15 Jahre Fotografie, hunderte Bilder und noch wenige Tage bis zur Eröffnung: Als Ivan Toscanelli seine Ausstellung „heimat und eigensinn“ in den Lux-Hallen vorbereitet, ist längst nicht entschieden, was am Ende zu sehen sein wird. Ein Besuch während des Aufbaus – und die Rückkehr kurz vor der Eröffnung.
Zwei Tage vor der Eröffnung liegen 15 Jahre Fotografie auf dem Boden der Lux-Hallen. Große Ausbelichtungen, kleine Abzüge, gerahmte Arbeiten. Porträts, Aktaufnahmen, Bilder aus Japan und Deutschland. Einiges lehnt an den Wänden, anderes steht auf Tischen oder verteilt sich durch den Raum. Mittendrin Ivan Toscanelli, der fast andächtig auf seine Arbeiten schaut.
Einige der Bilder hat er seit Jahren nicht mehr gesehen. Manche Arbeiten würde er heute wieder genauso fotografieren, bei anderen fände er spannend zu sehen, wie er sie wohl heute gestalten würde. Toscanelli nennt es ein „Abenteuer“, die Arbeiten aus rund 15 Jahren plötzlich gemeinsam vor sich zu sehen.
Work in Progress
Eigentlich bin ich gekommen, um Toscanellis Ausstellung zu fotografieren und mit ihm über „heimat und eigensinn“ zu sprechen. Zumindest der erste Teil erweist sich als schwierig, denn eine fertige Ausstellung gibt es noch nicht. Toscanelli ist noch mitten im Sichten und Auswählen.

Er beschreibt das Zusammentragen der Arbeiten als eine Art Retrospektive für sich selbst. Erst jetzt werde ihm wieder bewusst, wie umfangreich manche Phasen seines Schaffens waren – und wie klein andere.
Was davon schließlich gezeigt wird, entscheidet sich zum Teil erst beim Aufbau. Und ob die Bilder dann bei der Vernissage wirklich ihren endgültigen Platz gefunden haben, ist noch nicht sicher. „Vielleicht gehe ich mit den Besuchern auch durch die Vernissage und stelle nochmal ein paar Sachen um“, sagt er lachend. „Work in progress“ nennt man das dann wohl.
Während Toscanelli immer wieder aufspringt, sich ein Foto herauspickt und es umsortiert, versuche ich herauszufinden, welches Konzept hinter „heimat und eigensinn“ steckt. Die Antwort darauf entsteht erst nach und nach.
Heimat ist mehr als ein Ort
Mit Heimat meint Toscanelli zunächst nicht das, was man auf einer Landkarte verorten kann.
Bergisch Gladbach bezeichnet er als Zuhause. Hier kommt er her. Aber auch Tokio ist für ihn zum Zuhause geworden. Rund 20 Jahre hat Toscanelli in Japan gelebt und gearbeitet. Die Ausstellung soll jedoch ausdrücklich nicht als Gegenüberstellung zweier Kulturen verstanden werden, nicht als Bergisch Gladbach versus Tokio oder als Vergleich zwischen Deutschland und Japan.
Wenn Toscanelli über Heimat spricht, geht es ihm vielmehr um eine „geistige Heimat“. Dazu zählt er die Herkunft und Sozialisation, aber auch das, womit man traditionell verbunden ist. Diese Prägung beeinflusst, wie wir denken und handeln – unabhängig davon, wo wir gerade leben.
Eigensinn ist für ihn die andere Seite der Medaille. Nicht Sturheit oder Trotz, wie das Wort verstanden werden könnte. Toscanelli beschreibt es wesentlich einfacher: Für ihn ist Eigensinn schlicht „das, was man daraus macht“.

Nicht jedes Bild braucht eine Botschaft
Das passt zu der Art, wie Toscanelli über seine Fotografie spricht. Nicht jede Aufnahme beginnt mit einem ausgearbeiteten Konzept. Manchmal steht am Anfang eine Idee, manchmal entwickelt sich ein Bild erst beim Fotografieren.

