Wenn sich jemand „Paper Artist“ nennen darf, dann ist es Wolfgang Heuwinkel. Nach der Werkschau im Basement 16 zeigt der ehemalige Zandrianer jetzt spektakuläre Werke aus Zellstoff. Dort, wo sie hingehören: Auf dem Zanders-Areal, im historischen Kalandersaal. Zur Vernissage überreichte er der Stadt eine lebende Skulptur, die den Titel der Ausstellung „Vom Gestern zum Heute und Morgen“ spiegelt – und ebenso für die Erwartungen an ein nachhaltiges Stadtquartier Zanders steht.

Ein massiver Block aus weißen Zellstoffplatten – und oben ragt eine kleine Kiefer heraus. Diese Skulptur mit dem Titel „Einpflanzung“ hat Wolfgang Heuwinkel am Freitag feierlich an Bürgermeister Frank Stein übergeben. Mit einem klaren Auftrag: Die Stadt möge dafür sorgen, dass die Kiefer immer gut gewässert werde, Kraft aus dem Zellstoff ziehe, sich tief verwurzele und kraftvoll wachse.
Bislang allerdings steht das Kunstwerk auf einer Asphaltfläche vor dem Kalandersaal und noch nicht dort, wo es Heuwinkel gerne sehen würde: auf dem Rasen vor dem Verwaltungsgebäude.
Daher, betonte der Künstler bei der Zeremonie, sei die Skulptur zunächst nur eine Leihgabe – und gehe erst dann in das Eigentum der Stadt über, wenn sie auf der Wiese steht.
Zum Abschluss der kleinen Zeremonie trug Manisha Crump-Otten ein Gedicht vor, das aus der Zeit stammt, als die Papierfabrik endgültig geschlossen worden war:

Zeitzaubersehnender Blick.
Walle! Walle
Manche Strecke,
Dass, zum Zwecke …
Nein!
Kein Bogen mehr zu machen,
Dass die Mühlräder sich
rückwärts drehen mögen.
Blattwerk kehrt zum Ursprung,
jede flüssige Mühe zur Quelle zurück.
Salzlos Tränen dystopieversickern
im Angesicht des Ungewissen.
Nicht nur in diesem Tal.
Doch ist der natürliche Fluss der Zukunft Veränderung
– hoffnungsdurststillend.Manisha Crump-Otten
Allerdings ist der Zellstoffblock auch an seinem provisorischen Standort gut platziert – steht er doch zwischen Kalandersaal und der Zentralwerkstatt, die zu einem kulturellen Begegnungsort ausgebaut werden soll. Und der Kalandersaal mitten in der „Altstadt“ des Zanders-Areals ist auch der Schauplatz der neuen Heuwinkel-Ausstellung.
Unter dem Titel „Vom Gestern zum Heute und Morgen“ vereint sie Werke, die vor bereits in den 1970er und 1980er Jahren in den Werkshallen auf Zanders entstanden sind mit aktuelle Arbeiten – mit denen der 86-jährige Heuwinkel zum Nachdenken über unseren Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen anregt. Die Ausstellung ist allerdings nur noch bis diesen Mittwoch (11. September) jeweils von 14 und 18 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich.
















Fotos: Thomas Merkenich
Heribert Bergermann, der Vorsitzende des Stadtverbandes Kultur, verwies in seiner Einführung in die Ausstellung auf Heuwinkels Arbeit für Zanders vor einigen Jahrzehnten, und dass er schon damals als Künstler mit Zellstoff in den Werkhallen experimentiert habe.
Eine Geschichte, die das Projektteam Zanders zunächst gar nicht habe glauben wollen, bis sie in der Halle alte Paletten fanden, die noch die Farbspuren von Heuwinkels Wirken aufwiesen. Und das zu Werken führten, die jetzt wieder im Kalandersaal gezeigt werden.
Dokumentation

Die Ausführungen von Heribert Bergermann im Wortlaut:
„Back to the roots – Zurück zu den Ursprüngen: So möchte man dieses Ausstellungsprojekt überschreiben. Ich nenne es Ausstellungsprojekt, weil es mehr ist als eine Darbietung von Kunstwerken.
Wolfgang Heuwinkel kehrt zurück an den Ort, an dem er mehr als 25 Jahre beruflich gewirkt hat. Für Zanders hat er die visuelle Vermarktung hochwertiger Papiererzeugnisse vorangebracht. Mit dieser Aufgabe war er gedanklich und kreativ ausgerichtet auf die Kunden, auf das, was sie mit den Papieren herstellen konnten und wie die Zandersprodukte den Anforderungen der Kunden immer besser entsprechen konnten.
Fokus für ihn also die Kunst der Präsentation hochwertiger Feinpapiere. Soweit der berufliche Aspekt, bei dem die Jahreskalender für die Kunden eine besondere Bedeutung hatten. Hier führte die Zusammenarbeit mit namhaften Künstlern wie Christo, Uecker, Jiri Kolar u.a. zu Glanzleistungen, die – für viele in Bergisch Gladbach unbekannt internationale Preise erlangten.
Wolfgang Heuwinkel war und ist aber auch selbst Künstler, studierte Grafik, aquarellierte zunächst frei auf der Oberfläche des Papierbogens.
Doch dann, mit der Entdeckung der Drei-Dimensionalität des Papiers durch zufälliges Einreißen einer Papierfläche während eines Lanzarote-Urlaubs, wendet sich sein Blick weiter in Richtung Anfang, Ursprung des Papiers: Zellstoff – das sind chemisch aufbereitete Holz- und Pflanzenfasern.
Zellstoff gab es hier bei Zanders in Hülle und Fülle, angeliefert mit Lastzügen der Bahn. Bergisch Gladbacher haben das erlebt. Aber haben Sie je solchen Zellstoff gesehen? In den Händen gehalten? Das hier ist eine solche Platte, gebündelt zu Blöcken – wie in der Baumeinpflanzung zu sehen – kamen sie hier an.
Ja, daraus wurde dann edelstes Papier hergestellt für den Druck von Kunstbüchern und -kalendern etwa. Künstler denken aber oftmals gegen den Strich, gegen das Gewohnte. So auch Wolfgang Heuwinkel.
Back to the Roots – zum Ursprungsmaterial
Was kann man mit dieser Masse noch machen? Geläufig für die Papierherstellung ist das Auflösen mit der 50-bis 100-fachen Menge Wasser , es entsteht Pulp für das Aufbringen auf die Siebe der Papierschöpfer und Papiermaschinen.
Wie reagiert das Urmaterial mit weniger Wasser, was passiert, wenn es nicht auf die bekannten Schöpfsiebe aufgebracht wird? Etwa mit scharfem Wasserstrahl attackiert wird?
Ich vermute, dass Wolfgang Heuwinkel neugierig war, dies und vieles mehr auszuprobieren, damit zu experimentieren. Und Platz genug dazu gab es auch hier in der Fabrik.


















