Der Park Haus Lerbach war bis ins 19. Jahrhundert ein streng barocker Landschaftsgarten – bis Anna Zanders das neue „Schloss Lerbach“ baute und den Park in einen englischen Landschaftsgarten verwandeln ließ. Unsere Autorin Annette Voigt taucht im dritten Teil der Park-Serie tief in seine Geschichte und Strukturen ein – die auch heute noch gut sichtbar sind.

Der Park Haus Lerbach wurde von 1899 bis 1910 von einem formal strengen barocken Garten in einen englischen Landschaftsgarten umgewandelt. Anna Zanders hatte dazu Albert Brodersen beauftragt, einen deutschlandweit bekannten Gartengestalter aus Berlin.

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Der Park entstand in der späten Epoche des Englischen Landschaftsgartens. In dieser Phase der Gartenwelt dominierten jetzt zwei Gartenstile, der Englische Landschaftsgarten und der architektonisch Ausgerichtete inklusive der symmetrisch angeordneten barocken Elemente eines französischen Gartens. In der Gestaltung des Parks von Haus Lerbach wurden beide Stile umgesetzt, wie Brodersens Veröffentlichungen belegen.                                                                                                                                                                                                                                             

Das Parkgelände in Lerbach wurde wegen der Höhenunterschiede mit Natursteinmauern terrassiert. Diese Terrassierung ist ein Indiz für den architektonischen Stil. Terrassen spiegeln den Gartengeschmack der Entstehungszeit um 1900 wider. Bereits in den italienischen Gärten des 16. Jahrhunderts dienten Terrassen zur Gliederung verschiedener Ebenen in einem Garten.

Foto: Thomas Merkenich

Die Terrasse im Park Haus Lerbach bietet einen Blick in die großräumige Landschaft, auf ausgedehnte Rasenflächen, in die einzelnen Gartenräume, auf den Lerbach und den Teich. Wasser ist aber auch im Englischen Landschaftsgarten ein belebendes Gestaltungselement und man nennt es „die Seele des Parks“.                                                                                                                   

Hintergrund: „Ein historischer Park ist ein Park, der für eine bestimmte Entstehungszeit steht und der sich die Merkmale dieser Zeit erhalten bzw. durch Gartendenkmalpflege wieder hergestellt hat“, so sagt Ludwig Trauzettel, Gartendirektor a. D. der Kulturstiftung Dessau Wörlitz. Gemäß der Charta von Florenz (international gültige Richtlinie der Gartendenkmalpflege von 1981) ist ein historischer Park „ein mit baulichen und pflanzlichen Mitteln geschaffenes Werk, an dem aus historischen oder künstlerischen Gründen ein öffentliches Interesse besteht“.

Die sich immer wieder öffnenden Blickachsen im Lerbacher Park verbinden einzelne Gartenräume miteinander und sollen das Interesse des Besuchers wecken. So sieht es das Konzept der Landschaftsgärtner vor. Sichtachsen sind künstlich kreierte freie Schneisen im Park, die den Blick entlang einer Linie auf markante Aussichten lenken. Sichtachsen sind allerdings in der Regel ohne eine direkte Wegverbindung.

„Das Auge folgt nicht dem Fuß“, so nennt es die Landschaftsgärtnerei in diesem Zusammenhang. Anhand der Sichtachsen eilt der Blick des Besuchers voraus. Er entdeckt etwas in der Ferne und möchte auf dem direkten Weg dorthin.

Die meist geschwungenen Wege führen ihn jedoch nur über Umwege zum Ziel. Daher nennt man diese Wege „die stummen Führer“.

Ein Englischer Landschaftsgarten überrascht dabei immer wieder, wenn unerwartet Parkgebäude und Gartenräume oft halb verborgen hinter Gestrüpp auftauchen.

Einzelne Gartenräume wirken nur dann wie von der Natur geschaffen, indem nicht alles auf einen Blick erkennbar ist und sich beim Weitergehen neue Ansichten ergeben (sog. Perspektivwechsel).

Ein Beispiel: im Park Lerbach auf dem Weg zum Gutsverwalter-Haus am Rande des Parkwaldes taucht mit einem Mal eine kreisförmige, erhöhte, von einer niedrigen Mauer umrandete Sitzgruppe auf, zu der vier Steinstufen hinaufführen. Der Besucher hält inne, steigt hinauf, setzt sich und blickt in die Mulde. Parkbesucher zum Verweilen anzuregen, das ist die Absicht der Englischen Landschaftsgärtnerei.

