Die beiden Kinder schauten fassungslos auf den grauen Fleck.

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Genau hier hatte ihr Brunnen gestanden, sorgfältig aus rötlichem Pflaster gemauert, eine Schnecke, die nach oben spitzer wurde, bis zu der Stelle, wo der silberne Strahl aus dem Loch hervorsprudelte. Der Strahl, der sich dann in die Kurve legte, um sich von Terrassenstufe zu Terrassenstufe in ein immer tieferes Bett zu graben, bis er in einem unteren Loch verschwand. Aber was lagen dazwischen für sie für Welten!

Als sie voriges Jahr mit Papi an dem flachen Strand in Griechenland waren, hatten sie sich ähnliche Gebilde im feuchten Sand gebaut. Und ihre Bauten, Vulkane, Burgen, Mauern, Häuser, wuchsen organisch aus der Umgebung wie hier der Brunnen aus dem gepflasterten Boden. Kein Sand hier, sondern die Pflastersteine als Schuppen eines riesigen endlosen Schuppentiers, auf dessen Rücken sich die Menschen in der Fußgängerzone bewegten.

Seit Jahren war das Pflaster an verschiedenen Stellen schadhaft, weil die Stadt es nicht mehr pflegte. Aber der gepflasterte Brunnen war intakt. Manchmal floss allerdings nur wenig oder gar kein Wasser daraus hervor. Man wusste nicht warum.

„Papi, was ist das? Wo ist unser Brunnen geblieben?“

Der große Mann mit dem kahl rasierten Schädel schaute auf die notdürftig  asphaltierte Fläche, der man ansah, dass sich vor kurzem an dieser Stelle noch etwas anderes befunden hatte, und rieb sich sein massiges Kinn.

„Ja, weg!“

Seine Stimme war mehr aggressiv als ironisch. Die Kinder schauten sich empört um.

„Das sehen wir auch. Aber wo? Und warum?“

***

So sah der Brunnen zum Schluss aus.

Noah und Lisa begleiteten seit einiger Zeit ihren Vater gerne, wenn er in die Stadt zum Einkaufen fuhr. Den Spielplatz mit seiner kurzen Rutsche und den kleinen Schaukeln waren sie schon leid. Aber jetzt hatten sie vor ein paar Tagen den Brunnen entdeckt. Er war eigentlich nicht zum Spielen gedacht, eignete sich aber wunderbar für ihre Ideen und  Phantasien.

Papa holte sie immer nach dem Einkaufen im Supermarkt hier wieder ab. Er hatte ihnen aus Papier kleine Schiffe gefaltet, die sie in dem Brunnen schwimmen ließen.

„Schau mal, meins segelt jetzt ganz ruhig voran.“

„Hm. – Haben wir überhaupt Segelboote?“

„Was denn sonst?“

„Es könnten ja auch Dampfschiffe sein.“

„Aber man sieht doch überhaupt keinen Dampf. Und dann könnten sie auch leicht in Brand geraten. Für den Dampf braucht man doch Feuer.“

„Wirklich? Na gut, dann sind es eben Segelboote.“

Noah mit seinem blonden Wuschelschopf schob sein Papierschiffchen geduldig weiter, wenn es in einer Stufe des Brunnens hängenblieb, weil der Wasserstand zu niedrig war. Lisa aber schüttelte den Kopf, als sie feststellte, dass sich ihr Schiffchen langsam auflöste, weil sie es immer wieder berühren oder anschieben musste.

„Sollten wir nicht etwas anderes als Schiffchen benutzen? Was hältst du von Streichhölzern? Die würden auch bei geringem Wasserstand weiter schwimmen.“

„Au ja“, meinte Noah, das wären dann Wikingerschiffe.“

„Oder Kanus von Indianern.“ Lisas Augen träumten schon von abenteuerlichen Fahrten auf dem Mississippi oder dem Colorado.

„Aber das war doch eine ganz andere Zeit.“

„Ist doch egal. Übrigens: Ich habe vor kurzem gehört, dass die Wikinger Amerika entdeckt haben, lange vor Kolumbus.“

„O.K. Aber wo kriegen wir Streichhölzer her?“

Sie schauten sich um, als ihr Blick auf das Haus mit der strahlenden goldenen Sonne gegenüber fiel. Dort standen Tische und Stühle vor einem Cafe auf der Straße.

„Schau mal, der mit der Pfeife!“

Die Kinder sahen einen älteren Mann mit Bart an einem der Tische sitzen, eine Tasse Kaffee vor sich auf dem Tisch und in einem dicken Buch lesend.

„Entschuldigung, haben Sie nicht ein paar Streichhölzer für uns?“

Der Mann schaute auf, als wenn er aus einer weit entfernten Welt käme und sah sie erstaunt durch seine kleine Brille an.

„Was? Wozu wollt ihr denn Streichhölzer? Ihr raucht doch nicht etwa schon?“

„Nein, was denken Sie? Wir brauchen sie als Schiffchen für den Brunnen da.“

Sie wiesen auf ihren Spielplatz in ihrem Rücken.

