Der Verlust des Partners schmerzt unendlich und wird individuell sehr verschieden erlebt und verarbeitet. In der noch recht jungen Selbsthilfegruppe „New live alone“ lernen die Betroffenen, damit zurecht zu kommen – und geben sich gegenseitig Halt. Mit diesem Beitrag setzen wir die Serie über Selbsthilfegruppen in Rhein-Berg fort.

Siebzehn Trauernde treffen sich trotz des eisigen Wetters an diesem Abend in der Selbsthilfegruppe „New life alone“. Einige kommen von weit her, denn diese Gruppe ist im weiten Umkreis einige der wenigen für Menschen, die ihren Partner verloren haben. 

Es fällt sofort auf, wie einfühlsam und verständnisvoll alle miteinander umgehen. Eine Witwe, deren Mann erst vor wenigen Monaten starb, erzählt, dass sie alles an den Verstorbenen erinnere und fragt, ob dies denn normal sei. Die Anderen ermutigen sie, ihre Gefühle zu akzeptieren. Diese gehören zur Trauer dazu, denn beim Trauern gibt es kein richtig oder falsch, kein kurz oder lang.

+ Anzeige +

„Mein Mann ist immer bei allem, was ich tue dabei. Bin ich in der Natur glücklich, so weiß ich, dass er sich für mich freuen würde,“ erklärt eine andere Betroffene. Jede schöne Erinnerung tut gut und macht dennoch traurig. 

 „Es gibt keine Regeln wie zu trauern ist. Es hat mich erleichtert, dass ich hier in der Gruppe so trauern kann wie mir zu Mute ist,“ berichtet jemand anders. Den Trauernden gut es tut, ihre Gefühle aussprechen zu können und verstanden zu werden.

NEW LIFE ALONE
Selbsthilfegruppe für Trauerbewältigung
Gruppenleitung: Thomas Arendt
Jeden letzten Freitag im Monat
18 bis 20 Uhr
Freiraum im Lerntreff Refrath
Vürfels Kaule 53
Anmeldung unter 02204 65210 oder per Mail
Website

Alle in dieser Selbsthilfegruppe erleben sich als Einheit und dazu würde auch die Empathie des Gruppenleiters beitragen. Thomas Arendt ist selbst verwitwet und kennt die Situation der Trauernden aus eigener Erfahrung. Er rät allen Trauernden, das zu tun, was ihnen guttut. Die Gruppe ist auch dazu da, dies herauszufinden.

Plötzlich allein 

Der Verlust eines Partners schmerzt unendlich und wird individuell sehr verschieden erlebt und verarbeitet. Manche ziehen sich zurück, sind wie erstarrt. Andere mögen niemanden sehen. Einige sind antriebslos und andere stürzen sich in Aktivitäten.

Es fällt vielen schwer, den Tod des geliebten Menschen zu akzeptieren und das eigene Leben positiv zu sehen. Sie haben alles verloren, was sie am Leben hält, und sind ohne Lebensmut. Im Kreis der Familie oder Freunde erleben sie sich als „störendes Anhängsel“ und können die nicht ertragen, denen es gutgeht. 

Hintergrund: Selbsthilfegruppen in Rhein-Berg

Erkrankungen, Beeinträchtigungen und seelische Krisen belasten das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen sehr. In diesen schweren Zeiten tut ein Austausch in einer mitfühlenden Gemeinschaft gut. In einer Selbsthilfegruppe steht man sich bei und setzt sich für andere ein. Selbsthilfegruppen bilden „ein starkes Netz aus Verständnis, Hoffnung und gegenseitigem Trost, wobei jede Begegnung, jede geteilte Erfahrung und jedes offene Wort den Betroffenen Kraft gibt“, so die Selbsthilfekontaktstelle in Bergisch Gladbach

Selbsthilfegruppen ergänzen ambulante, stationäre und rehabilitative Versorgungen und entlasten somit unser Gesundheitswesen. Das ehrenamtliche Engagement der Menschen, die eine SHG miteinander gestalten, ist beispielhaft. 

Teilnehmen und teilen, miteinander und füreinander, gemeinsam informieren, dies macht die gesellschaftlich wertvolle Arbeit aller Selbsthilfegruppen aus. 

Annette Voigt, Gründerin der SHG „mein Darm und ich“, stellt einige der Gruppen in unserer Serie vor – die damit einen guten Überblick über die Selbsthilfegruppen im Rheinisch Bergischen Kreis bietet. 

Diese belastende Zeit hinterlässt seelische und körperliche Spuren. Diese Gruppe hilft damit zurechtzukommen und gibt Halt. „Erst bist Du einsam und alleine mit Deiner widersprüchlichen Gefühlswelt. Alleine kannst Du nicht damit klarkommen. Vieles was mir früher viel bedeutete, ist heute nicht mehr wichtig“bringt es Arendt auf den Punkt.

Die Trauernden verändert sich in ihrer Trauer und dies verunsichert ihre Mitmenschen. Diese wissen nicht mit dem Trauernden umzugehen und reagieren oft mit Distanz, Ungeduld und Unverständnis. Dies wiederum belastet die ohnehin sensiblen Trauernden. „Der Tod ist nicht in das Leben integriert“, erläutert dazu Arendt. 

