Was würde Bergisch Gladbach attraktiver machen? So lautete die Ausgangsfrage für ein gewagtes Experiment des Bürgerportals: In zufällig ausgelosten Gondel-Gemeinschaften unterhielten sich fremde Menschen einige Minuten lang über den Dächern der Stadt. Über die Stärken und Schwächen der Stadt. Für manche Menschen war das eine doppelte Überwindung. Doch kam es dabei zu überraschenden Erkenntnissen und konkreten Ideen.
Es war ein Wagnis: Fremde Menschen treffen aufeinander, verbringen rund fünf Minuten auf engem Raum miteinander und sollen sich über Bergisch Gladbach unterhalten: Was läuft gut? Wo hakt es? Wie können wir die Stadt besser machen? Und dieses Experiment findet bei glühender Hitze in luftiger Höhe mitten auf der Kirmes statt. Schwitzen und Schwatzen sozusagen.

Das Bürgerportal hatte für das Format „GL spricht“ 20 interessante Akteur:innen aus der Stadtgesellschaft zu einer Fahrt auf dem Riesenrad eingeladen und Freikarten an Besucherinnen und Besucher der Kirmes verteilt. Einige lehnten mit einem Hinweis auf ihre Höhenangst ab. Doch diejenigen, die sich darauf einließen, wurden nicht nur mit einem Ausblick über die Stadt, sondern mit Gesprächen, Begegnungen und neuen Erkenntnissen belohnt.
Ich habe mich mit Menschen unterhalten, mit denen ich sonst nicht gesprochen hätteNicole Mrziglod
„Großartige Aktion! Ich habe mich mit Menschen unterhalten, mit denen ich sonst nicht gesprochen hätte“, sagte VHS-Leiterin Nicole Mrziglod im Anschluss. Vorher habe sie ein gewissen Risiko gesehen: „Wenn es blöd ist, kommt man nicht weg.“ Doch zwischendurch Aussteigen wollte offenbar niemand. Die meiste Zeit unterhielten sich die Zufalls-Paare oder -Gruppen angeregt in den Gondeln des Riesenrads.
Am Ende des einstündigen Experiments gab es mehrere überraschende Erkenntnisse. Bergisch Gladbach ist ein Wohlfühlort: Statt nur zu meckern betonten viele Menschen die positiven Seiten der Stadt. „Die Leute fühlen sich sicher und wohl“, berichtete etwa J-J Da Costa, Musiker und Mitarbeiter der Kreativitätsschule.


„Ich hätte nicht gedacht, dass eine so positive Grundstimmung herrscht“, bilanzierte Bestatterin Hanna Roth nach den Fahrten. Eine Gesprächspartnerin sei vor zwölf Jahren aus Leverkusen nach Bergisch Gladbach gezogen und finde es hier „viel schöner“ und „die Leute netter“. Auch wenn es Kritik am Zustand der Schulen, Straßen und Radwege gab: „Das Gesamturteil für Bergisch Gladbach fiel positiv aus.“
Die Sache mit dem Gesprächseinstieg
Nicht immer war den spontanen Fahrgästen klar, wer ihnen gegenüber saß: „Wir sind mit Hanna gefahren“, berichteten Laura und Max. „Es war richtig cool.“ Ob ihr Job auch Thema gewesen sei? Als die beiden 15-Jährigen erfahren, dass Hanna Roth Bestatterin sei, fragen sie ungläubig: „Echt?“
Dominik Olbrisch hingegen hat seinen Beruf als Leiter des Schulmuseums als Gesprächseinstieg und zur Manöverkritik genutzt: „Ich habe meine Mitfahrer:innen gefragt, ob sie das Museum kennen und was sie verbessern würden.“ Fazit: Zwei Schülerinnen waren schon mal da – und wünschen sich mehr interaktive Elemente und eine Popcorn-Maschine.
Olbrisch lacht. „Ich hatte vor der Fahrt die Sorge, dass die Gespräche verkrampft und gezwungen verlaufen. Aber das Eis war ganz schnell gebrochen.“


