Eigentlich wollten wir mit Familienbegleiterin Jeanette Kämpchen nur darüber sprechen, was bindungsorientierte Schlafberatung bedeutet – und warum sie ein Ausweg für müde Eltern sein kann, die kein „Schlaftraining“ machen wollen. Was das mit einer weit verbreiteten Missinterpretation des bedürfnisorientierten Ansatzes zu tun hat, mit „Momfluencerinnen“ und dem Gender Pay Gap, lest ihr im Interview.

Bürgerportal: Du arbeitest als bindungsorientierte Familienbegleiterin. 80 Prozent deiner Beratungen drehen sich um das Thema Schlafen. Warum verursacht das in vielen Familien Probleme?

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Jeanette Kämpchen: Es kursieren so viele Falschinformationen dazu, auch von den eigenen Eltern. Viele aus unserer Generation haben sehr früh alleine geschlafen. Wenn sie das selbst anders machen wollen, werden sie von ihren Eltern gewarnt: Du kriegst die Kinder nie wieder raus aus dem Familienbett. Auch von Experten hört man das leider immer wieder.

Die heutigen Eltern machen es sich dann selbst schwer und können irgendwann nicht mehr. Das Thema ist zudem so individuell, dass es keine Pauschallösungen gibt, weder online noch von Freunden – Strategien, die bei anderen Familien funktionieren, funktionieren bei einem selbst nicht unbedingt. Dann denken viele, es wäre was falsch mit ihnen.

Schlafentzug ist nicht umsonst eine Foltermethode

Beim Kinderschlaf scheint es mir aktuell zwei Extreme zu geben: auf der einen Seite Schlaftraining à la „Jedes Kind kann schlafen lernen“, auf der anderen Seite stark an den Bedürfnissen des Kindes orientiert mit Familienbett, Einschlaf- und Durchschlafbegleitung, was dem Kind sicher gefällt, die Eltern aber oft selbst vom Schlafen abhält. Wie siehst du das?

Beide Extreme sind dramatisch falsch. In Schlaftrainings wird die „cry it out“-Methode angewendet, man lässt das Baby also jeden Tag etwas länger alleine weinen, bis es irgendwann aufhört. Babys weinen aber deshalb, weil sie überleben wollen, das ist ihr Instinkt.

Wenn sie damit aufhören, liegt das daran, dass sie resigniert haben. Untersuchungen zeigen, dass sie in dem Moment voller Stresshormone sind. Sie haben buchstäblich Überlebensangst und sparen einfach nur ihre Kräfte. Das ist grausam.

Warum sind entsprechende Trainings und Bücher dann immer noch so erfolgreich?

Weil Eltern müde sind. Schlafentzug ist nicht umsonst eine Foltermethode.

Der bedürfnisorientierte Ansatz wird oft missinterpretiert

Was ist mit dem anderen Extrem, die Kinder bedürfnisorientiert und aufopferungsvoll in und durch die Nacht zu begleiten?

Der bedürfnisorientierte Ansatz wird oft missinterpretiert. Viele Eltern schauen nur auf die Bedürfnisse des Kindes und verlieren sich selbst. Da wieder raus zu finden ist schwer. Das sind meistens die Eltern, die irgendwann den Weg zu mir finden.

Mit welchen Themen kommen die Eltern zu dir?

Oft kommen Eltern, die ungeliebte Schlafgewohnheiten loswerden wollen. Bei denen zum Beispiel das Baby nur mit Rollos runter, in der Trage und auf dem Pezziball hüpfend in den Mittagsschlaf findet, um es mal zuzuspitzen. Oder bei denen das Kleinkind nur in einer bestimmten Position am Körper des Elternteils einschläft, die dem Elternteil aber eigentlich unangenehm ist.

Viele Eltern wollen einfach nur mal selbst Pause machen. Symbolbild: Pexels

Ich erkläre dann erst einmal, was eigentlich die Grundbedürfnisse des Kindes sind, nämlich Geborgenheit, Sicherheit und Nähe. Dann versuche ich herauszufinden, was das Bedürfnis der Eltern ist. Oft ist das einfach Erholung.

Vielen fällt es schwer, ihre Bedürfnisse denen des Kindes gleichzustellen und zu schauen, wie beide miteinander vereinbar sind. Deshalb arbeite ich gerne mit dem Begriff „bindungsorientiert“. Denn die Bindung reißt nicht ab, wenn ich mich mit dem Kind ins Bett lege, anstatt wie wild auf dem Ball zu hüpfen, sodass auch ich mich erholen kann.

