Beste Klangqualität aus Vinyl: Seit über 50 Jahren baut Jochen Räke mit seiner Firma Transrotor Schallplattenspieler für sehr anspruchsvolle Audio-Fans in der ganzen Welt. Das Unternehmen hat große deutsche Marken, die CD und Spotify überlebt. Zusammen mit seinem Sohn Dirk erzählt der Gründer, wie sich die legendäre Manufaktur mit einer sehr konservativen Strategie gegen Trends und Mitbewerber behauptet.

„Hongkong, Hongkong, Hongkong.“ Jochen Räke liest von den Lieferscheinen ab. Gemeinsam mit Produktionsleiter Lars Hornung schaut er über rund ein Dutzend Schallplattenspieler in der Endmontage. Sie sind nebeneinander aufgereiht, warten auf letzte Komponenten wie Motor, Tonarm oder Kabel.

Die Geräte kosten je nach Ausstattung mindestens einen vierstelligen Betrag. Die Charge ist fast ausschließlich für den asiatischen Markt bestimmt. Während Billigware aus Fernost die Elektronikmärkte in Europa flutet, liefert Transrotor umgekehrt High-end Komponenten nach Asien.

Die Werkstätten von Transrotor befinden sich in kleinen Zimmern zweier Wohnhäuser in Rommerscheid. Fotos: Thomas Merkenich. Sie können jedes Foto mit einem Klick groß stellen, am besten auf einem großen Monitor!

Direkter Klang – für bis zu 200.000 Euro

Seit über 50 Jahren ist der gelernte Maschinenbauer Jochen Räke im Geschäft. Mit „konventionellen Schallplattenspielern“, wie er es nennt. Sie kombinieren ambitioniertes Design mit höchster Audioqualität.

„Dem Klang soll durch die Geräte weder etwas hinzugefügt werden, noch soll akustisch etwas beschnitten werden“, formuliert er den einfachen aber technisch komplexen Anspruch an seine Produkte. Das ist machbar. Für Preise zwischen 3.000 und 200.000 Euro.

Foto: Thomas Merkenich

Wer kauft und bezahlt so etwas? „Liebhaber analoger Musik, die das Beste aus ihren Schallplatten herausholen wollen“, sagt Räke. Er selbst besitze über 3.000 Platten, Schwerpunkt ältere amerikanische Jazz-Scheiben. CDs, die habe vor allem seine Frau.

Rund zwei Millionen Euro Umsatz macht das Unternehmen in Rommerscheid mit 15 Mitarbeitern. Jahr für Jahr, bei moderatem Wachstum, berichtet Juniorchef Dirk Räke. „Die Auftragsbücher sind gut gefüllt, ein halbes Jahr benötigen wir derzeit zur Auslieferung einer Bestellung.“ 

Die werden ausschließlich an Fachhändler geliefert. Bei Transrotor gibt es kein Direktkundengeschäft. Und auch das Internet als Vertriebskanal ist und bleibt keine Option. 

Fokus Nischenprodukt

Transrotor – die Firma gehört zur kleinen Schar deutscher Anbieter von HiFi-Geräten im High-end Bereich. Sie hat in ihrer Geschichte bereits einiges an Konkurrenz weggesteckt: Namhafte, große Mitbewerber wie Dual oder Grundig, die vom Markt verschwanden. Oder technische Innovationen wie Kassetten, CD, MP3 und Streaming-Dienste, die dem Vinyl nicht den endgültigen Garaus haben machen können. 

Einfach war es dennoch nicht: „Als die CD aufkam, war die Schallplatte für mindestens zehn Jahre tot“, schaut Räke senior zurück. „Aber ich habe nicht aufgehört, es gab keine Alternative, wir arbeiteten auf niedrigerem Niveau mit gerade einmal sechs Mitarbeitern weiter. Wir waren die einzigen in Deutschland die noch Plattenspieler produzierten.“

Hintergrund Transrotor: „Augen und Ohren kommen auf ihre Kosten“ verspricht Transrotor aus Bergisch Gladbach. Als einer der ersten Hersteller entwarf die High-end Schmiede in den 1970ern Acrylglas-Plattenspieler, die das Design der Turn-tables auf dem Markt nachhaltig beinflussen sollten. Optimiert bis ins Detail, zusammengesetzt aus hochpräzisen Komponenten, versprechen die Schallplattenspieler die exakte Wiedergabe der Audioinformationen einer Schallplatte. Weitere Infos auf der Webseite

Mittlerweile hat auch die CD Konkurrenz bekommen. Das Bergisch Gladbacher Unternehmen steht aber immer noch gut da. Senior- und Juniorchef sind sich einig: Die Konzentration auf die Nische hochwertiger Schallplattenspieler habe geholfen, die Firma unbeschadet durch bewegte Zeiten zu führen. 