Als Beispiel nennt er das Bild „Mädchen im Treppenhaus“. Toscanelli und sein Model hätten sich ergebnisoffen getroffen. Es gab keinen fertigen Plan für das Bild, sondern einen Ort, zwei Menschen und die Lust auszuprobieren, was dort entstehen könnte. Eben das, was man daraus macht.
Auch nach der Aussage seiner Bilder zu fragen, führt nicht immer zu einer eindeutigen Antwort. Die Arbeiten hätten durchaus einen Kontext, sagt Toscanelli sinngemäß. Eine Botschaft müssten sie deshalb noch lange nicht transportieren.
Manchmal gehe es ihm schlicht um Schönheit. Damit meint er nicht nur die Schönheit eines Menschen. Ihn interessieren ebenso Komposition, Farbe, Linienführung und vor allem Licht.
Seine Herangehensweise ist es, nicht alles in ein großes Konzept zu pressen und nicht jedem Bild nachträglich eine Bedeutung überzustülpen, die bei seiner Entstehung vielleicht überhaupt keine Rolle gespielt hat.
Das heißt nicht, dass Toscanellis Fotografien beliebig entstehen. Im Gegenteil: Licht bezeichnet er als sein wichtigstes Gestaltungsmittel. Seine Arbeiten seien durchaus als seine Arbeiten erkennbar. Nur mit der Vorstellung einer festgelegten fotografischen Herangehensweise könne er wenig anfangen.
15 Jahre Fotografie
Die Ausstellung führt Arbeiten aus unterschiedlichen Phasen und Bereichen seiner Fotografie zusammen. Bereits 2019 hatte Toscanelli unter dem Titel „Anna – Heimat und Eigensinn“ ausgestellt. Für die aktuelle Schau greift er den Titel erneut auf und versammelt Fotografien aus den Jahren 2011 bis heute.
Dazwischen liegen unterschiedliche Lebensorte, Aufträge, freie Arbeiten und fotografische Sichtweisen. Entsprechend verschieden sieht das aus, was nun in den Lux-Hallen zusammenkommt. Eine offensichtliche Sortierung nach Entstehungszeit, Ort oder Sujet gibt es nicht.
Aus dem Prozess des Sichtens wird eine Ausstellung
Als ich zwei Tage später, eine Stunde vor der Eröffnung, wiederkomme, hat sich trotzdem viel verändert. Die meisten Bilder sind geblieben. Aber sie haben ihren Platz gefunden.
Aus dem Prozess des Sichtens und der eigenen Retrospektive ist eine Ausstellung geworden.
„heimat und eigensinn“
Fotografien von Ivan Toscanelli
Lux-Hallen
Oehmchenstraße 18,
51469 Bergisch Gladbach-Heidkamp
Geöffnet bis: 9. Oktober
Termine nach Absprache unter toscanelli@web.de oder 0179 23 24 269
Künstler anwesend: Donnerstag, 8. Oktober, 14–17 Uhr
Große Arbeiten stehen auf Stativen, andere hängen an den Wänden oder werden auf Kisten präsentiert. Lampen und Kabel bleiben sichtbar, ebenso die Spuren, die Jahrzehnte an den Lux-Hallen hinterlassen haben. Die Ausstellung ist deutlich geordneter als beim ersten Besuch, ohne dass der Raum oder die Präsentation glatt geworden wären.
Zwischen Fotografien leicht bekleideter Frauen entdecke ich das Bild eines Mannes, der auf der Straße sitzt, ein schlafendes Kind im Arm hält und dabei Zeitung liest. Ob Toscanelli diese Nachbarschaft bewusst hergestellt hat oder ob sie sich beim Aufbau ergeben hat, weiß ich nicht. Sie überrascht jedenfalls. Überhaupt scheint die Zusammenstellung an vielen Stellen eher visuellen als inhaltlichen Beziehungen zu folgen.
Die Ausstellung
Nun kommen die ersten Besucher. Sie stehen vor Fotografien, die wenige Tage zuvor noch auf dem Boden lagen. Was für Toscanelli mit dem Zusammentragen und Wiederentdecken der eigenen Arbeit begonnen hat, wird in diesem Moment zur öffentlichen Werkschau.
