Betriebsversammlung am Werkstor Gohrsmühle

UPDATE 19.10.2011
Rund 500 Menschen haben bei einer öffentlichen Betriebsversammlung gegen die Zerschlagung von Zanders protestiert. Dabei waren Lokalpolitiker und Vertreter von M-real, zu einer Annäherung kam es aber nicht.
Quellen: Twitterwall iGL, KSTA, BLZ
Fotos und Videos: KSTA, ksta-tv, wdr Lokalzeit, BLZ, Gerhard Zorn (Facebook), Tomas Santillan (Facebook)

Der ursprüngliche Beitrag vom 18.10.2011:

Die Verhandlungen des finnischen Mutterkonzerns M-real Zanders über einen Verkauf des Werks sind gescheitert, teilte Vorstandschef Mikko Helander am Dienstag per Pressemitteilung mit.  Nur die Chromolux-Linie wird weitergeführt, 300 bis 350 Mitarbeiter müssen mit der Entlassung rechnen.

Wolfgang Zanders, der die Gohrsmühle 1989 verkauft hatte, war unter den Demonstranten und rief mit”Papier ist geduldig, wir nicht!”

Dabei ist die Entscheidung nur Teil eines Kahlschlages des finnischen Mutterkonzerns Mesäliitto Gruppe: Auch Teile des Reflex-Werkes in Düren sollen geschlossen werden. Und drittens wird das Werk im französischen  Alizay dicht gemacht, weil auch hier kein Käufer gefunden wurde. Damit sind insgesamt rund 800 Arbeitsplätze gefährdet.

Die Entscheidung von M-real

Wir dokumentieren die Pressemitteilung im Original:

“M-real starts measures to eliminate losses of its paper busines:  M-real Corporation, part of Metsäliitto Group, announced on 4 May 2011 in a stock exchange release its plans to divest the Alizay mill in France and the entire Gohrsmühle mill in Germany or, alternatively parts of the Gohrsmühle separately based on a Paper Park concept. It was then announced also that if the divestments do not materialize, M-real plans to start consultation processes proposing to close the operations. M-real also announced plans to discontinue its remaining carbonless paper converting operations at the Reflex mill in Germany.

Consultation process to close the Alizay mill will be commenced M-real received several offers for the Alizay mill, based on which the negotiations have been carried out to divest the mill. None of the buyer candidates however fulfilled M-real’s conditions for entering into transaction. (…)  M-real has decided to commence an information and consultation process to close the Alizay paper mill. There are currently approximately 330 employees at Alizay mill. Despite extensive restructuring measures and also investments implemented at Alizay mill, it loses currently approximately EUR 3 million per month. In this very challenging operating environment that European paper industry faces, it is not possible to turn the heavily loss-making mill profitable. Nor are there any signs of such a turning point in the paper market that would change the situation.(…)

Statutory negotiations will be commenced in Speciality Papers to discontinue unprofitable businesses, Chromolux business will be continued M-real has not been able to find a buyer for its Gohrsmühle mill, whether in parts or as a whole. M-real is planning to discontinue the unprofitable speciality paper businesses as well as the production of uncoated fine paper in Gohrsmühle.

M-real will continue the profitable Chromolux business and investigate possibilities to start up a new customer service and logistics center for folding boxboard in Gohrsmühle, including a sheeting facility.

M-real is currently negotiating to divest its Premium Papers business of the Reflex mill. The carbonless paper converting operations of the Reflex are under negotiations to be discontinued.

There are currently approximately 940 employees at Gohrsmühle and Reflex mills in total. The Chromolux business and the planned cartonboard customer service center would employ approximately 400 persons. There are approximately 100 employees working for the Reflex Premium Papers business, to be potentially divested.

M-real has in recent years implemented plenty of major profit improvement measures at Gohrsmühle and Reflex mills including headcount reductions, closure of the loss-making coated fine paper production in Gohrsmühle and transfer of the Simpele mill’s speciality paper volumes to Gohrsmühle. Despite heavy improvement measures the Gohrsmühle and Reflex operations have, due to the challenging operating environment of the European paper industry, remained severely unprofitable.

Currently the monthly operating loss is approximately EUR 5 million per month. There are no signs that the profitability would materially improve in the future. M-real has attempted to divest the Gohrsmühle and Reflex operations to many different buyer candidates during the last 5 years. In 2010 M-real successfully divested a part of the Reflex mill to Metsä Tissue. The other attempts to divest the operations have failed due to the major losses of the operations, the European overcapacity in fine and speciality papers and the severe cost inflation.”

Vorstandschef Mikko Helander ergänzt:

“We have done lot of work to find buyers for both Alizay and Gohrsmühle mills. We have been ready to accept a heavily negative sales price. Regardless, demands of buyer candidates have on the one hand been unacceptable from the company’s’ perspective, while on the other hand they have not been able to demonstrate capability to turn the unprofitable operations  profitable, thereby guaranteeing the continuation of operations as a responsible owner and employer.”