Es geht darum, was das Kind braucht versus woran es sich gewöhnt hat

Das Kind wird das aber vermutlich trotzdem erstmal blöd finden und weinen.

Bestimmt. Aber im Unterschied zur „cry it out“-Methode lasse ich das Kind nicht alleine weinen, sondern begleite es dabei. Einer der Punkte, in denen der bedürfnisorientierte Ansatz missverstanden wird, ist der, dass man das Kind vor jeder Träne bewahren sollte. Darum geht es aber nicht. Es geht darum, seine Tränen zu begleiten.

Es geht darum, was das Kind braucht versus woran es sich gewöhnt hat. Wenn mich jemand fragt, warum das Baby mit sechs Monaten immer noch nicht alleine einschlafen kann, muss ich sagen: Weil das seinen Grundbedürfnissen widerspricht. Aber Gewohnheiten wie das Hüpfen auf dem Pezziball kann man ihm bindungsorientiert abgewöhnen, sodass es auch uns Eltern gut geht.

Wie gewöhnt man denn bindungsorientiert ab?

Indem man dem Kind zugewandt bleibt, es in seinem Frust begleitet und ihm Zeit gibt, sich auf neue Situationen einzustellen. Wenn es dem Kind sehr schwer fällt, Gewohnheiten abzulegen, verlangsamt man den Prozess, lässt eine Sache nach der anderen weg. Zum Beispiel erstmal den Pezziball, dann die Rollos. Zuletzt lässt man auch die Trage weg und legt sich mit dem Kind ins Bett. Dann kann man endlich auch selbst eine Pause machen.

In dem Prozess wird das Kind sicher immer wieder protestieren, aber die Bindung bleibt die ganze Zeit bestehen, solange wir seine Gefühle ernst nehmen und liebevoll darauf reagieren.

Das gilt auch für das Beispiel mit der Körperposition: Es ist so wichtig, als Elternteil da eine Grenze zu ziehen und den eigenen Körper nicht gegen seinen Willen zur Verfügung zu stellen. Nicht zuletzt, damit wir unseren Töchtern und Söhnen beibringen, dass sie nichts müssen, was sie nicht wollen, wenn es um ihre eigenen Körper geht!

Was ist mit dem Klassiker: Das Kind will nur von Mama ins Bett gebracht werden?

Fast alle Kinder haben eine Präferenz und fordern das Gewohnte ein. Damit das Einschlafen auch mit Papa funktioniert, ist es natürlich erst einmal wichtig, dass der überhaupt präsent ist und eine Bindung mit dem Kind hat.

Symbolbild: Pixabay

Außerdem müssen die Eltern einander vertrauen. Das ist leider bei vielen Mamas nicht so der Fall. Sie müssen aber ihren Partnern den Freiraum geben, sich auszuprobieren und ihren eigenen Weg zu finden. Dass das Kind erst einmal weint, ist normal. Das darf es. Es muss nur dabei begleitet werden.

Wir wollen unsere Kinder vor Traumata bewahren und haben große Angst, etwas falsch zu machen

Warum fällt es denn vielen so schwer, das Leiden des Kindes auszuhalten?

Wir sind eine traumatisierte Generation. Wir wollen es besser machen als unsere eigenen Eltern, die natürlich auch unser Bestes wollten und ihr Bestes getan haben, die aber noch stark unter dem Einfluss der Nazi-Erziehung und der Leiden der Nachkriegszeit standen. Wir wollen unsere Kinder vor Traumata bewahren und haben große Angst, etwas falsch zu machen. Vor allem die Mütter.

Aber wir müssen unsere Kinder nicht in Watte packen. Wenn wir ihnen gegenüber einmal laut werden, traumatisieren wir sie nicht gleich. Ich sage Müttern gerne: Sei milde mit dir. Behandele dich wie eine Freundin. Du kannst die Mama sein, die du sein willst. Du musst keinem Ideal entsprechen.

Wir geißeln uns selbst und nehmen es uns übel, wenn wir nicht perfekt sind

Woher kommen denn diese Ideale, denen so viele Mütter hinterherjagen?

Vielfach aus der Social-Media-Bubble. Wenn man dort „Momfluencerinnen“ folgt, lernt man, dass es scheinbar immer eine bessere Option gibt. Eine besser Wortwahl, eine bessere Speisenauswahl, bessere Aktivitäten. Daraus resultiert, dass man selbst offenbar noch nicht gut genug ist als Mutter.

