In einer Gedenkveranstaltung am Holocaust-Mahnmal im Park der Villa Zanders wurde am Mittwochabend an die Opfer der Reichspogromnacht 1938 gedacht. Michael Zalfen vom Städtepartnerschaftsverein Ganey Tikva und Bürgermeister Frank Stein setzten Zeichen gegen das Vergessen. Schülerinnen und Schülern der IGP stellten eine entscheidende Frage – und lieferten eine Antwort.

Text: Holger Crump
Fotos: Thomas Merkenich

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Gut 70 Menschen hatten sich in der Dämmerung um das Mahnmal im Park der Villa Zanders versammelt. Michael Zalfen, stellvertretender Vorsitzender des Ganey Tikva Bergisch Gladbach e.V., machte klar dass die Greueltaten der Nationalsozialisten untrennbar mit unserer Geschichte verbunden sind: „Das Gedenken ist notwendig, um die Opfer zu würdigen und um ihr Schicksal wahrzunehmen.“

Zalfen warf die Frage nach dem eigenen Verhalten in der NS-Zeit auf. Gedenken sei immer auch eine Ermahnung, sich für den Erhalt der heutigen Demokratie einzusetzen (siehe auch Dokumentation unten).

Michael Zalfen. Foto: Thomas Merkenich

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden mehr als 1.000 Synagogen in ganz Deutschland und ca. 7.000 jüdische Geschäfte zerstört und geplündert, jüdische Friedhöfe geschändet, mindestens 91 Juden ermordet und etwa 26.000 männliche Juden in Konzentrationslager verschleppt. Die Täter waren Nationalsozialisten. Polizei, Verwaltungen und Justiz unterstützten, und die „arischen“ Deutschen sahen zu oder schauten weg. Quelle: Städtepartnerschaft Ganey Tikva Bergisch Gladbach e.V.

Verfolgung auch in Bergisch Gladbach

„Menschen sind damals aus Hass verfolgt und ermordet worden, das darf nie wieder geschehen“ mahnte Bürgermeister Frank Stein und verwies darauf, dass dies auch in Bergisch Gladbach geschehen sei.

Dann schlug Stein den Bogen zum Krieg in der Ukraine und betonte, wie wichtig der Einsatz für ein freies Europa sei. Humanitäre Werte gelte es zu achten, in aller Konsequenz – ein Grund für den Verwaltungs-Chef, die Fußball-WM in Katar zu boykottieren.

Bürgermeister Frank Stein. Foto: Thomas Merkenich

Damals und heute

Umrahmt wurde die Gedenkveranstaltung von Schülerinnen und Schülern der Integrierten Gesamtschule Paffrath (IGP).

Neben Liedbeiträgen der Klassen 5D und 5F präsentierte der Literaturkurs der Q1 ein selbst geschriebenes, kurzes Theater-Stück. Darin warfen die jungen Autoren die Frage nach der eigenen Betroffenheit damals und heute auf: „Was hätte ich tun sollen?“

„Wir hätten etwas tun sollen!“ lautete der eindringliche Appell zum Schluss der Performance.

Dokumentation

Die Ansprache von Michael Zalfen im Wortlaut:

„Warum gedenken wir? Manche Zeitgenossen glauben ja, es wäre doch mal gut. Man müsse ja nicht immer nur zurückblicken. Stimmt das?

Nein, das stimmt nicht, und ich bin sicher, Sie alle werden meine Meinung teilen, sonst wären Sie heute nicht hier.

Gedenken an die Untaten der nationalsozialistischen Diktatur ist notwendig, um die Opfer zu würdigen und um ihr Schicksal wahrzunehmen.

Gedenken ist ebenfalls wichtig, weil diese Untaten zu unserer Geschichte und auch zu unserer Identität gehören. Wer seine Geschichte ausblendet, der versteht die Gegenwart nicht und stellt falsche Weichen für die Zukunft. Wir müssen wissen, was damals geschah, auch in allen schrecklichen Einzelheiten. Und wir müssen uns stets vor Augen halten, was die Demokratie, die Rechtsstaatlichkeit, der Respekt der Menschenwürde, das Recht auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit tatsächlich wert sind.

Gedenken bedeutet für mich aber auch die Frage: Wie hätte ich mich damals verhalten? Hätte ich Juden und anderen Verfolgten geholfen? Hätte ich nicht weggesehen? Hätte ich mein eigenes Wohlergehen und das meiner Familie riskiert? Schwierige Fragen, die aus der heutigen Perspektive nicht leicht zu beantworten sind. Gerade daher müssen wir uns diese Fragen stellen. 

Und wieder denke ich über unsere Staatsform nach: Sollten wir nicht dankbar sein, dass wir in einem demokratischen Rechtstaat leben, in dem wir keine Angst haben müssen, unterschiedlich zu sein, unterschiedlich zu leben und unterschiedlich zu denken? In unserem Staat müssen wir auch keine Angst haben, Farbe zu bekennen!

Gedenken ist also immer auch eine Ermahnung, uns für den Erhalt unserer Demokratie einzusetzen. Demokratie ist nicht selbstverständlich, sie muss immer wieder erarbeitet und gepflegt werden, damit dem Extremismus nicht Tor und Tür geöffnet wird.

Nicht zuletzt stehen wir als Städtepartnerschaftsverein bei allen Gedenkveranstaltungen auch dafür ein, dass jüdisches Leben in unserer Stadt selbstverständlich ist, dass wir Bergisch Gladbacherinnen und Bergisch Gladbacher den Menschen in unserer israelischen Partnerstadt Ganey Tikva respektvoll und gerecht begegnen und wir Jüdinnen und Juden hier wir dort nicht mit antisemitischen Vorurteilen betrachten.“

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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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1 Kommentar

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  1. Nicht das Vergessen, sondern die Erinnerung macht uns frei.
    Erinnern ist immer auch Gegenwartsbewältigung mittels Vergangenheitsbewältigung.
    Größten Dank allen Akteuren, die Erinnerung an die schlimmsten menschenverachtenden Verbrechen der Progromnacht gegen das Vergessen zu verteidigen.
    Da sind wir uns mal über alle Parteigrenzen einig.