Jannis Depiereux. Foto: Laura Geyer

Jannis Depiereux arbeitet als Erzieher für Kinder mit Behinderung. Er ist der tiefen Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind und selbstverständlich in die Gesellschaft inkludiert sein sollten – dem Thema Inklusion steht er dennoch kritisch gegenüber. Warum das so ist; wie er überhaupt dazu kam, nach dem Abitur Erzieher zu werden; und wie sein Alltag (als Mann) in der Kita aussieht.

Bis ans Ende seines Lebens möchte Jannis Depiereux nicht unbedingt auf Kinderstühlen sitzen. Im Moment kann sich der 32-Jährige aber nichts Besseres vorstellen: „In meinem Beruf ist kein Tag wie der andere. Und das Lachen der Kinder ist einfach das Schönste.“

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Depiereux arbeitet seit fast 14 Jahren in einer Bergisch Gladbacher Kita – als Heilerziehungspfleger. Das heißt, sein Fokus liegt auf Kindern mit Behinderung. „Nach dem Abi hatte ich keinen Plan, was ich machen wollte“, erzählt er bei einer Tasse Kaffee, zu Hause in seiner Wohnung in Katterbach. Seine kleine Tochter hält gerade nebenan Mittagsschlaf.

Vom Zivildienst inspiriert

Depiereux war einer der letzten Jahrgänge, die Wehr- oder Zivildienst leisten mussten. Er entschied sich für den Zivildienst bei einem sozialen Träger in Bergisch Gladbach und wurde als Schulbegleiter an der Friedrich-Fröbel-Schule eingesetzt. Ein Jahr lang begleitete er einen Jungen mit einer geistigen Behinderung an die Förderschule in Moitzfeld.

Danach war ihm klar: Er wollte mit Menschen mit Behinderung arbeiten. Dafür konnte er Sonderpädagogik studieren – oder eine Ausbildung als Heilerziehungspfleger machen.

„In Deutschland haben wir leider diese Maxime: Mach ein Studium sonst bist du nichts“, sagt Depiereux. Doch er findet: Jeder sollte das machen können, worauf er Lust hat. Und wenn es erst das Abi und dann eine Schreinerlehre ist. Warum nicht?

Er ist der tiefen Überzeugung, dass alle Berufe in der Gesellschaft gleichwertig sind: „Die Menschen, die unsere Mülltonnen leeren, sind genauso wichtig wie die Lehrerinnen und Lehrer.“

„Inklusion wird nicht funktionieren“

Gerechtigkeit ist für Depiereux ein ganz wichtiger Wert. Etwas, das ihn antreibt im Leben. Für einen Moment verwundert es da, wenn er zum Thema Inklusion in Kitas und Schulen sagt: „Das wird nicht funktionieren.“

Das liegt aber nicht daran, dass er nichts von Inklusion hält. Im Gegenteil: „Alle Menschen sind gleich und sollten selbstverständlich in die Gesellschaft inkludiert sein“, sagt Depiereux. Allerdings müssten dafür erst einmal die richtigen Voraussetzungen geschaffen werden.

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In den Kitas ist man davon weit entfernt. Schon jetzt herrscht fast überall Personalmangel. Schon jetzt finden etliche Kinder keinen Betreuungs-Platz. Schon jetzt werden insbesondere Kinder mit Behinderung von vielen Kitas abgelehnt. Depiereux versteht das sogar: „Die Kita-Leitungen haben Angst, den Kindern nicht gerecht zu werden, und sie haben sowieso keine Kapazitäten.“

Keine Chance auf einen Kita-Platz

Er selbst arbeitet in der letzten heilpädagogischen Kita-Gruppe im Rheinisch-Bergischen Kreis. Dort betreut er acht Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen. Alle anderen heilpädagogischen Gruppen im Kreis sind bereits geschlossen worden – seine Gruppe wird 2025 folgen.

