Eine düstere Lovestory, die zu einer packenden Kriminalgeschichte wird. Ein Coming-of-Age Roman, den Sie nicht verpassen sollten. Und ein lesenswerter, böser Roman über den Tradwife-Trend.

Roberto Saviano: Meine Liebe stirbt nicht

Saviano, der nach Morddrohungen durch die Camorra schon seit Jahren unter Personenschutz steht, hat nach der wahren Geschichte „Falcone“ mit seinem aktuellen Roman wieder eine reale True Crime Story aufgegriffen, wobei er wieder akribisch recherchiert hat. Vorweg, die hier beschriebene Liebesgeschichte ist nur der Auslöser eines schrecklichen Verbrechens, dessen Ausmaße ungeheuerlich und zutiefst verstörend sind.

Rossella Casini ist eine junge Studentin Anfang 20, die in Florenz in einer WG lebt. Eines Tages zieht in die Männer-WG in ihrem Haus ein neuer Mitbewohner ein, Francesco aus Süditalien. Der Funke springt nicht sofort über, dann aber um so heftiger. Die beiden werden ein Paar. Doch was als leidenschaftliche Romanze beginnt, bekommt erste Risse, als Rosella erfährt, dass seine Familie mit der `Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, sympathisiert bzw. in ihr sogar verstrickt ist. 

Sie folgt ihm in seine Heimat und wird innerhalb seiner Familie zurückhaltend freundlich aufgenommen. Rosella ist zwar, was ihre Liebe zu Francesco betrifft, naiv, aber sie ist nicht dumm. Immer mehr durchschaut sie das grausame Geflecht, in das seine Familie verfangen ist. Sie versucht ihn davon zu überzeugen, dass er sich von seinen Angehörigen trennen muss, doch so einfach ist das nicht. Als sie ihr Schweigen bricht, verstößt sie gegen das oberste Gesetz der Mafia und bringt dadurch einen Stein ins Rollen. 

Saviano erzählt über diese Liebesgeschichte, wie die Clan-Kriminalität funktioniert. Die Männer kümmern sich um die Geschäfte und Probleme, die Frauen bleiben im Hintergrund, schweigen aus Loyalität zur Familie. Nur durch diesen Ehrenkodex funktioniert das System, Zuwiderhandlungen enden tödlich. Der Autor erweist sich wieder als exzellenter Rechercheur. Wie für seine anderen Bücher, hat er auch für diesen Roman unzählige Protokolle und Gerichtsurteile studiert.

Roberto Saviano: Meine Liebe stirbt nicht.
Carl Hanser Verlag 2026, € 26,00.
Übersetzt von Wolf Heinrich Leube und Anna Leube
Das Buch in unserem Onlineshop

Seine Stilmittel sind mal filmisch fiktional, dann wieder rein dokumentarisch, beides untermauert durch literarische Tiefe. Nachvollziehbare Dialoge und überzeugende Charaktere machen dieses Buch aus. Dabei stehen die Gedanken der handelnden Personen mehr im Fokus als letztlich ihr Handeln. So wird eine ungeheure Spannung aufgebaut und der Leser verstrickt sich immer mehr in die Geschichte. Saviano versucht über dieses Buch, der Protagonistin nicht nur eine Stimme zu verleihen, sondern ihr auch ein Maximum an Würde zurückzugeben. Fazit: Eine düstere Lovestory trifft auf grausame Realität, eine fesselnde Kriminalgeschichte, die uns nicht wieder loslässt, absolut packend erzählt! 

(Sylvia Jongebloed)

Filiz Penzkofer: Roadtrip mit Elefanten

Eni, eigentlich Clementina, ist eine jugendliche Idealistin und angetreten, die Welt zu retten – wenigstens ein bisschen.Zu diesem Zweck wollte sie eigentlich mit ihrem besten Freund Luke einen Kunstgegenstand aus dessen Familienbesitz – stellvertretend für die gesamte Raubkunst in den Museen dieser Welt – wieder zurückbringen an seinen Ursprungsort in Italien.

Weil Luke sich aber kürzlich in der gemeinsam besuchten Schule in eine oberflächliche Influencerin verknallt hat, gönnt er sich einfach mal eine Pause vom Weltgeschehen, und so macht sich Eni alleine und per Anhalter mit der kleinen etruskischen Statue im Rucksack auf zur Banditaccia-Nekropole nach Cerveteri, während ihre Mutter sie sicher und wohlbehalten zusammen mit Luke im Zug auf dem Weg in den Italienurlaub wähnt.

An einer Raststätte hält Eni also den Daumen raus und trifft auf ein einzigartiges Gespann: 

Ein gutherziger, aber hoffnungslos boomerhafter Taxifahrer namens Helmut, der eingebettet ist in eine verschworene Gemeinschaft von Taxifahrer*innen mit nahezu unbegrenztem Informationsfluss, kutschiert einmal im Jahr die inzwischen 96-jährige Wilhelmine nach Capri.

Die drei wachsen zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen, denn Eni erinnert die alte Dame an ihre beste Freundin aus Kindertagen und an ihre Schuld dem jüdischen Mädchen gegenüber.

