Zwei Bergisch Gladbacher Waldkindergärten haben ab dem Sommer noch freie Plätze zu vergeben. Das mag auch an den Öffnungszeiten liegen. Für die Wald-Kitas der AWO spricht, dass die Kinder dort in familiärer Atmosphäre betreut werden, mitten in der Natur. Unsere Autorin hatte den Waldkindergarten für ihre Kinder zunächst gar nicht auf dem Schirm, ist heute aber froh über diese Erfahrung.
Sie tragen so klingende Namen wie Bachgeflüster, Stöckchenschlucht oder Lehmspielbach. Was anmutet wie die Schauplätze in einer Abenteuergeschichte, sind die Orte, an denen Kinder ihren Kita-Alltag verbringen. Es sind Spielorte, die zum Waldkindergarten Nußbaum gehören.
Ich schicke eines vorweg: Dieser Artikel wird ein sehr subjektiver. Denn ich bin selbst Teil dieses Waldkindergartens. Als Mutter eines ehemaligen und eines aktiven Waldkindes.
Wir waren durch Zufall im Waldkindergarten gelandet. Es war nie unser Plan, unsere Kinder dort betreuen zu lassen. Unsere Tochter kam mit eineinhalb Jahren zu der besten Tagesmutter, die wir uns wünschen konnten. Daher blieb sie zwei Jahre dort. Dann holte uns die Kita-Realität von Bergisch Gladbach ein: Wir bekamen nur Absagen und keinen Platz.
Lernort Wald

Zu der Zeit fügten sich einige Dinge: Wir zogen nach Hebborn an den Waldrand, unsere zweite Tochter wurde geboren und auf unseren Spaziergängen entdeckten wir den Waldkindergarten. Wir trafen die Kinder auf ihren Streifzügen durch den Wald, unterhielten uns mit der Leiterin Andrea Bosbach.
„Besucher fragen manchmal, wo der Kindergarten ist und wo die Spielsachen sind“, berichtet Bosbach. Ihre Antwort laute dann: „Überall.“ Der ganze Wald sei der Kindergarten und ein „natürlicher Ort des Lernens“.
Automatisch erleben die Kinder etwa, wie sich die Natur im Laufe der Jahreszeiten verändert, sie entwickeln ein Temperaturempfinden bei unterschiedlichen Witterungen. Durch die verschiedenen Bodenbeschaffenheiten „ist der Wald eine natürliche Bewegungsschule“.
Je mehr wir über den Waldkindergarten erfuhren, umso begeisterter waren wir. Wir hospitierten einen Tag, obwohl schon alle Plätze für das kommende Kita-Jahr belegt waren. Und als kurzfristig ein Platz wieder frei wurde, war das unsere Rettung.
Bei Wind und Wetter draußen
In der Öffentlichkeit ist häufig von Kita-Krise die Rede, von Personalnot, verkürzten Betreuungszeiten. Ich schreibe selbst über diese Themen. Erst kürzlich ging es darum, dass nach den aktuellen Plänen der Stadt in Bergisch Gladbach mehr als 500 Betreuungsplätze fehlen.
Gleichzeitig gibt es zwei Waldkindergärten der Arbeiterwohlfahrt (Awo), die noch freie Plätze ab August haben: Im Waldkindergarten Dombach und im Waldkindergarten Nußbaum werden noch jeweils vier Kinder gesucht. Wie kann das sein?
Vermutlich sind es zwei Gründe. Erstens: Nicht jede Familie kann sich vorstellen, ihr Kind in einen Waldkindergarten zu schicken. „Sind die immer draußen? Auch im Winter? Und was ist bei Regen?“ – Solche Fragen wurden uns oft gestellt, wenn Menschen erfahren, dass unsere Kinder im Waldkindergarten sind / waren.
Inzwischen weiß ich: Am schlimmsten ist das Wetter für die Eltern, die ihre Kinder bringen und froh sind, wenn sie danach wieder im Trockenen oder Warmen sind. Meine Kinder hingegen können jedem Wetter etwas abgewinnen. Bei Regen locken Pfützen und im Sommer der Bach zum Hineinspringen. Und ich habe im Laufe der Jahre gelernt: Entscheidend ist die Kleidung – und bei klirrender Kälte hilft nur noch Bewegung.

