Rund 1000 Menschen haben am Freitag an der Bergisch Gladbacher Solidaritätskundgebung gegen den „populistischen Ascherfreitag“ der AfD in Kürten teilgenommen. Eine sehr ruhige Demonstration mit gewichtigen Redebeiträgen und angenehmem Sound.
Text: Laura Geyer. Fotos: Philipp J. Bösel
Es ist 17.05 Uhr, vor 20 Minuten hat die Bergisch Gladbacher Solidaritätskundgebung begonnen. Es regnet, schon aus der Ferne sehe ich, dass der Konrad-Adenauer-Platz voller bunter Schirme ist. Auf der Bühne vor der Laurentiuskirche stimmt die Band „Woanders“ das nächste Lied an: „Imagine“ von John Lennon. Die Menschen in der erste Reihe wiegen sich zur Musik, Münder öffnen und schließen sich, der Text ist vielen geläufig.
Auch viele Kinder sind dabei, an den Rändern, im „Safe Space“ für Familien und Menschen mit Behinderung neben der Bühne, mit Stühlen und mit Flatterband abgesperrt, sogar direkt vor der Bühne. Ich denke erst: Das muss doch viel zu laut sein. Ist es aber nicht. Der Sound ist angenehm.
Fotos: Philipp J. Bösel. Sie können jedes Foto mit einem Klick groß stellen.
Auch als es jetzt lauter und rockiger wird: „Alles wird gut“, singt die Band, „Fühlt sich nicht danach an, aber alles wird gut.“ Zwei Kleinkinder tanzen und drehen sich vor der Bühne, die Erwachsenen applaudieren.
Die Auftaktrednerin, Organisatorin Noemi Coumont, habe ich leider verpasst. Jetzt betritt Felice Tavera-Salyutov die Bühne. Sie ist Psychologin, hat an der Uni Köln zu Antisemitismus geforscht und erläutert, wie die völkische Ideologie der AfD den Antisemitismus befeuert. Soweit, dass überall jüdische Institutionen unter Polizeischutz gestellt werden müssen. Eine gleichsam bewegende und beklemmende Rede.
Hinweis der Redaktion: Unseren Liveblog zu den Kundgebungen in Kürten und GL finden Sie hier. Und hier der Beitrag mit den Fotos aus Kürten sowie ein Artikel zur Veranstaltung der AfD in Kürten.
Nach ihr liest Evelyn Ilgen von den Kölner „Omas gegen rechts“ ein Gedicht vor, eine Dystopie, in der die von den Rechten erträumte Remigration Realität wird, in der sie immer näher rückt, von den Betreiber:innen der Döner-Boden und Sushi-Restaurants über die Pfleger:innen in den Krankenhäusern und die Kinder ausländischer Eltern in den Kitas bis hin zu den „Menschen, denen wir geholfen, denen, in die wir uns verliebt haben“.
Ich muss schlucken, denn auch ich teile mein Leben mit jemandem, der in diesem Szenario deportiert würde.
Es ist auffallend ruhig auf dem Marktplatz. Die Menschen hören aufmerksam zu, bei diesem Beitrag und auch bei den nächsten. Der Regen lässt nach, wird wieder stärker.
Nach einer guten Stunde scheint die Konzentration bei vielen aufgebraucht: Der Marktplatz wird langsam leerer. Vielleicht ist es auch einfach nur das Wetter. Vielleicht hätte mehr Musik zwischen den vielen wichtigen, aber auch gewichtigen Wortbeiträgen gut getan, um immer mal wieder durchzuatmen.
Die Veranstalter:innen schätzen, dass rund 1200 Menschen demonstriert haben. Die Polizei geht eher von 800 aus. Ohne Regen wären es sicher weitere 1000 Menschen gewesen, glaubt ein Beamter. Er bestätigt meine Einschätzung: Die Demo sei „absolut ruhig“ verlaufen.