Im Detail: Architektonischer Stil mit barocken Elementen 

  • Achsensymmetrische, grade Wegführung
  • geometrische Formen
  • kanalisierte Wasserläufe,geometrische Wasserbecken, Wasserspiele
  • bepflanzte Kübel
  • Terrassierungen und bewusst aufgebaute Geländepartien wie Mauern und Treppen
  • Künstlich wirkende Natur, mit dem Ziel diese zu beherrschen
  • Vasen- und Gartenskulpturen, meist mythologisch
  • Hecken und Labyrinthe
  • Schauarchitektur wie u.a. Grotten

Staffagen ziehen ebenso die Blicke auf sich. Staffagen, so etwas wie bauliches Beiwerk im Park, sollen den Park beleben. Die Englischen Landschaftsgärtner in der späten Epoche verwenden diese Staffagebauten eher sparsam. Einzelne pointierte Parkbauwerke wie auch im Park Lerbach werden jetzt bevorzugt, um die Natürlichkeit eines Parks zu betonen. 

Die beiden Pavillons gegenüber des Schlosseingangs und der kleine Teepavillon am Lerbach sind solche Staffagen, einerseits zum schönen Schein und anderseits mit praktischem Nutzen. Zu Staffagen zählen auch Skulpturen, die es häufig im Lerbacher Park gab.  

Typisch für den späten Stil des Englischen Landschaftsgartens ist die Struktur des „Zonierungsprinzip“. Diese Struktur unterteilt den Park in einzelnen Zonen, in den Außenpark, den Innenpark und den „Pleasure Ground“ (Ziergarten).

Der Lerbacher Wald ist der Außen-Park, das Parkgelände ist der Innenpark und die repräsentativ gestalteten Blumenarrangements in der Nähe des Schlosses sind der „Pleasure Ground“. 

Landschaftlich / natürlicher / Englischer Stil 

  • Wechselspiel der Gartenelemente
  • Sichtachsen und markante Blickpunkte
  • natürlich wirkend mit der Natur und nicht gegen sie gerichtet
  • geschwungene Wegführung 
  • weite Landschaften und freier Blick
  • hügelige Geländemodellierung
  • heordnete Ursprünglichkeit und doch Struktur
  • natürlich wirkende Wasserläufe und Seen mit natürlich wirkenden Uferkonturen
  • von Pflanzwerk umrahmte Sitznischen 
  • akzentuierte Anordnung von Bäumen und Gehölzen mit Licht- und Schattenwirkung
  • ausgedehnte Rasenflächen (Großzügige Landschaft)
  • Prinzip der Asymmetrie, aber z.T. geometrische Gestaltung in Schloss-Nähe 
  • Staffagen mit und ohne Funktion

Der Innenpark wiederum unterteilt sich in eine Vielzahl von Gartenräumen verschiedener Größen. Ein Gartenraum ist ein Garten bzw. -Park-Teil, der von diversen Gestaltungselementen gegliedert und eingefasst wird. 

Die Blumenbeete mit Pergolen und Kübeln an der Südseite und auf der Terrasse vom Park Lerbach unterscheiden sich von der Bepflanzung im weitläufigen Park durch eine üppige blütenreiche Bepflanzung. Diese Blumenbeete sind heute nicht mehr vorhanden. 

Foto: Reproduktion eines Fotos von 1920 aus dem Archiv der „Stiftung Zanders Papiergeschichtliche Sammlung“ / Sabine Kuhnle / TH Osnabrück

Der Treppenaufgang an der Südfront des Hauses, der von der Terrasse des Schlosses in den Park führt, verbindet diesen Teil des „Pleasure Ground“ mit dem Innenpark, früher eine geometrische/ symmetrische Pflanzfläche (Kreis und Quadrate) mit eingefassten Blumenbeeten, Rosenstöcken, gewölbten Beeten mit zylindrischen Formbäumchen an den Ecken und weißen Holzbänken.

Die Backsteineinfassungen sind heute noch erkennbar. Eine Verbindung vom Parkeingang seitlich zum Hausbereich bildet eine mit Kugelförmigen Eiben bepflanzte Wegeachse, Element des architektonischen, formalen Gartens.

Erkunden Sie mit unserer Panoramatour Schloss Lerbach von innen und außen. Ein Doppelklick öffnet und schließt die volle Ansicht, mit der besten Wirkung auf einem größeren Bildschirm, auf dem Handy im Querformat. Sie können über die blauen Punkte und die Navigation oben verschiedene Perspektiven ansteuern. Sie können die Ansicht drehen, Details heranzoomen. Hinter den roten Symbolen finden Sie Texte, historische und aktuelle Fotos. Manche Infos sind ein wenig versteckt. Die Aufnahmen wurden im Frühjahr 2023 gemacht.


Im Park Haus Lerbach dominieren akzentuiert gepflanzte Bäume und Gehölze verschiedenster Farbnuancen, meist Grüntöne. Man spricht hier vom „Gemischten Grün“. A. Brodersen nannte es „sorgfältig aufgebaute Gehölzmassen“.

Akzentuiert Pflanzen bedeutet, dass Bäume möglichst wirkungsvoll in Szene gesetzt werden. So rahmen Bäume beispielsweise einen Gartenraum ein oder ein Solitärbaum steht in der Rasenmitte, sodass er wie eine Skulptur als Blickfang wirkt.