Wir geißeln uns selbst und nehmen es uns übel, wenn wir nicht perfekt sind. Bei dem Versuch, alles „richtig“ zu machen, sind wir irgendwann nicht mehr wir selbst.

Perfektes Frühstück, perfekte Mutter? Symbolbild: Pexels

Gerade die Idealisierung der Mutterrolle läuft oft unter dem Label „bedürfnisorientiert“, ist das eines der Missverständnisse dieses Ansatzes?

Das ist in der Tat ein Problem. Und das hat auch was damit zu tun, dass der bedürfnisorientierte Ansatz von rechts unterwandert worden ist. Die machen sich die Idee zunutze und spitzen sie aber so zu, dass es nur noch um die Bedürfnisse des Kindes geht, und dass die Mutter sich dafür aufzuopfern hat.

Dabei zeigt die Forschung, dass jede enge Bezugsperson die Bedürfnisse des Kindes erfüllen kann. Sei es die Mutter, der Vater, Adoptiveltern oder Großeltern.

Du bist eine gute Mutter, auch oder sogar gerade, wenn du auch für dich selbst viel tust!

Auf den Müttern lastet dadurch aber ein enormer Druck. Viele haben vor der Geburt ihrer Kinder ein Bild von sich als Mutter, das aus diesen Idealen erwächst. Wenn das Kind dann da ist, erfüllen sie das Bild nicht. Das ist oft schwer anzunehmen.

Ich sage: Löst euch von dem Bild. Fühlt in euch rein. Was macht euch als Mutter glücklich, was nicht? Und, ganz wichtig: Du darfst Zeit für dich einfordern. Du bist eine gute Mutter, auch oder sogar gerade, wenn du auch für dich selbst viel tust! Eure Kinder haben was von euch, wenn es euch gut geht.

Woran liegt es, dass so viele Paare in diese ja sehr traditionellen Muster verfallen?

(Jeanette überlegt) Ich denke, das fängt mit dem Gender Pay Gap an. Mein Mann und ich hatten eine Beziehung auf Augenhöhe, bevor die Kinder kamen. Aber Männer verdienen in unserer Gesellschaft meistens immer noch mehr als Frauen. Also habe ich nach der Elternzeit Teilzeit gearbeitet und er Vollzeit.

Wenn dann ein zweites Kind kommt, ist das Elterngeld der Frau noch niedriger, weil es auf einem Teilzeitgehalt basiert. Der Mann steigt in der Zwischenzeit weiter auf, verdient noch mehr Geld. So geht die Schere mit jedem Kind weiter auf.

Die Rollen sind ja ein gutes Stück weit auch schon vom System vorgeschrieben und werden es immer noch. Mit dem neuen Elterngeld können Mütter und Väter nicht mehr zwei Monate am Stück gemeinsam Elterngeld beziehen. Dahinter steht wohl der Gedanke, dass die Elternzeit nicht für gemeinsame Reisen, sondern für geteilte Verantwortung gedacht ist, und dass die Männer auch mal alleine die volle Verantwortung fürs Kind übernehmen sollen.

Es ist wichtig, sich innerhalb einer Partnerschaft gegenseitig Freiräume zu geben, und zwar bedingungslos

Aber damit wird auch einfach festgelegt, dass Männer nach der Geburt ihres Kindes maximal einen Monat bei der Familie bleiben können. Dann müssen sie wieder zur Arbeit, und die Frauen müssen zu Hause bleiben, denn sie sind per Gesetz für acht Wochen im Mutterschutz und dürfen nicht arbeiten. Und schon sind die Rollen gefestigt.

Die Kinder und der Haushalt werden der Hauptbereich der Frau – ihr Königinnenreich, das sie dann auch gegen Einmischung von „außen“ verteidigt.

Wie kann man das auflösen?

Vieles wäre über Kommunikation zu lösen. Das braucht aber auch Männer, die zu ihren Partnerinnen sagen: Gönn dir Pausen. Da sind leider viele auch noch in ihren alten Rollen gefangen.

Ich denke, es ist wichtig, sich innerhalb einer Partnerschaft gegenseitig Freiräume zu geben, und zwar bedingungslos. Man kann sich immer wieder fragen: Wer hat gerade wie viele Ressourcen? Und man kann und soll sich unbedingt Unterstützung von außen suchen, wenn das irgendwie möglich ist.

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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