In der Papierstadt Bergisch Gladbach beherrschen zwei Frauen noch das alte Handwerk der Papierrestaurierung und Buchbinderei. Ein echtes Nischenhandwerk mit hohem Wert für das Gemeinwohl – doch einer schwindenden Nachfrage. Wir haben den Kunsthandwerkerinnen Kristina Seelbach und Anja Koschel bei ihrer ebenso präzisen wie nachhaltigen Arbeit über die Schulter geschaut.

Kristina Seelbach; Foto: Thomas Merkenich

Vor Kristina Seelbach liegt eine tausend Seiten dicke Bibel aus dem Jahr 1696. Die Seiten sind eingerissen, das Papier vergilbt und fleckig und trotzdem ist dieses Buch eine Kostbarkeit. Es wurde zu einer Zeit gedruckt, als Ludwig XIV. verschwenderische Bankette im Schloss Versailles gab und die Europäer begannen, Menschen in Afrika systematisch zu versklaven. Lesefähigkeit war damals das Privileg weniger. Durch wie viele Hände muss diese zerfledderte Kostbarkeit in den 330 Jahren gegangen sein?

Heute liegt die Bibel in Bensberg, in der Werkstatt der Papierrestaurierung Koschel in Bensberg auf dem Arbeitstisch von Kristiana Seelbach. Sie radiert mit einem Blitz-Fix-Schwamm, der viel Schmutz aufnimmt und nur wenig Wasser abgibt.

Das Papier ist hauchdünn. Die Restauratorin weiß genau, welche Seiten sie anfassen kann – und welche ihr zu heikel sind. „Viele Papiere müssen vorher geglättet werden. Bei Pergament ist dieser Schritt besonders gefährlich, denn es reißt leicht“, erzählt die 39jährige gelernte Buchbinderin.

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Restaurieren von der Rückseite

Japanpapier wird vorsichtig hinter die beschädigte Seite gelegt und mit Kleister verklebt. Das Buch sieht dabei ein wenig aus wie ein verletzter kleiner Körper.

„Bei Rissen nehmen wir hauchdünnes Papier. Das ist nahezu unsichtbar, man kann es auch über die Seiten kleben. Ich arbeite mit Weizenstärkekleister – das ist nachhaltig.“

Dann fährt Seelbach sehr vorsichtig mit einem zwei Zentimeter kleinen Bügeleisen über die Wunden im Papier. „Die Tusche kann bei Feuchtigkeit verlaufen, deshalb trockne ich die noch feuchte Verklebung direkt mit dem Bügeleisen.“

Zum Schluss streichelt sie mit prüfendem, liebevollem Blick über alle geflickten Stellen. Der Patient Papier hat jetzt die Erstversorgung bekommen und darf sich ausruhen. 

Der letzte Lehrling

„Ich bin der letzte Lehrling von Herrn Posselt. Danach haben wir keine Auszubildenden mehr gefunden,“ berichtet Seelbach.

Heinrich Georg Posselt ist inzwischen pensioniert, betreibt in der Werkstatt aber noch eine Bilderrahmung. Schon in seinen jungen Jahren war die Buchbinderei eine Nische. 1965 war er der Einzige im Rheinisch-Bergischen Kreis, der sich für eine Ausbildung zum Buchbinder entschied. 1974 legte er seine Meisterprüfung ab. Nachzulesen ist das alles in einem eingerahmten Artikel des Kölner Stadt-Anzeigers vom 26. April 1974.

Die Telefone hatten damals Wählscheiben und Kabel, von Digitalisierung keine Spur – und doch war dieses Handwerk schon selten. Trotzdem war es immer bedeutend.

Foto: Thomas Merkenich
Zur Sache: Buchbinder

Den Beruf des Buchbinders gibt es weiterhin. Er heißt heute Buchbinder: in / Medientechnolog:in. Die Ausbildungsvergütung beträgt im ersten Jahr 724 Euro im Monat, im zweiten 854 Euro und im dritten 977 Euro. Was dort kaum noch vermittelt wird: echte Bünde oder Handprägungen.