„Ach so, das kann ich verstehen. Mal sehen, was ich habe.“

Er kramte einen violetten Lederbeutel aus der Tasche seiner Jacke, die über der Stuhllehne hing. Nachdem er den Reißverschluss aufgezogen hatte, zog er eine Streichholzschachtel hervor, die mit einer emaillierten Platte verziert war. Die Kinder sahen, dass auf der glänzenden roten Fläche ein blauer Vogel dargestellt war. Er öffnete sie und gab Lisa einen Gegenstand von einer eigenartigen Form, kaum dicker als ein Streichholz.

„Aber, aber … das ist doch ein Indianerkanu“,

stammelte das Kind verwirrt.

„Genau“,

erwiderte der Mann und schmunzelte. Dann nahm er einen zweiten Gegenstand aus der Schachtel und gab ihn Noah. Der schaute den Mann an, als wenn er ein Außerirdischer wäre.

„Ein Wikingerschiff“,

entfuhr es ihm.

„Gefallen sie euch nicht?“

„Doch, doch“,

riefen beide gleichzeitig.

Dann eilten sie flugs zu ihrem Brunnen. Die beiden Boote schwammen perfekt. Als sie sich in der Mitte des Brunnens befanden, wo sie in einer Mulde etwas länger verweilten, begegneten die bärtigen Wikinger Noahs Indianern mit riesigen Federbüschen auf dem Kopf und auf dem Rücken, die aus Lisas Kanu stiegen. Sie umarmten sich, setzten sich an ein Feuer, von dem blauer Rauch aufstieg und rauchten die Friedenspfeife miteinander.

Noah schielte zu dem Mann, der wieder in sein Buch vertieft dasaß, während ein blaues Wölkchen aus seiner Pfeife zu den goldenen Strahlen der Sonne auf der Hauswand und dem blauen Himmel aufstieg, so dass man sein Gesicht nur verschwommen sah.

„Ist das ein Zauberer?“ kam es trocken aus Noahs Kehle.

„M-m. Die haben doch spitze Hüte wie Merlin.“

„Stimmt.“

 ***

Und das war jetzt alles vorbei! Papa erzählte den Kindern von einem Brief, den er vor kurzem an die Stadt geschrieben hatte. Die Kinder wussten auch, dass die Fußgängerzone neu gestaltet werden sollte. Man hatte schon angefangen, ein neues Pflaster zu verlegen, nicht so schön wie das alte, aber angeblich sauberer und für Frauen mit spitzen Stöckelabsätzen weniger gefährlich.

Papa hatte schon befürchtet, dass sie den Brunnen abreißen würden. Deshalb fragte er die Stadtverwaltung in seinem Brief, was damit geschehen würde. Vielleicht würde er ja doch stehen bleiben. Deshalb hatte er den Kindern noch nichts von seiner Sorge gesagt. Er bekam nie eine Antwort auf seine Frage. Er wusste aber, dass der andere Brunnen, der neu geplante vor dem Bahnhof, auch nicht gebaut worden war. Weil die Stadt angeblich kein Geld hatte.

„Was machen wir denn jetzt?“

Die Kinder hatten Tränen in den Augen.

„Müssen wir mal sehen“,

sagte der Vater, hängte sich die beiden Einkaufsbeutel über die Schultern und fasste an jeder Seite eins seiner Kinder an der Hand.

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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4 Kommentare

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  1. Man kann es gar nicht oft genug schreiben. Die Stadt wird immer häßlicher. Eines meiner Lieblingsbücher ist “Momo”. Da steht genau drin wie sowas passiert. Beton an jeder Ecke, alles Grün weg und die Bürger werden in eine Pseudo Abstimmung geschickt und finden das dann angeblich auch noch schön. Man sollte das alte Rathaus auch abreissen. mit einem Neubau lässt sich doch sicherlich auch wieder für den Einen oder Anderen gutes Geld verdienen. Aber bitte die Politiker, die das alles zu verantworten haben, mit entsorgen, .

  2. LIebe Cornelia, vielen Dank für deinen Kommentar. In diesem Fall ist es wahrscheinlich viel schlimmer: Es wird überhaupt keinen Ersatz geben. Der Brunnen wird dem Nichts Platz machen.

  3. Mir gefällt der Beitrag auch sehr gut. Konnte ich mich doch in die Kinderseelen hinein versetzen, da ich selber mit meinen Enkelkindern gerne am Wasser spiele und die Phantasien dann nur so sprudeln.

    Jammerschade, dass alte Laternen, Brunnen und Skulpturen weichen müssen, um neuen, modernen Platz zu machen. Ich denke da auch an das wunderschöne Lied von Alexandra
    “Mein Freund der Baum ist tot, er fiel im frühen Morgenrot!”
    .

  4. Sehr schöner Beitrag, danke. Mir ist er aus der Seele gesprochen—Sie war schön, die Schnecke! Er war wunderbar, der Brunnen! Warum mußte er weg? Er erquickte und erfreute auch die, die keine Kinder mehr sind und keine Enkel haben. Schade!