Eine endgültige Bilanz von 15 Jahren Fotografie ist die Ausstellung trotzdem nicht. Toscanelli selbst sagt im Gespräch mit Michael Lux, dass er erst im Rückblick erkennt, wann eine Schaffensphase tatsächlich beendet ist.
Am Ende ist die Erklärung des Titels wesentlich einfacher als das große Ausstellungskonzept, nach dem ich gesucht habe: Heimat beschreibt, woher jemand kommt und was ihn geprägt hat. Eigensinn ist für Toscanelli das, was der Mensch daraus macht.
Weitere Einblicke in die Ausstellung
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Sehr geehrter Herr Richter, ich finde Ihr Kunstverständnis problematisch, um es sehr zurückhaltend zu auszudrücken.
Sie erwarten von einer Kunstausstellung, ihre persönliche Erwartung zu erfüllen und bestreiten dem Künstler seine Freiheit der Auswahl und Gestaltung.
Kunst erfordert beim Betrachter Offenheit und Unvoreingenommenheit gegenüber der angebotenen Kunst.
Natürlich sollte sich Kunst auch der Kritik stellen, aber bitte nicht auf der Basis „richtig“ oder „falsch“.
Mal ehrlich, kann man sich von einem ehem. Lehrbeauftragten an der Tokyoter School of Arts nicht etwas mehr Japantypisches erwarten, als Aktfotografie? Mag die nackte Haut auch noch so ästhetisch und künstlerisch wertvoll fotografiert sein – was wird jedoch damit in dem heimatlichen “Provinznest” Bergisch Gladbach bezweckt?
Für mich stammt diese Kunst aus einer Zeit, in der zum Nachmittagskaffee ererbtes Meißener Porzellan auf den Tisch gestellt wurde, um die unliebsamen Verwandten bei ihren Pflichtbesuchen zu beeindrucken… Also was bitte schön soll mich jetzt bewegen, diese Ausstellung zu besuchen?
Ich selbst fotografiere seit über 50 Jahren Kultur, Natur (Makro!) und prinzipiell keine posierenden Menschen – außer meiner kleinen Enkelin, welche sich einen Spaß daraus macht. Angezogen!
Wo sind die einzigartigen Eindrücke, welche sich z.B. bei einem kleinen Spaziergang durch die unterirdische Geschäftswelt in Shinjuku sicher auch heute noch auf jedem Quadratmeter anbieten? Dort genau hatte ich Ende September 1976 das erste Mal in meinem Leben Sushi gesehen und mit süßen Törtchen verwechselt…
Die Fotokunst von Thomas Merkenich ist dagegen wieder vom Allerfeinsten – wie ein Besuch bei Schmitz Backes in Odenthal… Auf seinen 2027-Wandkalender freue ich mich jetzt schon.
MfG Dieter Richter (76), Bergisch Gladbach
Eine Retrospektive bringt es nun einmal mit sich, dass verschiedene Schaffensperioden ausgestellt werden – welche er in welchem Ausmaß berücksichtigt, entscheidet in diesem Fall der Künstler. Man mag sich mehr Exotik wünschen und weniger Haut, aber wenn Herr Toscanelli das anders sieht, hat er das letzte Wort – Kunst muss sich schließlich nicht rechtfertigen.
#Drucker#Selbstverständlich möchte ich einem angesehenen Künstler nicht seine Absichten in Frage stellen, erlaube mir jedoch, sie zu hinterfragen.
Mir war es selbst vergönnt, in die einzigartige Kultur Japans eintauchen zu dürfen. Daher sehe ich dieser Art Fotopräsentation, welche meiner Ansicht nach eher eine Selbstpräsentation ist, die vertane Chance mit der wohl zweitbesten Sprache nach der Musik, nämlich der der Fotografie, nicht nur eine Brücke zwischen den Kulturen zu sein, sondern eine kleine Serie an Erkenntnisgewinnen zu vermitteln.
Also mit den Augen des Bergisch Gladbachers die Perspektive eine Japaners einzunehmen und für uns sichtbar zu machen. Nun gut, männliche Japaner haben sicherlich auch einen männlichen Blick auf nackte, weibliche Oberflächen…
Was hat das jedoch mit dem weidlich ausgeführten Heimatgedanken zu tun, den ich ebenfalls gern teilen würde?