, schildert Köchling. Das passe gut an die Wände privater Haushalte.

Bei der Auswahl würden Nutzer:innen auf die Größe achten, damit das Bild an die Wand passe, ergänzt Birgit Gerstenberg. „Wichtig ist aber auch die Frage: Passen Farben und Motiv in die eigene Wohnung? Und passen die Bilder untereinander zusammen?“

Unterstützung bei Bildauswahl

Bei solchen Fragen würden die Mitarbeiter der Artothek mit Rat und Tat beiseite stehen und die Auswahl unterstützen. In einem umfassenden, alphabetisch geordnetem Katalog können die Nutzer:innen den verfügbaren Bestand sichten. „Die infrage kommenden Originale holen wir dann gerne hervor, denn der Eindruck des Originals ist mit der Abbildung im Katalog oft nicht zu vergleichen“, berichtet der Leiter der Artothek.

Neben der Bildauswahl interessieren sich Nutzer:innen mitunter auch für die Entstehung des Kunstwerks, für das Motiv, wollen mitunter einen Hinweis zum Verständnis haben. Manche Katalogeinträge bieten dazu einen kleinen Infotext. „Zudem steht in der Artothek eine Bibliothek bereit, mit Infos über die vorhandenen Künstler:innen und ihre Werke.“

20 bis 30 Bilder kämen pro Jahr hinzu, so Winfried Köchling zum Ausbau des Angebotes. Die Auswahl treffe er in der Regel gemeinsam mit Wolfgang Vomm, dem Gründungsdirektor des Kunstmuseums. Der Etat pro Bild liege in der Regel zwischen 300 und 800 Euro. Finanziert würde dies durch die Ausleihgebühren.

Der Kreis der Interessenten sei gemischt, er reiche von Kunstbegeisterten bis zu Menschen die neugierig auf die Auseinandersetzung mit den angebotenen Werken seien. Hinzu kämen auch Unternehmen oder Arztpraxen.

Artothek in der Villa Zanders
Geöffnet donnerstags von 16.00 bis 19.00 Uhr
Zugang und Ausleihe ohne Eintritt Kunstmuseum möglich
Infos zu den Künstlern, der Nutzung und den Leihgebühren auf den Webseiten der Artothek

Köchling: „Dieser Kundenkreis profitiert insbesondere von unserem Art-Service. Zwei Künstler kuratieren dafür eine Auswahl an Bildern der Artothek, passend zu den Räumlichkeiten oder den gewünschten Kunstwerken.“

Der Service umfasse zudem Anlieferung und Hängung. Das ist praktisch: Wer viel Publikumsverkehr hat, kann so auf günstige Weise regelmäßig neue Kunstwerke präsentieren, ohne selbst in Kunst investieren zu müssen.

Jubiläum in Sicht

Was ausgeliehen wird, das unterliege unter anderem auch ein wenig den gerade aktuellen Moden, berichtet Petra Oelschlägel. Das könnten Farben aus der Werbung sein. Aber auch die Techniken der Kunstwerke unterliegen gewissen Vorlieben. „Früher galten Zeichnungen eher als spröde“, erklärt die Direktorin, das habe sich mittlerweile gewandelt.

2022 feiert die Artothek bereits ihren 30. Geburtstag. Vielleicht wird es aus diesem Anlass eine kleine Ausstellung geben, blickt Winfried Köchling nach vorne. Prinzipiell wolle man die Ausleihe auch online ermöglichen. Das sei aus Urheberrechtsgründen jedoch nicht einfach.

Sie können die ganze Villa Zanders mit Hilfe unserer interaktiven Panoramatour erkunden. Sie können die Ansicht drehen, Details heranzoomen und über die Symbole Bildergalerien, Videos und Infotexte öffnen. Ein Doppelklick öffnet und schließt eine Vollbildansicht. Gute Reise! 

Das Team der Ehrenamtler möchte in jedem Fall noch mehr Interessenten für die Artothek begeistern. Gutscheine sollen künftig dabei helfen, den Art-to-take Service in der Villa Zanders noch bekannter zu machen. Auch ein Bild des Monats in der Eingansghalle des Kunstmuseums soll die Besucher ins zweite Obergeschoss locken.

Sie selbst, Köchling und Gerstenberg, seien beide begeisterte Nutzer der Artothek. „Das ändert den Wohnbereich, wenn ein neues Bild eintrifft“, berichtet der Leiter der Artothek zu dem Moment, wenn er die Kunst an den Wänden. „Und es aktiviert das Sehen“, ergänzt Birgit Gerstenberg. Bilder die zu lange hängen würde man ohnehin nicht mehr aktiv wahrnehmen, da sei Abwechslung wunderbar.

„Kunst fördert die Neugier“, betont Oelschlägel, die Neugier gehe heutzutage leider oft abhanden. Dabei sei eine gewisse Grundneugier sehr wertvoll, gerade für Kinder.

In der Tat: Familien nutzen den Service ebenfalls. Und die Kinder, berichtet Köchling, würden oft die Auswahl der Bilder für die Familie übernehmen. Die Neugier scheint geweckt.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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1 Kommentar

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  1. Petra Oelschlägel und Winfried Köchling sind wohl zu bescheiden, um zu erwähnen: Die Sammlung der Artothek in Bergisch Gladbach ist eine der hochwertigsten in Deutschland, was die Qualität der Leihobjekte und Künstler anbelangt. Leitungen anderer Artotheken erkennen das durchaus neidvoll an. Wir haben in unserer Stadt auch damit ein kulturelles Highlight. Ich nutze das Angebot der Artothek seit 20 Jahren für meine Büro- und Privaträume. Einfacher und anregender für sich, Kunden und Freunde kann man kaum demonstrieren, Kunstfreund zu sein und verstanden zu haben: Das einzig Beständige im Leben ist der Wechsel.