In Depiereuxs Gruppe sind ab und zu Fünfjährige, die gerade erst in die Kita gekommen sind, weil sie vorher keinen Platz gefunden hatten. „Ohne heilpädagogische Gruppen haben sehr viele Kinder mit Behinderung – gerade schwerstmehrfach behinderte Kinder – keine Chance mehr auf einen Kita-Platz“, sagt er. Dabei wäre es für sie ganz besonders förderlich, denn Kinder lernen viel von anderen Kindern.

Das ist etwas, das ihn in seinem Job nervt: wenn Menschen, die weit weg in Büros sitzen, Entscheidungen treffen, bei denen es vor allem darum geht, Geld zu sparen. „Hier geht es doch um Kinder – das wertvollste Gut einer Gesellschaft!“ Leider, ergänzt er, haben Kinder keine Lobby.

Nur nette Basteltanten?

Hinzu kommt, dass der Erzieher-Beruf in Deutschland nicht gerade prestigeträchtig ist. Allein schon deshalb, weil es ein Ausbildungsberuf ist. Zudem ist die Bezahlung nicht gut. Depiereux findet: Der Lohn für Erzieher:innen sollte dem von Grundschul-Lehrer:innen angeglichen werden. „Wir legen schließlich die Grundsteine für die weitere Entwicklung der Kinder!“

Dennoch hält sich hartnäckig ein Bild von Erzieher:innen als „netten Basteltanten, die den ganzen Tag rumsitzen und Kaffeetrinken“, sagt Depiereux.

Dabei gibt es in der Kita viel zu tun. Angefangen bei der Pflege: wickeln, Essen anreichen – in der heilpädagogischen Gruppe ist das auch noch bei einigen der älteren Kinder nötig –, Nasen putzen. Depiereux schmunzelt und sagt: „Ich habe überhaupt kein Problem mit vollen Windeln, aber mit Rotznasen kann ich bis heute nicht umgehen.“

Auch dazwischen wird nicht etwa die ganze Zeit gebastelt. Zumindest nicht in Depiereuxs Kita. Diese folgt dem sogenannten situationsorientierten Ansatz. Das heißt: Die Erzieher:innen planen nicht den ganzen Tag durch, sondern schauen, worauf die Kinder Lust haben. Sie greifen die aktuellen Interessen der Kinder auf.

Die Kinder gestalten also ihren Alltag mit – Stichwort Partizipation. Oder auch: Kinder werden als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft begriffen.

Beobachten und dokumentieren

Er nimmt einen Schluck aus seiner Tasse. Und ergänzt grinsend: „Wir trinken natürlich auch mal Kaffee. Aber wenn man uns rumsitzen sieht, dann sind wir in der Regel gerade dabei, die Kinder zu beobachten oder zu dokumentieren.“

Eine alltägliche Aufgabe von Erzieher:innen, die den wenigsten bekannt sein dürfte: Wenn die Kinder zwischendurch alleine spielen – was sie nicht nur dürfen, sondern auch sollen – schauen Depiereux und seine Kolleginnen genau zu. Denn: Sobald Kinder sich unbeobachtet fühlen, verhalten sie sich ganz anders.

So lassen sich wichtige Erkenntnisse gewinnen: Womit spielt das Kind, wofür interessiert es sich gerade? Wie ist seine sozial-emotionale Entwicklung, wie seine Motorik? Ist etwas nicht so, wie es in dem Alter sein sollte?

Gibt es Auffälligkeiten, werden die Eltern informiert. Sie erhalten dann auch weitere Empfehlungen. Wenn zum Beispiel ein Kind im Vorschulalter auch nach intensivem Üben immer noch nicht richtig den Umgang mit Stift und Schere beherrscht und Schwierigkeiten hat, sich zu konzentrieren, raten die Erzieher:innen zu Ergotherapie.

Ansonsten tragen sie ihre Erkenntnisse in spezielle Beobachtungsbögen ein. Dazu machen sie regelmäßig Fotos und schreiben Berichte und heften alles in der sogenannten Dokumentationsmappe ab. Diese erhalten die Eltern, wenn das Kind die Kita verlässt.

