John Gerard schöpft Papier in alter Tradition aus verschiedensten Materialien und lässt sich dabei über die Schulter gucken. In der neuen Ausstellung im LVR Industriemuseum Alte Dombach zeigt der Leiter einer Papierwerkstatt außergewöhnlich kunstvoll gefaltete Objekte und Bilder aus Papier. Im Papiermuseum sind auch seine besonders gefertigten, poetischen Kunstbücher zu sehen.

Kaum zu glauben: Was wie eingefärbt oder aufgemalt wirkt, entsteht bereits bei der Papierherstellung. Die farbigen Fasern der „Orbits” werden ultradünn in das Material eingearbeitet. „Gautschen“ nennt der Papiermacher den Moment, in dem das feuchte Material fest zusammengedrückt wird, erklärt Annette Schrick, die die Ausstellung kuratiert. Sie begleitet die neue Schau des Papierkünstlers John Gerard in der Papiermühle Alte Dombach.

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Das Museum arbeitet seit Jahren mit Gerard zusammen. Er gehört zu den wenigen Fachleuten, die sowohl die Papierherstellung als auch die Anfertigung der Werkzeuge beherrschen. „Ein Schreibpapier ist anders als ein Aquarellpapier, anders als ein Buch und anders bei einer Faltung”, erklärt Gerard.

In den USA hat er das Handwerk studiert. Seine erste Werkstatt gründete er 1985 in Berlin, seit 1992 lebt und arbeitet er in seiner Papierwerkstatt in Rheinbach bei Bonn. Solche Papierexperten sind in Deutschland selten geworden. Auch die Schöpfsiebe stammen aus seiner Hand.

„Wir profitieren von seinem Wissen“, sagt Museumsleiterin Sonja Nanko. „Das Handwerk ist nahezu ausgestorben, und damit gibt es auch nur noch wenige Werkzeugmacher”, fügt Gerard hinzu.

Bücher, die gedenken

Viele der künstlerischen Arbeiten von Gerard sind symbolisch gemeint. „Aus einem Material wird ein anderes“, sagt er und zeigt auf das „Gedenkbuch an die Opfer von Corona“ mit dem Gedicht „Der Gipfel” von Albert Ostermaier von 2021.

Gerard hat für die Herstellung mit recycelten Textilfasern gearbeitet, indem er getragene Jeans und weiße Blusen verwendet hat, um blaue und weiße Papiere herzustellen. „Das war wichtig. Es ging um die Würdigung der tausenden Opfer“, erklärt der Künstler.

Besonders poetisch ist das „Seelenpapier” auch durch eine besondere, von ihm weiterentwickelte, klebstofffreie Bindung in Form einer gefalteten Kette, die sinnbildlich für die „Fragilität des Lebens” steht.

Daneben sieht man das Kunstbuch zum Einsturz des historischen Archivs in Köln am 3. März 2009. „House of Cards” heißt das Gedenkbuch mit handgeschöpften Papieren mit aufgedruckten lateinischen Texten der Gutenberg-Bibel.

Auch hier hat der Künstler eine besondere, klebstofffreie Bindung entwickelt: gefaltet und mit zusammengesteckten Laschen. Hier geht es um die poetische Verwendung des Buchstabens „K”, das symbolisch für zwei verunglückte Personen steht.

Objekte für Kunst- und Literatursammlung

In „Flut im Ahrtal” ließ er sich vom „Zauberlehrling” von Johann Wolfgang von Goethe zu einer gefaltenen Quelle und unendlichen Wellen inspirieren.

Ein Buch hat einen Klang. Man blättert es durch. Man hört es und spürt es mit den Fingern. Der sensorische Aspekt ist wichtig für die Erfahrung. Der Text diktiert nicht unbedingt, wie man sich durch ein Buch bewegt.John Gerard

Nicht weniger poetisch ist das Künstlerbuch „Das Karussell” mit einem Gedicht von Rainer Maria Rilke. Ein geflochtenes Band steht für das Drehen des Karussells, für das Auf und Ab der Karusselltiere.