Die Betreuungszeiten
Der zweite Grund: Viele Familien schrecken die Betreuungszeiten ab. Die Awo-Waldkindergärten haben alle von 8.15 Uhr bis 13.45 Uhr geöffnet. Das muss man sich leisten können. So ehrlich muss man sein. Für uns war das ursprünglich auch nicht vorstellbar und passte nicht zu unseren Arbeitszeiten.
Nur war ich ohnehin gerade in Elternzeit, als die Dreijährige in die Kita kam. Und letztlich hat die Entscheidung für den Waldkindergarten bei uns zu einer Entschleunigung beigetragen: In Köln, wo wir bis 2018 lebten, war es üblich, dass ein Kind mit einem Jahr in die Kita kommt und dort auch möglichst lange bleibt, damit die Eltern möglichst viel arbeiten können. Zugunsten des Waldkindergartens reduzierten wir unsere Arbeitszeiten, strickten diese um die Kinderbetreuung herum teilten uns beides auf.
Wir haben diese Entscheidung nie bereut. Und auch wenn die Betreuungszeiten herausfordernd sind: Dafür haben wir in all den Jahren immer eine konstante und verlässliche Betreuung. Personalnot haben wir noch nie erlebt.
Was bringt mir eine Kita mit Öffnungszeiten bis 16.30 Uhr, wenn es ständig Notbetreuung gibt oder ich mein Kind doch schon um 14 Uhr abholen muss, weil es nicht genügend Erzieher:innen gibt?
Einen besseren Arbeitsplatz als den Wald kann ich mir nicht vorstellenAndrea Bosbach
Das Team ist der Schlüssel für eine gute Kita. In unserem Waldkindergarten gibt es eine ungewöhnliche Verbundenheit der Mitarbeiterinnen zur Einrichtung: Die Leiterin, Andrea Bosbach, hatte früher selbst zwei Kinder im Waldkindergarten. „Beim Abschied damals habe ich mir gedacht: Irgendwann möchte ich hier arbeiten“, erinnert sich die 56-Jährige, die damals als Sportlehrerin arbeitete und nach einer Umschulung nun seit sieben Jahren die Einrichtung leitet. „Einen besseren Arbeitsplatz als den Wald kann ich mir nicht vorstellen.“
Ilona Dieper arbeitet seit der Eröffnung im Jahr 1996 als Erzieherin im Waldkindergarten Nußbaum. Er war damals der erste Waldkindergarten in NRW. „Wir galten als die Wilden und wurden skeptisch beäugt“, sagt Dieper.

Es habe viele Vorbehalte gegeben. Etwa, ob die Kinder denn hier lernten, sich zu konzentrieren, Schere und Stift richtig zu halten. „Manche Kinder können ewig Käfer oder Ameisen beobachten“, sagt Patricia Friedrich, die ebenfalls seit mehr als 20 Jahren zum Team gehört.
Gemalt und gebastelt wird wie in jedem anderen Kindergarten auch – nur häufig mit Naturmaterialien. Aus Bucheckern, Stöcken und Tannenzapfen werden Mandalas gezaubert, mit Lehm wird eine Torte gebacken und mit winzigen Fichtennadeln als Kerzen verziert. So entstehen feinmotorische Meisterwerke. Die Kinder lernen den Umgang mit Hammer und anderem Werkzeug – und können sogar einen Schnitzführerschein machen.
Wie ein Tag im Wald abläuft
Morgens werden die Kinder bis 9 Uhr zum Bauwagen gebracht, der Anlaufstelle im Nußbaumer Wald. Dort spielen sie, bis der Gong zum Morgenkreis ertönt. In einem Pavillon, der bei Regen Schutz bietet, berichten die Kinder, wie sie sich heute fühlen oder was sie am Wochenende oder am Vortag erlebt haben. Weiter geht es auf der nahegelegenen „Sonnenwiese“ mit Bewegungsspielen.

Anschließend wird darüber abgestimmt, welchen der über 20 Spielorte die Gruppe an diesem Tag besucht. Auf diese Art erfahren die Kinder spielerisch, wie basisdemokratische Entscheidungen gefällt werden.
Mit ihren Rucksäcken und Bollerwagen zieht die Gruppe los. Mit dabei sind unter anderem ein Wasserkanister und Seife zum Händewaschen, Schnitzmesser, Becherlupen, eine Erste-Hilfe-Tasche, Bestimmungsbücher für Pflanzen und Tiere, eine Schaukel, die man zwischen Bäume hängen kann, sowie Eimer und Zangen zum Müllsammeln.
Ausweichkita bei Sturm
Nur bei Sturm weicht die Gruppe ins Gebäude der nahegelegenen Awo-Kita Pannenberg aus (dort befindet sich auch das Büro der Erzieherinnen). Meine Kinder fanden es immer toll, auch mal einen „Hauskindergarten“ zu erleben.
Aber sie waren auch froh, am nächsten Tag wieder im Wald zu sein. „Da ist es viel ruhiger“, findet Andrea Bosbach. „Das sorgt auch für weniger Stress bei uns Erzieherinnen.“