Ähnlich erlebte das die Autorin und Influencerin Shari Dietz: „Ein zwölfjähriges Mädchen hat sich zu mir in die Gondel gesetzt, ganz allein. Sie kannte mich nicht und war super tough.“ Die Zwölfjährige habe sie zuerst gesiezt, das habe sie ihr gleich ausgeredet. Denn: „Duzen hat für mich etwas mit Gesprächen auf Augenhöhe zu tun“, sagte Dietz.
„Ich fand es sehr schön, mit einem fremden Menschen ins Gespräch zu kommen“, berichtete Sophia selbst hinterher. Das hätte sie sich sonst nicht getraut.
Die beiden unterhielten sich darüber, was Jugendliche in Bergisch Gladbach in ihrer Freizeit machen könnten. „Ich kenne das von meinen Kindern: Es gibt zu wenige Orte, wo Jugendliche einfach sein können“, sagte Shari Dietz, Mutter von vier Kindern im Alter zwischen neun und 14 Jahren. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Schauspieler André Dietz, in Refrath.
Fehlende Angebote für Jugendliche

Das mangelnde Freizeitangebot für Jugendliche – abgesehen von Sportvereinen – war ein Thema, das immer wieder aufkam und das zwei Schüler im Gespräch mit André Dietz beklagten. „Was ist mit dem Skatepark? Warum wird der nicht endlich gebaut?“, hätten sie gefragt. Außerdem wünschten sie sich ein Café, wo Jugendliche sich treffen, sich etwas leisten können. „Wir haben gemeinsam überlegt, dass das Zanders-Gelände ein idealer Ort für ein solches Angebot wäre.“
Ein McDonald’s-Schichtleiter erzählte Almut Wiedenmann von der Kreativitätsschule, er müsse oft Jugendgruppen „rausschmeißen“. Aus Mangel an Alternativen träfen sie sich im Schnellrestaurant.
Das Video gibt einen schönen Eindruck von der Atmosphäre:
Ein Potpourri an Themen
Unter den Fahrgästen waren viele Familien, (Groß-)Eltern mit ihren (Enkel-)Kindern, Jugendliche und einige Senior:innen. Sie trafen auf bekannte Persönlichkeiten sowie Akteur:innen aus Kultur, Bildung, Jugend- und Sozialarbeit. Die Inhalte, über die sie sprachen, waren so bunt und vielfältig wie die Teilnehmer:innen selbst.
Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche, Radwege, Öffentlicher Nahverkehr, Zustand der Straßen, Sauberkeit in der Stadt, Leerstände, Kinder- und Familienfreundlichkeit, Zustand der Schulen, die Wohnsituation und bezahlbare Mieten, Begegnungsmöglichkeiten für Verwitwete, hohe Kita-Gebühren, das Zanders-Gelände und der neue Gleispark, Schwimmbäder und Brunnen, die Inklusion von Kindern mit Behinderung in eine Regelschule
Das waren die Teilnehmer:innen
Das waren die Themen
Doch es gab auch Überschneidungen: Sicherheit im Straßenverkehr, die fehlenden oder mangelhaften Radwege sowie die Anbindung mit dem öffentlichen Nahverkehr wurden mehrfach kritisiert, unter anderem von Martina Bach, die mit ihrer fünfjährigen Tochter auf Pfadfinder Janis Reinhold traf.

„Wir lächeln Leute an“
Manuel (15) und Ilja (16) wünschten sich mehr kostenlose Angebote für ihre Altersklasse. Ihre Gesprächspartnerin Claudia Timpner, Noch-Intendantin des Theas Theaters, nannte ihnen einige. „Die Menschen freuen sich, wenn Dinge auch mal nichts kosten.“ Offenbar gebe es aber eine Wissenslücke diesbezüglich. Überrascht war Timpner auch, dass zwei der Fahrgäste das Theas Theater nicht kannten.