Fotos: Thomas Merkenich
Das Projektteam Zanders wollte den Geschichten von Wolfgang Heuwinkel, dass er hier in den Hallen selbst künstlerisch gearbeitet hat, nicht recht glauben.
Doch dann fanden Sie bei einem Rundgang hier im Gebäude noch Spuren seiner Arbeit von vor mehr als 20 Jahren … . Die Paletten, auf denen hier einige Kunstwerke präsentiert werden, tragen noch die Spuren des damaligen Arbeitens. Sie standen unberührt hier in einem Gebäude mit ein paar Klecksen der blauen Farbe, die hinten in einem Objekt verarbeitet ist.
Ja, dieser Zellstoffbrei – Pulp- verleitet geradezu hineinzugreifen, ihn zu formen. Hier als ‚heilende Masse‘ ist sie „Wiedergutmachung“ am geschlagenen Holz.
Nahe an der Situation des Schöpfers, der die Erde, den Lehm, den Ton in die Hände nimmt und formt. Kreation, Kreatur, Kreator. Ein anderer Papier-schöpfer.
Hier in der Ausstellung sehen wir Beispiele dessen, was entsteht, wenn Zellstoff auf unterschiedlichste Weise be-arbeitet wird. Weitestgehend ohne Farbe, nur weiß, die Nicht-farbe. Aber wie vielfältig ist das Schattenspiel, wie nuancenreich, zum Teil filigran die Formen und Strukturen, die entstehen.
Ja, sie entstehen. Das Material arbeitet mit, vielleicht auch manchmal gegen den Willen des Künstlers. Es lässt sich nicht bis ins Letzte hinein gestalten und bestimmen.
Und das ist das Besondere: Wolfgang Heuwinkel lässt das Material sprechen, so der Titel einer Ausstellung im Jahr 1996 in Ettlingen. Ein Zitat aus dem Katalog sei mir erlaubt. Dr. Ulrich Schneider, der Leiter des Suermont-Ludwig-Museum Aachen schreibt:
„Seine (W.H.s) Tätigkeit in der Papierindustrie verlangte perfekte Lösungen, seine künstlerische Intention ist die Suche nach dem Zufall.“
Back to the roots, zurück an diesen Ort seines beruflichen Schaffens mit seiner Kunst, hier in den Kalander-Saal. Hier standen Kalander. Das sind Maschinen, die mit ihren Walzen die Papieroberfläche veredeln, zur Perfektion bringen. Seine Kunstwerke jetzt hier – welche Spannung!
Und ein weiteres Zurück zu den Wurzeln: Die „Einpflanzung“.
Ein neuer Baum wächst aus dem Zellstoffblock. Dieser geht über in seinen Ursprung, den Baum, wenn auch einen neuen. Damit ist das Werden und Vergehen und Neuentstehen in Wolfgang Heuwinkels Kunst eingefangen, verlässt die Statik des Jetzt, begibt sich in die Dimension der Zeit, die 4. Dimension.
Wie schon die Zellstoffblöcke im Farbenbad oder die Papierbahnen mit den Öltropfen, die sich mit der Zeit ausbreiten. Hier sehen Sie eine gewickelte Zellstoffbahn im Farbbad. Gestern erst angesetzt, heute etwas aufgestiegen in das Material. Und wenn Sie morgen oder übermorgen wiederkommen, sehen Sie wie die Farbe nach und nach aufsteigt. Das Kunstwerk entsteht ohne weiteres Zutun des Künstlers.
Meine Damen und Herren, Wolfgang Heuwinkel hat die „Einpflanzung“ der Stadt Bergisch Gladbach übergeben. Sie soll auf dem Gelände bleiben, das nach fast 200 Jahren Papiergeschichte vor einer großen, herausfordernden Transformation steht. So wird diese Einpflanzung auf ihre Weise ein Denkmal und Symbol für Ende und Neubeginn.
Genießen Sie die Ausstellung und lassen Sie sich faszinieren von der Sprache des Zellstoffs, die Wolfgang Heuwinkel diesem besonderen Material entlockt.
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