Schnelllebige Trends habe man nie verfolgt. Als Schallplattenspieler wieder angesagt waren habe man bewusst darauf verzichtet, eine Billiglinie mit Produktionsstätte in Fernost aufzubauen.

Acrylglas, Messing, Edelstahl – das Beste ist gerade gut genug für einen Schallplattenspieler aus der Manufaktur von Transrotor. Foto: Thomas Merkenich

Solide wirtschaften

„Wir wollen eigentlich nur genug verdienen, um Löhne und Material zu bezahlen“, gibt sich Räke senior bescheiden. „Mehr nicht.“ Von Wachstum ist nicht die Rede, erst recht nicht angesichts steigender Materialkosten. Das Bestehende bewahren, solide wirtschaften. „Im besten Sinne konservativ“, meint Sohn Dirk.

Keine großen Abhängigkeiten, keine umfangreichen Kooperationen, Konzentration auf das Kernprodukt. „Man bleibt besser bei sich“, fasst Räke senior seine Strategie zusammen.

Er erzählt von Grundig, die eine Produktlinie im High-end Bereich hatten aufbauen wollen. Transrotor sollte die Plattenspieler im passenden Design liefern.

„Mein Vater war Kaufmann, er warnte davor, sich von großen Unternehmen abhängig zu machen“, sagt der Senior. Den Grundig-Plattenspieler baute Räke letztlich doch. Aber unter eigener Regie, „auch für Grundig tauglich.“ So hielt er die Fäden und vor allem die Investitionen in der Hand.

Jochen und Dirk Räke, die kreativen und kaufmännischen Köpfe bei Transrotor, im Gespräch mit Bürgerportal-Reporter Holger Crump. Foto: Thomas Merkenich

Anfänge mit R4 Kastenwagen

Sein Vater war es auch, der ihn früh ermutigt hatte unkonventionelle Wege zu gehen, sich für etwas einzusetzen wenn man daran glaube. Mit diesem Rückenwind ist Transrotor entstanden. 

Jochen Räke begann vor über 50 Jahren mit dem Import von Schallplattenspielern der englischen Firma Transcriptor. „In einem R4 Kastenwagen mit Pferdeanhänger“, blickt er schmunzelnd zurück.

Er erkannte schnell, dass der deutsche Markt andere Produkte und mehr Qualität verlangte. Und bastelte an eigenen Produktlinien. Mit Erfolg.

Irgendwann war mit Transrotor der erste eigene Schallplattenspieler auf dem Markt. Zusammengesetzt aus Bauteilen seines englischen Partners Transcriptor. Daher die angelehnte Namensgebung Transrotor. Zunächst arbeiteten die Räkes in Köln.

Mit dem Erfolg kam dann das finanzielle Polster für den Hausbau. Das Grundstück in Rommerscheid, dem heutigen Unternehmenssitz, fand Jochen Räke eher zufällig. Die beiden Häuser, in denen Transrotor arbeitet, liegen ruhig, mit Abstand zur Straße, fast ein wenig versteckt.

„Das ist Absicht“, erklärt Dirk Räke. Man habe keine Laufkundschaft. Auch am Firmensitz bleibt man bei sich.

Akribische Produktentwicklung

Transrotor hat im Laufe der Jahre so einige Geräte entwickelt. Sie stehen alle in einem kleinen Museum auf dem Gelände. Beim Gang durch die Ausstellung ist Jochen Räke in seinem Element. Verweist auf Details einzelner Plattenspieler die er optimiert hat:

Gewichte eines Drehtellers, die neu positioniert wurden. Spezielle Abdeckungen aus Plexiglas. Ein Plattenteller mit drei Motoren, für besonders ruhigen Lauf. Oder ein besonderer Antriebsgummi, der wenig Resonanz erzeugt. 

Räke fesselt mit seinen Detailkenntnissen, die auch der Laie rasch versteht.

Da wird plötzlich klar: Der Erfolg von Transrotor beruht vor allem auf Jochen Räkes Passion, jedes Detail seiner Produkte unter die Lupe zu nehmen und zu optimieren. Und natürlich auf der Bereitschaft der Kunden, das Wissen und die Qualität zu bezahlen.

Gorbatschow, Weizsäcker und Co.

Zu den Kunden, da gehören eine ganze Reihe prominenter Schallplatten-Hörer. So hat Gorbatschow einen Plattenspieler von Transrotor erhalten, „als Gastgeschenk der Bundesrepublik Deutschland.“ Auch Bundespräsident Richard von Weizsäcker erfreute sich an einem Gerät aus Bergisch Gladbach: „Den habe ich selbst ins Schloss Bellevue geliefert und aufgestellt“, erinnert sich Jochen Räke.

