Die Kastanien im Forumpark bildeten einst eine Allee, in der Maria Zanders per Kutsche zur Gnadenkirche fuhr. Foto: Thomas Merkenich

Stadtführerin Roswitha Wirtz nimmt uns mit auf einen Rundgang durch die Innenstadt von Bergisch Gladbach – und stellt uns einige der großen und alten Bäume vor, die überlebt haben und ureigenste Geschichten erzählen. „Heimatverbundene haben mir diese Baumgeschichten zugeflüstert“, sagt Wirtz. Daher auch der Titel dieser Exkursion: Baumgeflüster. Darin leben auch die überlieferten Geschichten der vielen Bäume fort, die nicht mehr existieren.

Die Runde mit Roswitha Wirtz startete bei den Linden an der Buchmühle, führte am Feigenbaum neben dem Rathaus vorbei zum uralten Baumbestand im Garten der Villa Zanders. Weiter geht der Weg über die alte Kastanienallee im Forumpark zur Kornelkirsche an der Gnadenkirche und endet am Hängeschnurrbaum an der früheren Hirschapotheke.

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Wirtz ist seit 2000 ausgebildete Stadt- und Kulturführerin und nennt sich selbst „Stadtverführerin“. Mit Vorliebe veranstaltet sie themenspezifische Führungen: zur Gronauer Waldsiedlung, zum Ortsteil Hebborn/Heidkamp oder Paffrath. Sie wurde Stadtführerin „aus Liebe zu ihrer Heimatstadt Bergisch Gladbach und zu den Menschen, die sie hierbei trifft. Es ist absolut spannend, was ich so alles im Laufe der Jahre in der Stadt entdecke“.

Roswitha Wirtz an der Buchmühle. Foto: Redaktion

Mit den Bäumen beschäftigte sie sich intensiver, als beim Bau des Strunde-Hochwasserkanals viele alte Bäume gefällt wurden.

Wenn Bäume sprechen könnten, dann hätten sie viel zu erzählen, auch zur Stadtgeschichte. Wirtz leiht ihnen ihre Stimme. „Bäume sind Geschichte, die die Erde in den Himmel schreibt.“ Khalil Gibrans trifft es auf den Punkt. Die Bäume schreiben ihre Geschichten „in den Himmel“ und Roswitha Wirtz hilft uns Menschen diese lesen zu können.

Die Linden an der Bruchmühle

Foto: Thomas Merkenich

Diese Linden sind rund 80 Jahre alt und stehen gegenüber der VHS. Sie waren noch jung als hier in den 70-er Jahren das VHS-Gebäude entstand. Am gegenüberliegenden Parkplatz existierte um 1600 ein Fronhof. Ein Rathaus, in dem die Grafen von Berg ihre Steuern erhoben und „zu Gericht saßen“. Die ursprüngliche Getreidemühle „die Buchmühle“, heute ein Café, erinnert noch an diese Zeit.

Die Linde gilt als Baum der Liebe, denn ihre Blätter haben die Form eines Herzens. Eine Legende besagt, dass unter einer Linde die Wahrheit ans Licht komme. Ist es Zufall, dass ausgerechnet hier Linden stehen und gab es sie bereits früher zu Zeiten des Fronhofs? Es ist davon auszugehen.

Fotos: Thomas Merkenich

Das Holz der Linde ist weiß und ein begehrtes Objekt für geschnitzte Kunstwerke: damals meistens Heiligenstatuen und daher „Heiligenholz“ genannt. Das Holz enthält viel Eiweiß und wird daher von Holzwürmern sehr begehrt. Dieses Holz ist im Vergleich zum Eichenholz nicht für den Fachwerkbau geeignet. 

Der Feigenbaum am Rathaus

Dieser Baum befindet sich links vom Rathaus am Charly-Vollmann-Platz. Die Vorgängerin der heutigen Feige hatte sich offensichtlich selbst ausgesät. Es wird vermutet, dass jemand vom gegenüberliegenden Markt eine Feige wegwarf, die sich hier ansiedelte.

Im Mai 2014 fiel diese Feige plötzlich um: sie war von innen krank. Ein Mitarbeiter der städtischen Abteilung Stadtgrün besaß etliche Setzlinge dieser alten Feige und pflanzte diese kurzerhand aus. Der neuen Feige gefällt das heutige Klima sehr gut, sodass sie üppig gedeiht.

Fotos: Thomas Merkenich

Man glaubt es kaum, dass die Feige im Grunde ein Strauch und kein Baum ist. Als die heutige Feige klein war, gab es den Grünstreifen mit Zieräpfeln und Apfeldorn parallel zu ihr noch nicht. Es sind bei näherer Betrachtung fünf Stämme erkennbar. Es ist nicht klar, ob es sich um einen Baum oder um zwei Bäume handelt, denn die fünf Stämme sind ziemlich ineinander verschlungen.

Unter dem Feigenbaum befindet sich neben der Büste des ehemaligen Politikers Franz Heinrich Krey ein „Feigengedicht von Wolfgang und Gisela“. Es ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen. „Krey passt auf den Feigenbaum auf, der sich in bester Gesellschaft dieser beiden Herren befindet. Charly Vollmann hat übrigens verhindert, dass die Amis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Bergisch Gladbach bombardierten.“ 

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Baumbestand im Garten der Villa Zanders

Dieser von Maria Zanders um 1880/90 angelegte Garten säumt die Villa Zanders. Früher riesig reichte er bis zur Gnadenkirche und zum Zanders-Fabrikgelände. Ein Großteil der Bäume stammt noch aus dieser Zeit.

