Foto: Thomas Merkenich

Sich selbst einbringen statt sich über die aktuelle Politik zu beschweren – das dachte sich Iwona Winterscheid im Wahlkampf zur Bundestagswahl. Kurz darauf trat sie bei der Linken ein. Bei der Kommunalwahl im Herbst kandidiert die 36-Jährige nun für den Stadtrat von Bergisch Gladbach.

Iwona Winterscheid wohnt in Paffrath. Sie lebt mit ihrem Partner und dessen Kindern in einer Patchworkfamilie. Die 36-Jährige ist gebürtige Kölnerin und arbeitet als Heilerziehungspflegerin mit Menschen mit Behinderungen zusammen.

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Iwona Winterscheid: „Ich bin Anfang des Jahres bei der Linken eingetreten. Auslöser war der Wahlkampf für die Bundestagswahl, den ich sehr abschreckend fand. Da dachte ich: Ich kann nicht mehr einfach nur da sitzen; ich muss mich selbst einbringen.

Ich habe mich für die Linke entschieden, weil ich mich von den anderen Parteien nicht mehr gut vertreten fühle. Ausschlaggebend war dabei vor allem die Sozialpolitik.

Lange Zeit hatte ich das Gefühl, dass eigentlich alles gut ist. Doch das änderte sich aus meiner Sicht. Im sozialen Bereich werden immer mehr Gelder gestrichen, dazu kommen der Rechtsruck in der Gesellschaft und eine wachsende Diskriminierung bestimmter Personengruppen.

Die aktuelle Migrationspolitik finde ich erschreckend und grausam. Ein Schlüsselmoment für meinen Eintritt in die Linke war die gemeinsame Abstimmung der CDU mit der AfD.  

Einsatz für Toleranz und Demokratie

Ich war vorher in keiner Partei, war politisch nicht besonders interessiert – abgesehen davon, dass ich früher in der Schülervertretung war und in der LGBTQI*-Szene aktiv bin. Eine politische Richtung und eine tolerante Grundhaltung wurden mir schon in die Wiege gelegt. Ich bin zum Beispiel schon als Kleinkind im Buggy mit beim CSD gewesen. Auch meine Mutter setzt sich für die Demokratie ein, ist Mitglied im Verein Bergisch Gladbach für Demokratie und Vielfalt.

Ich habe mich immer mehr über die verschiedenen Wahlprogramme informiert. Mit der Linken hatte ich die größte Übereinstimmung und bin einige Wochen vor der Wahl per Online-Antrag eingetreten. Ich finde gut, dass jeder selbst darüber entscheidet, wie hoch der eigene Mitgliedsbeitrag ist, den man zahlt. 

Nach meinem Eintritt hat mich einer der Kreisvorstände angerufen, um etwas über mich zu erfahren und warum ich Mitglied geworden bin. Dadurch habe ich mich schnell zugehörig gefühlt. Ich wurde dann gleich zu den Parteitreffen eingeladen.

Eine Woche vor der Wahl war ich zum ersten Mal dabei. Mir hat gefallen, dass es keine Hierarchie gibt, alle auf Augenhöhe agieren und jede:r ihren oder seinen Beitrag leisten kann.

Hinweis der Redaktion: Politik wird von Menschen gemacht. Menschen, die sich in Parteien engagieren. Einige treten in der Öffentlichkeit in Erscheinung, kandidieren für Ämter. Andere agieren eher im Hintergrund, bringen sich an der Parteibasis ein. 

Vor der Kommunalwahl am 14. September stellen wir Menschen vor, die sich erst seit kurzem politisch engagieren und neu in eine Partei eingetreten sind. Wir lassen sie erzählen, was ihre Beweggründe sind, warum sie sich für die jeweilige Partei entschieden haben, was sie sich wünschen und vorgenommen haben. 

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Mir war von vornherein klar, dass ich mich stärker einbringen und etwas bewegen möchte. Bei den Treffen bin ich keine, die still ist. Und so kam es, dass ich gefragt wurde, ob ich für den Wahlbezirk Hand-Ost kandidieren möchte. 

Zunächst war ich zwiegespalten und unsicher, ob ich so viel Verantwortung übernehmen möchte. Ich nehme es nicht auf die leichte Schulter, wenn Menschen Hoffnung in mich setzen. Aber ich habe mich von meinen Genoss:innen gut unterstützt gefühlt. Sie haben mir zugesichert, dass wir das gemeinsam hinbekommen.

Mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen

Ich lasse meine Kandidatur und alles andere auf mich zukommen. Mein größter Wunsch ist mehr Toleranz allen Menschen gegenüber – unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht, ihrem Aussehen oder ihrer Behinderung. Für diese Menschen möchte ich mich stark machen und laut sein. 

Für Bergisch Gladbach möchte ich mich für mehr bezahlbaren und sozialen Wohnraum einsetzen sowie für den Erhalt und den Ausbau der Jugendarbeit. Es hat mich umgehauen, als ich erfahren habe, dass das Jugendzentrum Q1 aus dem Gebäude ausziehen soll. Ich habe dort meine Jugend verbracht, Konzerte mitorganisiert. 

Für die Linke wünsche ich mir, dass sie in den Stadtrat einzieht und dass sie mehr Stimmen bekommt als die AfD. Persönlich möchte ich später einmal das Gefühl haben, etwas getan zu haben. Es kann sich nur etwas ändern, wenn man aufsteht und sich traut, den Mund aufzumachen. Das werde ich auch weiterhin tun.“

ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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