Hintergrund: Nach einer ersten Demonstration nach dem Bekanntwerden eines Treffens von rechtsextremen Identitären mit Vertretern der AfD und der Werteunion in Potsdam hatte sich in Bergisch Gladbach ein informelles Bündnis gebildet, das die Demonstration am Samstag organisiert hat – um gegen den „populistischen Ascherfreitag“ der AfD Stellung zu beziehen.
Nachdem die AfD ins Bürgerhaus Kürten umziehen musste wurde die Demonstration in GL reduziert und als Solidaritätsveranstaltung deklariert – um den Menschen einen Raum zu geben, die nicht nach Kürten fahren wollten oder konnten.
Hinweis der Redaktion: Die AfD hatte die Presse von der Veranstaltung in Kürten ausgeschlossen, wir berichten dennoch ausführlich über die Redebeiträge in diesem Gastbeitrag.
Der Arbeitskreis für die Demo-Organisation besteht aus einer Vielzahl von Einzelpersonen. Sie sind zum Teil auch in Parteien (v.a. Grüne, Linke, SPD) oder Vereinen / Initiativen (KlimaGerechtLeben, ADFC, Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Ganey Tikva-Bergisch Gladbach) engagiert, betonen aber in der Regel, hier als Bürger:in aktiv zu sein und nicht ihre Partei / ihren Verein zu vertreten. Alle demokratischen Parteien, von der CDU bis zur Linken, hatte zur Demonstration aufgerufen.
Das dahinter stehende größere Bündnis formiert sich erst langsam. Beim ersten virtuellen Treffen waren auch Vertreter:innen der Kirchen, der Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften, der Integrationsrat und weiterer Vereine / Initiativen dabei.
































Wäre es möglich das wirklich sehr berührende Gedicht welches von Evelyn Ilgen vorgetragen wurde zu veröffentlichen? Ich habe beim Gedanken daran noch einen dicken Kloß im Hals…….
Hallo Verena, das geht mir auch jedes Mal so, wenn ich das Gedicht lese oder höre. Schau mal meine Antwort hier an Bärbel Strack‐ Schmitt, da habe ich Autorin und Quelle benannt .
Das Gedicht stammt von Sabine Asgodon: https://omasgegenrechts-kiel.de/was-kann-geschehen-wenn-wir-jetzt-schweigen/
Das Gedicht war tatsächlich sehr stark! – Kann man das Gedicht, das Evelyn Ilgen von den Kölner „Omas gegen rechts“ vorgetragen hatte, irgendwo nachlesen bzw. wo kann ich den Titel samt Autor*in erfahren?
Das Gedicht ist von Sabine Asgodon, sie ist unter anderem Journalistin und hat es morgens um 4.50 Uhr, am 12.Januar geschrieben, kurz nach Veröffentlichung der Correctiv‐Berichte. Wo wirst Du sein, wenn sie sie holen? Veröffentlicht hatte sie es in Facebook.
Hier kann man das Gedicht auch außerhalb von Facebook lesen:
https://omasgegenrechts-kiel.de/was-kann-geschehen-wenn-wir-jetzt-schweigen/
Auch wenn es sich nicht gut anfüllt, gibt es leider auch Schatten, denn von CDU, SPD und der FDP war eigentlich nichts zu sehen (oder nih im Microbereich) oder deren politischen Vertreter*innen (Bürgermeister Frank Stein) haben abgesagt oder sind nach Kürten Demonstration.
Ärgerlich ist dabei, dass die CDU Bergisch Gladbach im Nachhinein Statements abgibt, mit dem sie die Demonstration zwar ausdrücklich begrüßen, aber ihre “Nicht-Teilnahme” mit einer “Klausurtagung der Fraktion” begründen. Siehe dazu auch den Offenen Brief an die CDU BGL: https://www.santillan.de/2024/02/17/was-ist-wichtiger-als-demokratie-vielfalt/
Schon ein wenige merkwürdig, denn die Volkspartei CDU besteht nicht nur aus Mandatsträgern und die Junge Union war auch nicht vor Ort. Was also soll diese fadenscheinige Scharmützel eigentlich wirklich?
