707 unserer Leserinnen und Leser zahlen freiwillig einen monatlichen Beitrag, um die Arbeit der Redaktion zu unterstützen. Damit ermöglichen sie es uns unter anderem, mit Holger Crump einen Kulturreporter zu beschäftigen, der die Kunst- und Kulturszene in Bergisch Gladbach immer wieder in aufwendigen Beiträgen vorstellt, ergänzt durch Fotos von Thomas Merkenich.

Sie sind noch nicht dabei? Unterstützen Sie uns mit einem freiwilligen Abo!

Der Bauunternehmer und Investor Oliver Vogt hat die Industriebrache Grube Weiß im Alleingang in einen modernen Kulturort verwandelt: Mit 20 Ateliers und einer großen Eventhalle – dem Magazin. Künstler:innen finden in Moitzfeld jetzt optimale Bedingungen für ihre Arbeit. Aber auch Musik, Theater, Kabarett, Feiern und Gesellschaften haben damit eine neue Adresse – im lässig-rustikalen Industrie-Design.

Text: Holger Crump.
Fotos: Thomas Merkenich

Das musst Du machen“ dachte Oliver Vogt, als er das erste mal die Grube Weiß betrat. Bäume durchbrachen das Mauerwerk der Industriebrache, die Fenster waren nur noch leere Höhlen, Löcher klafften im Fundament. „Man konnte durch jede Wand durchgehen, das war ruinös“, erinnert sich der Bauunternehmer aus Moitzfeld.

Bauunternehmer und Gestalter: Oliver Vogt.

Die Idee war schnell geboren: Die Industriebrache, in der einst sein Vater gewohnt und wo er seine Mutter kennengelernt hatte, sollte erhalten und zu einem Kulturzentrum umgebaut werden.

„20 Räume, die vorher Büros waren: Angesichts der permanenten Schließungen von Ateliers lag die Nutzung für Künstlerinnen und Künstler schlichtweg nahe,“ sagt Vogt.

Altes Erzbergwerk

Er hat Erfahrung mit der Erneuerung alter Bausubstanz: Er kaufte und renovierte die ehemalige rote Volksschule in Heidkamp, die heute ein soziales Kompetenzzentrum ist. Entwickelte Industriebrachen auf dem Reusch-Gelände in Hoffnungsthal zu Wohneinheiten. „Für so etwas braucht man Power ohne Ende“, sagt er nicht ganz ohne Stolz. Und jede Menge Gestaltungswillen und Ideen.

Nun also die Grube Weiß: Dabei handelt es sich um ein altes Erzbergwerk nordöstlich vom Technologiezentrum Bensberg gelegen, das von 1852 bis 1957 betrieben wurde. Das Gelände gehörte der Stadt, ein Investor sprang ab, da kam Vogt ins Spiel. „Die Stadt kennt meine Arbeit nicht zuletzt durch das Volksschul-Projekt in Heidkamp“, das machte die Sache einfacher.

Sie können jedes Foto mit einem Klick groß stellen. Dafür lohnt sich ein großer Bildschirm!

Vogt erwarb rund 12.000 Quadratmeter des Geländes, gemeinsam mit seinem Kompagnon Bernd Heil aus Bechen. Aus Verwaltungshaus und Magazin – dem einstigen Lager – wurde das Atelierhaus mit Eventhalle. „Das benachbarte Trafohaus bleibt auch erhalten, hier ist der Zeithorizont der Arbeiten jedoch noch offen.“

Kaufen und renovieren

Für Kauf und Renovierung brachte er 1,4 Millionen Euro auf. „Investiert habe ich liquide Mittel aus anderen Bauprojekten“, so Vogt. Eine Finanzierung durch die Bank wäre schwierig bis unmöglich geworden: Belastetes Erdreich durch Abraumhalden sowie Stollen im Untergrund – da macht kein Geldhaus mit.

Was aber kein Hindernis für einen Macher wie Vogt darstellt, der seine Investitionen stets rasch umgesetzt wissen will. „Ich bin schon ein komischer Bauunternehmer“, sagt der 54-Jährige über sich selbst. „Ich kaufe und renoviere, und das seit rund 20 Jahren!“

Zuvor war der gelernte Schreiner und Student der Betriebswirtschaftslehrer als Vertriebsleiter im Gastro-Sektor unterwegs.

Nach nur 2,5 Jahren Bauzeit stehen Atelierhaus und Magazin, die Künstlerinnen und Künstler sind im Sommer eingezogen. Die 20 Ateliers waren nach einer Woche vermietet. „Eigentlich schon innerhalb eines Wochenendes“, blickt Vogt zurück. Die Nachricht von neuen Atelierräumen muss sich wie ein Lauffeuer verbreitet haben.


Theater, Musik, Kabarett

Die weitere Nutzung des Areals lässt er auf sich zukommen, da wirkt Vogt ganz entspannt: „Theater, Musik, Kabarett, Tanz – alles ist hier denkbar.“

Er läuft in eine Ecke des Magazins. „Hier kommen noch Bühnenelemente hin“, sagt der Bauunternehmer, verweist auf Möglichkeiten für Garderobe und Bühnenzugänge.

Demnächst gehe eine Webseite zur Vermarktung online, Anfragen gebe es schon genügend, „gute Projekte sprechen sich schnell rum!“ Die Lage abseits vom Zentrum sieht er eindeutig als Vorteil. Hier sei man bei sich, könne Events frei entfalten. Bei 1.000 Quadratmeter Nutzfläche denkt er jedoch an größere Veranstaltungen, weniger an Kleingruppen.