Hat Gorbatschow, Richard von Weizsäcker und Raimund Harmstorf beliefert – Jochen Räke erinnert sich an seine prominenten Kunden. Foto: Thomas Merkenich

Selbst „Seewolf“ Raimund Harmstorf bestellte auf einer Funkausstellung in Berlin einen Transrotor. „Ich habe das Gerät in seinem Schloss nahe München aufgestellt, hinterher gab es Steak mit Gemüse, zubereitet vom TV-Star selbst.“

Die Räkes schmunzeln vergnügt, wenn die Rede auf die Anekdoten rund um die Promis kommt. Erzählungen von Lieferungen nach Spanien machen die Runde, mit anschließendem opulenten Dinner beim Kunden. 

Beeindruckt scheinen sie davon aber nicht. Man bleibt bei sich.

Regionale Produktion

Jochen Räke führt in den speziellen Montageraum für Tonarme. 140 Einzelteile werden hier von Hand zusammengefügt. Alle Komponenten wurden im Haus entwickelt, hergestellt von Firmen aus der Region.

Der Preis spiele dabei weniger eine Rolle, sagt Räke eher beiläufig. So viel handgefertige Feinmechanik für die optimale Audio-Wiedergabe kostet entsprechend: 5.000 bis 7.000 Euro ist Audio-Liebhabern der resonanzfreie Tonarm Made im Bergischen wert.

Quasi im Hinterzimmer entstehen HiFi-Komponenten wie die wertvollen Tonarme, für die Kunden bereit sind mehrere tausend Euro zu bezahlen. Fotos: Thomas Merkenich

„Die meisten Zulieferer sitzen im Umkreis von 50 Kilometern. Für den Tonarm, aber auch für die Schallplattenspieler.“ Much, Solingen, Bergisch Gladbach fallen als Ortsnamen. Der enge Kontakt sei wichtig, auch um die Qualität hoch zu halten. Abweichungen in der Produktion behebe man schneller vor Ort als mit Zulieferern von Übersee.

Hintergrund: „Vinyl Valley“ Bergisch Gladbach

Transrotor ist seit Jahrzehnten im Bergischen Beheimatet und profitiert von den Präzisons-gewohnten Automobilzulieferer im Umland. Vor vier Jahren verlegte dann auch ein zweiter legendärer Hersteller von High-Ende-Plattenspielern seinen Sitz nach Bergisch Gladbach: Thorens war 1883 in der Schweiz gegründet worden und residiert seit 2018 unter der Führung des neuen Eigentümers Gunter Kürten in der Lustheide.

Nische sichert Zukunft

Traditionsmarken sind tot, aber Transrotor lebt. Droht nicht doch irgendwann ein ähnliches Schicksal wie Dual oder Nordmende? „Die deutschen Hersteller sind an den Preisen der Hersteller in Asien zugrunde gegangen. Sie hatten keine Chance mitzuhalten“, betont Jochen Räke. In Asien würde man zur Not auch nicht kostendeckend arbeiten, um einen neuen Markt anzugehen. 

Als Produzent für HiFi-Geräte in Deutschland zu überleben, „das geht nur in der Produkt-Nische die wir mit den High-end Plattenspielern besetzen. Die lohnt sich nicht für die großen Unternehmen in Fernost.“ Gleichwohl müsse man mit Augenmaß agieren: „Wer übergroß wachsen will macht einen Fehler“, ist sich Räke sicher.

Die Zeichen stehen auf Zukunft, der Generationenwechsel ist eingeleitet. Sohn Dirk ist bereits seit mehreren Jahren Geschäftsführer. „Man wächst mit der Firma und den Themen auf, irgendwann steckt man drin“, sagt der Junior, der nicht zuletzt die internationalen Vertriebsfäden in über 40 Ländern in der Hand hält.

Zwischen beiden stimme die Chemie, bei relevanten Entscheidungen sei man oft nur in Nuancen auseinander, sagt der Junior. Große Veränderungen sind nicht zu erwarten. Oder vielleicht doch? 

Verstärker und Lautsprecher habe man nicht im Portfolio, obschon sie für den Betrieb der Plattenspieler vonnöten sind. Die Produktion dieser Geräte sei auch nicht geplant, sagt Dirk Räke. Ausgeschlossen sei es aber auch nicht.

„Wir wissen wie es klingen muss und wie man es baut“, verweist er auf das Know-how von Transrotor. Der weltweit geschätzten Manufaktur im kleinen Rommerscheid.


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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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4 Kommentare

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  1. Vielen Dank für dieses tolle Portrait! Vor allem diese unaufgeregte Firmenführung der Herren Räke ist beeindruckend, von den kunstvollen Produkten einmal ganz abgesehen. Schön, dass sich so etwas erhalten lässt!

  2. Tolle Firma, tolles Produkt! Ein echtes Highlight! Dazu diese Konstanz, diese Gradlinigikeit und der Glaube an das eigene Können und Wissen. Sehr schön!