Wer sich aber mit einigen Hintergründen in der CDU Bergisch Gladbach etwas genauer beschäftigt, muss sich möglicherweise die Frage stellen, ob die “Klausurtagung” nur eine Ausrede ist oder ob in der CDU-GL ultrarechte Kräfte wirken, um eine Bündnis gegen die AfD mit anderen demokratischen Parteien zu blockieren?
Der Verdacht liegt nahe, obwohl der CDU-Bundesvorstand sich klar von der WerteUnion und der AfD abgrenzt und sogar an vielen Stellen Parteiausschlußverfahren gegen Mitglieder der Wertunion betreibt und ihre Kreisverbände auffordert, das auch zu tun, um endlich Rechtsextremist*innen aus der Partei herauszudrücken.
Tatsächlich ist die CDU Bergisch Gladbach aber eine Hochburg der WerteUnion und duldet seit Jahren Propaganda in ihren eigenen Reihen. Die jetzige Debatte um die Frage, was “rechts” bedeutet, wurde gezielt durch die AfD und der WerteUnion in die CDU gestreut, um die CDU zu spalten und neue Mitglieder für das Parteiprojekt von Hans-Georg Massen und der WerteUnion einzusammeln.
Vertreter*innen der WerteUnion und CDU aus dem Bergischen Land waren nachweislich auch bei dem besagte “Potsdamer Treffen” dabei. Die WerteUnion propagiert seit Jahren eine Zusammenarbeit zwischen CDU und AfD. Sie will nun eine neue Partei gründen, die quasi als Scharnier zwischen beiden Parteien funktionieren soll, um eine neue Regierungsopposition nach dem österreichischen Vorbild ÖVP/FPO aufzubauen.
Die AfD versucht sich damit als Bündnispartner der CDU anzudienen, weil sie genau weiß, dass ihre Machtoption genauso wie 1933 von den bürgerlichen und konservativen demokratischen Parteien abhängt. Ohne deren Unterstützung wäre die NSDAP auch nicht an die Macht gekommen. So versucht die AfD ständig und überall Bündnisse mit der CDU und der Wertunion zu etablieren. Auch im Bergischen Land verfolgt die AfD spätestens seit 2019 diese Strategie als sie in einer Erklärung veröffentlich: Wörtlich heißt es in der Erklärung vom 28.1.2019: „Mittelfristig muss sich die Union Gedanken machen, ob sie mit der AfD eine freiheitlichkonservative Wende nach dem Vorbild Österreichs gestalten, oder in schwarz-grünen Koalitionen endgültig ihr Heil in der linksliberalen Beliebigkeit sucht.“
Leider hat die CDU im Rheinisch-Bergischen Kreis die Beschlüsse des CDU-Bundesvorstands bisher nicht umgesetzt und lässt bekannte Vertreter*innen der Werteunion weiter in ihren CDU-Basisgliederungen und in manchen kommunalen Gremien an entscheidenden Positionen sitzen, Dort können sie ihre rechts Propaganda verbreiten und die Spaltung der CDU weiter voranbringen. Dazu gehört wohl auch die Pseudo-Debatte um den den Begriff „RECHTS“, der auch die CDU spalten soll, denn jede*r weiß eigentlich, dass damit die AfD gemeint ist.
Die CDU Bergisch Gladbach muss endlich klare Kante gegen diejenigen zeigen, die ein mögliche Bündnis mit den anderen Parteien verhindern wollen.
