Wenn ein Elternteil oder ein Geschwisterkind stirbt, verändert das für Kinder alles. Trauerbegleiterin Stephanie Witt-Loers erklärt, wie man kindgerecht über Tod spricht, warum die Trauer nicht in Phasen verläuft, und was Erwachsene tun können, um trauernde Kinder zu unterstützen.

Stephanie Witt-Loers ist Trauerfachberaterin für Kinder und Familien. Sie hat zahlreiche Bücher geschrieben, leitet das „Institut Dellanima“ und das Projekt „Leben mit dem Tod – trauernde Familien begleiten“ in Kooperation mit dem DRK.

Stephanie Witt-Loers. Fotos: privat

Stephanie, was bedeutet es für Kinder, wenn jemand so Nahes stirbt wie ein Geschwisterkind oder ein Elternteil?
Es bedeutet, dass nicht nur der geliebte Mensch weg ist, sondern im Grunde der ganze Alltag zusammenbricht. Die Familienmitglieder, die noch leben, sind nicht mehr die, die sie vorher waren. Oft ändert sich die finanzielle Situation: Ein Einkommen bricht weg, wenn ein Elternteil stirbt, oder beide Eltern sind nicht in der Lage, arbeiten zu gehen, weil ein Kind gestorben ist.

Manchmal sterben Kinder oder Eltern nach einer längeren Erkrankung – dann ist der Alltag schon vorher komplett anders. Soziale Kontakte werden eingeschränkt, Hobbys müssen aufgegeben werden. Eigentlich bleibt nichts, wie es war.

Warum Information für Kinder wichtig ist

Wie offen muss man darüber sprechen, dass ein Elternteil oder ein Geschwisterkind stirbt?
Eltern sind häufig unsicher und wollen nichts falsch machen. Aus Schutz sagen sie erst mal nichts oder reden drumherum. Aber Kinder haben feine Antennen. Sie merken sofort, dass irgendwas anders ist, und beziehen es auf sich. Sie denken dann vielleicht: „Mama hat mich nicht mehr lieb“ oder „Ich habe was falsch gemacht.“

Deshalb ist es besser, so schnell wie möglich alters- und entwicklungsgerecht mit Kindern zu sprechen. Auch schon, wenn klar ist, dass jemand sterben wird. Dann können Kinder sich darauf einstellen, sich verabschieden. Und sie können die Verhaltensänderungen von Eltern oder dem erkrankten Menschen deuten.

Und wie sagt man es konkret?
Am besten gibt man möglichst sachliche Informationen: Was ist passiert und warum? Was heißt „tot sein“? Es gibt drei Dimensionen des Todesverständnisses, die Kinder brauchen. Das erste ist die Irreversibilität: Der Mensch kommt nicht wieder zurück. Das zweite die Universalität: Alle Lebewesen sterben. Normalerweise erst, wenn sie alt sind, aber es gibt Ausnahmen. Das führt zum dritten Punkt: der Kausalität, also dem Grund des Sterbens.

Das ist für Kinder ganz wichtig. Wenn sie keine Informationen bekommen, verbinden sie Dinge, die nicht zusammengehören, zum Beispiel: „Der Opa ist gestorben, weil ich frech zu ihm war“ oder „Der Papa ist tot, weil ich mir das neulich gewünscht habe.“

Das ist das „magische Denken“, das vom Kita-Alter bis in die Grundschule typisch ist: Wenn ich sage „du sollst tot sein“, dann stirbst du auch. Das Kind trägt dann riesige Schuldgefühle und sagt das oft nicht, weil es weiß: „Mörder“ sind nicht akzeptiert. Deshalb ist es so wichtig, dass Eltern möglichst offen und ehrlich sind.

Bei Suizid reden Erwachsene gerne drumherum

Das ist sicher nicht leicht, vor allem wenn die Todesursache schwer zu erklären ist.
Ja, gerade bei Suizid ist das schwierig, weil Erwachsene oft aus Scham oder Angst drumherum reden. Ich hatte mal ein Vorgespräch, wo die Mutter sagte: „Ich habe dem Kind ganz deutlich gesagt, dass der Papa sich das Leben genommen hat.“ In der Kindergruppe fragte das Kind aber auf einmal: „Warum ist mein Papa eigentlich tot?“

Die Mutter hatte es also nicht richtig erklärt. Ich habe das Kind gefragt, ob es seine Mama gefragt hätte. Da sagte es, „ich merke, dass sie da nicht so gerne drüber reden will, deswegen traue ich mich nicht.“

Das passiert leider häufig. Eltern sind unsicher, wollen ihrem Kind nicht zu viel zumuten. Dieser vermeintliche Schutz kann genau das Gegenteil bewirken, nämlich dass das Kind mit Fantasien, Unsicherheit und Schuldgefühlen alleine bleibt.