Und noch einmal Helander:

“If implemented, the planned measures will lead to an even stronger transformation of M-real to become a cartonboard company as stated in our strategy. At the same time the profitability of the company will raise to a new improved level,”

Die Reaktionen

Betriebsratschef Frank Eschenauer:

„Ich habe Herrn Helander in dem Gespräch den Krieg erklärt.“

Bürgermeister Lutz Urbach reagierte rasch mit einer ersten Stellungnahme:

“Die Stadt Bergisch Gladbach bedauert diese Entscheidung, durch die am Standort über 300 Arbeitsplätze wegfallen.  Wir haben in den vergangenen Wochen einen engen Kontakt zur Geschäftsführung von m-real, aber auch zum Betriebsrat gehalten. Bis zuletzt gab es die Hoffnung auf einen Gesamtverkauf.  Ich habe sehr gehofft, dass die Verkaufsverhandlungen erfolgreich verlaufen würden. Am Standort Bergisch Gladbach gibt es besondere Potenziale, die ausgenutzt werden müssten. In der Belegschaft erkenne ich eine große Identifikation mit dem Unternehmen, die Bereitschaft auch zu vertretbaren Einschnitten und vor allem große Kompetenzen für die Produktion von Papier.

Die Marke Zanders alleine ist eine weltweit bekannte Top-Marke, auf deren Stärken zukünftig eine Spezialisierung aufgebaut werden müsste. Hierfür ist ´Chromolux only´ leider nicht der zielführendste Weg. Ich habe für die Stadt in den Gesprächen deutlich gemacht, dass für uns der Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze die höchste Priorität hat, da nur so die enormen Kompetenzen der Belegschaft für zukünftige Optionen gesichert werden können. Ich hoffe, dass der Verkauf weiter verfolgt wird und so doch noch die besonderen Qualitäten des Standortes Gohrsmühle zur Geltung kommen. Wir haben in den vergangen Wochen und Monaten stets Hinweise gegeben, die eine Zukunftssicherung des Standortes zum Ziel hatten.“

Peter Tschorny, Sprecher der Linken in Bergisch Gladbach erklärte:

„Unsere Solidarität gilt der Belegschaft des Werks. Die meisten der 350 von Entlassung bedrohten Mitarbeiter haben eine Familie, die nun sorgenvoll in die Zukunft schauen. Dies ist auch ein Schlag gegen die Bürgerinnen und Bürger von Bergisch Gladbach. Jetzt gilt es Solidarität zu zeigen und zusammenzuhalten. Die finnische M-real Oyj ist ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 3 Milliarden Euro. Hatte die M-real Oyj noch vor fünf Jahren fast 15.000 Mitarbeiter in Europa beschäftigt, hat sie heute weniger als 6.000 Mitarbeiter.  Mit der Zerstörung von 350 weiteren Arbeitsplätzen enttarnt sich M-real Oyj als einer der gefürchteten internationalen Heuschrecken, welche Patente und Markenrechte einkaufen, um das Unternehmen dann von innen langsam aufzufressen, auf Kosten der Arbeitnehmer zu zerschlagen oder einfach platt zu machen.“ DIE LINKE. fordert endlich gesetzliche Maßnahmen gegen diese Heuschrecken, die mit einer Art europäischem „Freibrief“ der Bundesregierung ihr Unwesen treiben.”

Die CDU erklärt:

„Wir bedauern die Entscheidung sehr“ so CDU-Fraktionsvorsitzender Peter Mömkes, „und hoffen für die betroffenen Menschen auf verträgliche Lösungen, denn hinter diesen Menschen stehen deren Familien und diese Familien wohnen und leben überwiegend in Bergisch Gladbach. Das ist ein schwerer Verlust für Bergisch Gladbach“. Die CDU-Fraktion baut darauf, dass es trotz der Entlassungen langfristig eine Zukunft für den Papierstandort Bergisch Gladbach geben wird. „An der Gohrsmühle wird seit 1822 Papier produziert“ erinnert Fraktionsvize Felix Nagelschmidt weiter, „Wir reden über die größte und vielleicht wichtigste Fläche in der gesamten Stadt, die von der Entscheidung betroffen ist. Was wir nicht brauchen, ist eine Industriebrache“. Die CDU-Fraktion wird daher kritisch beobachten, welche Auswirkungen die jetzige Entscheidung auf das Werk hat und welche Entwicklungspotentiale es für die Flächen gibt.

Quellen:
Papernet, CisionWire, Urbach bei “Politik in Bergisch Gladbach”, RadioBergKSTA, Dürener Zeitung,

Weitere Informationen:

Redaktion

des Bürgerportals. Kontakt: info@in-gl.de

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6 Kommentare

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  1. Es ist wirklich eine Schande wie eine Traditionsfirma, die zu den besten + erfolgreichsten
    Papierfabriken der Welt gehört(e) von einem falschen Großkonzern zu Grunde gerichtet wird, und damit hunderte Existenzen zerstört werden !!
    Über das Vorgehen des BR + der Politik wird doch in Finnland nur gelacht !!!
    Es ist doch ein Witz was da passiert !!

