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Die Galerie in Herkenrath präsentiert in ihrer Ausstellung zum Jahresende nicht nur frische Werke ihrer Künstlerinnen und Künstler. Sie erstaunt auch mit Arbeiten des jungen Gastkünstlers Paul Busch, der Unikate an der Schnittstelle zwischen Kunst und Design zeigt. Inspiriert von der Flutkatastrophe im Ahrtal, hinterfragt er Themen wie Mensch, Technik und Konsumgesellschaft.

Text: Holger Crump
Fotos: Thomas Merkenich

„Ich bin ein Maker“ ordnet sich Paul Busch selbst ein. Maker, Englisch für „Macher“ – das sind Vertreter einer aktuellen Subkultur, die neue Dinge kreieren oder bestehendes Material umbauen (mehr bei Wikipedia). Upcycling könnte man es auch nennen, Zero Waste-Ambitionen unterstellen.

Aber das ist im Fall von Pau Busch aus dem Ahrtal zu kurz gegriffen. Der Nachwuchsstar der Szene lernt Metallbauer, absolviert eine Ausbildung als Schmied, studiert ein paar Monate Maschinenbau. „Seit einem Jahr arbeite ich als freischaffender Künstler.“ Und man kann ihn durchaus als Philosophen der Szene betrachten.

Seine Arbeit läuft unter der Bezeichnung Erz und Herz . Ein Name für sein Atelier? Für seine Marke? Oder ist es gar ein Künstlername?

Urban Art von Thomas Baumgärtel (Vordergrund, Pylone) markiert den Eingang zur Ausstellung von Paul Busch.

Durch Flut zur Kunst

Es ist vielleicht von allem ein bisschen. Erz und Herz ist aber vor allem ein Schlüssel zum Verständnis seiner Arbeiten: „Viele halten Stahl und Eisen für kalt und seelenlos“, sagt Busch. Er findet in dem spröden Material indes viel Charakter, nähert sich dem Erz mit großer Gestaltungskraft. Verleiht ihm lässig eine Leichtigkeit, die fast einen Altmeister seines Faches vermuten lässt.

Das wirkt alles schon sehr routiniert. Dabei steht Busch erst am Anfang seiner Karriere. Im kommenden Jahr will er ein Kunststudium aufnehmen, findet gerade erst in seine Rolle als Künstler hinein. Die Flutkatastrophe in seiner Heimat, dem Ahrtal, habe ihn im Sommer 2021 dazu inspiriert, den Handwerksjob gegen das Kreative einzutauschen.

Kunst zum Jahreswechsel – Partout Kunstkabinett
26. 11. (Vernissage 11 bis 17 Uhr) bis 30. 12.

Mit Thomas Baumgärtel, Michael Broermann, Judith Farro, Friedrich Förder, Else Giesberg, Petra Giesberg, Masaki Hagino, Rolf Jahn, Heike Manleitner, Bettina Mauel, Veronika Moos, Eneka Razquin, Uwe Tillmann und Detlev van Ravenswaay. Gastkünstler Paul Busch.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag und Freitag 16 bis 19 Uhr, Samstag 11 bis 13 Uhr sowie nach Vereinbarung unter 0157 3553 2907
www.partout-kunstgeschichte.de 

Wie alle Anwohner, so unterstützt er seinerzeit als Fluthelfer den Kampf gegen das Chaos. Und registriert mit feinen Antennen das Elend der Menschen. Da seien ganze Biografien innerhalb weniger Stunden zusammengebrochen, erzählt er. Das habe ihn dazu bewogen sich auf seine künstlerischen Interessen zu konzentrieren. 

„Das Treibgut, das bei uns im Ort Ehlingen angeschwemmt wurde, war für mich Ausgangspunkt der künstlerischen Auseinandersetzung. Das war keineswegs Schrott.“

Licht

Er sammelt das Material und führt es – teils radikal – einer neuen Nutzung zu. Ästhetisch und haptisch sehr anspruchsvoll, handwerklich auf hohem Niveau. So sind in der Ausstellung der Galerie eine Reihe von Lampen zu sehen. Entwickelt aus alten Milchtrichtern, angeschwemmten Bierfässern oder dem Aluminiumlüfter einer Schreinerei.

