Die Stadt Bergisch Gladbach sieht sich in Sachen Betreuungsplätzen gut aufgestellt. Gemessen an den NRW-weiten Daten des Statistischen Landesamtes geht die Rechnung auf. Doch die selbst gesteckten Ziele werden verfehlt. Vor allem im Ü3-Bereich gibt es noch viel Luft nach oben. Wie viele Kita-Plätze aktuell tatsächlich fehlen, legt die Stadt nur indirekt offen.

Planungen sind das Eine, die Realität ist das Andere. Wie Wunsch und Wirklichkeit klaffen sie oft weit auseinander. So ähnlich ist das auch mit den Betreuungsplätzen für Kinder in Bergisch Gladbach. 

Zu den Planungen: Im Herbst eines jeden Jahres beginnen die Fachplaner:innen damit, das kommende Kita-Jahr zu planen, das im August des Folgejahres beginnt. Das bedeutet, die bereits existierenden und im Laufe des Kita-Jahres entstehenden Betreuungsplätze zu erfassen und dann bis zum 15. März beim Land anzumelden.

Wie weit Planungen und Realität auseinander liegen, zeigt sich am Beispiel der Planung für das aktuelle Kita-Jahr 2024/25. Die Pläne hatte die Verwaltung im März 2024 vorgestellt: Damals rechnete man mit insgesamt 4312 Kita-Plätzen, 333 sollten im Laufe des Kindergartenjahres geschaffen werden. Damit würden insgesamt nur noch 36 Plätz fehlen. 

In der Realität werden bis zum Ende des Kita-Jahres aber nur 20 bis maximal 50 neue Plätze geschaffen werden. Damit erhöht sich das Defizit auf deutlich über 300 Plätze.

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Kita-Ausbau kommt deutlich langsamer voran als geplant

Bergisch Gladbach braucht dringend weitere Kita-Plätze. Eigentlich sollten 333 zusätzliche Plätze im laufenden Kindergartenjahr in fünf neuen Einrichtungen geschaffen werden. Bauverzögerungen, der Fachkräftemangel und Proteste von Anwohnern bremsen das städtische Ausbauprogramm aber aus und sorgen dafür, dass lediglich ein Bruchteil der geplanten Plätze bis Sommer 2025 entsteht.

Wie viele Kinder tatsächlich aktuell ohne Betreuungsplatz dastehen, beantwortet die Stadt auch nach mehrfachem Nachfragen des Bürgerportals nicht. Stattdessen verweist sie zurück auf die Planungen – die aber längst von der Realität eingeholt worden sind.

In dieser Realität geht die Verwaltung jedoch selbst von rund 400 fehlenden Plätzen aus. So ist es in den Vergabeunterlagen zur europaweiten Ausschreibung für neue Kitas nachzulesen, die im Ratsinformationssystem zu finden sind: „In Bergisch Gladbach fehlen aktuell rein rechnerisch gut 400 Kita-Plätze. Zudem ist in den nächsten Jahren mit einem weiteren Anstieg dieses Fehlbedarfs zu rechnen.“

Erläutern oder kommentieren wollte die Stadt diese Zahl auf Nachfrage nicht.

Betreuungsquoten im landesweiten Vergleich

Während die Fachplaner:innen also schon eine Weile mit den Planungen für das Kita-Jahr 2025/26 beschäftigt sind, befasst sich der Jugendhilfeausschuss an diesem Donnerstag mit einer Rückschau, nämlich dem „Sachstand Kindertagesbetreuung“ zum 1. März 2024. Dabei wurde ausgewertet, wie viele Kinder in welchem Alter in Kitas und Kindertagespflegen zu einem konkreten Stichtag betreut wurden. 

Es handelt sich also um eine Momentaufnahme der betreuten Kinder zu diesem Datum. Diese Stichtagserhebung ermöglicht einen Vergleich mit den landesweiten Zahlen, die das Statistische Landesamt IT.NRW veröffentlicht. Dabei werden nur Kinder berücksichtigt, die jünger als sechs Jahre sind.