  2. Die SPD im Rheinisch Bergischen Kreis hat folgende Presseerklärung abgegeben:

    Zu der aktuellen Entwicklung bei der Firma M-real / Zanders in Bergisch Gladbach erklärt Gerhard Zorn, Fraktionsvorsitzender der SPD im Kreistag und Landratskandidat:

    “Die Nachricht über die beabsichtigten Kündigungen von ca. der Hälfte der noch bei M-real / Zanders Beschäftigten macht mich sehr betroffen. Die betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und ihre Familien trifft dies sehr hart. Sie selbst sind für diese Situation nicht verantwortlich. Die Lohnkosten waren bei M-real / Zanders nicht der entscheidende Kostenfaktor!

    Die SPD steht geschlossen an der Seite der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Bei dem Besuch von Gerhard Zorn bei Betriebsrat vor ca. zwei Wochen bestand für den Betriebsratsvorsitzenden Frank Eschenauer noch Grund zu vorsichtigem Optimismus, dass ein neuer Investor gefunden werden kann. Gespräche auch des Betriebsrates hatten die Hoffnung keimen lassen, dass dieser am Standort Bergisch Gladbach und den dort möglichen hochwertigen Produkten Interesse hat.

    Jetzt ist der Betriebsrat am Zug, von der Standortvereinbarung gebrauch zu machen und selbst auf die Suche nach einem Investor zu gehen. Der aktive Kampf um die Arbeitsplätze geht in eine neue Phase. Die SPD wird dies aktiv unterstützen.

    M-real / Zanders muss aber größere Verantwortung für die Beschäftigten übernehmen, wenn es dann doch zum Abbau der Arbeitsplätze kommt: Ich fordere die Geschäftsführung auf, eine Transfergesellschaft zu gründen und von dort die Vermittlung aller Beschäftigten in neue Arbeitsplätze zu unterstützen. Solche Arbeitsplätze können und müssen dann auch in einem Papier- und Gewerbebepark am Standort geschaffen werden!

    Erste Priorität bleibt aber, über den Betriebsrat einen geeigneten Investor zu finden!”

  3. Ich war bei der heutigen Betriebsversammlung auf dem Vorplatz am Haupttor des Werks. Die Teilnahme der Belegschaft und deren Familien war sehr hoch. Von der Politik waren der CDU-Bürgermeister und die Fraktionsvorsitzenden von DIE LINKE./BfBB, Grüne, SPD (Kreistag) anwesend. Das zeigt klar, das die kommunale Politik die Belegschaft unterstützt. Leider waren noch nicht so viele Bergisch Gladbacher Bürgerinnen und Bürger da, was natürlich der Zeit und der kurzfristigen Einladung geschuldet ist. Der Betriebsrat hat die Hoffnung nicht aufgegeben und will weiter kämpfen. Neben dem von ihnen selbst enwickelten Konzept eines Papierparks wollen sie aber weiter nach einem Käufer für das ganze Werk suchen, der dann die Zanders in eine erfolgreiche Zukunft führen kann. Hier scheint es noch einige Optionen zu geben. Man will weiter Druck machen und gegebenenfalls jurstisch gegen M-Real vorgehen. Strategie ist mehr öffentlichen Druck auf den Konzern aufzubauen, um so mehr Druck auf die Börse zu ereichen. M-Real soll merken, dass ihre jetziges Vorgehen gegen die Arbeitnehmer dem Konzern weh tun wird. Der Kampf hat erst begonnen, denn man befürchtet, dass man in zwei Jahren auch den letzten Rest von Zanders plattmachen will. “Papier ist geduldig, wir nicht!” so der Vertreter der Belegschaft. Insgesamt hatte man den Eindruck, dass noch nicht alles entschieden ist und deshalb will man sich nicht mit der Entlassung von 350 Kolleginnen und Kollegen abfinden. Man will um die Papiermaschinen kämpfen und sich nicht auf “nur” Chromolux zurückstutzen lassen. Zanders hat gute Produkte für Spezialpapiere, die jetzt auf den Markt gebracht werden sollten. Und gerade in diesem Augenblick wollen die Finnen das Werk quasi plattmachen bevor man mit diesen neuen Produkten beweisen kann, dass man sich mit Innovation auf dem Markt behaupten kann. Die Redner bezeichneten das Management als “unfähig” und deren Entscheidung als “Schwachsinn” und fordertete, dass diese gehen sollten und nicht die Mitarbeiter. Die Belegschaft hat das Vertrauen in den Konzern verloren und glaubt nicht mehr daran, dass sie das Werk richtig führen können. Wenn das Management keinen neuen Käufer finden kann, will man selbst einen neuen Käufer suchen, der die Arbeistplätze sichert. Der Verkauf ist das Ziel der Belegschaft. Am Ende drohte der Betriebsrat sogar mit einer Betriebsbesetzung.

  4. Hallo Zusammen,

    ich habe als Administrator des Forums GLADBACHER FÜR ZANDERS auf Facebook die Bitte, dass Sie in Ihrem Forum evtl. “Werbung” für das Forum machen, wo sich Mitarbeiter und Bürger organisieren udn austauschen können.

    Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

    Paschalis Lüders