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Sechs Künstlerinnen und Künstler, drei Länder, zwei Kontinente, und jede Menge Kunstwerke: In der Bensberger Galerie basement 16 sind spannende Positionen aktueller Kunst aus Sri Lanka, Island und Deutschland zu sehen. Gegenständliche und abstrakte Malerei trifft auf digitale Fotokunst. Live vor Ort – und im virtuellen Raum.

„Alte Welt / Neue Welt: Der Titel der Ausstellung steht zunächst für unseren Blick auf die Welt. Für verschiedene Regionen, aus denen wir Kunst zusammenführen“, erklärt Volker Borraß. Er ist Gründer der hybriden Galerie und virtuellen Kunstplattform CA-Collectors. Realisiert Ausstellungen online und live vor Ort. Und ist mit seiner Plattform jetzt zu Gast im basement 16.

Im Hintergrund: Fotografien von Marlis Sauer, Foto: Thomas Merkenich

Borraß interpretiert den Titel der Schau indes weitaus umfassender: „Alte Welt / Neue Welt – das steht zugleich für die Weiterentwicklung der Kunst. Für die Art und Weise, wie neue Kunst produziert wird, wie sie vermittelt und gezeigt wird.“ Von analog bis digital. Vom Pinsel zum Pixel. Vom Bild zur Projektion.

Der Bogen ist weit gespannt.

Impressionen aus der Ausstellung im basement 16, Sie können jedes Bild mit einem Klick groß stellen. Fotos: Thomas Merkenich

Künstlerinnen aus Sri Lanka, Island und Deutschland sind in der Schau zu sehen. Vier Themen ziehen sich als roter Faden durch die Ausstellung, so Borraß: Individuum und Gesellschaft, Entwicklung von Gesellschaft, das Spannungsverhältnis von Mensch, Natur und Konsumgesellschaft, sowie die künstlerische Sicht auf die Gegenwart.

Momentaufnahme von Marlis Sauer (links), Fotos: Thomas Merkenich

Marlis Sauer: Fensterbilder und Momentaufnahmen

Überraschend: Marlis Sauer, Galeristin im basement 16, wechselt die Rollen und ist mit Fotoarbeiten in der Ausstellung zu sehen. Sie zeigt eine exzellente Auswahl ihrer Fensterbilder: Strukturen auf Glas, die unverändert reproduziert werden. „Sie entfalten in sich ein neues Leben“, so Sauer, die ausschließlich mit diesen Trouvaillen arbeitet.

Hinzu kommen Momentaufnahmen aus dem mediterranen Raum. Die Magie des Augenblicks: Kraftvoll in der Bildsprache, und doch sensibel in der Aussage. Sehenswert auch ihre Rostbilder. Der industrielle Zerfallsprozess als morbide, floral anmutende Erzählung vom Kommen und Gehen, von Aufstieg und Fall der Konsumgesellschaft. 

Alte Welt / Neue Welt
Kunstplattform CA-Collectors zu Gast im basement16
Mit Werken von Vajira Gunarwardena, Chamila Gamage, Deleepa Jeewantha, Marlis Sauer, Elmar Diks und Jón Thor Gíslason
29. Oktober bis 19. November 2022
Vernissage: 28. Oktober, 19.30 Uhr
Öffnungszeiten: Freitag 15 bis 18 Uhr, Samstag 11 bis 15 Uhr, Sonntag 12 bis 15 Uhr

Jón Thor Gíslason, Volker Borraß, Marlis Sauer, Elmar Diks . Foto: Thomas Merkenich

Elmar Diks: Digitale Abstraktionen

„Ich bin Strukturfetischist“ schmunzelt Elmar Diks. Ihn als Fotografen zu bezeichnen würde seiner Arbeit nicht gerecht. „Das Foto ist nur das Ausgangsmaterial“, so Diks. Mit eigens entwickelter Software bearbeitet er seine Bilder auf der Suche nach versteckten Anordnungen, innewohnenden Strukturen. Untersucht die Architektur von Farbe, Fläche, Linie im Foto. (Ein Werk von Elmar Diks sehen Sie ganz oben.)

So wie Picasso das Objekt in Formen auflöst, so unterzieht Diks sein Ausgangsmaterial einer digitalen Transformation. Formt virtuelle Landschaften, entdeckt den mikroskopischen Reiz von Asphaltstrukturen, setzt sich mit elementaren Empfindungen von Bildern weltweit verstreuter Webcams auseinander. Und schafft so eine wunderbare, eigene Bildsprache, die irgendwo zwischen Malerei und der omnipräsenten Ästhetik von Bildschirmen angesiedelt sein mag. 