Posselts letzte beiden Gesellinnen sind Frauen. Neben Kristiana Seelbach arbeitet in der 200 Quadratmeter großen Halle auch die 50jährige Anja Koschel, die Inhaberin der „Werkstatt für Buch- und Grafikrestaurierung“ in Bensberg. Beide haben Restaurierung an der TH Köln studiert. 

Anja Koschel; Foto: Thomas Merkenich

„Sie hat schon wahre Wunder vollbracht“, schwärmt Gerd Josef Pohl, Betreiber des Bensberger Puppenpavillons und leidenschaftlicher Sammler alter Schätze, über Koschel. „Ich habe ihr mindestens 50 Jahre alte Theaterprogramme gebracht. Und sie hat sie flicken können. Das war eine Puzzlearbeit mit Pinzette und Klebstoff. Großartig.“

„Das ist unsere Ethik – wir machen keine halben Sachen“

Seelbach und Koschel sprechen von Berufsehre. Sie wollen so viel wie möglich Originalsubstanz erhalten. Restaurieren bedeutet für sie „minimale und schonende Eingriffe“ 

„Wir überlegen genau, welche Maßnahmen wir anwenden und welchen Einfluss sie auf Material und Erscheinungsbild des Werkes haben werden – auch noch Jahrzehnte nach der Intervention,“ sagt Koschel.

Leitsatz dieses Handwerks: Alle Materialien müssen reversibel sein. Was heute aufgebracht wird, muss in 100 Jahren spurlos entfernbar sein – ohne das Original zu beeinträchtigen. Jedes Material, jede Maßnahme wird dokumentiert.

Auf dem Tisch liegt auch eine Tuschearbeit, eine holländische Landschaft. Sie wird mit hochwertiger Aquarellfarbe in genau dem gleichen Ton ausgebessert – mit äußerster Genauigkeit.

Die letzte Unterschrift

„Jedes Werk hat auch eine persönliche Geschichte“, sagt Kristina Seelbach.

Die Bibel wurde über drei Jahrhunderte weitergegeben. Die aktuelle Besitzer möchten die Tradition erhalten – mussten jedoch erst das Geld zusammensparen. Eine vollständige Restaurierung wäre zu kostenintensiv, es werden nur die am stärksten beschädigten Seiten versorgt. „Das bekomme ich auch in einem engen finanziellen Rahmen hin“, verspricht Kristina Seelbach.

Zur Sache: Gemeinwohl als Kern der Arbeit

Die Papierrestaurierung erfüllt viele Kriterien der Gemeinwohl-Ökonomie – nicht durch besondere Betriebsführung, sondern durch die Natur der Tätigkeit selbst. Besonders stark ist das Handwerk beim Kernthema Sinn: Kaum ein Gewerbe kann seinen gesellschaftlichen Auftrag klarer benennen. Restaurierung sichert das kulturelle Gedächtnis der Gesellschaft – für die Gegenwart und für zukünftige Generationen.

Eine Gemeinwohl-Bilanz könnte als Kommunikationsinstrument gegenüber öffentlichen Auftraggebern genutzt werden.

„Ich kann mich an alle Kunden erinnern“, sagt Anja Koschel. „Die Arbeit ist sehr persönlich und bewegt mich.“ In vielen Büchern finden sich Widmungen oder Notizen – manchmal die letzte Unterschrift eines Menschen.

Kochbücher werden aufbewahrt. Kinderbücher auch. Oft steht dort „In Liebe“ oder ein Datum. Eine Handschrift wird so zum emotionalen Wert. Manchmal ist es tatsächlich die letzte Spur, die letzte Unterschrift einer Person. 