Filiz Penzkofer: Roadtrip mit Elefanten.
Rotfuchs Verlag 2026, € 19,90.
Das Buch in unserem Onlineshop

Die witzigen Culture-Clash-Momente zwischen Eni und Helmut sowie die knarzigen Stimmungswechsel der mit ihrer Vergangenheit kämpfenden Wilhelmine haben einen ganz eigenen, sperrig verschrobenen Reiz, der sofort fesselt und die Lesenden von einem Abenteuer zum nächsten trägt. Wie in einer Traumsequenz, wo Zufälle ganz selbstverständlich hingenommen werden in der Sonne, der Luft und dem Licht Italiens, wird das menschliche Individuum in all seiner fehlerhaften Unvollkommenheit gefeiert, in seinem Vertrauen in den Augenblick.

Diesen sprachlich und inhaltlich hochwertigen Coming-of-Age Roman von Filiz Penzkofer sollte man auf keinen Fall verpassen. 

Für Jugendliche ab 14 Jahren aufwärts, für junge Erwachsene und alle, die immer schon mal wissen wollten, was im Kopf junger Weltretter so vor sich geht.

(Evi Junker)

Caro Claire Burke: Yesteryear

Die Autorin hat sich an ein sehr brisantes und hochaktuelles Thema herangewagt. So hat sie mit „Yesteryear“ einen absolut bösen Roman über das Phänomen der Tradwives geschrieben und hält der Gesellschaft mit kritischem Blick auf Social Media sozusagen den Spiegel vor. Außerdem thematisiert sie die Beeinflussung einer großen Bevölkerungsgruppe, besonders die Einwirkung auf junge Frauen und legt den Daumen verstärkt auf die Wunde von frauenfeindlichen Inhalten.

Nathalie ist ein All-American-Dream-Girl. Sie hat alles, was sich Frau wünscht, zumindest lebt sie das ihren Followern so vor. Die florierende Farm, die sie mit ihrem Ehemann betreibt, ist malerisch gelegen, wie aus einer Postkarte entsprungen. Ihr Mann Caleb funktioniert wie ein Uhrwerk. Das hat sie aus ihm gemacht. Aus einem undisziplinierten Muttersöhnchen formte sie einen erfolgreichen Farmer, der auch äußerlich einem Männermagazin entsprungen scheint, die schicken Cowboystiefel inklusive. Außerdem „schenkte“ er ihr fünf wohlgeratene Kinder, das sechste ist gerade unterwegs. 

Aber der Haushalt besteht noch aus ganz speziellem Personal: Einer kochenden Nanny, einer Nanny nur für die Versorgung der Kleinsten und aus Shannon, ihres Zeichens Kamerafrau, deren Arbeit ausschließlich darin besteht, dass diese Heile-Welt-Idylle szenisch ansprechend auf dem Bildschirm landet. Selbstredend tauchen diese drei wichtigsten Personen des Haushaltes nie öffentlich auf, sie agieren im Verborgenen. 

Caro Claire Burke: Yesteryear.
Heyne Verlag 2026, € 24,00.
Übersetzt von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn
Das Buch in unserem Onlineshop

Währenddessen streichelt Nathalie zärtlich Hühnerköpfchen, das fördert das Eierlegen und die Hühnerbrühe schmeckt am Ende nochmal so gut. Der Follower freut sich. Im Hintergrund hört man das laute, genussvolle Muh von Nathalies Lieblingskuh, denn sie wird natürlich von dem besten Farmer der Welt, Caleb, gemolken. So weit so gut und wenn sie nicht gestorben sind …

Doch irgendwann drängt sich die Frage auf, gibt es eigentlich ein Leben nach diesen Polaroid-Aufnahmen? Ja, denn eines Morgens wacht Nathalie wie aus einem Zeitsprung auf und nichts ist mehr wie es einmal war!   

Provozierend, bissig und manchmal richtig böse geht die Autorin mit Social Media und dem sogenannten Tradwife-Trend ins Gericht. Sie prangert das idealisierende 50er und 60er Jahre-Lebensgefühl und dessen frauenfeindliche Inhalte an. Aber was passiert quasi Backstage von Social Media Plattformen? Kann die Realität dort mithalten, wo das vorgegaukelte Leben aufhört und wie sind die langfristigen gesellschaftlichen Auswirkungen? All dies hat die Autorin grandios und mit viel Verve und Humor beschrieben. Ein wichtiges Buch und nebenbei absolut lesenswert und unterhaltsam!

(Sylvia Jongebloed)


Viel Spaß beim Lesen, Ihre Pia Patt

Pia Patt führt die Buchhandlung Funk. Foto: Thomas Merkenich

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre war Pia Patt bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie 2015 das Geschäft übernahm – zunächst zu zweit, seit Sommer 2023 führt sie die Buchhandlung allein. Mit viel Engagement und Freude setzt sie sich für ihre große Leidenschaft ein: Für das Lesen und für das Buch. So bietet die Buchhandlung einen offenen Literaturkreis an, geschlossene Gesellschaften, viele besondere Events und lädt mit der Veranstaltungsreihe #litbensberg zu großen Lesungen ein. 

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Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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