Das Mekka für Akkordeon-Fans liegt in Odenthal. Dort betreibt Siegfried Zöllner seit 20 Jahren eine kleine Manufaktur und Werkstatt für Bau und Reparatur blasebalgbetriebener Instrumente. Er hat sein Handwerk noch bei Akkordeon-Traditionsmarken wie Hohner und Weltmeister erlernt. Das hat ihm ein selten hohes Maß an Expertise verschafft. Was Kunden aus dem In- und Ausland in den Meisterbetrieb im Bergischen treibt.

Text: Holger Crump. Fotos: Thomas Merkenich

Bei Scrabble gäbe es für diese Wortschöpfung enorm viele Punkte: Siegfried Zöllner in Odenthal ist Handzuginstrumentenmachermeister.

Handzug… – was bitte? Nun, Handzuginstrumente erzeugen über einen Balg einen Luftstrom. Die Luft wiederum bringt feine Metallplättchen zum Schwingen – die sogenannten durchschlagenden Zungen. Die Plättchen heißen so, weil sie in einem Rahmen befestigt sind und darin frei schwingen können. Dadurch entsteht der Ton. Dicke Plättchen – tiefer Ton, dünne Plättchen – hoher Ton. 

Der Volksmund nennt die Handzuginstrumente freilich Akkordeon. Auf deren Bau, Reparatur und Restauration hat sich Siegfried Zöllner spezialisiert. Es wurde ihm quasi in die Wiege gelegt.

Start mit Fachgeschäft und Musikschule

„Mein Vater hat Musik mit Schwerpunkt Akkordeon studiert, zuhause lag daher immer ein Bauteil oder ein Instrument herum“, berichtet er von den ersten Berührungen. Zöllner senior erweitert 1993 seine private Musikschule um ein Akkordeonfachgeschäft in Köln.

Zöllner junior wurde nach einem einjährigen Auslandsaufenthalt auf einer High School in New York klar, dass seine Zukunft ebenfalls im Akkordeon liegen wird. „Ich wollte etwas Handwerliches tun, das ich am Abend mit Stolz betrachten konnte. Eine kaufmännische Ausbildung, Akten von A nach B zu verschieben, wie es viele meiner Klassenkameraden damals anstrebten: Das wäre nie mein Ding gewesen“, sagt Siegfried Zöllner zu seinen Beweggründen. 

1995 geht es los, sieben harte Jahre: Ausbildung zum Handzuginstrumentenmacher bei der weltbekannten Firma Hohner im baden-württembergischen Trossingen, inklusive Gesellenjahre und Meisterprüfung. Hinzu kommt Praxiserfahrungen, die er bei der Firma Harmona/Weltmeister in Klingenthal sammelt. Dem zweiten wichtigen Traditionsbetrieb für Akkordeons in Deutschland.

Die eigene Werkstatt

„Dieses breite Spektrum an Erfahrungen vereint kaum ein Meisterbetrieb auf sich“, sagt Zöllner nicht ohne Stolz. Er vergleicht seine Ausbildung gerne mit der Walz eines Zimmerers: „Je mehr Betriebe der Lehrling fern der Heimat kennenlernt, desto mehr Erfahrung und Wissen bringt er mit. Das sorgt für Standing bei Kunden und Fachleuten.“ 

Zurück im Rheinland, mit dem Meisterbrief in der Tasche, wird ihm schnell klar, dass das Akkordeonfachgeschäft mit Musikschule erweitert werden muss. „Vorne im Laden der Vater mit den Musikschülern, hinten ich in der Werkstatt beim Stimmen der Instrumente – das funktioniert nicht“, erinnert sich Zöllner schmunzelnd. Er brauche Platz und Ruhe für seine Arbeit. 

Daher startet er 2002 mit seiner Akkordeonwerkstatt in Odenthal. Im Untergeschoss des elterlichen Wohnhauses. 2009 dann der Wechsel, ein paar Kilometer weiter, ins eigene Haus im Ortsteil Holz. 

Aktiv in der Nische 

Versteckt in einer Seitenstraße, und doch für Kenner der Szene bestens auffindbar, betreibt er dort seine Werkstatt als Ein-Mann-Betrieb. Und das mit Erfolg. „Vor der Pandemie mussten Kunden rund neun Monate auf ihr Instrument warten. Wegen Corona hat sich die Wartezeit verkürzt. Die Künstler haben nunmal wenige bis kaum Auftritte“, schildert er die Ausmaße der Krise auf sein Geschäft. Die Wartezeit betrage derzeit nur noch neun Wochen. 

Angaben zum Umsatz will er nicht machen. Arbeit für Mitarbeiter gäbe es gleichwohl genug. „Aber wer lässt sich aus Trossingen oder Klingenthal – den Hochburgen des Akkordeonbaus – abwerben und kommt zu mir nach Odenthal, gibt Freund und Heimat dafür auf?“, fragt er.