Mehr sozial-emotionale Störungen

Im Augenblick beobachtet Depiereux, dass mehr Kinder als früher Störungen im sozial-emotionalen Bereich aufweisen. Vor allem Kinder, die 2020 geboren wurden, mitten in die Corona-Zeit hinein. Die einzigen Menschen, zu denen sie Kontakt hatten, waren ihre Eltern und Großeltern. Sie haben zum Beispiel Angst vor den anderen Kindern oder größeren Gruppen, sind überfordert mit Lautstärke. Deshalb fällt ihnen die Ablösung von den Eltern teilweise sehr schwer.

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Allerdings nehmen in Depiereuxs Gruppe schon seit Jahren sozial-emotionale Störungen und sprachliche Auffälligkeiten zu, während klassische Behinderungen wie etwa das Down-Syndrom immer seltener werden – weil sie heute früh festgestellt werden können und die Schwangerschaften häufig gar nicht ausgetragen werden.

Depiereux versteht, dass Menschen Angst davor haben, ein Kind mit Behinderung zu bekommen. Aber er sagt auch: „Das sind tolle Menschen, die es verdient haben zu leben!“ Gerade die Kinder mit Behinderung gäben den Erzieher:innen viel zurück: „Sie leben einfach im Hier und Jetzt und strahlen so viel Freude aus.“

Männliche Erzieher als Vorbilder

In seiner Gruppe ist Depiereux übrigens der einzige Mann. Obwohl es unter den Heilerziehungspflegern insgesamt etwa genauso viele Männer wie Frauen gibt.

Immerhin erhöht er damit den Männeranteil in seiner Kita auf das Doppelte. Der einzige andere Erzieher ist vom Kollegen zu einem guten Freund geworden, inzwischen auch zum Patenonkel seiner Tochter. „Wir sind Leidensgenossen, das hat uns zusammengebracht“, sagt Depiereux und lacht.

Schnell fügt er hinzu, dass er seine Kolleginnen sehr mag und sich gut mit ihnen versteht. Für die Kinder fände er es aber schön, mehr männliche Erzieher zu haben, als Rollenvorbilder.

Auch bei den Eltern komme das sehr gut an, sagt Depiereux. In den elf Jahren, die er nun in der Kita arbeitet, hat er es ein- oder zweimal erlebt, dass Eltern ihm und seinem Kollegen erst einmal kritisch gegenüberstanden und zum Beispiel nicht wollten, dass ihr Kind von einem Mann gewickelt wird. Ansonsten gab es nur positive Reaktionen.

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Laura Geyer

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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2 Kommentare

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  1. Vielen Dank, Frau Geyer, für die gelungen Zusammenfassung und den veröffentlichten Bericht, dem ich mich mit meiner Meinung nur anschließen kann.

    Ich danke auch Herr Depierieux für seine reflektierte Haltung zu den Kindern und em Thema Inklusion. Es ist für mich als Mutter einer Tochter mit Behinderung und als Psychologin schrecklich, zu lesen, dass es keine inklusiven Gruppen mehr geben wird. Das ist eine einzige Katastrophe und ein imenser Rückschritt für unsere Gesellschaft. Obwohl ich die Konsequenz im Verhalten und die Entscheidungen für Betroffene der gesellschaftlichen Umstände verstehen kann.

    Es bedarf einer gemeinsamen Wertschätzung und Anerkennung der Vielfalt menschlichen Lebens vor allem der finanziellen Entscheidungsträger und der Steuerzahler, wie so Vieles im sozialen Bereich. Personen, wie Herr Depierieux, die stark in der Umsetzung sind , gibt es genug.

  2. Ein sehr schöner Bericht. Ein Mensch der sich so für Behinderte einsetzt kann nur ein guter Mensch sein. Seine Erfahrungen kann ich nur bestätigen. Da ich selbst meine schwerbehinderte Tochter 49bis zu ihrem Tode begleitet und gepflegt habe, weiß seine Tätigkeit sehr schätzen.