Warum ausgerechnet Lampen? Busch strebt nach Licht: Er erinnere sich zu gut an die Aufräumarbeiten im Ahrtal, in dunklen Kellern, mit Stirnlampen. Das habe ihn künstlerisch geprägt, rege ihn zum Spiel mit Licht und Schatten an.

Die Flut hinterließ aber auch ihre Spuren: „Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut wenn ich das fließende Wasser einer WC-Spülung höre!“

Die Erfahrung verarbeitet er nunmehr als Künstler, eine Installation in der Ausstellung trägt den Titel „Flutzimmer“.

Ein alter Gitterkorb fungiert als Tisch. Aus Teilen eines abgesoffenen Traktors macht er ein Sitzmöbel. Ein aus den Fluten gerettetes Grammophon wird zur Smart Home-Truhe, die Streaming-Hits auf Abruf spielt.

Digitale Skulpturen

Busch lässt sich nicht einordnen und nicht auf bestimmte Techniken und Genres reduzieren. Kreativ, künstlerisch und handwerklich geht er zunächst von der Idee aus und erarbeitet sich dann das notwendige Know-how. Wie in der kleinen Medienkunstinstallation, inszeniert als Triptychon: Per Controller können Besucher durch seine Biografie „surfen“. Technologie – so scheint es – ist sein Pinsel, seine Leinwand, die Farbe die er aufträgt.

Atelierfrische Arbeiten der Galerie-Künster

Neben den Werken von Paul Busch zeigt die Galerie neue Arbeiten ihrer Künstlerinnen und Künstler. Thomas Baumgärtel ist mit Werken seiner Urban Art präsent. Masaki Hagino überrascht nach der Arbeit mit Paraffin nun mit Malerei in Öl und Acryl.

Völlig neue Tanzbilder sind von Bettina Mauel zu sehen. Friedrich Förder, der Altmeister des Drucks, hat eigens für die Schau aktuelle Arbeiten in der Technik beigesteuert. Dem Kölner Maler Michael Broermann ist ein eigener Raum mit neuen Bildern und Skulpturen gewidmet.

Sehr schön auch Stickarbeiten und Landart der Textilkünstlerin Veronika Moos, sowie Steinbildhauerei von Uwe Tillmann uvm. Ebenfalls in der Ausstellung: Der Kunst-Adventskalender der Galerie, der täglich auf Webseite und Instagram mit Kunst überrascht.   

Oder seine Gyroleuchten: Lampen mit integrierten Sensoren aus Handys, die auf Änderungen der Lage im Raum reagieren. Busch schafft damit Leuchtmittel, die sich alleine durch Neigen oder Kippen an- und ausschalten oder dimmen lassen. Es sei eine Weltneuheit, er habe sich das patentieren lassen, meint Busch.

En passant liefert er so einen spannenden Ansatz zum Thema Schnittstelle zwischen Mensch und Technik.

Einen cleveren Dialog von Analogem und Digitalem schafft Busch mit einem QR-Code, den er in eine Eichenplatte gefräst hat. Oder mit einer 100 Jahre alten Nähmaschine, die per 3D-Drucker zur computergesteuerten Stickmaschine wird. 

Gerne legt der Youngster auch das Innenleben von Consumer Electronics frei. Schafft auf diese Weise Uhren, welche die Zeit in Worten wiedergeben („Wortuhr“). Reduziert auf Schaltkreise und Drähte, inszeniert Busch sie als kleine Skulpturen. Zeitlos schön sind auch seine mechanischen Uhren mit selbst entwickeltem Ganglaufwerk, die den Takt des Alltags ironisch und wortwörtlich auf den Punkt bringen:

„Es ist fünf vor zwölf!“ ist hier um 11.55 Uhr zu lesen. 

Mensch und Technik

Das mag nur die Uhrzeit sein, macht aber seine Haltung deutlich. Busch hinterfragt die Konsumgesellschaft, indem er Schrott mit Leben versieht. Indem er auf Nachhaltigkeit setzt, neue Produkte aus alten Produkten entwickelt und spielerisch die Grenzen von Industrie- und Digitalzeitalter überwindet. 

Mensch und Technik neu gedacht: Busch geht über den Ansatz der Maker hinaus und bietet in seiner Ausstellung neue Sichtweisen auf unseren Alltag an. Das macht ihn zu einem spannenden Kreativen, auf dessen weitere Statements man gespannt sein darf. 


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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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