Er bleibt gerne in seiner Nische, die er sich hart erarbeitet hat. Zöllner hat das Handwerk von der Pike auf gelernt: „Vom Feilen des U-Stahls über die Bearbeitung von Holz und aller weiteren Materialien bis zum Erlernen des komplexen Stimmens eines Akkordeons.“

Das hat es in sich: Mit einer Feile werden die Stimmplättchen rund alle fünf Jahre bearbeitet, um einen reinen, wohlgestimmten Klang zu „Das dauert mindestens einen Arbeitstag. Bei einer Meisterstimmung sitze ich auch gut und gerne drei Arbeitstage an einem Instrument“, berichtet er. Zum Vergleich: Ein Klavierstimmer benötigt bei einem Hausinstrument für die 88 Tasten rund eineinhalb bis zwei Stunden.

Die eigene Manufaktur

Private Musiker, Schüler und Profis setzen auf seine Dienste, aus dem In- und Ausland. Er freue sich auf jeden Kunden, der sein Instrument vorbeibringt. Alle 30 Jahre müsse ein Akkordeon überholt werden. „Wenn Sachkenntnis da ist und der Kunde merkt, wie ich meine Erfahrung in Überholung oder Stimmung seines Instrumentes einbringen kann, dann freut mich das natürlich umso mehr!“

Seit 2012 ist Zöllner auch Akkordeon-Manufaktur: „Hohner gab den Bau seiner Steirischen auf, den wechseltönigen Instrumenten mit Knopf-Tastatur. Zielgruppe und Kunden hatten wir, also haben wir losgelegt,“ berichtet Zöllner. 

Foto: Thomas Merkenich

Der Clou der Zöllner-Instrumente: Der Kunde kann selbst bestimmen, welche Komponenten in sein Instrument verbaut werden, also zum Beispiel marktgängige oder hochwertige Stimmplatten, so genannte Mensuren. So erhält jeder sein maßgeschneidertes Instrument, passend für den gewünschten Zweck und – naja – auch den eigenen Geldbeutel. 

„Wir beziehen die Komponenten unserer Instrumente aus Europa und kümmern uns um die Montage,“ schildert Zöllner. Wer einmal in das Innenleben eines Akkordeons geschaut hat weiß, wie komplex das Instrument ist. Konfektionierung und Endmontage bietet mithin genügend Spielraum, um sich qualitativ von Mitbewerbern abzusetzen. „Hohner hat seine Produktion ähnlich aufgestellt“, erläutert Zöllner.

Imageproblem von Beginn an

Zöllner vereint eine Menge Erfahrung. Er betont immer wieder, wie wichtig die vielseitige Erfahrung bei zwei großen Marken des Akkordeonbaus für ihn sei. „Der Meisterbrief ist gar nicht mal so relevant. Was zählt, ist die Erfahrung.“ Und das macht ihn letztlich zu einem sehr seltenen Vertreter seines Standes. 

Die Nachfrage nach seinen Diensten ist hoch. Dabei hat das Akkordeon – zumindest in Deutschland – nicht das beste Image. Die Omnipräsenz des Instruments in den volkstümlichen Mitklatsch-Sendungen des bundesdeutschen Fernsehens mag einer der Gründe für die geringe Popularität des Handzuginstrumentes sein.

„Meiner Ansicht nach liegt der Grund für das schwierige Image aber schon in den Anfangszeiten des Instruments begründet,“ sagt der Experte. Als die Instrumente in den 1820er Jahren auf den Markt gebracht wurden, hätten sie mit ihrer Lautstärke sowie dem Aufbau aus Bass und Diskant für Begleitung und Melodie ganze Musikergruppen ersetzt. „Da wurden Musiker arbeitslos, die zuvor über Jahrhunderte mit ihren Soloinstrumenten ihr Einkommen gefunden hatten.“

Beruf mit Zukunft – und Wanderjahren

Das Akkordeon, das neumodische Ding, das Instrument der Industrialisierung, war mithin in den Kreisen der studierten Musikelite nie wirklich gelitten. Die hätten dem Instrument nichts abgewinnen können. Auch wenn es in anderen Ländern wie zum Beispiel Argentinien oder Frankreich seinen Weg gemacht hat.

Bei der gemeinen Landbevölkerung sorgte das Instrument indes für Furore. Es war günstig und vergleichsweise leicht zu lernen, wurde im Wirtshaus groß und mit den Auswanderern in die ganze Welt exportiert. „Das Akkordeon war zumindest für Gebrauchsmusik schnell erlernbar. Das ist ein weiterer Grund dafür, dass ein – historisch betrachtet – neues Instrument schnell so altbacken wirkte.“

Image hin oder her: Die Familie Zöllner lebt mit und vom Akkordeon. „Handzuginstrumentenmacher, das ist nach wie vor ein Beruf mit Zukunft“, ist sich Siegfried Zöllner sicher.

Ob die Werkstatt in Odenthal und das Fachgeschäft mit Musikschule in Köln als Familienbetriebe bestehen bleiben, das werde sich zeigen: „Keines unserer Kinder muss den Betrieb übernehmen. Sollte eines jedoch Interesse haben, so werde ich es auch in die Welt auf Wanderjahre schicken. Um den Beruf zu erlernen und Erfahrung zu sammeln.“ 


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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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