Die bürgerlich-demokratischen und liberal-konservativen sollten die rechtsextremistischen Kräfte in der Partei zurückdrängen. Das hört sich hart an, aber tatsächlich wird das kürzlich ausgetreten EX-CDU-Mitglied Hans-Georg Maassen vom Verfassungsschutz als “rechtsextremistischer Verdachtsfall” eingestuft und es wird nich der einzige aus der WertUnion sein, …
Selbst der alter Freund Wolfgang Bosbach aus Bergisch Gladbach hat sich von Maassen sehr eindeutig distanziert, obwohl er noch bei der letzten Bundestagswahl bei Wahlkampfveranstaltungen für Maassen aufgetreten ist und auch eine Werbung der WerteUnion sein Bild hergeben hat. Die CDU BGL scheint auf dem richtigen Weg, aber sie muss endlich aufräumen, statt leere Versprechungen zu machen.
Die CDU sollte nachdenken, zumal die neue Initiative sich nicht “gegen rechts” definiert, sondern sich als “Bergisch Gladbach für Demokratie & Vielfalt”
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Hinweis der Redaktion: Tomás Santillán ist Ko-Sprecher Linken Rhein-Berg.
Sehr geehrter Herr Santillan, an dieser Stelle der Hinweis, dass wir das Rekordhoch der AfD auch mit dem in ihrem Leserbrief und auch an anderer Stelle im Bürgerportal von Ihnen zur Schau gestellten ritualisierten Parteiengezänk zu verdanken haben. Vielleicht wäre es angebracht, das eigene Ego und Profilierungswünsche in der Rückschau einer gelungenen Demonstration einmal zurückzustellen.
Ein großer Erfolg für die Bürger*innen, die mit viel Solidarität und Kraft über Weltanschauungen und Parteigrenzen hinweg an einem Strang gezogen haben.
In Kürten waren viele Menschen unterwegs und haben der AfD gezeigt, was sie von ihrer faschistischer Politik halten.
In Bergisch Gladbach ist es mit Hilfe der Stadtspitze gelungen, die AfD aus dem Bergischen Löwen herauszuhalten. Doch ohne die breite Unterstützung und Behaarlichkeit derjenigen, die an der Vorbereitung der Demonstration vor dem Bergischen Löwen beteiligt waren, wäre das nicht gelungen, die AfD daran zu hindern ihre “braune Propaganda” in der Stadtmitte zu verbreiten.
Deshalb hat die AfD den vermeintlich einfacheren Weg gesucht und ist nach Kürten ausgewichen. Doch auch da steht der Widerstand gegen Rechtsextremisten auf breite Front und die AfD hat sich darin getäuscht, das es in Kürten leichter würde. Im Gegenteil! Danke Kürten!
Das mit der Stadtmitte Bergisch Gladbach und der AfD ist noch nicht ausgestanden. Zukünftig wird es regelmässige Infostände geben, um die AfD direkt zu konfrontieren, damit sie nicht mehr unwidersprochen und Propaganda und Fakenews in der Fußgängerzone verbreiten kann.
Wer dabei mitmachen und helfen will, kann sich gerne melden!
Alle werden gebaucht und sind gerne gesehen!
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Hinweis der Redaktion: Tomás Santillán ist Ko-Sprecher Linken Rhein-Berg.
Warum wird bzgl. des Treffens nicht die CDU genannt, sondern nur die WerteUnion. Ein Verein, noch keine Partei.
Wenn die CDU dabei war, ging es also nur gegen die Ausweisung aller Migranten? Was ja nur ein paar ganz dumme Rechtsextremisten fordern?
Ausweisung von Nicht-Bleibeberechtigten und ausl. Straftätern ist weiterhin in Ordnung?
Wie ist da der Standpunkt der Organisatoren?
Gibt es Videos von den Reden?
Nach einer Stunde ist man trotz Musik schon müde? Der Ehrgeiz muss riesig sein.
Bitte mal richtig interpretieren, nach 1 Stunde gingen wohl die Ersten, die Veranstaltung dauerte natürlich wesentlich länger. Über Ehrgeiz vom heimischen Sofa, aus dem trockenen, warmen Wohnzimmer zu werten ist einfach, oder schräg. Mag Jeder für sich beurteilen.
sehr richtig!