Alle Fotos stammen aus den Kindertrauergruppen des Projekts „Leben mit dem Tod“.

Was Kinder fragen – und was man antworten kann

Welche typischen Kinderfragen kennst du, bei denen Erwachsene erst mal denken: „Oh mein Gott, was sage ich jetzt?“
Da gibt es viele: „Wie lange dauert es, bis Papa von Würmern zerfressen ist?“, „Wann kaufen wir ein neues Auto? Das alte ist ja jetzt zu groß“, oder „Oma, wenn du jetzt dann stirbst, kann ich deine Uhr erben?“ Solche Fragen erschrecken Erwachsene, aber eigentlich sind sie positiv, weil sie zeigen: Das Kind ist in einem Anpassungsprozess. Es versucht, die neue Realität zu verstehen.

Schlimmer ist es, wenn Kinder ihre Fragen nicht stellen. Einmal kam eine Mutter zu mir und sagte: „Das Kind will nicht zur Beerdigung seines Papas, das geht doch nicht.“ Ich habe das Kind gefragt, ob es mir den Grund verrät. Da hat es geantwortet: „Meinst du etwa, ich will sehen, wie Papa auf dem Scheiterhaufen nackt verbrennt?“ Keiner hatte ihm erklärt, was eine Einäscherung ist, und er hatte sich sein eigenes Bild gemacht.

Was glaubst du denn, wo der Verstorbene jetzt ist?

Was antwortet man, wenn Kinder fragen, was nach dem Tod kommt?
Eine typische Antwort hier bei uns ist: Der Verstorbene ist jetzt im Himmel. Das klingt tröstlich, kann aber negative Konsequenzen haben. Ich hatte mal eine Mutter, die mit ihrem Kind in Urlaub geflogen ist. Auf dem Flug schaute das Kind die ganze Zeit aus dem Fenster und fing irgendwann an zu schreien: „Ich sehe den Papa nirgendwo, du hast gelogen!“

Ich antworte deshalb lieber, dass ich auch nicht weiß, was nach dem Tod passiert. Dass noch keiner zurückgekommen ist, und dass es eine Glaubensfrage ist: Manche Menschen glauben, derjenige ist bei Gott im Himmel. Andere glauben, der wird ein anderes Tier. Wieder andere glauben, man ist einfach für immer tot.

Und ich frage zurück: Was glaubst du denn, wo der Verstorbene jetzt ist? Wo wäre er wohl gerne gewesen? Das eröffnet auch Selbstwirksamkeit. Kinder überlegen dann wirklich und antworten zum Beispiel „Papa ist irgendwo, wo man immer Fußball spielen kann“.

Wie Kinder trauern

Trauern Kinder anders als Erwachsene?
Das wird gerne gesagt. Letztlich müssen Kinder die gleichen Themen bearbeiten wie Erwachsene: Gefühle und Gedanken aushalten, sich anpassen, verstehen, dass jemand tot ist und nicht wiederkommt.

Was anders ist, ist dass Kinder die zeitliche Dimension oft noch nicht einordnen können. Was heißt „nie wieder“? Manche sagen nach einer Zeit: „Jetzt kommt Opa doch wieder.“ Ich hatte gerade ein Kind, das hat zwei Jahre später nochmal ganz stark getrauert, weil es dann erst verstanden hat: „Meine Mama kommt wirklich nie, nie wieder.“

Kinder können außerdem Gefühle noch nicht so benennen wie Erwachsene. Da müssen wir unterstützen, damit sie wahrnehmen und ausdrücken können, was in ihnen los ist.