Das Magazin ist mit jeder Menge Technik ausgestattet. „Vier Kilometer Fußbodenheizung sorgen dafür, dass die Veranstaltungshalle auch im Winter genutzt werden kann.“ Die Wände sind alle renoviert, neue Fenster lassen keinen Windhauch durch. Das hat Wohnraumqualität.

Die auch optisch wohltuend rüberkommt, wenn sich alte freigelegte Ziegelwände mit verputzten Flächen abwechseln, das Sonnenlicht hübsche Muster durch die riesigen Sprossenfenster wirft. Und ein kleiner verrosteter Kran etwas verloren im Raum von den guten alten Zeiten der Grube Weiß erzählt.

Industrial Style

An der Decke sorgt Lichttechnik für passende Stimmung, von Farbe bis zu Tageslicht für Ausstellungen ist alles machbar. Auch eine Verstärkeranlage mit Mischpult steht bereit, ebenso wie eine Theke mit professionellem Gastro-Bereich zur Getränkeausgabe.

All das ist gekleidet in alte Stahlträger. Große Nieten halten massive Eisenplatten zusammen, werden zu einem Pult für Veranstaltungstechnik oder einem Ausschankbereich umfunktioniert. „Industrial Style“ nennt Vogt den Mix aus vielen Einzelteilen, die er von Reisen mitgebracht oder bei Ebay ersteigert hat. Man kennt es auch als „Vintage“.

Seine Frau Claudia unterstütze ihn beim Design der Innenräume. Und das haben die beiden ziemlich stilsicher und geschmackvoll umgesetzt. Alte Gussheizkörper zieren funktional die Atelierräume.

Ein ehemaliger Stahlschrank von Zanders, früher für Papiermuster gedacht, dient stilvoll als Ablage für Toilettenpapier. Pflastersteine aus der ehemaligen DDR zieren den Hof. Aber auch das „Drumherum“ hat Vogt nicht vergessen. In der eigens angelegten wilden Blumenwiese summt und brummt es.

Zandersgelände – nein, danke

Alte Werkstoffe und Baustoffe zu organisieren, das sei in der Tat ein finanzieller, organisatorischer und zeitlicher Mehraufwand. „Aber wenn ich den Geist der Gebäude weiter entwickeln will, dann muss ich Umwege gehen. Dafür habe ich hinterher ein Unikat! Das macht den Unterschied.“

Upcycling nennt man dies neudeutsch. Oliver Vogt ist bekannt dafür. Er wird zu diesem Thema auch immer wieder auf Tagungen eingeladen: „Wenn es geht, dann arbeite ich zu hundert Prozent mit historischen Baustoffen!“

Läge es da nicht nahe, als nächstes Projekt die Bauten auf dem Zanders-Gelände anzugehen? Vogt winkt ab. „Da sind zu viele Akteure im Spiel, das wird zu zeitaufwändig.“

Er habe lieber alle Fäden selbst in der Hand. Das ermöglicht ihm, ungewohnte Wege bei seinen Projekten zu gehen. Er nennt ein Beispiel: „So komisch das auch klingen mag, aber ich arbeite gerne mit „alten“ Statikern zusammen. Die sind mit der Bausubstanz alter Industriebrachen noch vertraut, kennen die Statik der Ziegelwände.“

Das half zum Beispiel bei der Neuausrichtung der Fenster im Obergeschoss. Die standen vorher nicht in einer Flucht mit den übrigen Geschossen. Eine gewitzte Konstruktion seines „alten“ Statikers löste das Problem mit einer flexiblen Balkenkonstruktion. Wieder ein Umweg, den Oliver Vogt gegangen ist.

Ein Kunstwerk, ein Ort der Kunst

Die Grube Weiß, das wird beim Gang durch die Räume immer wieder deutlich, ist gewissermaßen selbst zum Kunstwerk geworden, ein Exponat für sich. Mit all den Zitaten aus der Industriekultur, die sich in Baustoffen und Einrichtungsgegenständen finden. Kombiniert mit einer hohen Wertigkeit des Innenausbaus.

Welche Rolle die Kunst hier spielt, wird gleich in der Eingangshalle sichtbar. Bauherr Vogt hat an der Wand einen Platz für das „Bild des Monats“ geschaffen. Das geht nun reihum, jede Künstlerin und jeder Künstler ist einmal an der Reihe.


Hinweis der Redaktion: Die Grube Weiß soll auch der Öffentlichkeit präsentiert werden, Vorbereitungen für die ersten „offenen Ateliers“ laufen. Am Wochenende 9. bis 11. September öffnet das Atelierhaus seine Tore. Die Adresse: Grube Weiß 23, Bergisch Gladbach (Moitzfeld)

image_pdfPDFimage_printDrucken

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

5 Kommentare

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Habe eine Frage zur Grube Weiß wann dort am 9.- 11.September das Atelierhaus geöffnet hat! Oder wo man sich darüber erkundigen kann! Mit freundlichen Gruß Karin Schapals

  2. Ein LeuchtturmProjekt von einem herausragenden, weil auch sozial engagierten Unternehmer. Chapeau!

  3. Sehr geehrte Herr Vogt. Ihr Projekt finde ich großartig und mutig. Sie habe da viel Erfahrung. Ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute. Vor allem Gesundheit. Hans Heidkamp.

  4. Ein gelungenes Beispiel für einen ambitionierten Umgang mit unserem industriellen Erbe! Wo andere nur Altlasten und Mehrkosten gesehen haben wird jetzt das Potential, das in der Erhaltung und Modernisierung alter Gebäude und Gebäudeensembles besteht, sichtbar. Es ist zu hoffen, das der Lerneffekt bis ins Zanders-Gelände strahlt.
    Gratulation