Durch komplexe Faltungen bilden sich neue Zusammenhänge, überraschende sinnliche Details, die sich mit jedem Blättern immer anders zeigen und verbergen.

Foto: Thomas Merkenich

Ebenso finden sich kunstvolle Kooperationen mit Studenten der Alanus Kunsthochschule, an der er lange gelehrt hat, und Kooperationen mit Autoren wie Christa Wolf. Er arbeitet gern mit der Absurdität der Sprache, sagt Gerard. Seit über 30 Jahren arbeitet er mit dem Berliner Schriftsteller und Verleger Uwe Warnke zusammen.

Papier! Handgeschöpftes von John Gerard
LVR- Industriemuseum Papiermühle Alte Dombach
bis 8. November 2026
Dienstags bis freitags 10 bis 17 Uhr, samstags und sonntags 11 bis 18 Uhr
Eintritt: 6/4,- Euro; Kinder und Jugendliche frei
Mehr Infos: Künstlerseite und Webseite Papiermühle Alte Dombach

Wenn es ihm um „Klang und Stabilität” geht, verwendet er Flachs, Baumwolle oder Hanf. Manchmal wählt er Materialien konzeptuell – beispielsweise, wenn es inhaltlich für den Text oder sensorisch wichtig ist.

Dafür macht er Proben, experimentiert monatelang mit Papieren. Am Schluss wird es eine Auflage von wenigen Exemplaren sein – hochwertige Sammlerstücke.

Warum ein Industriemuseum Kunst zeigt

Die Ausstellung zeigt mit Videos aus Gerards Werkstatt, wie die Rohbögen in Handfertigung entstehen. Und man sieht, wie ganz gewöhnliche Hilfsmittel wie Spritzflaschen aus Küchen- und Laborbedarf zum Einsatz kommen.

Foto: Thomas Merkenich

Die Ausstellung von John Gerard zeigt die historische Dimension in ihrer Perfektion. „Das passt sehr gut in unser Haus”, erklärt Schrick. „Sonst zeigen wir keine Kunst, weil wir ein Industriemuseum sind. Aber das zeigt das andere Level; wie man kreativ werden kann.”

Museumsarbeit mit Langzeiteffekt

Sonja Nanko fügt hinzu: Wenn Sie die Besuchenden danach fragt, was am ihnen besten gefallen hat, dann das, dass man selber Papierschöpfen konnte. Der sinnliche Zugang sei das, was im Kopf bleibt. Was sich ganz anders verankert, verknüpft, weil man selber erschafft. „Menschen erinnern sich noch Jahre später an das Papierschöpfen, als sie damals mit der Schule hier waren.”

Es werden Kinderkurse und Erwachsenenkurse angeboten. Zur Ausstellung gibt es eine Miniwerkstatt, die zum „Selbstfalten und Selbstgestalten” mit Papieren, Collagen und Falttechniken einlädt. Wer sich beeilt, kann sich für einen Kurs bei John Gerard anmelden.

Foto: Thomas Merkenich

Das Rahmenprogramm zur Ausstellung

Öffentliche Führung mit Mitmachen-Angeboten zu Kunst und Handwerk:
10. Mai / 14. Juni / 12. und 25. Juli, 23. August / 13. September / 11. und 25. Oktober 2026, jeweils 14 Uhr.

Spezial: Führung und Kreatives Papierarbeiten für Erwachsene mit John Gerard:
31. Mai, 9. August, 9. November 2026, jeweils 14 Uhr.

Weitere Mitmach-Angebote in den Ferien. Aktuelle Infos dazu auf der Webseite .

Führungen und Mitmach-Angebote auch separat für Gruppen/Schulkassen buchbar. Vorherige Anmeldung erwünscht: www.shop.industriemuseum.lvr oder bei Kulturinfo rheinland, E-Mail: info@kulturinfo-rheinland.de, Telefon: 02234 / 9921-555

Weitere Einblicke in die Ausstellung

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