Was ist mit den eigenen Emotionen? Manche Eltern weinen heimlich, um Kinder nicht zu belasten.
Wir sind Vorbilder. Wenn Eltern nur alleine weinen oder auch wüten, lernen Kinder: Man darf nicht weinen oder wütend sein. Dann machen sie auch alles mit sich selbst aus.

Wenn ich meinem Kind sage, Papa wird sterben, darf ich dabei weinen und sagen: „Ich bin traurig.“ Wichtig ist aber auch die Erklärung: „Ich weine wegen Papa – nicht weil du etwas falsch gemacht hast.“ Und: „Du musst mich nicht trösten. Ich hole mir Unterstützung.“

In dem Projekt „Leben mit dem Tod – Trauernde Familien begleiten“ finden trauernde Kinder, Jugendliche und deren Familien kostenfrei Hilfe (zur Webseite). Es gibt Trauergruppen für verschiedene Altersstufen, Einzelbegleitung für Kinder und Erwachsene, nach und auch schon vor dem Tod eines Elternteils oder Kindes.

Das Projekt – eine Kooperation von Stephanie Witt-Loers’ Institut Dellanima und dem DRK-Kreisverband Rheinisch-Bergischer Kreis e.V. – ist komplett spendenbasiert. Aktuell verdoppelt die Bethe-Stiftung alle zweckgebundenen Spenden bis zu einer Gesamtsumme von 4.000 Euro.

Wie kann man noch helfen?
Das Wichtigste ist, von Anfang an zu signalisieren: „Du darfst jede Frage stellen. Keine Frage ist blöd. Ich habe nicht auf alles eine Antwort, aber ich sage ehrlich, was ich weiß.“

Und das Thema sollte in den Alltag eingebunden werden. Eltern sollten nicht bohren, aber immer wieder sagen: „Wenn du Fragen hast, kannst du mich ansprechen.“ Manchmal dauert es, bis ein Kind kommt. Aber wenn es weiß, es darf auch nach einem halben Jahr noch fragen, dann tut es das.

Was außerdem wichtig für Kinder ist: Dinge zu machen, die Freude bereiten. Freunde treffen, Fußball, Hobbys. Auch wenn zu Hause alle weinen.

Ohne Pausen können wir Trauer gar nicht bearbeiten

Das erscheint vielen Erwachsenen sicher erst einmal seltsam.
Ja, aber für Kinder ist es ganz wichtig, „trauerfreie Räume“ zu haben, um Kraft zu schöpfen. Auch in der Kita oder in der Schule. Orte, wo noch alles so ist wie vorher. Ich hatte mal eine Lehrerin, die war überrascht, dass ein Kind ganz normal auf dem Schulhof spielte. Sie dachte, es würde nicht um die verstorbene Schwester trauern.

Wenn wir – Kinder wie Erwachsene – immer nur trauern würden, würden wir zusammenbrechen. Ohne Pausen können wir die Trauer gar nicht bearbeiten. Deshalb ist es so wichtig, dass wir als Erwachsene, egal in welchem Kontext wir mit Kindern zu tun haben, etwas über Trauer wissen. Der immer noch gängige Glaube zu Trauerphasen zum Beispiel ist wissenschaftlich schlicht falsch.

Trauerprozesse statt Trauerphasen

Kannst du da mehr zu sagen?
Die Trauerforschung ist noch sehr jung. Am Anfang hat man einfach das Modell der Sterbephasen auf die Trauer übertragen: Erst kommt das Leugnen, dann Zorn, Verhandeln, Depression und schließlich Akzeptanz. Dem war man sozusagen ausgeliefert, man musste eine Phase nach der anderen durchlaufen, und dann war man fertig.

Dieses Modell hält sich hartnäckig und irritiert die Menschen. Es kommen immer noch Leute zu mir und sagen: „Ich war doch schon verzweifelt, jetzt müsste ich längst woanders sein.“ Und auch das Umfeld erwartet, dass Trauernde irgendwann durch sind.

In Wirklichkeit gibt es also gar keine Trauerphasen?
Man weiß inzwischen, dass Trauer ein Prozess ist, der nicht chronologisch nacheinander abläuft und auch nicht irgendwann komplett abgeschlossen ist. Trauer ist individuell. Gefühle und Gedanken können sehr viele Facetten haben.

