Das Kunstmuseum Villa Zanders zeigt in der neuen Ausstellung „Paper Minds“ Teile seiner beeindruckenden Sammlung konkreter Kunst auf Papier aus den 60er bis 80er Jahren. Aber was hat das mit heute zu tun? Was haben alte Schemata mit heutiger Achtsamkeit gemein?
„Konstruktivistische und konkrete Kunst haben viele Gemeinsamkeiten“, erklärt Museumsdirektorin Ina Dinter den kunsttheoretischen Hintergrund der Ausstellung „Paper Minds“: Beide zeigen nicht das Gegenständliche, sondern arbeiten mit geometrischen Formen, Licht, Verhältnis und Fläche.

Ihr Unterschied liegt vor allem in der Zielsetzung: Der Konstruktivismus ist stärker von einem gesellschaftlich-politischen Programm geprägt, während die konkrete Kunst vor allem auf ihre eigene ästhetische Logik setzt. Es sind Künstlerinnen und Künstler, die in den 1920er- und 1930er-Jahren geboren wurden und deren Hochphasen in den 1960er- bis 1980er-Jahren lagen.
Aber was sagt uns diese Kunst heute? Das aktuelle Ausstellungskonzept, das von Ina Dinter und Wibke Müller (Volontärin) kuratiert wurde, stellt historische Werke der Sammlung und neue Entdeckungen insgesamt 25 zeitgenössischer Kunstschaffender gegenüber.

Urväter und Nachfolgegenerationen
Ryszard Winiorski kommt aus der Mathematik und Informationstheorie – in „OBSZAR“ aus den 70ern spielt er visuell mit Ordnung und Zufall und lässt den Betrachter an der spielerischen Erkundung von Variation und räumlicher Perspektive teilhaben. Kleine Papierstreifen mit einer hellen und einer dunklen Seite flirren scheinbar, sobald man die eigene Perspektive wechselt.
Auch Erwin Heerich thematisiert spielerisch die Räumlichkeit und Flächigkeit – nur eben am Quadrat und seinem Pendant aus der anderen Dimension. Er macht erfahrbar: Man braucht einen bestimmten Standpunkt im Raum, um die Perspektive des Künstlers zu sehen, also den speziellen Ausschnitt, den der zweidimensional abgebildete Würfel zeigt.
links: Erwin Heerich; rechts: herman de vries
Auch im Holland der 70er hinterfragen Künstler wie herman de vries mit Werken wie „relativ leere blätter“ die eigenen Sehgewohnheiten und Erwartungen an Kunst. Selbstredend schreibt der Künstler in Kleinbuchstaben, mit der Begründung, so Hierarchien abzubauen.
Oder Raimund Girke, der der noch einen Schritt weiter geht und in die Irre führt, indem er das weiße Blatt malerisch simuliert. Er erforscht künstlerisch die Präsenz der Farbe Weiß und befreit die Kunst von ihrer Abbildfunktion.
Es geht also darum, den Blick auf scheinbar Bekanntes zu schärfen. Ganz in diesem Sinne werden die „Urväter“ dieser Kunstrichtung, die Kunst in Zeiten des „Neuanfangs in der Nachkriegszeit“ und zeitgenössische Anklänge gegenübergestellt.
Schein und Wirklichkeit
Natürlich gab und gibt es auch Frauen dieser Kunstrichtung wie beispielsweise Anne Behrens, die formal ähnliche Ansätze verfolgt – die ausgestellten Scherenschnitte aus dem Jahr 2006 faszinieren beispielsweise durch einen sehr achtsamen Umgang mit Materialität von Papier und ungewöhnlichen Verwendung von Farbharmonien, die eine Ästhetik vortäuschen, die an Holz und Metall erinnert.