Quelle: Drucksache 0535/ 2024

Für die Berechnung der Betreuungsquoten wurde die Anzahl der in Bergisch Gladbach zum Stichtag gemeldeten Kinder unter sechs Jahren zugrunde gelegt: 5820. Es wurden 3746 Kinder im Alter von 0 bis 6 Jahren in Kindertagesstätten oder in der Kindertagespflege betreut. Hinzu kamen 437 Kinder in Kitas, die älter als 6 Jahre, aber noch keine Schulkinder waren.

Eigene Zielquoten verfehlt

Im U3-Bereich wurden 991 Kinder betreut – das entspricht einer Betreuungsquote von 35,8 Prozent. Damit liegt Bergisch Gladbach über dem NRW-Durchschnitt von 32,2 Prozent und über dem des Rheinisch-Bergischen Kreises von 34,5 Prozent.

Im Vergleich mit Köln steht Bergisch Gladbach allerdings schlechter da: In der Nachbarstadt beträgt die U3-Quote 37,1 Prozent. Und die selbst festgelegte Zielquote von 40,3 Prozent verfehlt Bergisch Gladbach deutlich.

Die Betreuungsquote im Ü3-Bereich beträgt in Bergisch Gladbach 90,2 Prozent (das entspricht 2755 Kindern im Altern von 3 bis unter 6 Jahren). NRW liegt mit 90 Prozent leicht darunter, der Rheinisch-Bergische-Kreis mit 89,4 Prozent ebenfalls.

Köln schneidet mit 93,5 Prozent auch im Ü3-Bereich besser ab. Und von der angestrebten Zielquote von 102 Prozent ist Bergisch Gladbach weit entfernt.

Kindertagespflege leistet wichtigen Beitrag

Insbesondere im U3-Bereich stellt die Kindertagespflege eine wichtige Säule dar: Etwa ein Drittel (31,7 Prozent) der Kinder unter drei Jahren besucht die Kindertagespflege. Die größten Altersgruppen machen mit jeweils rund 43 Prozent die Ein- und Zweijährigen aus.  Insgesamt besuchten zum Stichtag 366 Kinder eine Tagespflege.

Im Ü3-Bereich hingegen geht die überwiegende Mehrheit (98,1 Prozent) in eine Kita – was nicht überrascht, da Räume und Konzept der Tagespflege und der Regel auf Kinder im Alter zwischen 0 und 3 Jahren ausgerichtet ist. 

Köln steht besser da als Bergisch Gladbach

Wie sich die Betreuungsquote im Vergleich zum Vorjahr verändert hat, darüber gibt das Statistische Landesamt in seiner Aufstellung für 53 Städte und Kreise Auskunft. Dort taucht Bergisch Gladbach als kreisangehörige Stadt nicht auf – in der NRW-Statistik findet sich nur der gesamte Rheinisch-Bergische Kreis. Auf Anfrage teilt die Stadt mit, dass ihr keine Zahlen aus den Vorjahren vorlägen. 

Die Verwaltung selbst zieht folgendes Fazit der Auswertung: „Die Kinderbetreuungssituation in der Stadt Bergisch Gladbach ist gemessen an den NRW-weiten Daten als gut zu bezeichnen.“ Demnach liegen nur 9 von 53 Städten bzw. Kreisen über der Quote der Stadt Bergisch Gladbach.

„Nichtsdestotrotz muss und wird der Ausbau der Kindertagesbetreuung weiter vorangetrieben, damit die Versorgung, insbesondere im Ü3-Bereich, für alle Familien zufriedenstellend ist“, heißt es weiter. Was die Verwaltung nicht erwähnt: 26 von 53 Städten und Kreisen liegen im Ü3-Bereich über der Gladbacher Quote. 

Dokumentation

Die Mitteilungsvorlage für den Jugendhilfeausschuss im Original

ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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