Raumgestalterin und Geschäftsinhaberin Lina Reitz zeigte sich begeistert von der Aktion. Besonders toll fand sie die Kinder, die mitfuhren. Zwei Mädchen wünschten sich eine „bunte Stadt“: Die Häuser seien alle weiß oder grau, das sei langweilig. Außerdem wünschen sie sich, dass die Leute sich gegenseitig mehr helfen. „Und wie könnt ihr dazu beitragen?“, habe Reitz gefragt. „Wir lächeln Leute an.“
Reitz war beeindruckt, wie reflektiert sich die Kinder mit ihrer Stadt auseinandersetzen: „Wenn das die nächste Generation ist, habe ich keine Sorge um die Zukunft.“

Inklusion am Arbeitsplatz
Manuela Muth vom Jugendzentrum Cross sprach mit Angelika Freimuth darüber, wie Menschen mit Behinderung besser in den Arbeitsmarkt integriert werden können. „Für manche ist die Arbeit in einer Werkstatt gut, aber für manche nicht“, sagte Freimuth. Sie selbst habe eine Lernbehinderung und fühle sich in der Werkstatt unterfordert und „abgestempelt“. Sie drehe Schrauben in Bauteile, „aber an manchen Tagen haben wir kaum etwas zu tun. Daher sollen wir uns Bücher, Mal- oder Bastelsachen mitbringen, um uns zu beschäftigen“.
Freimuth hatte erst Hemmungen, bei der Riesenrad-Aktion mitzumachen: „Ich musste mich doppelt überwinden, um mit einer fremden Person zu sprechen und weil ich Höhenangst habe. Aber dann war es mega gut, weil man so mit Menschen in Kontakt kommt.“


Umgang mit Vorurteilen
Um Begegnung ging es auch im Gespräch zwischen einem Familienvater mit internationaler Familiengeschichte und Redouan Tollih, Vorsitzender des Ausschusses für Chancengerechtigkeit und Integration: Der Mann mit türkischen Wurzeln schilderte, dass er in Deutschland geboren und aufgewachsen sei, aber wegen seines Aussehens immer wieder Vorurteile erlebe. Er habe häufig das Gefühl, sich beweisen zu müssen. Er wünscht sich mehr Begegnungsmöglichkeiten, bei denen Menschen direkt miteinander ins Gespräch kommen und voneinander lernen können.


Sonja Schumacher, Mitarbeiterin der Servicestelle InBeCo und Leiterin des inklusiven Tanztheaters Lichtgestalten, fuhr in der Gondel zusammen mit einer Mutter und deren zwei Kindern, die vor zwei Jahren hergezogen ist. Sie wünsche sich mehr Spielplätze, aber fühle sich insgesamt wohl in Bergisch Gladbach.
Boulder- oder Kletterhalle auf dem Zanders-Gelände
Eine Übersicht mit Ansprechpersonen für Bürger:innen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten
Eine digitale Karte, die die Spielplätze der Stadt aufführt und weitere Orte und Attraktionen für Kinder und Jugendliche
Infos über Angebote für Jugendliche und der Jugendzentren als Flyer in Speise- und Getränkekarten einlegen
Eine bessere Bindung von Studierenden an die Stadt, etwa durch Praktika, Kontakte zu Unternehmen, Patenschaftsprogrammen und studentische Events. Mit FHDW und bib International College gebe es einen Campus-Standort, die Stadt solle auch ein attraktiver Lebens- und Zukunftsort für Studierende sein.
Das waren die Ideen und Vorschläge
Eine weitere Erkenntnis der Aktion brachte Nicole Mrziglod auf den Punkt: „Oft fehlen nicht die Angebote, sondern das Wissen darüber.“ Ihr Gesprächspartner Frank Moll schwärmte im Anschluss an die Fahrt: „Wir hätten noch drei Stunden reden können.“ Er nahm sich vor, an der VHS einen Italienisch-Kurs zu belegen.
„Ungestört und gleichsam entrückt“