Bäume in einer Gruppe (sog. Clumps) werden asymmetrisch in unterschiedlichen Abständen gesetzt, um somit die Monotonie des Rasens zu unterbrechen und dessen Weite zu betonen.

Die Baum-Pflanzkunst besteht darin, diese so anzuordnen, dass sie aus verschiedenen Perspektiven jedes Mal anders wirken, ihr Charakter zur Geltung kommt und bestimmte Stimmungen bei den Parkbesuchern hervorgerufen werden. Nadelgehölze wirken beispielsweise düster, ernsthaft und melancholisch, Laubbäume und Zierbäume leicht und schlanke und hohe Pyramidenpappeln fein und empfindsam. Die Linden symbolisieren Frieden und der Spitzahorn Harmonie. Offene Wiesenräume mit Blumen und einzelne Bäumen erscheinen heiter. 

In einem Englischen Landschaftsgarten wirkt alles natürlich. Doch ist es eine meisterliche Illusion, denn alles ist von Gärtnerhand sorgfältig und bewusst nach dem Vorbild der Natur angelegt und gestaltet. Ein Englischer Landschaftsgärtner lässt sich von der Natur inspirieren und der Park wird zum komprimierten Abbild der Natur. Es ist wie eine Naturwelt a Miniatur.

„Die Natur liefert die besten Motive“, so lautet daher ein Leitsatz der Englischen Landschaftsgärtner. Gartenräume wirken umso natürlicher, je mehr Grüntöne, Farben und Formen im Park variieren.

„Schließlich wächst in der Natur auch alles kunterbunt ineinander und sie ist niemals monoton“, so begründen Englische Landschaftsgärtner ihr Gestaltungsprinzip. Geschwungene Uferkonturen und Wege wirken natürlich dynamisch, denn „die Natur verabscheut gerade Linien und pflanzt nichts nach der Schnur“, so lautet ein weiterer Leitsatz.

Der natürliche Effekt entsteht also, indem im Park nach den Grundelementen der Natur (unter anderem Rasen, Wasser, Bäume, Pflanzen, Licht und Schatten) gestaltet wird. Licht und Schatten gelten dabei als bestimmende Elemente im Garten.

Der Garten mag einfach und ursprünglich erscheinen. Dahinter steckt aber eine ordnende Struktur, die zumeist auf eine vorhandene Landschaft aufbaut und die Grundzüge, das Potential eines bestehenden Gartengrundstücks weiterentwickelt. Im Park Haus Lerbach sind es u.a. die Reste des Ritterguts (sog. „Lyrbach“ oder „Liebach“, bis ins 14. Jh. zurückgehend), die hügelige Landschaft, der Wald und der Lerbach.

Mit Mitteln, die die Natur bereithält, gelingt es u.a. mit Bodenmodellierungen, der Verteilung von Solitärbäumen und Baumgruppen, einem geschwungenen Wege- und Wassersystem, Ruheplätzen, Blickpunkten und -achsen, weiträumigen Rasenflächen und pointierten Staffagen wirkungs- und stimmungsvolle Effekte in einem Englischen Landschaftsgartens zu erzielen.

Effekte, die die Parkbesucher in Haus Lerbach mit ruhig, entspannend, friedvoll und vielschichtig beschreiben. Ein Park mit einem uralten Baumbestand und malerischen Ausblicken.

Quellen: Auszüge aus Annette Voigts aktuellen Vortragsmanuskript, Hans von Trotha „Der Englische Garten“, Verlag Wagenbach 2021 und Annette Voigt „Natur gestalten im Stil eines englischen Landschaftsgartens, Synergia Verlag April 2023 


Hinweis der Redaktion: Dieser Beitrag ist der dritte einer sechsteilige Serie, in der wir Zeitzeugen zu Wort kommen lassen, den Schöpfern dieses englischen Landschaftsgarten nachgehen und uns ganz besonders mit der Gestalterin Anna Zanders beschäftigen und historische Fotos zeigen werden. Den ersten Teil der Serie unter dem Titel „Den Park von Schloss Lerbach wieder entdecken“ finden Sie hier. Im zweiten Teil schildern Augenzeugen, welche Erinnerungen sie mit dem Park verbinden.


Die Autorin Annette Voigt ist eine Kennerin des Gartenstil des englischen Landschaftsgartens, Autorin des Buches „Gartennatur im Stil eines englischen Landschaftsgartens“, Freizeitgärtnerin, ehrenamtliche Helferin in den historischen Parks zu Wörlitz und zu Branitz und Veranstalterin von Bildvorträgen. Sie recherchiert seit längerem zur Geschichte des Parks Haus Lerbach. Die Ergebnisse stellt sie nun in dieser Serie vor.

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  1. Ach, das liest sich so schön,und man bekommt Sehnsucht, dort spazieren zu gehen. Und dann kommt die Einblendung mit dem “4-Sterne-Hotel” und man weiß gleich, für das einfach Volk und Lück wie ich und du wird das nichts, wir müssen leider draußen bleiben.
    Wie ich sie satt habe, die Reichen!