Zurück ins Leben finden

„Ich habe versucht alleine klarzukommen, merkte aber, dass ich es allein nicht schaffe. Ich brauche die Gruppe, um meinen Weg ohne meinen Mann zu finden.“ „Was mache ich mit der ganzen Informationsflut, dem Behördenkram? Hier in der Gruppe kann ich mich und mein Leben sortieren,“ beschreiben zwei weitere Witwen ihre Situation.                    

Im gegenseitigen Miteinander fällt es den Trauernden leichter mit dem Verlust leben zu lernen. Hier treffen sich Menschen, die sich trotz der Trauer ein positives Leben wünschen. Ein Leben, das wieder Freude macht. 

Wer ins Leben zurückkehrt, gewinnt an Selbstvertrauen und Ichstärke. Es ist zunächst unvorstellbar das das Leben einfach so weitergeht. Doch das Leben geht weiter, nur eben anders. Die in dieser Gruppe zeigen auf wie „anders“ gehen kann.

Mehr zum Thema

Der Trauer mit Hammer, Meißel und Schrifteisen Halt geben

Grabmale Richerzhagen war ein großer Name in der Branche. Dann lief das Geschäft mit individuellen Grabsteinen immer schlechter, 2019 ging das Refrather Unternehmen in die Insolvenz. Doch nun ist es wieder da – mit einem jungen Steinmetz und einer Auszubildenden. Dahinter stehen Hanna und David Roth vom Bestattungshaus Pütz-Roth, die eine zugewandte Gestaltung von Grabmalen als wichtigen Teil der Trauerarbeit verstehen.

Leitmotiv für die Gruppe ist ein Text von Thomas Arendt, der auch auf der Webseite der Selbsthilfegruppe steht:

„Es wird morgen alles anders sein, als Du es dir heute vorstellen kannst. Es gibt keine Antwort auf die Frage nach dem warum. Bleibe bei Dir selbst. Lerne Vergangenheit, heute und morgen, in einem positiven Licht zu sehen. Sehe die positiven und schönen Dinge Deines Lebens“.

Die Trauer aktiv und positiv anzugehen, das sei machbar. „Viele aus der Trauergruppe fanden inzwischen in ein ausgeglichenes und optimistisches Leben zurück und empfinden wieder Freude am Leben,“ freut sich Arendt. 

Aktiv füreinander da sein

Verständnis, Vertrauen, Gemeinschaft und tröstende Worte, das brauchen alle in dieser seelischen Krise ganz besonders oft und viel. Im Grunde auch später, denn die Trauer holt einen immer wieder ein. Die regelmäßigen Treffen bieten dann Halt und Sicherheit.

„Ich bin in der Gruppe, weil ich Hilfe erwartet habe und die habe ich dann auch bekommen. Ich finde mich hier wieder,“ begründet ein Witwer seine Teilnahme. „Mittlerweile sind wir zu Freunden geworden“, bemerkt ein Teilnehmer. 

Oft gehen sie im Anschluss an die Gruppensitzung zusammen essen. Längst ist es für viele aus der Gruppe eine liebgewordene Gewohnheit, die Freizeit miteinander zu verbringen und gemeinsam Ausflüge zu veranstalten. Gemeinsam feiern wie Sylvester 2024 gehört auch dazu. Inzwischen bildeten sich aus der Selbsthilfegruppe einzelne Gruppen wie Bowlgruppe, Fahrradgruppe und Spielgruppe heraus.

Teilnehmende, die längere Zeit nicht anwesend waren, fühlen sich bei ihrer Rückkehr sofort wieder in die Gruppe eingebunden. „Ich war länger nicht hier, aber ich kehre immer wieder zurück.“ Besonderes Merkmal dieser Trauergruppe ist es, dass „Neue“ sofort integriert werden und sich „aufgehoben fühlen“.

„Es muss eine Kombination aus „Neuen“ und „Alten“ geben, denn erst so bereichern sich alle,“ meint Arendt.  Verständlich, dass es in dieser Gruppe kaum Fluktuationen gibt. Einige nehmen bereits seit Jahren teil.

Fester Ablauf, faires Miteinander  

„Da nach dem Tod eines geliebten Menschen das bisherige Leben aus den Fugen gerät, bedarf es eines strukturierten Gruppenablaufs und dazu gehört die Einhaltung fairer Regeln des Miteinander,“ resümiert der Moderator. Dazu gehört eine Blitzlicht-Runde, bei der alle Teilnehmenden reihum über augenblickliche Gefühle und Erwartungen berichten.

Es sollte nicht nur über die Verstorbenen, sondern vielmehr über sich selbst berichtet werden. Wer nicht mehr zuhören kann, beunruhigt, traurig oder wütend ist, sollte dies direkt aussprechen. Zum Abschluss gibt es eine Runde „Wie geht es mir jetzt?“: „Ich fühle mich heute nach der Gruppe besser als vorher,“ fasst ein Teilnehmer diesen Abend am zusammen. Ein Abend wie viele.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

1

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Sehr guter, verständlicher Text mit Rundum-Sicht. Bin selbst seit 10/2024 in einer anderen Gruppe namens “New Beginners”… Weiter so und viel Erfolg für die jeweiligen Gruppen, die sicherlich Lücken im sozialen und menschlichen Miteinander schließen.