Auch Bürgermeister Marcel Kreutz fuhr eine halbe Stunde im Riesenrad mit und lobte anschließend das Format: „Das könnte ich öfter machen.“ Dass man ungestört und gleichsam entrückt in der Gondel sitze, Bürger:innen direkt mit ihm sprechen können – bei einer klar begrenzten Zeit, habe ihm gut gefallen.
Welche Themen haben die Leute mitgebracht? Sicherheit und Stadtgestaltung: Fußgänger wünschten sich längere Ampelphasen, die Zebrastreifen seien nicht sicher. Eine Frau kritisierte, dass es zu viele Zäune mit Sichtschutzstreifen aus Plastik statt natürlicher Hecken um viele Gärten gebe.
Mit der Aktion „GL spricht“ schafft die Redaktion des Bürgerportals neue Gesprächsformate im öffentlichen Raum. Wir bringen Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen miteinander ins Gespräch – niedrigschwellig, barrierearm, gut moderiert und nah an Themen aus ihrem Alltag.
Es geht um lokale Fragen wie Sauberkeit, Verkehr, Sicherheit oder Zusammenleben. Hinter diesen Themen stehen oft größere Konflikte und unterschiedliche Erwartungen. Wir wollen dafür Räume schaffen, in denen nicht übereinander, sondern miteinander gesprochen wird.
Sie sind an den weiteren Veranstaltungen der Aktion interessiert? Dann tragen Sie sich bitte hier ein – wir halten Sie auf dem Laufenden.
Hintergrund: GL spricht
Eine Ehrenrunde drehte der Bürgermeister schließlich noch mit Ehrenschausteller und Kirmes-Organisator Burkhardt Unrau: „Ich habe Höhenangst und wollte dem Bürgermeister eigentlich nur etwas geben – und dann saß ich plötzlich in der Gondel“.
Die überwundene Höhenangst war aber nicht einzige „Sensation“ von „GL spricht“: Tino Noack-Steuer, der Betreiber des Riesenrads, sagte nachher: „Eine stillende Mutter hatte ich bisher noch nie in einer Gondel.“
Dieser Beitrag ist ein Gemeinschaftsprojekt der Redaktion und einiger Partner: Kathy Stolzenbach und Tina Hammesfahr (Berichterstattung), Thomas Merkenich (Fotos), Michael Schubek (Gesprächsdesign), Elisabeth Watzlawek (Projektmanagement), Carlo Rückamp (Video), Sascha Keimer (Drohnen-Aufnahmen), Georg Watzlawek (Koordination).
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Interessante Aktion, auch ich stimme der Frau zu, die meinte, es gebe zu wenig Hecken in GL, stattdessen immer mehr häßliche graue Plastikzäune um Vorgärten,selbst in der Gronauerwald Siedlung!….übrigens auffällig, daß immer mehr graue Neuwagen diesem tristen Trend folgen….die Farbe grau in allen Schattierungen scheint im Stadtbild nicht mehr aufhaltbar! Sagt das was über die Stimmung der Menschen hierzulande?
Was für eine wundebare Idee!
Allein deswegen lohnt es sich schon, sich in GL wohlzufühlen!
Vielen Dank
Wie ist es möglich, dass eine Privatperson (Zitat aus dem Bericht: “Ehrenschausteller und Kirmes-Organisator Burkhardt Unrau”) die Kirmes organisiert. Es handelt sich um eine städtische Veranstaltung. Ich sehe hier rechtliche Schwierigkeiten (vertraglich, arbeitsrechtlich, und auch im Datenschutz – Geheimhaltungspflicht bei Beschäftigten im öffentlichen Dienst).
Ein tolles Format mit interessanten Menschen und Themen. Dranbleiben lohnt sich bestimmt.
PS. Es gibt eine Übersicht der Spielplätze auf dem Geoportal der Stadt und die Freiwillige-Börse RheinBerg vermittelt gerne im Ehrenamt.
https://arcg.is/1emOHP4
https://www.fwb-direkt.de/