Paper Minds Konkrete Kunst aus Papier
18.9.2026–4.4.2027
Künstlerinnen und Künstler: Frank Badur, Joost Baljeu, Anne Behrens, Isabelle Borges, Hartmut Böhm, Enrico Castellani, herman de vries, Alwin Dorok, Eberhard Fiebig, Friedrich Friedl, Raimund Girke, Tibor Gáyor, Erwin Heerich, Mischa Kuball, František Kyncl, Werner Mally, Fiene Scharp, Nora Schattauer, Hans Schmidt, Jan J. Schoonhoven, Klaus Staudt, Henryk Stażewski, Günther Uecker, Ulrich Wagner, Ryszard Winiarski Kuratorinnen Dr. Ina Dinter Wibke Müller
Eröffnung 17.9.2026, 19:30 Uhr
Öffnungszeiten:
Di und Fr 14 bis 18 Uhr
Mi und Sa 10 bis 18 Uhr
Do 14 bis 20 Uhr
Sonn und Feiertage 11 bis 18 Uhr
Mehr Infos im Web
Ebenso die Serie „Zeichnung mit mineralischer Lösung“ von Nora Schattauer – die in ihrem empirischen Labor-Duktus durchaus in einem wissenschaftlichen Kontext hängen könnte. Mit Pipette und mineralischen Salzen in einer wässrigen Lösung, malt sie Chromgrau-,violett und grün. Keine malerische Narration, keine illusionistische Alchemie sondern ein konstruktivistischer Gedanke, nämlich die eigene Wirklichkeit von Stoffen abzubilden beziehungsweise die Logik ihrer Entstehung.
Überhaupt werden Logik und Illusion, Schein und Wirklichkeit in der Ausstellung vielfältig aufgegriffen – mal poetisch, mal subversiv aber immer mit einem gewissen Aha-Effekt. Klaus Staudt arbeitet mit einer Art Klappfenstern; hier kann man minimale Varianzen von Faltung erkennen und ihre Auswirkung erforschen – spielerisch lassen sich Entstehung von Licht und Schatten – farbigen Licht und farbigen Schattenspiel entdecken.
Klaus Staudt
Auch Alwin Dorok bringt Farbe ins Spiel, mehr noch: Er gestaltet ausgeschnittene Quadrate zu Fenstern, die den Blick sprichwörtlich zu etwas Dahinterliegenden offenbaren. Farbige Rückseiten projizieren pinkfarbene Schatten auf der Wand. Besonders interessant ist dabei, dass die Museumswände so Teil des Kunstwerks sind. Solche Werke, die vieles offen lassen, machten einen besonderen Reiz für die Kuration einer Ausstellung aus, sagt Dinter.
Alwin Dorok
Das kuratorische Geschick merkt man auch in den architektonischen Bezügen, die manche Werke scheinbar zur Museumsarchitektur herstellen. Beispielsweise „Kartonschnitt“ 1983, eine frühe Arbeit von Mischa Kuball, der heute vor allem als Lichtkünstler bekannt ist. Wieder ein Aha-Erlebnis.
Augenmerk auf die Museumsarchitektur legt auch die Installation von Isabell Borges. Sie hat eigens für diesen Ort und diese Ausstellung eine raumgreifende Installation erschaffen. Sie ist beeinflusst vom braislianischen Neo Concretismo der späten 50er Jahre, der eine Reaktion auf den kühlen Rationalismus der europäischen Bewegung ist.
Statt strenge Schemata, bricht sie mit der europäisch geprägten Strenge der konkreten Kunst mit lebendigen Linien und fließenden Rhytmen, die den Raum durchziehen. Schrill glänzende „Boxes“ aus 2022-25 stellen die heutigen Sehgewohnheiten in Frage – alles wirkt erfrischend „organisch, subjektiv und körperlich erfahrbar“, wie man in einem der vielen Begleittexte der Ausstellung lesen kann.



Isabell Borges
Bruch mit Erwartungshaltung
Mit diesem Hintergrund lesen sich „Berührungen“ die Werkreihe von Friedrich Friedl von 1981 überraschend spielerisch, die Kästchen ordnen sich tanzend in das große Ganze. Im Gegensatz dazu scheinen die „paper-cuts“ aus 2025 von Fiene Scharp nahe an den alten Schemata der 70er.
Doch wie bei allen künstlerischen Schemata hier: Es lohnt ein zweiter, genauer Blick. Scharp hat ein fahrplanartiges, gedrucktes Raster akribisch per Hand ausgeschnitten und skelettartig hinter Glas präsentiert. Wenn man genau schaut, merkt man, einige der Linien sind unterbrochen.
Das löst eine Gedankenspirale aus. Und man erwischt sich bei Gedanken wie: „Das stört die Regel“, oder „Das hätte ich nicht erwartet“. Immer wieder formen sich spielerisch Erkenntnisse, die eigenwillige Gedanken in Gang setzen: über Brüche von Mustern – im weitesten Sinne– aber auch über die eigene subjektive Erwartungshaltung.
Einerseits geht es um das, was tatsächlich da ist, andererseits um eine Art Chiffre oder um die Illusion von etwas Bekanntem. Man hat oft das Bedürfnis etwas herauslesen zu wollen: wie beispielsweise und Papiercollage des Typographen Hans Schmidt, die an Buchstaben erinnert – aber eben nur entfernt, erklärt Dinter.
Wiederholung, Variation und Anordnung erschaffen ein visuelles System, das sich eben nicht mittels kulturhistorisch erlernter Sprache erschließt, sondern subjektiv gelesen werden möchte. „Wir müssen genau hinsehen. Das ist eine Schule des Sehens“ lacht Dinter.
Weitere Impressionen aus der Ausstellung
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