Mittagessen gibt es im Waldkindergarten übrigens nicht. Die Kinder bringen ein Frühstück mit, das sie gemeinsam am Spielort essen. Nur bei Minusgraden frühstückt die Gruppe im beheizbaren Bauwagen.
Ab 13 Uhr ist die Gruppe wieder zurück am Bauwagen, wo die Eltern die Kinder bis 13.45 Uhr wieder abholen.
Das Schöne ist: Vor allem im Sommer bleiben wir oft noch im Wald, picknicken mit anderen Familien und die Kinder spielen weiter zusammen. Das ist eines der Dinge, die ich am Waldkindergarten so schätze: Wir können dort auch nachmittags oder am Wochenende Zeit verbringen, zeigen Freunden oft die verschiedenen Spielorte. Auch meine jüngere Tochter kennt inzwischen jeden noch so geheimen Weg.
Der respektvolle Umgang mit der Natur spielt im Kita-Alltag eine wichtige Rolle. Sie lernen mit Wasser sparsam umzugehen, Müll zu vermeiden und Rücksicht auf Pflanzen und Tiere zu nehmen. Sie pflanzen Blumen und Kräuter, bauen Gemüse an – und ernten dieses gemeinsam. Einmal im Jahr kochen sie Marmelade aus gesammelten Waldbeeren auf einem Gaskocher.
Umgang mit dem Tod
Ungewöhnlich mutet zunächst auch die Lage des Waldkindergartens an: Der Bauwagen steht mitten im Begräbniswald, der allerdings erst viel später als der Kindergarten eröffnet wurde. Die Kinder haben schon bei Beerdigungen zugeguckt, Bestatter beantworten ihnen Fragen oder zeigen ihnen die Urne. „Die Kinder lernen einen unbefangenen Umgang mit dem häufig tabuisierten Thema Tod“, sagt Bosbach.
Ich hatte das Glück, bei der Eingewöhnung meiner beiden Kinder einige Tage mit im Wald zu verbringen. Es hat mich immer wieder beeindruckt, wie liebevoll jeder tote Käfer oder jede tote Maus feierlich begraben wurde, wie die Kinder Grabschmuck bastelten und manchmal sogar eine Beerdigung spielten.
Ausflüge (zum Imker, auf den Weihnachtsmarkt oder ins Theater) gehören ebenso zum Alltag wie die gemeinsame Weihnachtsfeier – die Kinder stellen vorher Vogelfutter her und schmücken einen Baum für die Tiere – oder Sankt Martin. Der Laternenumzug durch den ansonsten stockdunklen Wald ist für mich einer der Höhepunkte des Jahres.
Waldkindergärten in Bergisch Gladbach
Die Awo betreibt in Bergisch Gladbach drei der vier Waldkindergärten:
- Waldkindergarten Dombach, Dombach-Sander-Straße, 0171/ 1160677
- Waldkindergarten Nußbaum, Begräbniswald Reuterstraße, 0171/ 5336326
- Waldkindergarten Frankenforst, Brüderstraße 53, 0160/ 8808680
Weitere Kontaktmöglichkeiten finden sich auf der Seite der Awo.
Die Elterninitiative Refrather Waldkinder e.V. betreibt den Waldkindergarten „Forest Patrol“: Bernard-Eyberg-Str. 24, 02204 / 70 60 350. Weitere Infos gibt es online.
Übergang zur Schule
Als meine ältere Tochter eingeschult wurde, sagte ein Nachbar: „Bullerbü ist jetzt vorbei.“ Das stimmt. Der Übergang vom Kindergarten zur Schule war auch definitiv eine Umstellung. Aber für welches Kind ist er das nicht? Für meine Tochter kam erschwerend hinzu, dass keine ihrer Kindergartenfreunde mit auf ihre Grundschule ging. Sie kannte an der Schule vorher kein einziges Kind.
Und ja, der Wechsel von einer familiären Gruppe mit 15 Kindern zu einer Schule mit 300, einer OGS mit offenem Konzept, war nicht ohne. Aber sie hat dort schnell Freunde gefunden und fühlt sich wohl in ihrer Klasse und an ihrer Schule.

Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ von Laura Geyer erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.
Ich habe sie vor kurzem gefragt, wie sie rückblickend über ihre Kindergartenzeit denkt. Ihre Antwort: „Ich bin ein Waldkind. Immer, wenn ich im Wald bin, fühle ich mich so frei und glücklich. Ich liebe es, wenn das Laub raschelt, die Vögel zwitschern, und die Luft riecht so frisch.“
Inzwischen ist sie acht und geht an schulfreien Tagen immer noch gern in den Waldkindergarten. Dort trifft sie dann auch immer mal wieder andere ehemalige Waldkinder, die zu Besuch sind.
Dass wir im Waldkindergarten gelandet sind, ist ein purer Glücksfall. Und ich sage bewusst „wir“. Es klingt pathetisch, aber ist wahr: Der Waldkindergarten ist das Beste, was uns als Familie passieren konnte.
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Nach dem Lesen dieses wunderbaren Artikels gibt es sicher bald keine freien Plätze mehr in diesem schönen Waldkindergarten !
Dieser Artikel hat mich sehr berührt – der Waldkindergarten – eine wunderbare Idee. Und ebenso schön beschrieben.