Von der Rotbuche ist allerdings nur noch ein dicker Baumstumpf vorhanden. Auch ein Baum hat nur ein begrenztes Leben. Diese Buche steht an der Ostseite gegenüber dem früheren Haupteingang der Villa.

Die Villa Zanders von Nordost um 1880, die Papierfabrik im Hintergrund. Quelle: Stiftung Zanders

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Welche Künstler hat sie zu Zeiten Maria Zanders in die Villa gehen sehen? Welchen Konzerten hörte sie zu?  Wie viele städtische Dienststellen oder Kunstausstellungen hat sie miterlebt? 

Obwohl sich das Alter eines Baumes normalerweise gut an den Jahresringen ablesen lässt, ist das beim Stumpf der alten Rotbuche nicht machbar. Er ist nämlich modrig und von Moos und Pilzen übersät.  

Foto: Thomas Merkenich

Links vom Wintergarten der Villa befindet sich die älteste Platane Bergisch Gladbachs. Leider blieb sie bisher stumm und ihre Geschichte bleibt vorerst ein Geheimnis, dass Frau Wirtz zu lüften versucht. Ihre Recherchen zu den Baumgeschichten sind noch nicht abgeschlossen.

Die Maria Zanders Anlage

Nicht nur die Busspur vor den Stadthäusern, auch as Areal gegenüber dem Forum heißt noch immer „Maria Zanders Anlage. „Das sagt nur keiner mehr und es ist allen als Forum-Park bekannt,“ berichtet Wirtz.

Maria Zanders fuhr mit ihrer Kutsche von der Villa bis zum Gottesdienst in der Gnadenkirche eine Kastanienallee entlang. Von den schätzungsweise 20 bis 30 ursprünglichen Kastanien stehen nur noch vier. Eine weitere dieser Kastanien schwächelt deutlich. „Kein Wunder, ihre Wurzel ist ja einbetoniert und sie hat nicht genug Platz zum Wachsen.“                   

                                                                                                                       

Die Linde, links von der Gaststätte Paas kommend, wurde von Burkhardt Unrau gepflanzt. „Ein Bergisch Gladbacher Urgestein in Punkto Kirmes,“ erklärt die Stadtführerin. Unrau habe seinerzeit in seinem Garten einen Baum fällen müsste und pflanzte zum Ausgleich diese Linde.

Zwei Kaiserlinden, etwas versetzt in Richtung Forum, wurden um 2020 von den „Grünen“ zur Erinnerung an die verstorbenen Mitglieder Magda Rybusch und Dr. Ulli Steffens gepflanzt.                                                                                                                                        

Links davon stehen die ältesten Eiben der Stadt, wahrscheinlich Ende des 19. Jahrhunderts von Maria Zanders gepflanzt. Ein chinesischer Mammutbaum in der Nähe wurde in den 60-er Jahren von der englischen Partnerstadt Luton gesetzt. Mammutbäume waren zu Maria Zanders Zeiten noch nicht in Mode. 

Foto: Thomas Merkenich

Die Kornelkirsche an der Gnadenkirche

Rechts am kleinen Weg, der vom Parkplatz zur Gnadenkirche führt, steht in einer Ecke diese Kirsche. „Sie ist schon 150 Jahre alt und wäre fast dem Straßenbau zum Opfer gefallen, wenn da nicht der rettende Zufall gewesen wäre.“

Ein Mitarbeiter des städtischen Grünflächenamts entdeckte eines Tages im Jahr 1976 Messlatten in ihrem Wurzelwerk. Es lauerte Gefahr durch die geplanten Bauarbeiten. Er entfernte kurzerhand die Latten und so blieb der Baum verschont. Es ist nicht anzunehmen, dass die Bauarbeiter dem Vorbild von Romulus folgten. Er stieß bei der Gründung Roms seine Lanze in die Erde, aus der dann die Kornelkirsche wuchs, so die Legende.                                                                                                                                  

„Aus ihrem harten, weißen Holz stellte man früher Ersatzzähne her. Das las ich in einem Bericht von 1609. Die Kornelkirsche hat reife, vitaminreiche, kleine Früchte, die schmecken ziemlich sauer und sind doch so gesund. Kaum einer weiß, dass man aus den Früchten leckere Marmelade kochen kann.“  

Der Hängeschnurrbaum als Skulptur

„Die Geschichte um den Hängeschnurbaum war 2014 in aller Munde … und er steht jetzt als Skulptur an einem Platz, der nachts sogar beleuchtet ist,“ erzählt Roswitha Wirtz.  Aus dem Stamm des abgestorbenen Baumes, früher im Buchmühlen-Park und heute vor der ehemaligen Hirschapotheke, gestaltete der Künstler Georg Becker eine Skulptur.

Er schnitt unter anderem die kleinen Verzweigungen ab und schliff die Rinde glatt, sodass der alte Baumstamm gut zur Geltung kam. Sehr viel am Stamm sei nicht verändert worden, betont Frau Wirtz.

„Nichts ist für mich mehr Abbild der Welt und des Lebens als der Baum“. Wie recht Christian Morgenstern damit hat. 

Ein Baum ist allerdings auch Abbild einer Stadt. Die Bäume, die die Stadtführerin vorstellte, sind untrennbar mit der Geschichte unserer Stadt verbunden und dies verdeutlichte Roswitha Wirtz in ihren Baumgeschichten enthusiastisch und liebevoll.

Falls Interesse an diesem Rundgang besteht: Weitere sind für das nächste Frühjahr geplant. Kontaktdaten roswitha.wirtz@web.de 02202 / 333 78

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