Wut und Traurigkeit sind ganz normale Trauerreaktionen, sich zurückziehen oder einfach nur funktionieren aber auch. Weil ein Kind zum Beispiel zu Hause sieht: Wenn ich der Mama jetzt auch noch Sorgen mache, bricht sie zusammen. Also funktioniere ich erstmal, und der Trauerprozess wird auf später verschoben.

Ich kann Trauer aktiv mitgestalten

Du sagst, die Trauer ist nie komplett abgeschlossen?
Ja, gerade beim Tod eines Elternteils oder Geschwisters bleiben Trauerprozesse oft lebenslang. Man muss sich immer wieder neu damit beschäftigen, zum Beispiel wenn neue Wendepunkte kommen: das erste Weihnachten ohne den Verstorbenen, Kommunion, Abitur.

Ich habe gerade eine Jugendliche, die hat ihren Führerschein gemacht, und eigentlich hätten ihre Eltern dabei sein sollen. Das sind Momente, die für Betroffene auch nach langer Zeit ganz schwer sein können.

Wenn ich die Trauer als Prozess begreife, sehe ich aber auch, dass sie nicht mein Feind ist, sondern mir hilft, mich an diese neue Lebenssituation anzupassen. Dass ich Trauer nicht ausgeliefert bin, sondern sie aktiv mitgestalten kann.

Kinder in der Trauer unterstützen

Wie kann man als Eltern seinen Kindern dabei helfen?
Erstmal ist es wichtig, ihnen Raum zu geben, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. Da geht es nicht darum, irgendwelche tollen Objekte herzustellen, sondern das, was sie gerade fühlen oder denken, auszudrücken. Manchmal ist es erschreckend, was Kinder dann malen oder zeichnen. Aber so bekommt es für sie eine Form.

Das Allerwichtigste ist aber tatsächlich, dass wir es als Erwachsene aushalten, wenn Kinder leiden. Dass wir nicht einfach versuchen, darüber hinwegzutrösten. Das ist nicht immer einfach, aber es ermöglicht ihnen, Handlungsfähigkeit zu erlangen und Strategien zu entwickeln, um Verluste und Krisen zu bearbeiten.

Ich wünsche mir mehr Prävention, schon in den Kitas

Diese Strategien sind wahrscheinlich auch individuell?
Oh ja, und das kann in der Familie zu Konflikten führen. Für den einen ist es tröstlich, zum Friedhof zu gehen, für den anderen beängstigend. Der eine möchte überall in der Wohnung Fotos aufhängen, der andere möchte nicht ständig an den Verstorbenen erinnert werden.

Trauerarbeit in der Familie ist deshalb auch Verhandlungsarbeit: Wo können wir Fotos hintun, damit es für alle erträglich ist? Was wollen wir von Papa behalten? Das darf dann auch der alte Gartenpullover sein, den die Mutter scheußlich findet, an dem für das Kind aber eine Erinnerung hängt.

Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ von Laura Geyer erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.

Weniger Tabu, mehr Prävention

Viele der Schwierigkeiten rund um das Thema haben damit zu tun, dass Tod bei uns ein Tabu ist. Können wir von anderen Gesellschaften lernen, die damit anders umgehen?
Da bin ich zwiegespalten. In Mexiko gibt es eine Offenheit, die wir uns abschauen können. Gleichzeitig ist der „Tag der Toten“ inzwischen sehr kommerzialisiert. Schön finde ich die Bestattungshäuser in Argentinien: Da erstrecken sich Abschiedsräume über eine ganze Etage, inklusive Küche. Menschen nehmen sich Zeit, kochen zusammen, gehen immer wieder zum Verstorbenen, erzählen.

Solche Facetten könnten wir in unsere Trauerkultur integrieren. Vor allem aber wünsche ich mir, dass mehr Wissen über Trauer verbreitet ist. Ich wünsche mir mehr Akzeptanz dafür, dass Trauer individuell ist und ganz unterschiedlich ausgedrückt wird. Und ich wünsche mir mehr Prävention, schon in den Kitas.

Da braucht nur ein toter Käfer zu liegen, schon hat man einen Ansatzpunkt darüber zu sprechen, dass der Tod zum Leben gehört. Und wenn ein Haustier stirbt, sollten Eltern es nicht einfach entsorgen, sondern als Gelegenheit sehen, um gemeinsam Abschiednehmen zu lernen.


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ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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