Gemälde und Zeichnungen von Jón Thor Gíslason, Fotos: Thomas Merkenich

Jón Thor Gíslason: Der Philosoph

„Es ist wieder an der Zeit, der Kunst zuzuschauen, sie auf sich wirken zu lassen, zu erfahren was das Bild mit mir macht, anstatt immer alles zu erklären“, sagt Jón Thor Gislason. Der isländische Künstler mit Atelier in Düsseldorf ist mit transluzenten Arbeiten zu sehen, die trotz – oder gerade wegen – sparsamer Farbgebung eine mystische Anziehungskraft entwickeln. Fläche und Linie oszillieren auf der Leinwand. Struktur und Figur im spannungsreichen Miteinander.

Neben den großformatigen Arbeiten überzeugt Gislason nicht zuletzt mit einer Auswahl feingliedriger Ganzkörperportraits. Zart im Strich, aber dennoch von ungeheurer Dynamik, treiben die Zeichnungen das Genre charaktervoll voran. Mit edlem Gestus, mit spürbarer Freude an der künstlerischen Arbeit und vollendetem Können.

Virtuelle Ausstellung zuhause
Kunstwerke der beteiligten Künstlerinnen und Künstler können auch virtuell in den eigenen vier Wänden aufgehangen werden. Benötigt wird ein mobiles Endgerät sowie die kostenlose App Hoverlay (App-Store, Google Play).
Dann einfach den QR-Code eines Kunstwerkes von der Webseite der Online-Galerie scannen (Beispiel von Elmar Diks hier) und das mobile Endgerät gemäß den Markern in der App ausrichten. Das Kunstwerk wird dann in exakter Größe an der heimischen Wand präsentiert. Ein Demo-Gerät befindet sich in der Ausstellung.

Im Bild links: Selbstportrait von Dileepa Jeewantha, Foto: Thomas Merkenich

Dileepa Jeewantha: Selbstportraits

„Ich will erkennen, wer ich bin“, kommentiert der Maler aus Sri Lanka seine Arbeit: Selbstportraits auf Papier. Ein Spiel mit dem Ego, entlang der goldenen Linie der Erkenntnis. Heraus kommen zuweilen überzeichnete Charaktere, scheinbar spontan hingeworfene Antlitze, skurrile Physiognomien, die aus der Fläche heraus um Aufmerksamkeit ringen.

Neben Öl auf Leinwand sind auch Kohlezeichnungen ausgestellt. Jeewantha lässt die Portraits aus einer Linie, aus einem Strich heraus entstehen, ohne abzusetzen. Ein schöner Verweis auf die nie enden wollende, die immerwährende Suche nach dem „Ich.“

Werke von Chamila Gamage (Großformate). Foto: Thomas Merkenich

Chamila Gamage: Tradition und Moderne

Die Arbeiten des sri-lankischen Künstlers Chamila Gamage können als eine Art kollektiv-kulturelles Gedächtnis seines Heimatlandes verstanden werden. Gekonnt verwebt der aufstrebende Star der Szene in Sri Lanka alte Kulturtechniken wie das Batiken mit der Ikonographie aus Kunst und Religion seiner Heimat. Hinterfragt Themen wie Kolonialismus, Raubbau an der Natur, Religion und Geschichte.

Gamage ist ein Grenzgänger. Bei seinen Arbeiten entlang von Abstraktion und gegenständliche Darstellung. Aber auch bei den Kunstgattungen, denen er sich widmet. Malerei, Zeichnung, Textilkunst oder auch Skulptur sind zentrale Mittel seiner Arbeit. Exemplarisch sei die Arbeit „Melting Humans“ genannt: Eisskulpturen, die in der Sonne schmelzen und so inneliegende Konsumgüter freigeben. 

Maskenkunst von Vajira Gunawardena, Foto: Thomas Merkenich

Vajira Gunawardena: Maskenkunst 

Graffiti und Street Art trifft auf brauchtümliche Kunst: Schillernd präsentieren sich die Arbeiten des Künstlers, der in Colombo studiert hat. Ausgehend von der Tradition der Masken, erforscht er Kultur und Identität des Landes, unternimmt gewagte Expeditionen in die Extreme der menschlichen Psyche. 

Farbe, Form und Zeichen will der Maler als „Symbol für die menschlichen Sinne im Chaos unserer Realität“ verstanden wissen. Er kombiniert sie experimentell, in überzeichneten Darstellungen des menschlichen Antlitzes. Und schafft so völlig neue visuelle Formate und Ausdrucksformen. 


Rahmenprogramm zur Ausstellung
10. November, 19 Uhr
„Das Alphabet des Feuers“ – Lesung mit Gedichten aus Island
Mit Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason

17. November, 19 Uhr
„Unser Haus dem Himmel so nah“
Dana Khamis liest aus dem Buch der syrischen Autorin Shahla Ujayli. Musikalische Begleitung durch Jamal Albashaan

Infos und Anmeldung bei basement 16. Eintritt zu beiden Veranstaltungen frei

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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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