Anja Koschels eigenes Herzensprojekt stammt aus der Familie: eine Puppenküche der Großmutter von 1920. Ein Herd aus der Jahrhundertwende, Töpfe aus Weißblech, ein Schrank mit Tellern, Tassen und Kaffeemühle – alles aus Holz, Tapeten an den Wänden und der Bodenbelag bestehen aus historischem Papier (circa Anfang des 20. Jh.). Obwohl mehrere Kindergenerationen damit gespielt haben, wirkt sie erstaunlich gut erhalten.

Foto: Privat

„Wir merken, dass die Menschen bei so viel Digitalem eine Sehnsucht nach etwas Authentischem haben“, sagt Anja Koschel.

Das bestätigt auch Puppenspieler Pohl: „Ich brauche meine alten Puppen – aber auch alte Briefe, um mich mit den Personen oder einem Gefühl zu verbinden.“

Sinn vor Gewinn – aber die alten Kund:innen fehlen

Katharina Seelbach liebt Bücher und Bilder. Sie berührt sie zärtlich und ehrfürchtig. Und sie schreibt selbst Kinderbücher. In „Alles, was du anfasst, wird bunt“ geht es um Fiene und Enno und die Entdeckung der Welt mit allen Sinnen.

Anja Koschel ist Expertin in der Auswahl von Papieren und Klebstoffen. „Ich habe auch in China gelernt“, sagt sie bescheiden. Ihre Kollegin Kristina hat verschiedene Weiterbildungen in den japanischen Restaurierungsmethoden gemacht.

Was der Werkstatt heute fehlt, sind die institutionellen Kundinnen und Kunden aus der Vergangenheit. Bibliotheken, Archive und Museen haben kaum noch Budgets, um ihre Schätze professionell restaurieren zu lassen. Bücher sind Zeitzeugen – doch ihre Pflege steht selten oben auf der Prioritätenliste.

Früher lebte die Werkstatt auch von der Buchbinderei. Die alten Maschinen stehen noch immer in der Halle. Doch die Zahl der Menschen, die ein persönliches Fotobuch drucken lassen oder Firmen, die ein ledergebundenes Buch als Geschenk in Auftrag geben, wird kleiner.

Daher sind neue Ideen gefragt, um den Betrieb dauerhaft zu sichern. „Ich fände es schade, wenn sich in einer Stadt mit so großer Papierindustrie kein Ort für das Schaffen dieser beiden Kunsthandwerkerinnen findet“, sagt Pohl.

Neue Geschäftsideen

Im Sinne des Gemeinwohlgedankens arbeiten die beiden Frauen bereits mit den Alexianer Werkstätten zusammen. Für „Kat 18“, ein inklusives Atelier für junge Menschen, haben sie Kunstwerke restauriert, die bei einer Ausstellung beschädigt worden waren.

Aus dieser Begegnung entstand die Idee einer offenen Kreativwerkstatt. Vielleicht gibt es Neugierige, Kulturinteressierte, Kinder, die verstehen möchten, wie Papierrestaurierung funktioniert – welche Techniken angewendet werden und wie ein beschädigtes Werk wieder lesbar oder ausstellungsfähig wird. Auch eine Zusammenarbeit mit Geschichtsvereinen ist denkbar. Noch aber ist alles eine Idee.

Groß genug ist die Halle: 200 Quadratmeter. Die alten Maschinen stehen noch. Noch ist alles offen. Vielleicht findet sich jemand, der ein neues Gewerk in die Halle bringt.

Mehr Referenzen und restaurierte Bücher finden sich auf der Instragramseite der Werkstatt.

Weitere Einblicke in die Werkstatt

die Diplom-Betriebswirtin ist Journalistin und Theaterpädagogin.

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  1. Klasse! Ich denke, es ist vielen überhaupt nicht bekannt, dass wir in Bensberg so ein tolles und seltenes Handwerk beheimaten. Vielen Dank für den Einblick